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Wir Hunde wollen mehr als spielen, Teil 1

Ich denke noch heute mit gemischten Gefühlen an den Nachmittag zurück der durch eine unvorhersehbare Anhäufung von Zufällen mein Leben in wichtigen Teilbereichen nachhaltig verändern sollte.

Was genau damals geschah, wird sie besonders wundern wenn ich ihnen jetzt verrate, dass ich ein Hund bin, genauer gesagt ein Labrador. Wie alle Hunde haben wir Labradore einen sinnvoll strukturierten, meist selbstbestimmten Tagesablauf. Mehr noch, wir sind in der Lage all die großen und kleinen Dinge die sich in unserem Umfeld so ereignen, gleichzeitig zu registrieren, zu bewerten und uns daraus folgernd stets richtig zu verhalten. Deshalb gibt es in unserer Sprache den Begriff „Zufall“ überhaupt nicht und Wörter wie „Überraschung“ oder „unvorhergesehen“ definieren wir vollkommen anders. Scheinbar fehlt euch Menschen die für uns selbstverständliche Gabe sich blitzschnell und situativ stets richtig auf Veränderungen einzustellen. Nur so ist es nämlich erklärbar, dass ihr etwas für uns vollkommen selbstverständliches mystisch den „siebten Sinn“ nennt. Es war also keine Überraschung, dass keiner der damals anwesenden Menschen das Unglück auch nur ansatzweise kommen sah.

Aber auch der sonst so untrügliche „siebte Sinn“ versagte an jenem Nachmittag im Spätherbst 2009 bei insgesamt acht Hunden unterschiedlichster Rassen. Nein, auch bei keinem von uns klingelten sozusagen die Alarmglocken.

Der von meiner Mitbewohnerin geworfene Stock flog wie so oft in südwestliche Richtung. Eine Routineaufgabe wie ich sie wohl schon tausend Mal elegant und spielerisch erledigt habe. Nach meinen Berechnungen würde der Wurfgegenstand etwa dreißig Meter westlich neben der hinteren Parkbank den ersten Bodenkontakt haben. Hierzu muss ich klarstellen, dass es sich bei der Stockholerei um eine edle und wichtige Tätigkeit für alle Beteiligten handelt. Und genau hier, beim ersten Bodenkontakt des Holzes trennt sich sozusagen die Spreu vom Weizen.

Der Normalhund und auch der ungeübte Labrador werden geduldig warten, bis der Stock irgendwo zum Liegen kommt um ihn dann zu ihrem Menschen zurückzubringen. Eine aus meiner Sicht vollkommen reizlose Aufgabe, die mit der von mir betriebenen sportlichen Stockfängerei nur wenig gemeinsam hat. Ich beherrsche nämlich die hohe Kunst der sogenannten Direktaufnahme des geworfenen Gegenstandes nach dem ersten Kontakt mit der Wiese. Hierzu muss man wissen, dass es nach dem ersten Aufprall mindestens zweihunderteinundzwanzig (ja ich habe mitgezählt) Varianten für die weitere Flugbahn des Holzes gibt. Das hängt von zahlreichen, oft ineinandergreifenden und sich ergänzenden Faktoren ab. Für die menschlichen Leser nenne ich hier nur beispielhaft die Beschaffenheit des Bodens, die jeweilige Rotation zum Zeitpunkt des Aufpralls und natürlich Form und Größe des Wurfgegenstandes. Alles andere, und das ist wirklich noch eine ganze Menge, würde hier zu weit gehen und das unvermeidliche Fachchinesisch würde den Außenstehenden sicher langweilen.

Ich will es kurz machen, die Rotation des Holzes entsprach meinen Erwartungen, als ich schon mit hohem Tempo in Richtung Bank unterwegs war. In wenigen Augenblicken würde ich nach einer fehlerfreien Direktannahme mit dem Stock zwischen meinen schneeweißen Zähnen schwungvoll einen weiten Bogen auslaufen und unter anerkennenden und zum Teil neidvollen Blicken der anderen Hunde zu meiner Partnerin zurückkehren. Trotz der verständlichen Vorfreude war ich voll konzentriert und bemerkte deshalb sozusagen in letzter Sekunde, dass ein leichter Windstoss die Rotation des Holzes minimal beeinträchtigte. Demzufolge war es erforderlich, den zu erwartetenden Aufprallort und die weitere Flugrichtung neu zu berechnen.

Nichts aber auch gar nichts wäre passiert, wenn diese massive Buche einen halben Meter weiter links gestanden hätte. Reaktionsschnell bremste ich mein hohes Tempo soweit möglich ab und unternahm einen letzten Ausweichversuch. Dann wurde mir schwarz vor den Augen.

Mein Name ist Tim und ich bin ein mittelgroßer, sportlicher und, obwohl mir seit einer unausweichlichen Auseinandersetzung mit einem belgischen Schäferhundrüden ein Reißzahn fehlt, unaufdringlich gut aussehender Terrier. Um korrekt zu bleiben bin ich laut meinen Impfpapieren ein sogenannter „Terriermix“. Im Gegensatz zu gewissen anderen Hunden empfinde ich diese Bezeichnung für eine fehlende Reinrassigkeit keineswegs als abwertend.

