Die gestohlene Weihnachtsgans

Eine vorweihnachtliche Begebenheit aus Nordbayern

Es war im Nachkriegsdeutschland der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Das Wirtschaftswunder ließ noch auf sich warten, so gab es denn zum bevorstehenden Christfest dieses Jahres auch nur in den begütertsten Familien oder bei den Bauern eine gebratene Gans. Von einer solchen handelt nämlich unsere kleine Episode, die drei Tage vor Weihnachten in einem abgelegenen Dorf des Oberpfälzer Waldes begann.

Es war über Nacht kalt geworden. Mit dem aufkommenden Wind, der die Schneewolken heranbrachte, schwebten schon die ersten Schneeflocken tänzelnd zur Erde. Doch das waren nur die ersten zaghaften Vorboten von dem, was Frau Holle noch auf Lager hatte. Von Minute zu Minute nahm der Schneefall an Stärke zu, so dass man das in der Nähe liegende Dorf nur noch erahnen konnte. Während der nun folgenden Stunden wuchs die Schneedecke auf den zuvor noch kahl daniederliegenden Fluren immer weiter an.

Die Dämmerung war schon angebrochen und noch immer schneite es sehr kräftig. Trotz des dichten Schneegestöbers erkannte man in den letzten Resten des Dämmerlichtes schemenhaft eine menschliche Gestalt. Diese bewegte sich langsam auf den Bauernhof zu, der vom Dorf etwas entfernt an einem Hang lag. Hinter einem großen Holzstoß schien die Gestalt plötzlich verschwunden zu sein.

Kurze Zeit später: So unverhofft es am Nachmittag zu schneien begonnen hatte, lockerte sich die dichte Wolkendecke wieder auf. An den Eiskristallen der jungfräulichen Schneedecke brach sich tausendfach das silberne Licht des Mondes, der jetzt immer öfters die Wolkendecke durchbrach. Es war ein friedliches Bild, wie es nicht besser in diese vorweihnachtliche Zeit zu passen schien. Plötzlich drang aus dem Stadel des nahen Gehöftes das aufgeregte Geschrei von Gänsen, das von Hundegebell begleitet wurde. Augenblicke später huschte eine dunkle Gestalt, die es diesmal jedoch sehr eilig hatte, durch den Schnee in Richtung Wald und verschwand darin. Zurück blieb nur noch eine Fußspur, die sich im Schnee deutlich abzeichnete. Was war geschehen?

Auf dem etwas abgelegenen Bauernhof wurde in dieser Nacht eine Gans gestohlen. Als die Gänseschar Alarm schlug und der Kettenhund zu bellen begann, wurde das alte Ehepaar, das den Hof alleine bewirtschaftete, aufmerksam. Doch da hatte der Dieb den Tatort schon verlassen. Von ihm selbst war weit und breit nichts mehr zu sehen. Dafür war aber seine hinterlassene Spur um so besser zu erkennen.

Zum Glück hatte der Bürgermeister des kleinen Dorfes ein Telefon, was damals noch gar nicht so selbstverständlich war! Sofort wurde der Landpolizeiposten der nächsten Stadt alarmiert. Doch die beiden dorthin beorderten Beamten kamen mit ihrem VW Käfer auf der schneeglatten Straße nur langsam voran, so dass eine gewisse Zeit verging, bis sie am Tatort eintrafen. Für die Bestohlenen zog sich dieses Warten fast zu einer Ewigkeit hinaus.

