Du, mein Bruder …

… Du warst tot …
fast tot, vor dreiundzwanzig Jahren,
eine Sekunde Schlaf auf der Autobahn,
mehr als zwei Monate im Koma in der Unfallklinik.
Du warst ein Maschinenmensch,
nackt, nur mit weißen Tüchern bedeckt,
allein im tiefen Schlaf.
Die Hoffnung war gering, so gering,
du warst auf dem Weg in den Tod.
Ich besuchte Dich, sah Dich liegen,
ganz weit weg warst Du, so weit weg,
nur ein ganz leises, flaches Atmen zeigte Leben in Dir.
Ich nahm Deine linke Hand, sprach Dich an,
Du öffnetest Dein linkes Augenlid ganz
leicht, Du antwortetest mit einem kurzen Händedruck.
Dann nahm Dich das Koma wieder gefangen,
nur ein starkes Körperschütteln folgte.
„Er kommt zurück“, sagte der Arzt.
Du kamst zurück ins Leben, ein Leben im Rollstuhl, seit nunmehr 23 Jahren.
Du hast „dennoch“ gesagt, „ja“ gesagt zum Leben, hast dieses neue Leben
angenommen, hast Dich durchgebissen, trotz aller Hemmnisse, Du hast angefangen zu
schreiben, Gefühle, Gedanken, Deine Hoffnungen und Ängste hast Du in Worte gefasst:
„Du, ich creme Dir die Seele ein!“
ist die erste Zeile eines Deiner wundervollen Gedichte.
„Meine Welt ist auf 130 cm geschrumpft“, sagst Du.
„Ich sehe immer nur Hintern“, sagst Du … und lächelst dabei.
Du bist ein ganz starker Typ, mein Bruder, wie gut, dass es Dich gibt,
mein Bruder!

© Fritz Rubin, 27. Oktober 2004, Othfresen,geändert am 24. März 2013




Autor: Fritz Rubin

FritzRubin@online.de
www.fritzrubin.de


Fotograf/Künstler: © Albrecht E. Arnold / www.pixelio.de

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