«

»

edithtg

Beitrag drucken

Wir Hunde wollen mehr als spielen, Teil 2

1. Die Stockschwemme
1.1 Erzählung Oskar

Das war gestern für mich wirklich ein bisschen viel auf einmal. Erstens weil sich der Terrier zum ersten Mal mit mir unterhalten hat und zweitens natürlich die Idee mit dem Aufschreiben. Tim ist wirklich der schlauste Hund den ich kenne. Na ja fast, Coco ist bestimmt noch klüger aber halt nicht so clever wie mein neuer Geschäftspartner.

Der Plan von Tim ist so einfach wie genial. Immer wenn wir uns treffen, eigentlich ja jeden Tag, soll ich ihm eine kleine Geschichte aus meinem Leben erzählen. Bei den längeren und somit komplexeren Sachverhalten, wird der Bericht zur Arbeitserleichterung auf mehrere Tage verteilt. Mein neuer schlauer Freund wird zur Sicherheit noch ein wenig daran „rumfeilen“ und gegebenenfalls das eine oder andere ergänzen. Dies sei sehr wichtig, so der Terrier, da er auf diese Weise die eine oder andere Schilderung durch die jeweiligen Erzählungen meines Frauchens (er versteht ja ihre Sprache) ein wenig „abrunden“ könne. Zudem sei es ja auch denkbar, dass ein und dasselbe Ereignis aus der Sicht mehrerer Betrachter unterschiedlich beschrieben wird. Durch die von ihm vorgeschlagene Arbeitsweise sei es ihm möglich etwaige Unstimmigkeiten in den Erzählungen besser herauszuarbeiten. Das haute mich jetzt wirklich fast von den Socken, Tim dachte einfach an alles.

Erfreut ließ ich ihn wissen wie gespannt ich schon auf die erste fertige, also von ihm überarbeitete, Geschichte bin. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich erneut über welchen Weitblick mein Kumpel verfügte. Zweifelnd sah er mich an und fragte mich nachsichtig ob mir klar sei was ich da eben gesagt habe. Ich könne doch nicht ernsthaft wollen, dass er mir die fertigen, einzelnen Kapitel bereits vor der Fertigstellung des Buches erzähle. Ob ich mir denn nicht vorstellen könne, welche ungewollten Konsequenzen dies nach sich ziehen würde. Obwohl ich angestrengt nachdachte kam ich nicht auf die simple und absolut nachvollziehbare Erklärung. Das liegt doch auf der Hand meinte Tim fast ärgerlich. Wir würden zwangsläufig das Ergebnis nochmals gemeinsam überarbeiten, korrigieren und vermeintlich verbessern. Der dadurch entstehende Perfektionismus sei ein sicherer Weg den einzelnen Geschichten ihren natürlichen Liebreiz und jedwede Spontaneität zu nehmen. Nach dieser tollen Erklärung schämte ich mich fast ein wenig für meine unangebrachte Neugierde.

Mit einem Gefühl tiefer Dankbarkeit, dass ich ihn kennenlernen durfte, stimmte ich dem Terrier zu und wollte ihm gleich mein erstes Abenteuer erzählen. Dieses handelte im großen und ganzen davon, dass ich einmal mitten in einem Maisfeld, also nicht irgendwo am Rand, einen unzerbissenen Tennisball fand. Geduldig aber bestimmt unterbrach mich mein Freund und machte mich mit einigen Grundsätzen der Erzählkunst vertraut. Literarisch, meinte er gönnerhaft, sei es durchaus üblich, dass man bei in einzelnen Kapiteln gegliederten Erlebniserzählungen zuerst die Ereignisse aufarbeitet, die, sagen wir es einmal so, nicht ganz so glatt liefen. Direkt im Anschluss werden dann die in meinem Fall reichlich vorhandenen Highlights und Heldentaten formuliert. Dieses Vorgehen habe den unschätzbaren Vorteil, dass die letztgenannten Geschehnisse dem Leser viel besser in Erinnerung bleiben als die weniger bewundernswerten Sachverhalte.

Nach diesem mehr als überzeugenden Sachvortrag nahm ich mir vor den wohl auf allen Gebieten Bewanderten bei einer passenden Gelegenheit mal um die Adresse seiner damaligen Hundeschule zu bitten.