Zufällig wurde ich unfreiwillig Zeuge der missglückten Stockholung. Ich habe alles ganz genau gesehen, da ich mich zum fraglichen Zeitpunkt in unmittelbarer Nähe der Buche aufhielt. Während die anderen Mitglieder unserer eingeschworenen „Parkclicke“ spielten oder wie im Falle Coco vor sich hin philosophierten, lag es wieder mal an mir sich um die elementaren und wirklich wichtigen Dinge zu kümmern. Zum wiederholten Male musste ich dort nämlich einem heranwachsenden Boxer unmissverständlich klarmachen, welche Teilbereiche des Erholungsparks für ihn frei zugänglich waren. Unsere Stockwiese nebst Parkbänken gehörte ganz sicher nicht dazu. Das darauf folgende unwürdige Wehklagen des Jungboxers wurde durch einen dumpfen Knall übertönt.

Ungebremst und übrigens auch ohne den geringsten Versuch eines Ausweichmanövers prallte der Labradormischling frontal gegen den Baum und lag dort zunächst reglos neben dem Hindernis. Erschrocken stellten sofort alle Anwesenden ihre spielerischen Aktivitäten ein und sahen besorgt zum Unfallort. Sogar Coco unterbrach sein Gebrabbel ein und begab sich träge zur Unfallstelle. Dort lag der schwarze Mischling nun in einer Art stabilen Seitenlage neben der Buche. Erst jetzt reagierten unsere menschlichen Partner und schrien wild durcheinander. Es herrschte ein unglaubliches Chaos. Immer wieder drangen aus dem ungeordneten und panischem Gebrülle Worte wie „Herzmassage“, „Mund-zu-Mund-Beatmung“ und „Tiernotrettung“ zu mir durch. Die immer schon für ihr hysterisches Verhalten bekannte Betreuerin unserer englischen Bulldogge rief sogar mehrmals nach einem Hubschrauber.

Gott sei Dank schlug der größte Stockfänger aller Zeiten, kurz bevor die ersten Telefonverbindungen mit verschiedenen Notrufstellen zustande kamen, blinzelnd die Augen auf und schüttelte seinen riesigen Kopf. Es war förmlich spürbar wie er sich im übergroßen Mitleid der Umstehenden suhlte.

Sicher werden sich die menschlichen Leser jetzt fragen warum ich auch die menschlichen Reaktionen hier so flüssig und detailgetreu wiedergeben kann. Nun es ist einfach so, dass ich aus letztlich nicht endgültig erforschten Gründen die menschliche Sprache verstehen kann. Weiterhin kann ich im Gegensatz zu anderen Hunden, die ja bekanntlich in diesem Zusammenhang überhaupt kein Gefühl haben, Zeitabläufe sehr gut abschätzen und einordnen. Während ich auf die Gabe mit der menschlichen Sprache manchmal gerne verzichten würde, bringt die Sache mit dem Zeitgefühl, insbesondere im Zusammenhang mit vereinbarten Fütterungszeiten, unschätzbare Vorteile mit sich. Gerne von Menschen verwendete Plattitüden wie „es ist noch nicht so weit“, „du musst noch warten“ oder das beliebte „du hast doch erst gegessen“ funktionieren bei mir nicht. Über die Ursache dieser für Hunde ungewöhnlichen Eigenschaften gibt es unterschiedliche Erklärungsversuche. Während mein Tierarzt von einem komplizierten Defekt in meinen Genen ausgeht, schrieb unser Heilpraktiker in einem mehrseitigen Gutachten zusammenfassend von einer seltenen Laune der Natur (sehr hilfreich bei Behandlungskosten von über 400,- Euro). Übereinstimmend rieten beide Experten meinem Frauchen, sie solle mich einfach behandeln wie einem normalen Hund und sich nichts anmerken lassen. Natürlich wäre es darüber hinaus besser für mich wenn sie ein wenig darauf achtet was sie so in meiner Anwesenheit erzählt.

Nur langsam stabilisierte sich der Zustand des soeben Verunglückten. Zu meiner großen Überraschung wanderten seine Augen nervös hin und her und ruhten schließlich als er mich entdeckte, ausgerechnet mich. Bis zu jenem Nachmittag war das Verhältnis zwischen dem schwarzen Stocksucher und mir geprägt von einer Mischung aus Gleichgültigkeit und gegenseitigem Unverständnis. Sehr schnell merkte er wohl auch diesmal, dass ich die ganze Situation etwas kritischer betrachtete als der Rest der unfreiwilligen Unfallzeugen. Wohl um seine Heldenrolle, in der er sich wie gesagt pudelwohl fühlte, noch dramatischer zu gestalten, meinte er mir gegenüber mit einem an Tragik kaum zu überbietenden Gesichtsausdruck, dass er ungefähr 39 Stunden lang bewusstlos war. Das bereits erwähnte problematische Verhältnis von Hunden zum menschlichen Zeitgefühl erfuhr durch diese Aussage einen neuen Höhepunkt.

