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Marlies Ferber: Null-Null-Siebzig, Agent an Bord, Kriminalroman

Marlies Ferber: Null-Null-Siebzig, Agent an Bord – Ein Fall für Ex-Agent James Gerald, Kriminalroman, München 2012, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-21418-6, Softcover, 349 Seiten, Format: 19 x 12 x 2,6 cm, EUR 9,95 (D), EUR 10,30 (A).

“Jeremy, es gibt zwei Vermisste an Bord und eine angespülte Leiche. Das einzig Verantwortungsvolle ist meiner Meinung nach, die Menschen an Bord zu warnen. Als Erstes die Menschen, die hier im Raum sind.“ (Seite 246)

James Gerald, 70, seit 5 Jahren im Ruhestand, war früher Geheimagent beim britischen SIS (Secret Intelligence Service). So ganz bekommt man diesen Job auch als Rentner nicht aus dem System. Er ist immer noch mit ein paar Ex-Kollegen in Kontakt, vor allem mit seiner ehemaligen Sekretärin, Sheila Humphrey, 67. Sie lebt in seiner unmittelbaren Nachbarschaft und die beiden sind befreundet.

Nicht, dass zwischen dem Ex-Agenten und der attraktiven Witwe etwas laufen würde. James Gerald ist der Typ „schrulliger alter Junggeselle“ mit Hang zur Besserwisserei. Er ist manchmal so ein Sozialtrampel, dass man sich fragt, ob überhaupt jemals eine Beziehung zu einer Frau gehabt hat. Hetero scheint er ja zu sein. Zumindest streiten können James und Sheila wie ein altes Ehepaar. Sie kennen einander ja auch schon seit vierzig Jahren. James kreidet Sheila ihre Emotionalität an, sie ihm seine Gefühlsarmut und seine fortwährende Klugscheißerei.

Das Umfeld scheint die Beiden als Paar wahrzunehmen. Jedenfalls wird James mit eingeladen, als Sheilas Mutter, Phyllis Barnes, ihren 90. Geburtstag feiert. James ist über die alte Dame sehr erstaunt. Eine so temperamentvolle und unkonventionelle Mutter hätte er der eher konservativen Sheila gar nicht zugetraut. Sheila hatte nie von ihr erzählt. Sie ist bei ihrem allein erziehenden Vater aufgewachsen. Ihre Mutter hatte die Familie verlassen, als Sheila 5 Jahre alt war.

Jetzt hat Phyllis gerade zum siebten Mal geheiratet. Jede Scheidung hat sich für sie finanziell gelohnt. Sie ist steinreich und kennt eine Menge einflussreicher Leute. Entsprechend wird ihr Geburtstag auch nicht in einem Landgasthof gefeiert, sondern mit einer einwöchigen Kreuzfahrt auf der MS-Victory. Das Schiff gehört dem Reeder Jeremy Watts, einem von Phyllis‘ vielen Ex-Ehemännern. Er ist ihr immer noch freundschaftlich verbunden und hat ihr die Reise für die gesamte Geburtstagsgesellschaft geschenkt.

James Gerald findet die Vorstellung, mit Sheilas und Phyllis‘ Freunden und Verwandten eine Woche auf einem Kreuzfahrtschiff eingesperrt zu sein, schlichtweg grauenvoll. Aber er kommt aus der Nummer nicht mehr heraus.

Zählt man die Angestellten mit, gehören 16 Personen zu Phyllis‘ Geburstagsgesellschaft. Und nicht alle sind einander grün.

Eden Philpotts, Phyllis‘ aktueller Ehemann, den Sheila an Bord auch zum ersten Mal sieht, scheint so gar nicht zu seiner lebenslustigen Frau zu passen. Er ist 20 Jahre jünger als seine Frau und ein stiller Bücherwurm, der gerne Golf spielt – was Phyllis hasst. Sheila hält ihn für einen Heiratsschwindler. Doch wie soll sie das ihrer Mutter beibringen?