Nun war ich also auf dem erforderlichen Wissensstand und es wurde langsam ernst. Da in meinem Leben bis zum ersten Aufenthalt bei unserer Großmutter auf dem Land alles wunderbar lief schlug ich als ersten Abschnitt den Arbeitstitel

„Bei der Oma und der blöde Samsung Fernseher“

vor. Tim meinte jedoch es wäre besser wenn ich ihm als Anfang noch mal die Geschichte mit den vielen Stöcken in der Isar erzähle. Er könne sich in diesem Zusammenhang noch gut daran erinnern, welches Aufsehen ich damals in unserem Stadtviertel bei den Menschen erregte und ja sogar im Lokalteil der Zeitung erwähnt wurde. Nun war es an mir fast ein wenig säuerlich zu reagieren. Ich stellte unmissverständlich klar, dass ich trotz der damals schwierigen Bedingungen insgesamt richtig und letztendlich auch erfolgreich gehandelt habe. Wenn die Tatsache, dass jemand seinen Job ordentlich erledigt, den Menschen eine Zeitungsmeldung wert ist, so ist das ihre Sache. Anstatt Blödsinn in der Zeitung zu schreiben, sollten sich die Zeitungsfritzen vielleicht mal überlegen, wie die Isar ohne mein Eingreifen ausgesehen hätte. Das sei natürlich vollkommen richtig, meinte Tim, aber gerade diese Episode aus meinem Leben zeige in anschaulicher Weise meinen Aufgabenbereich und enthalte wertvolle Hinweise im Hinblick auf meinen überdurchschnittlich pflichtbewussten Charakter. Zudem führen weitere wichtige Eindrücke den Leser schon am Anfang unserer Geschichte an die außergewöhnliche Grundstruktur des Erzählers heran. Da hätte ich auch selber draufkommen können.

Also die Geschichte mit den vielen Stöcken in der Isar ereignete sich als ich noch ziemlich jung war, so ungefähr vor 27 Jahren. Zunächst muss ich vorausschicken, dass die bisher beschriebenen Treffen mit den anderen Hunden im Park nur einen Teil meines Tagesablaufes abdecken. In erster Linie bin ich als Labrador natürlich ein Arbeitshund. Da ich mit meinem Frauchen, wie bereits erwähnt, in unmittelbarer Nähe eines großen Flusses wohne, gehört es zu meinen täglichen Pflichten dieses Gewässer von Treibgut, insbesondere Stöcken, zu reinigen. Normalerweise ist das eine durchaus lösbare Aufgabe. An den meisten Tagen sind es so zehn bis fünfzehn Hölzer die ich mühelos aus dem Wasser hole und nach Wichtigkeit geordnet am Ufer ablege. Manchmal gibt es für mich sogar so wenig Arbeit, dass meine Partnerin extra welche ins Wasser wirft um zu verhindern, dass ich für die Ernstfälle außer Übung komme.

Es ist wohl meiner damaligen Jugend zuzuschreiben, dass mich der „Superernstfall“ damals so gut wie unvorbereitet traf. Obwohl ich bereits im Park ein deutlich von der Norm abweichendes Flussrauschen vernahm, fehlte mir zu dieser Zeit noch die Erfahrung um diese Feststellung richtig zu deuten. Dies führte leider dazu, dass ich

1. wenige Minuten später total überrascht war und
2. es zuvor versäumt hatte, meine Hundefreunde entsprechend zu alarmieren.

So stand ich also fassungslos vor einem wahren Monsterfluss. Das sonst so beschaulich wirkende Stadtgewässer war deutlich breiter, floss schneller und jetzt kommt es

Stöcke, überall große, kleine, mittlere, gerade und gebogene Stöcke.

An manchen Stellen des reißenden Gewässers hatten sich gefährliche Strudel gebildet in denen das Treibgut nur so umherwirbelte. Fasziniert und zugleich ehrfürchtig starrte ich, während in meinem Hinterkopf ein komplizierter Problemlösungsprozess einsetzte, in die schäumende Gischt. Da guter Rat teuer war, sah ich hilfesuchend zu meiner Mitbewohnerin. Diese zeigte jedoch keinerlei Anzeichen von Besorgnis, ob des vor uns ablaufenden Naturereignisses. War sie wirklich so blauäugig zu glauben, dass ein einziger Labrador, noch dazu ein Junghund, diese wahre Flut an Hölzern bewältigen konnte. Dann geschah etwas unglaubliches, für mich vollkommen unverständliches. Wohl in der irrigen Annahme mich dadurch wie sonst aufzuheitern, warf sie einen weiteren Ast in den eh schon überfüllten Fluss. Spätestens jetzt war mir klar, dass ich keinerlei Hilfe erwarten konnte und stürzte mich unerschrocken in die Fluten. Würde ich das eigentlich Unmögliche schaffen?

