Meine EQUITANA , Teil 4

Mein Blick geht zu den großen, weißen Zelten auf dem Platz vor der Essener Grugahalle und dem Haupteingang der Messehallen. Man könnte meinen, es handele sich um VIP-Zelte und in gewisser Weise stimmt das ja auch: Hier wohnen die „VIPs“ der EQUITANA, die 1000 Pferde.

Doch erst einmal muss ich die Eintrittskarte kaufen. 18 Euro – ich ahne, dass ich für diesen Preis ordentlich entschädigt werde und meine Vermutung soll sich bestätigen …

Noch warte ich um 9.45 Uhr in einer großen Menschentraube im Foyer des Haupteingangs. Internationales Sprachgewirr um mich herum, Niederländer, Engländer/Amerikaner, aber natürlich auch ganz viele Besucher aus ganz Deutschland. In der Hand halte ich das Tagesprogramm vom Freitag, 22. März 2013, es enthält für diesen EINEN Tag 310 Programmpunkte. Zum Glück habe ich Vorarbeit geleistet und mir im Internet meinen persönlichen „Ablaufplan“ (im wahrsten Sinne des Wortes) erstellt. Damit ausgestattet stürze ich mich um 10 Uhr in das Geschehen. Türen auf – ich bin mittendrin, Halle 12.

Kurze Orientierung und erstes „Erschnuppern“… Reitbekleidung und Reitsportzubehör gibt es hier, eine Halle, die ich im Schnelldurchlauf hinter mich bringe. Weiter zu Halle 10/11, wo Zuchtverbände ihre Warmblutpferde vorstellen: Trakehner, Hannoveraner, Oldenburger… Den Schwarzwälder Füchsen vom Gestüt (Gomadingen-) Marbach von der Schwäbischen Alb statte ich einen längeren Besuch ab. Doch dann finde ich auch die erste Besonderheit: Kinsky-Pferde. Die Grundlage dieser Zuchtlinie erfolgte durch den Grafen Kinsky ab 1838 in Böhmen. Heute ist es eine der seltensten Pferderassen. Zuchtfarben sind „Falbe“ und „Isabellen“ mit einem rötlich-goldenen Schimmer. Auffallend schöne Tiere – eines davon wird gerade vorgeführt. Länger kann ich mich nicht aufhalten, denn mein persönlicher Zeitplan sieht mich um 10.30 Uhr in Halle 7, zur Vorstellung von Appaloosa-Pferden. Der Name stammt vom Fluß Pallouse in Mittelamerika, wo die Nez-Perce-Indianer die Zucht dieser Tiere begonnen. Sie legten dabei großen Wert auf die speziellen Fellzeichnungen. Heute sind die Appaloosas bei Western-Reitern in vielen Ländern beliebt.

Also schnell vorwärts durch Halle 9: Geräte und Maschinen für den Stallbau kann ich getrost unbesehen lassen. Weiter durch Halle 8, dem Gastronomiebereich. Schon bin ich in Halle 7, welche komplett den Western-Reitern vorbehalten ist. Im Vorführring bewundere ich drei Appaloosas mit ihren Reitern. Ein Sprecher erläutert die vier Typen „Schabrackenschecke“, „Schneeflockenschecke“, „Tigerschecke“, „Marmorschecke“. Er betont die besondere Sanftheit und Ausgeglichenheit dieser Pferde.

Eine halbe Stunde schaue ich hier zu, dann ist es Zeit, das „Herz“ der EQUITANA aufzusuchen, die Halle 6 mit den großen Zuschauertribünen. 5000 Plätze, die bei den Abendveranstaltungen alle besetzt sind, aber auch jetzt beim Tagesprogramm von ca. 2000 bis 3000 Besuchern aufgesucht werden.

Für 10.40 Uhr steht Kenzi Dysli aus Andalusien auf dem Programm. Sie zeigt die „Doma Vaquera“, die spanische Arbeitsreitweise. Die junge Ausbilderin präsentiert sich mit ihrem Pferd „Attila“, reitet einhändig (die rechte Hand wird für den Hirtenstab/Garrocha benötigt). Zum Schluss nimmt sie dem Pferd Sattel und Zaumzeug ab und reitet ohne Hilfsmittel (nur durch Gewichtsverlagerung). Was so leicht aussieht ist Reitkunst auf höchstem Niveau!

