Mein kleiner, grüner und einäugiger Freund

Vor kurzer Zeit wurde ich gefragt wie ich dazu gekommen bin mich im Tierschutz zu engagieren. Meine Antwort war recht banal: „Ich habe immer schon Tiere gemocht, da hat sich das halt so entwickelt“. Stimmt im großen und ganzen – aber wenn ich darüber nachdenke war es doch nicht so einfach und es gab in meiner Kindheit einen Auslöser dafür.

Als ich etwa 10 Jahre alt war hat mein ältester Bruder Wellensittiche gezüchtet. Ich fand die Volieren und die umherschwirrende, tschilpende Vogelschar natürlich interessant, aber für einen Jungen in dem Alter gab es natürlich 1000 Dinge die noch spannender und wichtiger waren.

Das änderte sich als mir mein Bruder ein kleines, flauschiges Vogelbaby zeigte. Der arme Wurm hatte nur ein Auge, ob durch eine Verletzung oder ob es sich um einen „Geburtsfehler“ handelte, konnte man nicht sagen. Das schloss ihn natürlich zwangsläufig von der Zucht aus – und leider auch als Liebhabertier, denn wer wollte zur damaligen Zeit schon ein behindertes Tier haben?

Mir ging das hilflose Wesen allerdings nicht mehr aus dem Kopf. Die Vorstellung, dass es wie mein Bruder es formuliert hat „entsorgt“ werden muß, fand ich einfach nur schrecklich und traurig. Also begann ich meine Eltern und meinen Bruder zu bereden das ich unbedingt den Kleinen als Haustier haben muß. Ein zehnjähriger kann sehr hartnäckig und nervend sein …. es dauerte nicht ganz lange und ich bekam meinen Willen. Oder vielmehr einen Käfig mit der notwendigen Grundausstattung und den einäugigen Hansi.

Fragen sie mich bloß nicht wie ich auf diesen Namen kam – 2013 hätte er natürlich einen möglichst coolen, exotischen Namen bekommen – in den siebziger Jahren des letzten Jahrtausends wurde es eben ganz schlicht ein Hansi …

Der Wellensittich wurde sehr schnell zahm und extrem zutraulich. Nicht nur weil ich mich sehr viel mit ihm beschäftigt habe. Der Hauptgrund war wohl das ich ihn alleine gehalten habe und ihm ein Partner oder eine Partnerin gefehlt hat. Aber damals wußte ich es leider einfach nicht besser.

Hansi war immer in meiner Nähe, ganz egal was ich gerade angestellt habe. Beim Hausaufgaben machen hat er meine Schulhefte mit kleinen „Hinterlassenschaften“ verziert oder einfach den Rand der Blätter mit einem schönen gezackten Muster versehen. Dasselbe hat er auch mit den Tapeten über der Gardinenstange gemacht, was meine Eltern natürlich nicht ganz so toll fanden wie mein kleiner grüner Freund und ich. Aber die Vorhaltungen hielten sich in Grenzen, da der kleine lustige Bursche auch sie verzaubert hat. Deswegen durfte er auch mit uns in Urlaub fahren und die Vorzüge eines Campingurlaubes im Wohnwagen kennen lernen.

Bei einem dieser Campingurlaube wollte er dann auch die große weite Welt kennenlernen und hat mir damit damals die schlimmsten Stunden meines bisherigen Lebens beschert. In einem unachtsamen Augenblick war er meiner Mutter entwischt und in den Baumwipfeln verschwunden. Das mußte irgendwann einfach passieren, denn Freiflug war ja eigentlich etwas ganz normales bei uns – allerdings in der Wohnung und nicht grade in der freien Natur. Ich habe ihn den ganzen Tag verzweifelt gesucht und bin Hansi rufend und Tschilp-Laute nachahmend durch die Gegend gewandert. Irgendwann hat mein Freund mir dann aus einem Baum geantwortet.
Er kam angeflogen, hat sich auf meinen Finger gesetzt, den Kopf schief gehalten und mich mit seinem einem Auge angeschaut. Es war bestimmt ein sehr skurriler Anblick wie der kleine Junge mit tränenverschmierten Gesicht, aber lachend mit seinem Vogel auf dem Finger den ganzen weiten Weg zurück gelaufen ist.

Mir hat der kleine liebe Sittich eines schon sehr früh beigebracht: Auch ein behindertes Tier hat ein Recht auf Leben und kann im Rahmen seiner Möglichkeiten ein glückliches und langes Leben haben. Jedes Leben ist gleich viel wert und man darf keine Unterschiede machen.

Wenn ich darüber nachdenke wie vielen Tieren in Not ich bereits geholfen habe und noch helfe, dann kann man eines ganz sicher behaupten – auch ein kleiner einäugiger Wellensittich kann viel bewirken. So einen Freund vergisst man nicht und denkt immer wieder mal an ihn – auch nach fast 40 Jahren.




Autor: Von: Klaus Albers

klaus.albers1@gmx.de


Fotograf/Künstler: © Thomas Tobaben / www.pixelio.de

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1 Kommentar

    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 15. März 2013 at 09:53
    • Antworten

    Der kleine Hansi war besonders zutraulich und menschenbezogen…eine schöne Geschichte !
    In meiner Kindheit hatten wir auch mal einen Wellensittich, der aber leider sehr scheu und ängstlich war, obwohl wir uns mit ihm beschäftigten. Er ist früh gestorben – möglicherweise war er schon vom Kauf an krank gewesen…?! Heute würden wir natürlich auch keinen Vogel mehr in Einzelhaft halten.
    LG Margrit

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