Sehr schnell gewöhnte ich mich an die erschwerten Wasserbedingungen, nutzte geschickt Strömungen und umschwamm mit gewohnter Leichtigkeit etwaige Gefahrenstellen. Die Räumung des Gewässers gestaltete sich jedoch trotz meiner überraschenden Anpassungsfähigkeit als sehr kraftraubend, da ich zu den erwähnten stockführenden Wirbeln immer wieder flussaufwärts schwimmen musste. Obwohl das natürlich eine sehr schweißtreibende Angelegenheit war, gaben mir doch die ersten unübersehbaren Erfolge neue Kraft. Sauber aneinandergereiht zählte ich am Westufer bereits sieben oder acht Hölzer. Doch dieser mit hohem Tempo erarbeitete Fortschritt ließ mich keineswegs siegessicher oder leichtsinnig werden. Ein Blick zurück in das stromartige Gewässer offenbarte ein immer größer werdendes Missverhältnis zwischen den Fremdkörpern im Wasser und jenen die bereits geborgen wurden. Als nur sehr bedingt zielführend erwies sich meine Taktik das Treibgut ausschließlich am Westufer abzulegen. Oft musste ich so wegen eines einzigen ehemaligen Astes fast die gesamte Isar zweimal durchwimmen. Ohne die Arbeit auch nur eine Sekunde zu unterbrechen analysierte ich verschiedene Alternativen bezüglich meiner Arbeitsweise. Die Hundekenner unter den Lesern werden es bereits ahnen. Ich wäre kein echter Labrador, wenn mir nicht blitzartig der Einfall mit dem Ostufer gekommen wäre.

Also, hier eine Zusammenfassung der neuen, extrem effizienten Verfahrensweise für die logistisch eher unbedarfteren Leser. Der Sammelgegenstand wird irgendwo im Wasser aufgenommen, zeitgleich erfolgt eine sogenannte Entfernungsanalyse. Je nach deren Ergebnis wird das nächstgelegene Ufer angeschwommen und es kommt zur Ablage.

Geht man also von einer Flussbreite von sagen wir mal vierhundert Metern aus, hat das zur Folge, dass ich mir pro Entnahme im günstigsten Fall fast zweihundert Meter Schwimmstrecke erspare. Hierzu noch Fragen?

Doch auch die durch die Verbesserungen bedingte Euphorie ließen mich die Realitäten und die immer schwierigere Lage nicht verkennen. Beim nächsten Landgang wollte ich aus diesen Gründen mein Frauchen schonungslos über die inzwischen dramatische Situation aufklären. Die unmittelbar auf den beabsichtigten „Hilfeschrei“ gemachte Feststellung, dass mein Frauchen nicht mehr an unserem Platz war, führte zu den für mich sehr wichtigen Fragestellungen:

1. Wo war sie? und
2. War das überhaupt unser Platz?

Jetzt galt es Ruhe zu bewahren. Sollte ich weiter den Fluss aufräumen oder wäre es angebrachter nach meiner, wie Tim sie gerne nennt, „ewigen Studentin“ zu suchen? Ich kannte sie lange genug um zu wissen, dass sie ohne entsprechende Benachrichtigung nie meine Arbeitsstelle verlassen würde. Oder vielleicht doch? Mir fiel es sozusagen wie Schuppen von den Augen. Natürlich, meine fürsorgliche Lebensgefährtin, hatte wohl endlich erkannt, dass eine gründliche Reinigung des Flusses für einen einzigen Hund wohl nicht zu schaffen war. Erleichtert folgerte ich aus dieser etwas verspäteten Erkenntnis, dass wohl in Kürze mit tatkräftiger Unterstützung zu rechnen sei. Ja, das war des Rätsels Lösung. Sie musste unterwegs sein um andere Experten zu alarmieren. Im Geiste sah ich bereits zahlreiche Labradore die in Kürze geschickt und mutig ihre Bahnen durch die grünen Fluten der Isar zogen.

Der durch diese Aussichten bedingte erneute Motivationsschub und ein glücklicher Zufall halfen mir dabei, die angewandten Arbeitsschritte nochmals zu verbessern. Eher aus Versehen hatte ich nämlich bei einer Holzentnahme plötzlich zwei Stöcke zwischen den Zähnen. Da sich auch diese problemlos transportieren ließen, änderte ich die bisherige Taktik in der Form, dass vor der Entfernungsanalyse jetzt zwei Fremdkörper aufgenommen wurden. Leider bin ich nicht so gut im Rechnen, um auch hier die ersparte Schwimmstrecke zu beziffern. Aber ich glaube genau solche Sachen meinte der schlaue Terrier, als er ankündigte er werde möglicherweise das eine oder andere hinsichtlich meiner Berichte ergänzen. Wer so viel über Literatur weiß, der ist sicher auch geschickt mit Zahlen.

