Wir Hunde wollen mehr als spielen, Teil 3

1. Die Stockschwemme
Nachbetrachtung und Ergänzungen Tim

Abbildung: G. Wawrzinek, privat

Genau diesen Zeitungsausschnitt hat Fräulein Berner damals mit einer Mischung aus Stolz und zum Teil auch Besorgnis bezüglich der zu erwartenden weiteren Entwicklung des bis dahin von ihr als „Glückskauf“ bezeichneten Labradormischlings (Oskar soll in der Anschaffung sehr günstig gewesen sein) an alle Interessierten verteilt.

Leider ist es nun so, dass dieser sehr sachliche Artikel und die langatmige, heldenhaft ausgeschmückte Erzählung über eine vermeintliche Großreinigung der Isar ein und denselben Nachmittag beschreiben. Entsprechend unserer Vereinbarungen, werde ich nun nur dort wo etwaige Differenzen zwischen Oskars Sichtweise und denen seines Frauchens es unumgänglich machen, wertfrei Fakten reihen. Eine eigene Interpretation oder Bewertung von Oskars Berichten, wäre zwar sicher sehr reizvoll, war aber nie Gegenstand unserer Vorabsprachen.

Zuerst der eigentlich überflüssige Hinweis, dass unsere Hauptperson natürlich noch nicht über siebenundzwanzig Jahre als ist. Der selbstbewusste Mischling feierte im Frühsommer dieses Jahres seinen dritten Geburtstag. Schon wegen seinem Geburtstagsgeschenk, einem riesigen Rinderknochen, können wir uns noch gut an den Tag erinnern. Na ja und in der irrigen Annahme, Hunde würden sich große Knochen einteilen, ließ ihn die angehende Akademikerin für relativ kurze Zeit mit seinem Präsent allein in der Wohnung zurück. Anschließend war die Rinderhüfte wie vom Erdboden verschlungen und das Geburtstagskind litt unter einer ausgewachsenen Verstopfung. Tagelang schlich er mit einem gequälten Gesichtsausdruck alleine durch das Buschwerk unserer Parkanlage.

Der von Oskar abwertend als „seehundähnlich“ beschriebene Beamte war übrigens kein geringerer als Herr Polizeioberkommissar Weiland. Diese Respektsperson musste damals übrigens diese leidige Geschichte mit dem belgischen Schäferhund wegen angeblicher Sachbeschädigung bearbeiten. Wenn schon Sachbeschädigung, frage ich mich noch heute, wer ist dann mehr geschädigt? Derjenige (also der Schäferhund) dem zum Beispiel ein Reißzahn ganz leicht im Rücken steckt oder sein in vermeintlicher Notwehr handelnde Kontrahent (ja ich), der künftig für immer auf dieses wichtige Beißwerkzeug verzichten muss? Na ja, ich will Sie hier nicht mit meinen eigenen juristischen Problemen langweilen.

Die den Labradormischling betreffenden Vorgänge sind komplex genug und erfordern meine volle Konzentration. Eine deutliche Richtigstellung verlangt auch die dramatische Gewässerbeschreibung meines Co-Autors. Wie immer nach einem Regentag war die Isar ein wenig unruhiger als sonst, jedoch keineswegs „stromähnlich“.

Zum besseren Verständnis für nicht ortskundige Leser, stellen wir eine „geografische Aufarbeitung des Wasserausfluges“ zur Verfügung. Dieses Hilfsmittel verdanken wir übrigens der Tatsache, dass sich die auf dem Land lebende Großmutter der Berners den Gesamtausflug ihres Hundeenkels ohne bildhafte Darstellung nicht vorstellen konnte.

Abbildung: G. Wawrzinek, privat

Es ist deutlich zu erkennen, dass der junge Ausreißer damals in einem vermuteten Zeitraum von etwa einer Stunde trotz der seiner Meinung nach revolutionären Arbeitsverbesserungen eine Strecke von fast 5 Kilometern zurücklegte. Eine von seiner Betreuerin initiierte Suchaktion mit Coco, Maria und den jeweiligen Menschen dazu, konnte nur erfolglos verlaufen, da man sich in Unkenntnis der Reisefreudigkeit Oskars, auf den Suchbereich bis zur ersten Brücke beschränkte. Man geht heute davon aus, dass der Stockexperte bereits während dieser Erstmaßnahme auf der Museumsinsel strandete.

Mir fällt hier wohl zu spät ein, dass es logistisch unbedingt erforderlich ist, bereits während der einzelnen Arbeitskapitel den einen oder anderen Wegbegleiter unseres Helden mehr oder weniger kurz vorzustellen. In den für ihn schwierigen Phasen seines Ausfluges suchte er ja immer wieder nach problemlösenden Tagesweisheiten seines Freundes Coco. Tatsächlich ist es so, dass dieser reinrassige deutsche Schäferhund bereits damals einen großen Einfluss auf unsere häufig nach Rat suchende Hauptperson hatte. Dies war jedoch nur selten von Vorteil, da Coco ein warnendes Beispiel für die zu erwartende Spätfolgen von Haschischüberdosierungen ist.

