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Vogelmutter auf Zeit

Schon seit Jahren befindet sich neben unserem Schupfen an einer etwa 4 Meter hohen Stange ein Nistkasten für Stare. Jedes Jahr brütet darin Meister Starmatz zwei- bis dreimal. Es ist schön anzusehen, wenn man von der Wohnung aus zusieht, wie sich die Vogel-Eltern abmühen, um den Riesenhunger der Kinderschar zu stillen, bis diese endlich flügge ist. Da ihr Hunger fast unstillbar ist, machen sie sich schon wenige Tage nach dem ausschlüpfen durch lautes Betteln bemerkbar. Auf diese Laute reagieren jedoch nicht nur die Altvögel sondern auch etwaige Feinde. So versuchte einmal eine Katze unserer Nachbarin, an der senkrecht stehenden und fast glatten Stange – an der unser Starenkobel oben befestigt ist – hinauf zu klettern. Fast hätte sie es geschafft, doch dann sah dies mein Vater und er verscheuchte den jagdlustigen Haustiger. Noch am gleichen Tag befestigen wir in der Mitte der Stange ein etwa 80 cm langes Stück Blech, das rundherum befestigt wurde. So hatte die Katze keine Chance mehr, den Nistkasten zu erreichen, da dieses glatte Teilstück für sie unüberwindbar war.

Doch nicht nur Katzen läuft im Mund bzw. in der Schnauze das Wasser zusammen, wenn sie an Jungvögel denken. Auch der Jagdtrieb anderer Tiere wird dadurch angeregt. Marder, die bei uns auch zuhause sind, haben jedoch kaum Chancen, dass sie bis zu den jungen Staren hinauf kommen.

Nicht so jedoch die Elstern. Es geschah an einem Junimorgen etwa um 6 Uhr. Von der Wohnung aus hörten wir das laute schimpfen mehrerer Stare. Als meine Ehefrau aus dem Wohnzimmerfenster sah, saßen da auf dem Baum und auf dem Werkstattdach mehrere ausgewachsene Stare die um die Wette schimpften und recht aufgeregt waren. Zum Starenkobel selbst kann man von diesem Punkt aus nicht sehen. So ging ich in das Nebenzimmer, wo man einen schönen Blick darauf hat. Was ich sah, ließ mich vor Schreck erstarren. Auf dem Dach des Nistkastens saß eine Elster und hatte einen jungen Star, der sich heftig wehrte, an einem Fuß im Schnabel. Er hatte ihn aus seiner vermeintlich sicheren Kinderstube herausgezogen. Ich klopfte sofort an die Fensterscheibe und schrie laut. Die erschrockene Elster ließ daraufhin ihr Opfer sofort los und flog davon. Der junge Star, der noch flugunfähig war, fiel zunächst 2 Meter tiefer in eine Dachrinne und von dort aus noch einmal 2 Meter weiter, bis er auf dem Boden landete. Keiner von uns glaubte, das er diesen Sturz überlebt haben könnte.

Als ich und unser Sohn zur Arbeit gefahren fahren, sah meine Frau nach dem abgestürzten Jungstar. Doch dieser lebte zu ihrer größten Überraschung noch. Der Vogel sah zwar ziemlich lädiert aus und fror auch recht erbärmlich, da es kühl war und regnete – aber er war noch am Leben.

Sie nahm also den Vogel mit hinauf in die warme Wohnung und überlegte was sie für ihn tun könnte. Zunächst bräuchte er wahrscheinlich Futter. Doch woher ein solches nehmen und was frisst ein Jungvogel überhaupt alles? Da kam ihr ein Gedanke. „Wie wäre es denn mit Regenwürmern? Solche würde ich im Garten bestimmt zur Genüge finden.“ Gedacht – getan! Sie ging in den Garten und wühlte mit den blanken Händen in der Gartenerde, um nach Würmern zu suchen. Als sie einige hatte, versuchte sie in der Wohnung, den hungrigen Jungvogel damit zu füttern. Doch dieser wollte die Würmer um nichts in der Welt annehmen. Da fiel ihr ein, dass die Jungvögel das Fressen von ihren Eltern regelrecht in den weit aufgerissenen Schnabel hineingestopft bekommen. So versuchte sie es mit einer Pinzette, indem sie jeden einzelnen Wurm zunächst etwas zerkleinerte und dann in den Schnabel stopfte. Endlich nahm er das Futter an. Sein Hunger schien unstillbar zu sein. So ging es den ganzen Vormittag auf diese Art und Weise weiter. Kaum dass der Vogel gefüttert war, bettelte er auch schon wieder mit weit aufgerissenem Schnabel. Mit der Zeit fand meine Frau an der Stelle, wo sie im Garten nach Würmern suchte, schon fast keine mehr. Da kam ihr unser Komposthaufen in den Sinn: „Dass ich da nicht schon früher draufgekommen bin. Da ist das Suchen ja wesentlich einfacher“!

Bei jeder neuen Fütterungsrunde sahen übrigens auch unsere beiden Hunde zu. Die Bernersennenhündin „Bella“ genauso wie unser Dackel-Weibchen „Lonni“. Vergaß sie, die beiden einmal zur Vogelmahlzeit mitzunehmen, reagierten sie sofort eifersüchtig. Durften sie jedoch mit zu dem Körbchen, in dem der Junge Star in einer warmen Decke lag, waren sie zufrieden. Die beiden schnüffelten nur immer recht neugierig an dem neuen Mitbewohner herum. Auf diese Art und Weise war sie den ganzen Tag mit ihrem neuen Zögling beschäftigt.

Am Morgen des nächsten Tages schien sich der Star schon wieder recht gut von seinem fast tödlich endendem Abenteuer erholt zu haben. „Jetzt könnte man den Vogel eigentlich wieder zurück in den Nistkasten geben. Die Eltern würden ihn schon wieder mit füttern“! So nahm unser Sohn den Vogel in seine Hand, stieg vom Wohnzimmerfenster aus hinaus auf die Überdachung. Von dort aus konnte er gerade noch das Einflugloch des Nistkastens erreichen, durch das er den Jungvogel zurück in seine Kinderstube brachte.

Nachdem die beiden den Nistkasten einige Zeit lang beobachteten, sahen sie, dass die Eltern wie gewohnt weiter fütterten. Der kleine Unglücksrabe Namens „Star“ schien gerettet. Zwei Wochen später flog dann die ganze Kinderschar an einem sonnigen Vormittag aus.

Text © Walter J.Pilsak




Autor: Walter J. Pilsak


walter.pilsak@gmx.de

www.pilsak.de


Fotograf/Künstler: © Walter Eberl / www.pixelio.de

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2 Kommentare

  1. Margrit Baumgärtner

    Da hat das Starenkind aber einen riesigen Glücksengel gehabt !

  2. Hans Witteborg

    Ungewöhnlich, doch schön!

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