Obwohl es in dieser Situation sicher unpassend war, musste ich bei seinen Worten und der dazu passenden Mimik herzhaft lachen. Es war sicher nicht das erste Mal, dass dieser tollpatschige Riesenhund unfreiwillig zu meiner Erheiterung beitrug. Zunächst war es nur ein sehr vager und keineswegs ernst gemeinter Gedanke als ich heiter zu ihm sagte: „Oskar, wir müssen irgendwann anfangen deine Ungeschicklichkeiten aufzuschreiben“. Unter der Bedingung, dass wir das Wort „Ungeschicklichkeiten“ durch „Missverständnisse“ ersetzen, zeigte der sich noch leicht benommene Mischling interessiert und durchaus verhandlungsbereit. Diese etwas zu spontan ausgesprochene Einverständniserklärung ließ mich nun doch etwas misstrauisch werden. Woher sollte dieses Interesse an meiner damals noch völlig unausgegorenen Idee kommen. Wollte der sonst so einfach zu durchschauende Artgenosse diesmal mich aufs Glatteis führen?

Als er mich mit rollenden Augen ansah und wie beiläufig fragte ob man so etwas aufgeschriebenes vielleicht auch verkaufen könne, wusste ich sofort woher der Wind wehte. Seit einiger Zeit reden unsere Menschen immer wieder über die kleine Metzgerei die sich seit ewigen Zeiten gegenüber Oskars Wohnblock befindet. Angeblich soll diese geniale Einrichtung wegen sinkender Umsatzzahlen von der Schließung bedroht sein. Als ich einmal genau dieses Wissen in unserer gemütlichen Hunderunde kundtat, war der sonst so gut gelaunte schwarze Labradormix tief betroffen. Ich habe zwar keine Ahnung wie er darauf kommt, aber er ist der festen Überzeugung, dass seine Nahrung ausschließlich über dieses Fachgeschäft bezogen wird.

Natürlich kann man zum Beispiel für ein Hundebuch unter günstigen Voraussetzungen Geld erhalten. Ich hatte den Satz kaum ausgesprochen als Oskar nervös zu hecheln begann. Ich sah ihm an, dass ihm wohl tausend Dinge auf einmal durch seinen überdimensionierten Kopf schossen. Deshalb hatte er sichtlich Mühe den folgenden Satz zu formulieren:
„Kann man denn zum Beispiel mit dem Buchgeld bei der Metzgerei Grober große Mengen Fleisch und Wurst kaufen und durch diese, er sagte tatsächlich Stützungskäufe, dazu beitragen, dass die Zukunft dieser Metzgerei wieder von einer finanziellen und wirtschaftlichen Stabilität geprägt sei“?

Die Liebe zum Fressen und die daraus resultierende Sorge um eine ausreichende Vorratshaltung ist wohl eine unserer wenigen Gemeinsamkeiten. Wen wird es da verwundern, dass ich ihn in diesem Augenblick zum ersten Mal fast sympathisch fand?

Auf mein würdevolles und vielsagendes Kopfnicken reagierte der eben noch schwerverletzte mit einem wahren Veitstanz der Begeisterung. Während die umstehenden Menschen diesen in ihren Augen eher unpassenden Gefühlsausbruch mit besorgten Mienen betrachteten, spürte ich in meinem Inneren ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit. Es war wirklich ein schöner und bewegender Moment als mir immer klarer wurde, dass durch mein erfolgsorientiertes Vorgehen tatsächlich die Möglichkeit bestand, die seltsame Gedankenwelt von Labradormischlingen endlich einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ich will hier sicher nicht verhehlen, dass der Gedanke an die von Oskar geplanten Großeinkäufe bei der Metzgerei am Eck auch für mich etwas Faszinierendes hatte. Jedoch waren es in erster Linie wissenschaftliche und absolut selbstlose Motive die mich zuerst zur Initiative und später zur Mitarbeit an diesen Aufzeichnungen bewegten. Unseren mündlichen Vertrag besiegelten Oskar und ich, mit einem bei uns Hunden üblichen, mittelschweren aneinanderstoßen unserer Köpfe.




Autor: Günter Wawrzinek

guenterwawrzinek@gmail.com


Fotograf/Künstler: © Anfängerfotograf / www.pixelio.de

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4 Kommentare

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  1. Edith Nebel

    Labrador auf Kollisionskurs. Der Ärmste!

  2. Margrit Baumgärtner

    Toll erzählt aus der Hundeperspektive!

  3. Edith Nebel

    Teil 3 wird dann so richtig abgefahren! Erscheint am Freitag.

  4. Hans Witteborg

    Es menschelt länger schon bei Hunden,
    drum hab ich es auch gut empfunden!

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