So oder ähnlich äußerte sich damals zumindest Herr Zolloberinspektor Kraft, als er mit unseren neugierigen Menschen zum ersten Mal ins Plaudern kam. Natürlich wollten alle anwesenden Menschen und auch ich wissen was denn mit diesem Schäferhund los war. Dieses, ich sage das jetzt ohne jeden Neid, furchteinflößende Kraftpaket, erschien eines Tages in unserem Park, legte sich mit einem sonderbaren Grinsen vor unserer kleinen englischen Bulldogge auf den Rücken und begann sich wie ein Junghund im Kreis zu drehen. Anschließend ließ er eine Kampfanfrage meinerseits, übrigens entgegen jeglicher geltenden Hunderegeln, unbeantwortet und ging mit dem tollpatschigen Welpen Oskar in ein nahes Gebüsch um dort Tannenzapfen zu suchen.

Alle anwesenden Menschen und natürlich auch ich hingen dem Oberinspektor förmlich an den Lippen als dieser die unglaubliche aber letztlich wahre Geschichte seines Schützlings erzählte:

„Bis vor etwa drei Monaten war Coco das Aushängeschild einer in der Zollfahndungsabteilung des Münchner Flughafens integrierten Hundestaffel. Nicht weniger als zweihundert Rauschgiftfunde innerhalb von drei Jahren verdankte die Fahndungsabteilung der in zahlreichen Lehrgängen geschulten Nase meines Schäferhundes. Sein durchdringend böser Blick bei Festnahmen ließ auch bei den gefährlichsten Schmugglern keinen Gedanken an Flucht aufkommen. Vermutlich war es die Abfertigung einer aus Istanbul gelandeten Lufthansamaschine die meinem mehrfach ausgezeichneten Diensthund schließlich zum Verhängnis wurde. Offensichtlich total verwirrt durch einen von ihm kurz zuvor absolvierten Fortbildungslehrgang, fraß der vierbeinige Fahnder ein etwa 4 Gramm schweres Stück Haschisch. Dieses war raffiniert in einem Stück Mailänder Salami versteckt. Genau dieser Schmugglertrick wurde auf dem bereits erwähnten Lehrgang thematisiert.

Leider, und genau das war der Auslöser für die spätere Katastrophe, versteckte man bei den praktischen Übungen im Rahmen der Fortbildung die Betäubungsmittel aus reinen Kostengründen ausschließlich in Leberkäse und billigem Hinterschinken. Natürlich war Coco vollkommen arglos, vor Mailänder Salami wurde ja praktisch nicht gewarnt, und griff, natürlich nicht ganz im Rahmen der Vorschriften, herzhaft zu.

Hätte ich die unerlaubte Verkostung meines Mitarbeiters früher bemerkt, so später der Tierarzt, wäre es durch eine zeitnahe Ausscheidung des Fremdkörpers wahrscheinlich gewesen, dass die ins Blut gelangten Wirkstoffe des Betäubungsmittels noch im oberen Normbereich gewesen wären. Das Problem war jedoch, dass sich Coco bis zum Abend dieses Arbeitstages absolut unauffällig verhielt. Erst gegen 22.00 Uhr begann er zuerst nur den Kopf und kurze Zeit später den ganzen Körper rhythmisch zu einer älteren Rolling Stones CD zu bewegen. Damals dachte ich noch, dass er einfach besonders gut gelaunt war und ging relativ unbesorgt zu Bett. Als sich mein Mitstreiter am nächsten Morgen immer noch rhythmisch bewegte, obwohl die Stereoanlage längst aus war, verflog jegliche Unbesorgtheit und ich suchte sofort einen befreundeten Tierarzt auf.

Eine sofort durchgeführte radiologische Untersuchung nebst einigen Bluttests führten sehr bald zu der überraschenden Diagnose, dass sich im Magen des Patienten ein pflaumengroßes Stück Haschisch und ein salamiartiger Wurstbrocken befand. Nun war es natürlich ein leichtes die natürliche Ausscheidung des Fremdkörpers mit entsprechenden Arzneien zu beschleunigen.

Bezüglich eventueller Spätfolgen konnte der Behandelnde jedoch keinerlei verlässliche Prognose abgeben, da Cannabisüberdosierungen bei Schäferhunden eher selten oder wahrscheinlich sogar noch nie erforscht wurden. Man hat mir deshalb nur geraten das Haustier in den nächsten Tagen aufmerksam zu beobachten.

Die folgenden Tage waren dann ein Wechselbad der Gefühle. Obwohl Coco nach wie vor sehr emotional auf Musikdarbietungen reagierte, gab es durchaus Momente in denen es schien als sei der mehrfach belobigte wieder ganz der Alte. Um keine Pferde scheu zu machen habe ich es vorerst auch unterlassen die verantwortliche Dienststelle über den außergewöhnlichen Vorfall zu informieren. Warum denn auch? Coco ging jeden Tag ohne zu murren mit auf die gemeinsame Dienststelle, wenngleich es auch so schien als würde er seine Arbeit dort etwas lockerer verrichten. Manchmal hatte man sogar fast den Eindruck als wolle er die kontrollbereiten Passagiere einfach durchwinken. Die dadurch gewonnene Freizeit nutzte er offensichtlich für zahlreiche Einzelgespräche mit seinen vierbeinigen Kollegen.

