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Susanne Gerdom: Das Haus am Abgrund – Jugendbuch (14 – 17 Jahre)

Susanne Gerdom: Das Haus am Abgrund, München 2013, bloomoon/arsEdition BmbH, ISBN 978-3-7607-8666-7, Softcover/Klappenbroschur, 391 Seiten, Format: 20,8 x 14,2 x 4, EUR 14,99 (D), EUR 15.50 (A).

„Wer sollte denn dahinterstecken?“, fragte ich nüchtern (…). „Das müsste doch jemand sein, der jahrhundertelang …“
„Der Teufel möglicherweise“, unterbrach mich Skegg mit funkelnden Augen. „Ich glaube genausowenig daran wie du, mein Junge. Aber das ist etwas. Etwas Altes und Böses. Und es wohnt in Heathcote Manor.“
(Seite 158.)

Der siebzehnjährige Schüler Adrian leidet an einem inoperablen Gehirntumor und hat nicht mehr lange zu leben. Sein Vater, der Schriftsteller Tobias Smollet und dessen Lebensgefährte, Literaturprofessor Jonathan Magnusson sind mit ihm vom hektischen London nach St. Irais an die Küste Cornwalls gezogen. Dort wohnen sie im Kutscherhäuschen des inzwischen leerstehenden Herrenhauses Heathcote Manor.

Es ist Adrian bewusst, dass seine Krankheit bei ihm Halluzinationen hervorruft und er Gestalten sieht, die außer ihm niemand wahrnimmt. Da ist der Roshi, ein weiser alte Japaner und der gestrenge Genius, der sich wahlweise als riesiger blauer Muskelmann oder als schrill zurechtgemachte Punkerin zeigt. Ferner der bösartige, gewalttätige Joker, der wie eine Figur aus den Batman-Comics aussieht. Und neuerdings auch noch Azrael Moriarty, ein etwas umständlich und altmodisch daherredender älterer Herr, der wie ein Bestatter gekleidet ist. Dennoch ist Adrian davon überzeugt, dass mit dem Herrenhaus von gegenüber ganz real etwas nicht stimmt. Meist sieht es aus wie eine Ruine, doch in manchen Nächten ist es hell erleuchtet und wirkt bewohnt. Und dieser Spuk findet nicht nur in seinem Kopf statt.

Die fünfzehnjährige Nova Vandenbourgh, eine Nachfahrin der Herrenhaus-Besitzer, die seit dem Tod ihrer Eltern bei ihre Tante in St. Irais lebt, ist genauso besessen von dem Haus wie Adrian. Wenn die jugendlichen heimlich in dem Haus herumstreifen, erleben sie verschiedene Facetten einer tragischen Familiengeschichte einer längst vergangenen Epoche. Da ist ein strenger Vater, eine schwerkranke Mutter und zwei Teenageer-Töchter, die sich vor einem tödlichen Fluch fürchten. Halluzinationen? Geistererscheinungen? Erinnerungen an ein früheres Leben? Oder steigern sich die beiden Jugendlichen nur in die dörflichen Spukgeschichten hinein?

Im Ort erzählt man sich seit Generationen, dass Heatchcote Manor verflucht sei, weil ein Urahn der Vandenbourghs das Haus auf dem Grund einer alten heidnischen Kultstätte errichtet hat. Heathcote Vandenbourgh und seine Familie habe nur deshalb in Frieden und Wohlstand leben können, weil sich und seine Nachfahren an den Teufel verkauft habe, heißt es. Der Preis dafür seien gelegentliche Menschenopfer.

Der heruntergekommene Ex-Journalist Milton Skegg will sogar herausgefunden haben, dass die gesamte Gemeinde von dem Vandenbourgh-Deal profitiert hat. Von Krisen und Katastrophen soll St. Irais über die Jahrhunderte weitgehen verschont geblieben sein, sieht man mal von den periodisch auftretenden Vermisstenfällen ab. Ein Phänomen, das gerade in der Familie Vandenbourgh gehäuft auftreten soll. Alles nur dummes Geschwätz hysterischer Dörfler und eines versoffenen Zeitungsschreibers, der sich wichtig machen will? Novas Großmutter, die alte Mrs. Vandenbourgh, nimmt die Geschichten jedenfalls sehr ernst und dringt darauf, dass ihre Enkelin das Dorf so schnell wie möglich wieder verlässt.

Nova, die außerhalb von St. Irais aufgewachsen ist, weiß nicht so recht, was sie von der Geschichte halten soll. Adrian macht sich einen eigenen Reim auf seine Recherchen. Wenn es diesen Fluch tatsächlich gegeben haben sollte, ist dann nicht Novas Großmutter der lebendige Beweis dafür, dass er längst nicht mehr wirksam ist? Dass er nur die halbe Wahrheit kennt, kann er ja nicht wissen …

DAS HAUS AM ABGRUND ist eines der modernen Jugendbücher, bei denen man allenfalls am jugendlichen Alter der Hauptfiguren merkt, an welche Zielgruppe es sich richtet. Die düstere und packende Geschichte fesselt durchaus auch erwachsene LeserInnen und ist dazu geeignet, ihnen Albträume zu bescheren. Das Schicksal der „Winterbräute“ ist dermaßen entsetzlich, dass man gar nicht darüber nachdenken möchte, was das für die Mädchen und ihre Familien bedeutet. Und Adrians Perspektiven sind auch nicht gerade berauschend.

Sind die jugendlichen Leser heute so abgebrüht, dass sie solche grimmigen Geschichten verkraften, ohne anschließend in deprimierende Grübeleien über Krankheit und Tod zu verfallen? Wenn ja, dann erwartet sie hier eine faszinierende Geschichte mit sympathischen und lebensnah fehlbaren Personen. Held und Heldin sind physisch und psychisch angeschlagene Außenseiter und auch ihn ihrem familiären Umfeld gibt es handfeste Probleme.

Die Story ist noch spannender als ein Krimi, weil in diesem Szenario alles möglich ist. Der Leser kann nie sagen, was Realität ist und was Halluzination und inwiefern tatsächlich Übersinnliches eine Rolle spielt. Daher ist es nicht so einfach, die Ereignisse einzuordnen und die Zusammenhänge sowie den Fortgang der Geschichte zu erahnen. Entsprechend überraschend ist der Schluss. Gleichzeitig ist er aber plausibel. Denn wir man es auch dreht und wendet: Offenbar brauchte es genau diese spezielle Personenkonstellation …

Wer düsteren Lesestoff nicht scheut und sich gepflegt und anspruchsvoll gruseln möchte ist mit DAS HAUS AM ABGRUND bestens bedient. Auch wenn er/sie längst kein Teenager mehr ist.

Die Autorin
Susanne Gerdom lebt und arbeitet als freie Autorin und Schreibcoach mit ihrer Familie und vier Katzen am Niederrhein. Sie schreibt seit mehr als einem Jahrzehnt Fantasy und Romane für Jugendliche und Erwachsene.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
http://www.boxmail.de


Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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