Noch immer trug mich das Wissen um baldige Unterstützung und der Stolz auf meine meist richtig reagierende Partnerin auf einer, im wahrsten Sinne des Wortes, Welle der Begeisterung. Wie im Fieber vergaß ich alles andere um mich herum, als mich eine weniger schöne Realität mental mehr als zurückwarf. Ein beabsichtigter Landgang mit gleich drei Stöcken im Maul scheiterte daran, dass sich dort wo ich das Ufer erwartete schlichtweg keines mehr war. Eine endlos hohe Mauer zwang mich zum Zurückschwimmen. Erschöpft, fast mutlos und nicht zuletzt desorientiert erreichte ich auf der anderen Gewässerseite einen schmalen Grünstreifen. Ohne Zweifel war ich noch am gleichen Fluss aber ganz sicher nicht mehr an unserem Platz.

Tim, fiel mir jetzt ein, referierte einmal in unserer Hunderunde über spezielle Eigenschaften meiner Rasse. Grundlage seines Wissens war eine auf einem Fachbuch basierende Erzählung meines Frauchens. Demnach seien wir Labradore ausgeglichene, äußerst lernfähige, aufgeweckte, lernfreudige und unerschrockene Hunde mit großem Bewegungsbedürfnis. Aus heutiger Sicht muss ich zugeben, dass die Tugend der Unerschrockenheit für den damals noch recht jungen Oskar nur mit großen Einschränkungen zutraf. Ich hatte inzwischen festgestellt, dass ich mich auf einer mit einem riesigen Haus bebauten Insel befand. Weder kannte ich die Gegend noch waren irgendwo Hunde oder Menschen zu sehen. Mit anderen, es vielleicht besser treffenden Worten – ich hatte zum ersten Mal im Leben große Angst. Zu allem Überfluss musste ich auch feststellen, dass sich mein mich permanent begleitender Appetit zu einem wahren Heißhunger gesteigert hatte. Sehnsuchtsvoll dachte ich in dieser ersten wirklich problematischen Phase meines Lebens an die mir stets gegenwärtigen Leitsprüche meines Freundes Coco. Obwohl nur wenig älter als ich, weiß Coco total viel vom Leben. Diese unglaubliche Erfahrung bündelt er für uns anderen Hunde in sehr einprägsame Tagesweisheiten. Aber welche seiner Lebenshilfen galt es heute umzusetzen?

Gerade rechtzeitig bevor ich in einen gerade bei jüngeren Labradoren häufig zu beobachteten „blinden Aktionismus“ verfiel, war mir als hörte ich die vertraute Stimme meines Mentors und Ratgebers. „Wenn man das Glück zu sehr sucht, wird es sich verstecken“, meinte er einmal zu meiner ägyptischen Freundin Mira, als diese gerade versuchte ein komplettes Mäuselabyrinth auszuheben. Umgesetzt auf das Stranden auf einer einsamen Insel konnte das nur bedeuten, dass ich mit einem kurzen Nickerchen alles richtig machte. Ich wusste nicht wie lange ich geschlafen hatte, als mich ein älterer Mann, der eine lustige Mütze trug, weckte. Nun, das Kennenlernen neuer Freunde fiel mir schon als Junghund nicht schwer. Fröhlich sprang ich um den sympathischen Mützenträger herum, um mich dann, meine noch heute erfolgreiche Geheimwaffe, mit den Vorderpfoten strampelnd auf den Rücken zu legen. Und schon hatte ich wieder einen neuen menschlichen Kumpel gefunden.

Wegen meiner durch die viele Arbeit bedingten Müdigkeit und dem unangenehmen Hungergefühl habe ich nur noch eine sehr vage Erinnerung an meine weitere Zeit auf der Insel. Irgendwann waren der Mützenmann, ein Freund von ihm und ich zusammen in einem Zimmer. Dort haben die beiden Menschen viel geredet und auch immer wieder mein Halsband untersucht. Sie waren wirklich sehr nett, doch als einer von ihnen in einen Sprechapparat redete, war mir als klänge seine Stimme besorgt. Da wir Labradore es gewöhnt sind den Menschen nur Freude zu machen, begann sich ein schlechtes Gewissen in mir breit zu machen. Augenblicklich bemerkten die sensiblen Herren meinen möglicherweise bevorstehenden Stimmungswechsel. Mir wurde zur Aufmunterung eine halbe Semmel mit Wurst überreicht. Nach dem Genuss derselben wirkte ich unabsichtlich noch trauriger und durfte so auch die zweite Hälfte verschlingen.

