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Schwalben in einer Porzellanfabrik

Hört man von Schwalben in einer Porzellanfabrik, dann scheint dies nichts besonderes zu sein, vorausgesetzt, es handelt sich um solche aus Porzellan. Interessanter ist es da schon, wenn von lebendigen – genauer gesagt von Rauchschwalben – die Rede ist. Normalerweise trifft man solche nur auf Bauernhöfen an. Sie nisten – im Gegensatz zu den Mehlschwalben – nur in Innenräumen, wie Kuhställen oder Scheunen. Doch mit dem sogenannten Bauernsterben scheinen auch die Schwalben auf dem Land immer seltener zu werden. Fast könnte man glauben, sie hätten sich den Umständen entsprechend angepasst. Immer öfter hört man nämlich, dass Schwalben in Fabrikhallen und anderen Baulichkeiten inmitten der Städte nisten. So geschehen auch in einer Porzellanfabrik in Nrdbayern.

Nachdem vor etwa zehn Jahren das erstemal ein Rauchschwalbenpärchen den Versuch wagte, in einer Fabrikationshalle zu nisten, wurden es von Jahr zu Jahr mehr, da ja die Jungvögel im Frühjahr darauf wieder an den Ort ihrer Geburt zurückkehren. Mittlerweile sind es an die acht Pärchen, die dort von Mai bis August ihre Brutgeschäfte verrichten. Dabei ist es immer wieder erstaunlich, mit welcher Sicherheit sie trotz ihrer Schnelligkeit durch die verwinkelten Räume fliegen. Auch die nur einen Spalt weit geöffneten Fenster überwinden sie ohne Schwierigkeiten.

Obwohl die dort beschäftigten Arbeiter während der Brutzeit von den Mitbewohnern aus ganz natürlichen Gründen und Ursachen belästigt werden und dadurch auch mehr Putzarbeiten anfallen, sind die Schwalben gern gesehene Gäste. Jedes Frühjahr wird mit Spannung ihre Ankunft erwartet. Man freut sich darüber, wenn wieder ein Pärchen mehr als im vergangenen Jahr nistet.

Wenn die Schwalben im Mai mit ihrem Brutgeschäft beginnen, wird dies mit Spannung und Interesse verfolgt. Tritt dann ein ungewöhnlicher Verlauf oder ein außergewöhnliches Ereignis ein, geht dies auch an den Porzellinern nicht spurlos vorüber. Solch ein bewegendes Geschehen spielte sich in den letzten Julitagen des vergangenen Sommers ab: Wieder einmal hatte es ein Pärchen geschafft, seine Jungen soweit großzupäppeln, dass diese die ersten Flugversuche unternahmen. Während die Altvögel immer noch unermüdlich Futter herbeiholten, flogen die vier Jungschwalben während der Fütterungspausen schon erstaunlich sicher durch das Gebäudeinnere, wobei einige schon die ersten artistischen Flugkünste vollführten. Nur mit den großen Fensterscheiben hatten sie anfangs noch einige Probleme. Es wollte zunächst nicht in ihren Sinn, dass man hier nicht weiterfliegen konnte. Nach ihren kurzen Rundflügen kehrten sie immer wieder zu ihrem Startplatz – einem Mauervorsprung unterhalb der Decke – zurück. Hier wurden die hungrigen Schnäbel abwechselnd von den Eltern gefüttert.

So verliefen die ersten Tage der Jungvögel außerhalb des Nestes ohne besondere Vorkommnisse. Alles schien seinen gewohnten Verlauf zu nehmen, bis plötzlich ein Jungvogel vermisst wurde. Schon nach kurzem Suchen fand man den Vermissten etwas abseits von den anderen auf dem Fußboden Nach eingehender Beobachtung kam man zu der Schlussfolgerung, dass er offensichtlich nicht fliegen konnte. Ob eine Verletzung oder eine Krankheit die Ursache war, konnte nicht festgestellt werden. Mit Mühe und Not schaffte er einen einmaligen Flugversuch von zwei Metern. Er wurde von den Eltern nicht mehr beachtet und erhielt in der darauf folgenden Stunde kein einziges Mal Futter.