11.30 Uhr der nächste Programmpunkt: Alfonso Aguilar, ein berühmter mexikanischer Pferdetrainer und Tierarzt. Mit einem jungen, unerfahrenen Pferd demonstriert er Grundlagen der Ausbildung. Mit Gelassenheit, Verbindlichkeit und viel Humor nimmt er dem Pferd die Angst vor verschiedenen Bodenhindernissen, die es durchlaufen oder umrunden soll. Eine beeindruckende Vorführung eines echten „Horseman“. Viel Applaus zum Schluss und nahtloser Übergang zur Vorstellung von zwei weiteren bekannten Pferdetrainern: Der erste ist Frederic Pignon aus Frankreich, berühmt durch spektakuläre Freiheitsdressuren. Die zweite, Linda Tellington-Jones, die auf eine lange Reitkarriere in Kanada zurückblicken kann und dann durch die Erfindung spezieller Ausbildungsmethoden berühmt wurde.

„Was macht die denn da?“ fragt mich meine unbekannte Sitznachbarin, während die Kanadierin ein Pferd an speziellen Körperpunkten berührt. Ich erzähle notdürftig vom „Tellington-Touch“, einer Art Akupressurmethode, mit der das Pferd beruhigt und sensibilisiert werden soll.

12 Uhr – mein längerer Sitzaufenthalt in Halle 6 gibt mir Gelegenheit, meine mitgebrachten Butterbrote zu essen. Stärkung für meinen Aufbruch zurück zu Halle 2, wo ich mir das Programm von Peter Pfister anschauen will. Der Trainer und „Trickreiter“ aus dem Taunus demonstriert, was bei einem konsequenten Umgang zwischen Mensch und Pferd alles möglich ist. Sein Schimmel „Michel“ reagiert auf jedes Körpersignal, macht Kunststücke und lässt sich zum Schluss sogar in eine große Plastikfolie einwickeln. Viele Zuschauer bestaunen diese Darbietung.

12.30 Uhr: Eine ganz besondere Rarität kommt auf den Platz, ein schwarzer Kladruber-Hengst. Die vom Aussterben bedrohte Rasse aus zwei tschechischen Gestüten gibt es nur als Schimmel oder Rappen. Sie werden als große, imposante Kutsch- und Reitpferde gezüchtet. Das Schaubild vergrößert sich zu „Barocken Momenten“, ergänzt durch ein spanisches Pferd (Lusitano) und ein Kinsky-Pferd. Der Reiter und die beiden Reiterinnen sind jeweils in historischen Kostümen eingekleidet.

Wo will ich noch hin? Auf meiner Liste steht unbedingt noch eine kleine Zwischenhalle, die „Galeria“. Hier präsentieren verschiedene Künstler ihre Pferdebilder, Zeichnungen und Skulpturen. Lange bewundere ich, wie lebensecht ein Pferd (oder ein anderes Tier) dargestellt werden kann. Viele Broschüren, aber auch kostenlose Zeitschriften verschwinden in meiner Tasche.

Anliegend die Halle 4, wo ich wunderschöne Kutschen betrachten kann, kunstvolle Fahrzeuge und schmuckvolles Fahrgeschirr. Ein kurzer Blick zur Rolltreppe, die zur Halle 5 im Obergeschoss führt: Dort gibt es Reitbekleidung und Zubehör, die Besucher drängen sich dicht an dicht und kommen mit gefüllten Riesentaschen wieder herunter. Ob es dort etwas umsonst gibt? Wohl kaum.

Als „Schon-lange-nicht-mehr-Reiterin“ muss ich mich diesem Kaufrausch nicht hingeben. Ich bin auch gänzlich immun gegenüber violetten Pferdebandagen und Abschwitzdecken mit Strasssteinen (für die Pferde wohlgemerkt)!

Schon wartet in Halle 10 die nächste Vorführung: In Warteposition steht bewegungslos ein (relativ kleines) Kaltblutpferd, ein Noriker aus Österreich. Die Frau im Sattel reitet das Pferd nach Western-Art und überrascht zusammen mit mehreren Tänzern mit einer kuriosen Darbietung: Alle zusammen, auch Noriker-Stute „Franka“, tanzen amerikanischen „Line-Dance“. Das Publikum tobt vor Begeisterung!

Kurz danach steht „Franka“ wieder im Hallengang zwischen vielen Menschen, lässt sich von allen Seiten anfassen, wartet ruhig wie eine Statue … auch beim kurzen Presse-Fototermin, zu dem sowohl die Reiterin als auch das Pferd eine gelbe Schärpe umgelegt bekommen. (S. FOTO)

Kontrastprogramm: Am gleichen Platz hat nun eine ganz andere Rasse den großen Auftritt. Das Gestüt Ismer (aus Ströhen/Niedersachsen) präsentiert zwei junge Araber-Wallache, einen Schimmel und einen „Fuchs“ mit dem Namen „Ganges“. Hier zeigt sich nun, was für imponierende Geschöpfe die Urahnen sämtlicher Pferderassen sind: Die Besitzerin lässt die beiden Pferde einfach nur frei laufen. Mit dem eleganten Kopf und dem typisch hoch getragenen Schweif galoppieren die Araber nach eigenem Gefallen von einer Seite zur anderen, von einer Ecke in die gegenüberliegende. In der jeweiligen Ecke stoppen sie schlagartig, recken neugierig die Hälse in die Menschenmenge hinter dem Zaun und lassen sich kurz anfassen. Und schon geht´s im wilden Lauf in die nächste Ecke.