Endlich konnten die Ermittlungen aufgenommen werden. Für die beiden Polizisten schien die Sachlage klar zu sein. Der Dieb hatte bei seinem Beutezug offenbar damit gerechnet, dass es weiter schneien würde. Doch just während der wenigen Minuten, die der Gänsediebstahl nur dauerte, hatte es damit aufgehört. So kam was kommen musste. Die beiden Beamten hatten es leicht mit der Verfolgung der sich im Schnee abzeichnenden Spur. Doch es schien nur zu Beginn ein leichtes Unterfangen zu sein. Denn bald artete die nächtliche Spurensuche in einen Gewaltmarsch aus. Der Dieb ist auf seinem Fluchtweg nicht nur auf Wegen gegangen. Offenbar rechnete er damit, dass er verfolgt würde. Immer wieder schlug er deshalb die wildesten Haken, hinein in den angrenzenden Wald. Er verhielt sich etwa so wie Meister Lampe auf der Flucht, nur dass seine Zickzack Abweichungen vom geraden Weg wesentlich größer waren. Gegen Morgen hatten die Beamten es endlich geschafft. Sie konnten der Spur bis in die 7 Kilometer entfernte Stadt trotz vieler Umwege und Hindernisse folgen. Dort endete sie unmittelbar am Ortsanfang, wo sie auf die Straße traf. Hier hatten sich schon die Reifenspuren mehrerer Autos abgezeichnet, so dass eine weitere Verfolgung keinen Sinn mehr hatte.

Doch da stand gleich neben der Straße etwas entfernt von den anderen Gebäuden ein Haus. So schnell wollten die Beamten nach dieser strapaziösen Spurensuche nicht aufgeben. Also beschlossen sie, in diesem betreffenden Haus nach dem Gänsedieb zu suchen. An der Haustüre angekommen, schien ihr kriminologischer Eifer doch noch belohnt zu werden! Standen da nicht ein paar Gummistiefel, an denen noch Schneereste hafteten! Durch vehementes Pochen an der Türe wurden die Bewohner des Hauses aus dem Schlaf gerissen. Als man nach dem Eintritt auch noch den Besitzer von diesem ominösen Paar Stiefel schlafend vorfand, schien der Fall gelöst zu sein. Dieser bestritt jedoch den Gänsediebstahl. „Er sei erst vor einer Stunde von der Arbeit zurückgekommen, wo er zur Zeit die Nachtschicht hatte.“ beteuerte er. „Die Beamten bräuchten ja nur in der Firma anzurufen, dann würde sich seine Unschuld schon herausstellen.“ Als sie trotz längeren Suchens in der Wohnung die Gans nicht fanden, gaben sie frustriert auf!

Später auf der Polizeistation fragten sie telefonisch bei seiner Arbeitsstelle an, wo ihnen die Unschuld des vermeintlichen Gänsediebs bestätigt wurde. So ungern die Beamten dies auch hörten, durch dieses Alibi wurde ihnen klar, dass ihre schweißtreibende Spurensuche dieser Nacht vollkommen umsonst war!

Doch was sie nicht wussten, ist die Tatsache, dass die Gans höchstwahrscheinlich doch in ihrer unmittelbarer Nähe war. Der Gänsedieb war der Nachbar des Beschuldigten. Dieser wohnte in der anderen Hälfte dieses Doppelhauses. Der zu unrecht beschuldigte hatte schon kurz danach, als die Polizei wieder abzog, diesen Verdacht. Ob der Verdacht nun berechtigt war oder nicht! Drei Tage später am 1.Weihnachtsfeiertag zur Mittagszeit schien er sich zu bestätigten. Aus dem Nachbarfenster, das einen Spalt geöffnet war, zog der unverwechselbare Duft einer gebratenen Gans herüber. Er und seine Lieben konnten sich an diesem Fest zwar nur einen gebratenen Stallhasen leisten, doch zum Denunzianten wollte er nun doch nicht werden allein schon des weihnachtlichen und gutnachbarlichen Friedens zuliebe.




Autor: Walter J. Pilsak

walter.pilsak@gmx.de

www.pilsak.de


Fotograf/Künstler: © Walter J. Pilsak / privat

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1 Kommentar

    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 12. April 2013 at 09:59
    • Antworten

    Nun schwanke ich auch zwischen zwei Gefühlen: Mitleid mit der Gans oder Verständnis für den Hunger des Diebes…Ich muss zugeben, auch ich mag „Gänsebraten“.

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