Werner Bauknecht: Totgelaufen – Ein Tübingen-Krimi

Werner Bauknecht: Totgelaufen – Ein Tübingen-Krimi, Reutlingen 2012, Oertel + Spörer Verlag, ISBN 978-3-88627-929-6, Softcover, 219 Seiten, Format: 18,8 x 11,8 x 1,7 cm, EUR 9,95.

„Hören Sie (…), mein Vater war ein ganz einfacher Mann. Er hat dieses Sportgeschäft von einem Onkel übernommen und es dann im Lauf der Zeit ausgebaut. (…) Daneben war er Vorstand eines Leichtathletikvereins und verbrachte seine ganze Freizeit auf dem Vereinsgelände. Dort trainierte er eine Gruppe talentierter Nachwuchsläufer und nebenher bereitete er eine Seniorengruppe auf einen Marathon vor. So, und jetzt frage ich Sie: Wer sollte einem solchen Mann etwas Böses wünschen?“ (Seite 48)

Beim Tübinger Stadtlauf schießt ein Unbekannter auf die Läufer. Josef Maika, Inhaber eines Sportgeschäfts und Vorsitzender des Tübinger Leichtathletikclubs, bricht tödlich getroffen zusammen. Das Zufallsopfer eines Heckenschützen? Zunächst sieht es so aus, doch der harmlose, sozial engagierte Vereinsmeier entpuppt sich nach und nach als rücksichtsloser Geschäftsmann, der einen Sportmediziner und eine alte Dame bei einem Immobiliendeal brutal abgezockt hat. Und nicht nur das! Mit zwei Vereinskameraden war Maika schon weit vor ihrer Tübinger Zeit in höchst zweifelhafte Geschäfte verwickelt.

Als Leser fragt man sich, warum die Polizei dieser Spur nicht nachgeht. Vielleicht liegt’s ja am neuen Chef. Hauptkommissar Christian Löffler ist nicht unbedingt ein Teamplayer. Er stammt aus einer einflussreichen, gut vernetzten Tübinger Familie und hält ganz gern mal mit seinem Insiderwissen hinter dem Berg, um seine Mitarbeiter, die Kommissare Gerd Stammler und Monika Berger nebst Sekretärin Annemarie Heim dumm dastehen zu lassen. Möglicherweise weiß er ja etwas, das seine Kollegen und wir Leser nicht wissen …

Denkbar auch, dass umgekehrt ein Schuh daraus wird. Der routinierte Krimileser ist sich schon nach der Hälfte des Buchs über Täter und Motiv im Klaren und rätselt, womit die Kommissare jetzt noch einen halben Roman lang die Zeit vertrödeln wollen, bis sie sie ihn endlich festnehmen.

In Kapitel 24, ein paar Leichen später, zaubert der Hauptkommissar dann tatsächlich die Lösung aus dem Hut, die sich schon in den Kapiteln 10 und 11 aufgedrängt hat. Seine Mitarbeiter bestaunen ihn großäugig. Okay, die haben einen Kater, weil sie am Vorabend im „Storchen“ versumpft sind und denken deshalb nicht so schnell. Hätten sie mal lieber ihre Hausaufgaben gemacht!

Wenn mir jetzt ein Tübinger sagt, dass Löffler, Berger und Stammler Karikaturen real existierender Polizisten sind, dann mag dieses Team für Insider in Ordnung sein. Für einen Krimileser von außerhalb gehen diese Ermittler gar nicht. Hauptkommissar Christian Löffler ist so gutaussehend wie Erol Sander/Kommissar Özakin aus „Tod in Istanbul“. Er hat friends in high places wie Elizabeth Georges adeliger Romanheld Inspector Lynley und ist fast so schnöselig wie Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Börne aus dem “Tatort” Münster. Nur ist er nicht so witzig.

Kommissarin Monika Berger mag aussehen wie ein Model, ist aber ein begriffsstutziger Trampel, der permanent schwätzt bevor er denkt. Sympathie entwickelt man allenfalls für Kommissar Gerd Stammler. Der ist so normal. Als er durch unglückliche Umstände obdachlos wird, zeigt sein Chef einen menschlichen Zug und quartiert ihn spontan in einem Gästezimmer der elterlichen Villa ein. Sonst scheut er ja den persönlichen Kontakt zu seinen Mitarbeitern. Wie so ein abweisend wirkender Mensch ein guter Netzwerker sein soll, bleibt ein Rätsel. Aber vielleicht stellt er sich ja nur im Büro so an.

Überhaupt herrscht eine sonderbare Stimmung unter den Kollegen. Oder kommt einem das nur so vor, weil ausgerechnet da manche Dialoge ein bisschen gekünstelt klingen? „Das schon, nach ihren letzten Erlebnissen mit dem anderen Geschlecht ist so eine Annäherung ganz gut. Ich meine, dass sie wieder in Männergesellschaft kommt. So ganz zwanglos.“(Seite 170)

Mensch, wa isch’n des firra Gschwätz? Sag des amol laut uff! – Aha. Merksch was?*

Authentisch kommen einem die Leute vor allem dann vor, wenn sie mal ein bisschen was im Dialekt sagen dürfen. Vermutlich, weil man sich als Autor Mundartliches erst einmal laut vorsagt, ehe man es niederschreibt.

Berührend und nachvollziehbar ist die Geschichte des Täters. Gutheißen kann man sein Tun freilich nicht, aber man versteht, was ihn antreibt. Die Erklärung hätte auch deutlich einfacher ausfallen können. Dieser Mensch handelt jetzt, weil er nichts mehr zu verlieren hat.

Ein überzeugender Fall ist bei einem Krimi aber nur die halbe Miete. Nervt ein unsympathisches Ermittlerteam, ist das Lesevergnügen getrübt. Wenigstens hängen die Polizisten nach Feierabend in einer kultigen Kneipe herum. Vielleicht ist bei denen doch noch nicht Hopfen und Malz verloren …

Der Autor
Werner Bauknecht ist in Tübingen geboren, studierte in München Soziologie, Betriebswirtschaft und Politik. Von 1987 bis 2000 Referent für Controlling beim Sparkassenverlag. Er lebt mit seiner Familie in Rottenburg und arbeitet als freier Journalist. Er hat bereits zahlreiche Kurzgeschichten, Drehbücher und Theaterstücke veröffentlicht.

*) Übersetzung: Mensch, was ist denn das für ein Geschwätz? Sag das mal laut auf. – Aha! Merkst du was?




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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1 Kommentar

    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 13. Februar 2013 at 09:08
    • Antworten

    Stolz darf ich an dieser Stelle festhalten, dass ich die schwäbischen Sätze auch ohne Übersetzung sofort verstanden habe…(lach)…!

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