Das ansatzweise Gefühl der Sättigung konnte meine seelische Ausgeglichenheit jedoch nur für sehr kurze Zeit wieder herstellen, da ich plötzlich ein für mich neues Gefühl des Mangels entdeckte:
Heimweh.

Noch nie war ich so lange von meinem Frauchen, unserer Wohnung, meinem Sessel und dem „Stockpark“ getrennt. Seit ich denken kann haben die ewige Studentin und ich fast jede Minute gemeinsam verbracht. Wie ein dunkler Schatten legte sich die Einsamkeit auf mein gewohnt sonniges Gemüt, als es klopfte, und, schon wieder zwei Menschen mit Mützen, aber anderen den Raum betraten. Komisch, einer der beiden erinnerte mich wegen seines Bartes sofort an diese lustigen Hunde die immer im Wasser wohnen. Die Frau mit dem Hut dagegen war fast so schön wie mein Frauchen. Noch bevor das gedachte Wort „Frauchen“ meinem Herzen einen weiteren Stoß in Richtung des gerade verdrängten Heimwehs geben konnte, knuffelte mich die schöne Frau so einfühlsam, wie ich es nur von echten Hundekennern gewohnt war und, ohne jeden Zweifel sie roch nach Hund. Während ich versuchte die erschnüffelte Hundespur einer Rasse zuzuordnen, tauschten die Menschen ein Stück Papier und mit der charmanten Frau am Halsband ging es zu einem Auto. Nach einer schier endlosen Fahrt betraten wir ein Haus an das ich später noch oft schmunzelnd zurück denken sollte. Verwundert stellte ich fest, dass alle Bewohner des Gebäudes gleich angezogen waren und überall standen kleine Fernseher. Vor fast jedem dieser Kästen saß ein Gleichgekleideter und sah mehr oder weniger interessiert auf das Bild. Mich setzte man mit dem Befehl „Platz“, das verstehe ich sehr wohl, mitten in den Raum.

Just als ich mich auf einen mehr als langweiligen Abend vorbereitete und es mir so weit wie möglich bequem machte, formte einer der Menschen aus zwei Blättern eine Papierkugel und warf sie gelangweilt in Richtung eines Korbes. Mein Absprung erfolgte zeitgleich und sehr kraftvoll. Gerade als ich die Kugel über dem Korb zu senken begann erwischte ich sie mit den Pfotenspitzen. Anerkennend nickte der Werfer als ich gegen die Wand hinter dem Ziel knallte. Da die Aufgaben eines Labradors eine gewisse Schmerztoleranz erfordern, schüttelte ich mich nur kurz und stand sofort für neue Herausforderungen bereit. Jetzt erwachte die gesamte Menschengruppe aus ihrer bisherigen Lethargie. Eine Papierkugel nach der anderen wurde gebastelt und in meine Richtung geworfen. Ich sprang hoch, nach links, nach rechte, fing, parierte und zerbiss auch den einen oder anderen Ersatzball. Es war einfach ein Riesenspaß. Ich weiß nicht wie lange dieser Wettkampf uns noch die Zeit vertrieben hätte, wenn sich nicht Minuten später eine weitere Lebensweisheit meines Freundes Coco als richtig und treffend erwiesen hätte.

„Die Welt ist ein Dorf“ sagte er einmal, als er bei uns im Park zufällig einen ehemaligen Kollegen aus seiner früheren Zollfahndungsabteilung traf. Genau das Gleiche dachte ich mir in dem Augenblick als die Tür aufging und mein geliebtes Frauchen vor mir stand. Obwohl sie weniger überrascht schien als ich, war es ein herrliches, weil doch so zufälliges Wiedersehen. Freundlich und dankbar verabschiedeten wir uns bei den Gleichgekleideten die sichtlich enttäuscht zu ihren Bildkästen zurückgingen. Nach einem ausgiebigen Abendessen lag ich an jenem Abend mit mir und der Welt zufrieden in meinem Sessel. Ich fiel in einen erholsamen Schlaf und träumte von der wieder sauberen Isar, vielen weißen Papierkugeln und meiner liebevollen Partnerin.




Autor: Günter Wawrzinek

guenterwawrzinek@gmail.com


Fotograf/Künstler: © by hazard / www.pixelio.de

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.tiergeschichten.de/2013/04/11/wir-hunde-wollen-mehr-als-spielen-teil-2/

1 Kommentar

  1. Margrit Baumgärtner

    Dieser souveräne Schreibstil fesselt den Leser (die Leserin) bis zum Schluss. Gern gelesen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.