Ein erhabener Anblick und die Menschen raunen und jubeln leise. Viele versuchen, eine Streicheleinheit loszuwerden. Die Pferde scheinen sich fast einen Spaß daraus zu machen, mit den Menschen zu „spielen“…

Ca. 20 Minuten geht das so, in einer Ecke verweilt der Schimmel besonders lange und lässt sich von einem Kind im Rollstuhl streicheln – ohne, dass ihn jemand gezwungen oder aufgefordert hätte. Der goldbraune „Ganges“ stürmt auch oft in „meine Ecke“ und gönnt mir einige „berührende Kontakte“.

Die beiden Araber ziehen das gesamte Publikum in ihren Bann. Besser hätte man die besondere „Menschenbezogenheit“ dieser Rasse nicht demonstrieren können … Wunderbar! Ich brauche eine Verschnaufspause und einen Snack im Gastronomiebereich Halle 8 …

Und nun? Es ist schon 17 Uhr. Ich könnte etwas im „großen Ring“ verpassen, also noch einmal in die große Halle 6. Zu sehen sind gerade brasilianische Pferde, die Mangalarga Marchadores. Nachfolgend eine kleine „Lehrstunde“ mit zwei Reiterinnen auf ihren Pferden. Und dann noch einmal ein Wiedersehen mit dem Gestüt Marbach: Eine Kutsche, gezogen von 6 „Schwarzwälder Füchsen“. Eine Reitquadrille mit Camarguepferden begeistert gegen 18 Uhr.

Ein Hauch von Müdigkeit überfällt mich, ich sollte langsam den Rückweg antreten. Ein letzter Blick in die beeindruckende Vorführarena und dann geht´s zurück zur Halle 12. Unterwegs mache ich mehrere Zwischenstopps bei Pferdebuch-Verlagen sowie an dem modernsten Reitsimulator.

In Halle 12 angekommen fällt mir auf, dass ich die entgegengesetzte Halle 1 total vergessen habe! Ich beschließe, auf Futtermittel und Tierarzt-Lehrschauen zu verzichten, ebenso auf das echte Pferdeskelett und die von innen begehbare „Pferdeorgan-Figur“ samt „vibrierendem Dünndarm“. Es ist 18.30 Uhr, in einer halben Stunde ist offizieller Schluss.

Mein Kopf ist voll von bunten Bildern, als ich den „Eingang Ost“ erreiche. Erstes Ziehen in den Beinen – 2 gefüllte Taschen mit Prospekten – mindestens 3fach übertroffene Erwartungen – gefühlte 5 km „Zickzacklauf“ – gut 8 Stunden stehen, sitzen, staunen, streicheln – rund 100 Fotos (die Batterie schwächelt) – ade EQUITANA … es war unschlagbar schön!




Autor: Margrit Baumgärtner

margritbaumgaertner@web.de


Fotograf/Künstler: © Margrit Baumgärtner / privat

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5 Kommentare

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    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 3. April 2013 at 06:35
    • Antworten

    Nachtrag:
    Auf dem Foto ist „Franka“ in Ruhestellung zu sehen. Doch den Line-Dance-Auftritt kann man sich nun ebenfalls anschauen. Einfach zu http://www.cavallo.de gehen — Equitana-Videos — Video Nr. 8 !!!

  1. Toller Bericht! Jetzt haben wir sogar schon Korrespondenten vor Ort! 🙂 Werde ich mir merken, wenn bei uns in der Nähe wieder mal tierisch was los ist.

      • Baumgaertner
      • Margrit Baumgärtner on 3. April 2013 at 13:01
      • Antworten

      Herzlichen Dank, Frau Nebel ! Meine „Fachkenntnisse“ wären bei anderen Tierarten allerdings deutlich schlechter…(lach)!

  2. Aha, Schnelldurchlauf bei Reitbekleidung und Zubhör..also ist Margrit wirklich keine Domina (lach)

    Mit Frau Edith bin ich der Meinung: hier ist deine echte Reporterin am Werk in Sachen Pferde.
    viel Sachverstnad gebündelt…aber bei anderen Tieren bist du auch sehr gut drauf!

      • Baumgaertner
      • Margrit Baumgärtner on 3. April 2013 at 15:28
      • Antworten

      Danke, Hans! Man tut was man kann…..

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