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Baumgaertner

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Hausbesetzung

Vielleicht erinnern sich noch einige Leser/innen an mein Gedicht „Zweckentfremdet“, in dem ich schildere, wie ein Rotschwänzchenpaar in einem Wandblumentopf auf dem Balkon unseres Nachbarn brütet. Im letzten und vorletzten Jahr konnten wir das beobachten und natürlich waren wir auch dieses Jahr gespannt, ob sich das Vogelpaar wieder einfindet.

Tatsächlich, mit den ersten warmen Frühlingstagen tauchten auch wieder zwei Rotschwänzchen auf. Ob es nun immer noch das gleiche Paar oder deren Abkömmlinge sind? Jedenfalls waren beide emsig damit beschäftigt, Moos und Gras zu sammeln. Der nächste Blick ging zum Balkon des Nachbarn – der gute Mann war inzwischen informiert und eingeweiht. Er wunderte sich nicht über unsere Beobachtungen und sein Blumentopf hängt immer noch leer an der Wand des meist unbenutzten Balkons. Was würde geschehen?

Als ich vor wenigen Tagen die Flugrouten der beiden Vögel verfolgte, stockte mir fast der Atem: Die Rotschwänzchen flogen NICHT zum Nachbarbalkon, sondern zum gegenüberliegenden Haus … und zwar direkt durch das weit geöffnete Fenster zum Flur! Dazu muss man wissen, dass die dort lebende Frau oft und ausgiebig lüftet, man könnte auch sagen, das Fenster steht tagsüber meist offen. Anfangs hielt ich diese Hausbesetzung noch für ein Versehen und fürchtete um das unverletzte Herauskommen des einen Vogels .. .Doch von wegen Versehen! Kurz darauf flog er aus dem Fenster heraus, landete auf der Wiese, rupfte ordentlich Moos zusammen und flog – äußerst zielsicher – wieder in das Fenster hinein … Und dann wieder heraus … hinein … heraus … hinein … Mein inzwischen mitbeobachtender Ehemann staunte wie ich. „Die bauen ein Nest im Hausflur?!“

Zum Glück öffnete in diesem Moment die Nachbarin gegenüber ihr Küchenfenster. Von unserem Balkon aus riefen wir ihr zu, dass sie ungewöhnliche Hausbesetzer im Flur finden könnte. Sie verstand und versprach, dort nachzuschauen .Einige Minuten später setzten wir unser Balkongespräch fort. „Schauen sie mal,
Frau Baumgärtner, das lag in einer Glasschüssel im Flur.“ Frau K. hielt in ihren Händen eine beachtliche Mooskugel. Sie warf diese auf die Wiese, um den weiteren Nestbau zu unterbinden. Außerdem machte sie das Flurfenster zu. Die beiden Rotschwänzchen flogen irritiert hin und her.

Damit sollte die Sache wohl erledigt sein, dachte ich. Das Vogelpaar würde sich doch vielleicht wieder an den leeren Blumentopf entsinnen und dort ein neues Nest bauen…

Heute gehe ich wieder auf Beobachtungsposten: Ein Blick zum Nachbarbalkon – nichts zu sehen. Ein Blick zum gegenüber liegenden Haus – das Fenster zum Flur ist in Kippstellung. Ich fass es nicht: Durch den schmalen Spalt fliegt gerade wieder ein Rotschwänzchen! Hinein … heraus … hinein … heraus … Im Schnäbelchen eine große Portion Moos … Wie soll diese (Brut-)Geschichte ausgehen? Weiß ich nicht, aber ich muss ganz schnell meine Nachbarin anrufen …!




Autor: Margrit Baumgärtner

margritbaumgaertner@web.de


Fotograf/Künstler: © MZ / www.pixelio.de

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.tiergeschichten.de/2013/04/29/hausbesetzung/

3 Kommentare

  1. Edith Nebel

    Na, das wär’s doch: Ein Vogelnest im Hausflur! Hätte Unterhaltungswert. Aber das gibt bestimmt eine Jenseits-Sauerei, und das braucht man wiederum nicht.

    1. Margrit Baumgärtner

      Stimmt ! Ich hoffe sehr, dass die beiden Vögel sich noch einen tauglichen Brutplatz suchen….Gestern saß ein Rotschwänzchen auf unserer Balkonbrüstung….?…Ich werde die Sache beobachten..! (Das Foto ist besonders schön ausgesucht!)

  2. Hans Witteborg

    Die Vögel sind schlau: warum solllten sie sich der witterung aussetzen, wenn es drinnen so schön mukkelig ist?
    Die Geschichte ist schön erzählt!

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