Nach einigen Tagen fiel auch den anderen Hundeführern auf, dass die Stimmung und das Arbeitsverhalten innerhalb der topausgebildeten Hundetruppe von großer Lässigkeit geprägt war. Immer häufiger hatten wir den Eindruck die Abfertigungshalle 3 sei eher ein Freizeitheim für verspielte Hunde als eine der gefürchtetsten Kontrollstellen im süddeutschen Raum.

An einem Mittwochnachmittag kam es schließlich zu Eklat. Ausgerechnet eine aus Bogota kommende Maschine der Columbia Airlines blieb quasi unkontrolliert, da sich die mittlerweile eingeschworene Gemeinschaft um Coco gerade in einer Art Jogaübung befand. Man muss sich das einmal so vorstellen:

Während draußen vermutlich der ein oder andere Kokainschmuggler relativ unbehelligt die Abfertigungshalle verließ, lagen im Aufenthaltsraum acht hochqualifizierte Zollhunde mit über dem Kopf verschränkten Vorderpfoten auf dem Boden und machten seltsame Summgeräusche. Jetzt war natürlich wirklich Schluss mit lustig und ich musste meine Vorgesetzten informieren.

Um es kurz zu machen, Coco wurde nach nur drei Dienstjahren wegen Arbeitsunfähigkeit vorzeitig pensioniert. Nach hartnäckigen Verhandlungen mit dem amtierenden Zolldirektor wurde uns dieser Abschied vom aktiven Dienst mit einer monatlichen Futterprämie von 100,- Euro versüßt. Den Ausschlag für diese Sonderbehandlung gab wohl meine flapsige Bemerkung, dass es die Öffentlichkeit interessieren könnte, inwieweit Leberkäse und Billigschinken eine fundierte Ausbildung von Zollhunden erschweren beziehungsweise unmöglichen machen. Nachdem der Direktor auf diesen Bauerntrick hereinfiel, war klar, dass meine weitere Verhandlungsposition mehr als gut war. So widersprach ich auch vehement dem Ansinnen des Entscheidungsträgers mir einen neuen, einsatzfähigen Diensthund anzuschaffen. Schließlich, so lies ich den Leiter der Dienststelle wissen, sei Coco durch die kurzsichtige Sparpolitik der Zolldirektion mehr oder weniger zum Pflegefall geworden. Es sei nun nicht mehr als Recht und Billig, dass man es mir nun ermögliche sich so intensiv wie möglich um den Versehrten zu kümmern.

Wohl um unnötiges Aufsehen zu verhindern, wurde ich fortan mit logistischen Aufgaben im Bereich derFutterbeschaffung und der Lehrgangsplanung betraut. Diese mehr als überschaubaren Aufgabenbereiche lassen mir nun genug Zeit und Muße um mich adäquat um das Opfer von falsch verstandenen Sparmaßnahmen zu kümmern. Mittlerweile liegt der Unfall schon mehr als drei Monate zurück und die sehnsüchtig erhoffte Normalisierung des Patienten verläuft, wenn überhaupt, dann nur sehr schleppend. Ich werde jedoch nicht aufgeben und bin mir sicher, dass Coco irgendwann wieder ganz der Alte wird. Erst gestern hatte ich für kurze Zeit den Eindruck als habe mein einst gefürchteter Schützling die Nachbarskatze relativ streng angesehen bevor er ihr einen Wollknäuel zustupste.

Mit der Redewendung „dass die Hoffnung zuletzt stirbt“ schloss Herr Kraft seinen bewegenden Vortrag. Seit diesem Tag sind die höchstens teilzeitbeschäftigten Staatsdiener fester Bestandteil unserer gemischten Freizeitgruppe.

Fortsetzung folgt




Autor: Günter Wawrzinek

guenterwawrzinek@gmail.com


Fotograf/Künstler: © Foto Diensthund: SPC5 Vincent Kitts, Permission: PD-USGOV. / This work is in the public domain in the United States because it is a work prepared by an officer or employee of the United States Government as part of that person’s official duties under the terms of Title 17, Chapter 1, Section 105 of the US Code. See Copyright. Note: This only applies to original works of the Federal Government and not to the work of any individual U.S. state, territory, commonwealth, county, municipality, or any other subdivision. This template also does not apply to postage stamp designs published by the United States Postal Service since 1978. (See 206.02(b) of Compendium II: Copyright Office Practices). It also does not apply to certain US coins.

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2 Kommentare

  1. So schnell kann’s vorbei sein mit der Karriere beim Zoll! Ich liebe diese Geschichte.

    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 12. April 2013 at 10:05
    • Antworten

    Ich schließe mich an: Toll und spannend geschrieben!

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