Aber vielleicht ist sowieso schon alles zu spät – oder das Problem hat sich erledigt. Denn während die Geburtstagsgesellschaft einen Landausflug nach Rom unternimmt, verschwindet Eden Philpotts spurlos. Hat er sich aus dem Staub gemacht oder ist er, aus welchem Grund auch immer, über Bord gegangen?

Reeder Jeremy Watts lässt das Schiff durchsuchen, James Gerald und Sheila durchleuchten derweil die Vergangenheit des Verschwundenen. Und beide Parteien finden nichts. Hat Edens Verschwinden vielleicht mit früheren ungeklärten Todesfällen auf der US Victory zu tun? Ist etwa ein Serienmörder an Bord? Ist Eden die Wasserleiche, die an der ligurischen Küste angespült wurde?

Dann verschwindet auch noch Phyllis‘ Sekretärin Judy Kappel. Noch ein Todesfall? Oder hat sie mit Eden Philpotts, oder wie auch immer der Mann wirklich heißt, gemeinsame Sache gemacht? Räumen die zwei Gerade Phyllis‘ Konten leer? Was wird hier gespielt?

Ausgerechnet eine Szene aus einer Kasperltheater-Aufführung bringt James auf eine Idee. Wenn er Recht hat, geschieht hier etwas Ungeheuerliches. Aber nicht einmal „Agent Null-Null-Siebzig“ James Gerald kennt alle Fakten …

Schleichende Erben, zerstrittene Verwandte, Verliebte, Verletzte und Enttäuschte, dazwischen ein paar Hoch- und Tiefstapler– und das alles auf engem Raum, ohne Ausweichmöglichkeiten, das ist wie in einem Krimi von Agatha Christie. Auch der Agent selbst wirkt wie ein James Bond im Miss-Marple-Alter. Nur dass James Bond niemals so ein selbstgerechter Stoffel geworden wäre …

Wie man es schon von Miss Marple und Hercule Poirot kennt, wird die Lösung am Schluss aus dem Hut gezaubert. Verdächtig ist die komplette Geburtstagsgesellschaft, vielleicht sogar das Personal. Als Leser hat man keine Möglichkeit, vor den beiden Renten-Agenten auf die Lösung des Falls zu kommen. Wir können miträtseln, müssen aber abwarten, wen James uns als Täter präsentiert.

Actionreich und von atemloser Spannung ist diese Art von Krimis nie. Das weiß man. Tatsächlich braucht es fast das halbe Buch, bis endlich „etwas passiert“. Vorher lernen wir das Romanpersonal gründlich kennen und haben ausreichend Gelegenheit, zu beobachten, wer sich seltsam verhält, wer etwas zu verbergen scheint und mit wem wohl etwas nicht stimmt. Hätte nicht sogar Sheila ein Motiv? Irgendwann hat einen die Geschichte in den Klauen und man will unbedingt wissen, wer und was dahinter steckt.

Das Wortgeplänkel zwischen James und Sheila ist amüsant. So unterschiedlich die beiden sind, verbindet sie doch eine lange gemeinsame Geschichte. Wenn James nur nicht so verflixt eigenbrötlerisch wäre, dann könnte man auch verstehen, warum Sheila sich mit ihm abgibt. Sie streiten doch nur! Hat die langjährige Tätigkeit beim Geheimdienst sie unfähig zu Sozialkontakten mit ganz normalen Menschen gemacht? Wie dem auch sei, wer klassische britische „Häkelkrimis“ mag, wird an den Abenteuern der Renten-Agenten James und Sheila seine Freude haben.

Die Reihe
Es ist fürs Verständnis der Geschichte nicht nötig, Band 1 – Null-Null-Siebzig, Operation Eaglehurst, ISBN 978-3-423-21345-5 – zu kennen. Man kann die Bände gerne auch in umgekehrter Reihenfolge lesen.

Die Autorin
Marlies Ferber, Jahrgang 1966, studierte Sinologie, arbeitete als Buchredakteurin und ist bekennender Englandfan. Die Autorin und Übersetzerin lebt mit ihrer Familie im Ruhrgebiet.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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