Jetzt war seitens der mitfühlenden Belegschaft guter Rat teuer. Sollte der Jungvogel nicht verhungern, musste etwas getan werden. Man kam auf die Idee, ihn zu den anderen drei Jungschwalben zu geben, die immer noch unterhalb der Decke auf einem Mauervorsprung saßen und dort laufend gefüttert wurden. Doch auch dort änderte sich nichts. Das Sorgenkind zeigte keine Regung beim Anfliegen der Eltern und wurde immer apathischer. Seine drei Geschwister dagegen, die bei ihren Rundflügen schon die ersten Insekten fingen, erwarteten nach ihrer jeweiligen Rückkehr ihre Eltern mit lautem Geschrei. Derjenige, der seinen Schnabel am weitesten aufmachte, bekam auch das meiste Futter, während der Kränkelnde immer leer ausging.

Langsam schien dieser jetzt einzuschlafen. Er sank immer mehr in sich zusammen. Da nur noch eine Viertelstunde bis zum bevorstehenden Wochenendfeierabend war, hatte man das Sorgenkind mittlerweile aufgegeben. Es wurde befürchtet, dass man den Vogel Montag früh nur noch tot vorfinden würde. Da geschah das Unerwartete! Der Jungvogel schien plötzlich wieder neue Kraft zu schöpfen. Er machte seinen Schnabel weit auf und wurde auch prompt von den Eltern gefüttert. Diesem unverhofften Ansturm war er jedoch nicht gewachsen. Wahrscheinlich aus Schwäche verlor er den Halt und stürzte rücklings etwa 20 Zentimeter in eine kleine Vertiefung. Der unfreiwillige Rückzieher hatte aber für ihn keine weiteren Folgen. Nachdem er sich wieder aufgerappelt hatte, wurden er und seine drei Geschwister von den Eltern fleißig weitergefüttert. Man sah förmlich, wie das Sorgenkind wider zu Kräften kam. Erleichtert und froh über dieses Happyend ging die Belegschaft jetzt beruhigt in das bevorstehende Wochenende.

Im Jahr darauf wurde dem lebhaften Brutgeschäft der Schwalben im Auftrag der Betriebsleitung ein Ende gemacht. Aus Gründen der Hygiene wurden sämtliche Fenster, die im Sommer geöffnet waren, mit Fliegengittern versehen. So konnten die Schwalben nicht mehr ins Gebäudeinnere gelangen. Trotz dieser Maßnahmen fand ein Pärchen einen Weg bis in den zweiten Stock, um dort seinen Nachwuchs aufzuziehen. Dieser Fall zeigt, zu welchen Mühen und Strapazen der Bruttrieb die Tiere treibt, wenn ein Mangel an Nistgelegenheiten herrscht! Um sein Nest zu erreichen, musste das betreffende Schwalbenpaar zunächst von außen durch eine immer geöffnete Türe in einen großen Raum im Erdgeschoss gelangen. Von dort aus flog es in den nebenan gelegenen Raum, um dann durch eine Türe in das Treppenhaus zu fliegen. Hier ging es hinauf bis in den zweiten Stock und durch eine Türe wieder in einen Innenraum, in dem sich das Nest befand. Dieser lange Weg wurde täglich unzählige Male zurückgelegt, bis die Jungvögel flügge waren.

Text: © Walter J.Pilsak




Autor: Walter J. Pilsak


walter.pilsak@gmx.de
www.pilsak.de


Fotograf/Künstler: © Marion / www.pixelio.de

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1 Kommentar

  1. Margrit Baumgärtner

    Eine berührende Geschichte. Es ist schon sehr schade, wenn die Vögel keine Brutstätten mehr finden können. Da ich eher im ländlichen Raum lebe, kann ich Schwalben noch relativ häufig beobachten.

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