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Hans-Martin Gauger: Das Feuchte und das Schmutzige

Hans-Martin Gauger: Das Feuchte und das Schmutzige – Kleine Linguistik der vulgären Sprache, München 2012, Verlag C.H.Beck, ISBN 978-3-406-62989-1, Softcover/Klappenbroschur, 282 Seiten, Format: 21,4 x 13,8 x 2,2 cm, EUR 16,95.

„Der Seckel ist im ganzen südwestdeutschen Sprachraum, im „Alemannischen“ im weiteren Sinn (…), ungeheuer verbreitet (…)“, schreibt der Autor auf Seite 144. Einem Schwaben und aktiven Verwender dieses derben Schimpfworts ist jedoch glasklar, dass es überall auf der Welt Seckel gibt. Nur heißen die anderswo nicht so. Genau das ist der Punkt: Fluchen und (Be-)Schimpfen unterliegt gewissen Konventionen und die sind regional verschieden.

Den vulgären Wortschatz von fünfzehn Sprachen hat der emeritierte Ordinarius für Romanistische Sprachwissenschaften an der Universität Freiburg untersucht und verglichen. Dass die Deutschen beim Schimpfen einen einzigartigen Sonderweg beschritten haben und dass ausgerechnet der südwestdeutsche „Seckel“ diesbezüglich eine Besonderheit darstellt, gehört zu den Erkenntnissen, die uns dieses Buch vermittelt.

Die Sonderstellung des Deutschen wird anhand zahlreicher Beispiele eindeutig belegt: Wir schimpfen fast ausschließlich exkrementell, die meisten anderen Sprachen dagegen hauptsächlich s * e * x * uell. Die Schweden schimpfen größtenteils religiös und die Franzosen sowohl s * e * x * u e l l als  auch exkrementell, wobei letzteres vermutlich ein Erbe der germanischen Franken ist.

Bei den Spaniern haben die  s * e * x *u e l l bezogenen Unflätigkeiten sogar einen Namen: tacos. Und es gibt eine spezielle „Männersprache“, die sich durch solche ritualisierten Kraftausdrücke auszeichnet. Sie wird gesprochen, wenn die Herren der Schöpfung unter sich sind – und durchaus auch von gebildeten Personen. Interessant ist, dass Lateinamerikaner von dieser Ausdrucksweise entsetzt sind und sich davon distanzieren.

Die russische Vulgärsprache nennt sich „Mat“ bewegt sich ausschließlich im  S * e * x *uellen. Im Buch gibt es eine Textpassage mit wörtlicher und sinngemäßer Übersetzung (Seite 119). Sehr aufschlussreich! Das weicht, wortwörtlich betrachtet, so stark von unseren deutschen Schimpfgewohnheiten ab, dass es geradezu schockierend ist, obwohl der Sprecher, wenn man sinngemäß übersetzt, nur leidlich ungehalten ist.

Warum es beim Schimpfen „Fick“-Kulturen und „Scheiß“-Kulturen gibt, ist ungeklärt. Die Sprachwissenschaft ergeht sich ungern in Spekulationen. Das gilt als unwissenschaftlich. Ob bei uns das  S * e * x *uelle mit einem größeren oder geringeren Tabu behaftet ist als anderswo und deshalb nicht zum Fluchen herangezogen wird, ob wir entwicklungstechnisch in der analen Phase steckengeblieben sind und das Schmutzige die übertriebene deutsche Ordnungsliebe kompensiert … Vermutungen gibt es viele. So richtig plausibel wirkt nichts. Womöglich ist es Zufall. Wenn eine Sprache einmal auf einer Schimpf-Schiene eingefahren ist, wird das Vokabular nur noch phantasievoll variiert, aber man weicht nicht grundsätzlich davon ab. Schließlich will man ja innerhalb der eigenen Gruppe nicht unangenehm auffallen. 😉 Wird mit Bildern aus einer anderen Schimpfkultur geflucht, empfindet der Zuhörer das als „nicht normal“.

Man muss sich schon konzentrieren, um den Ausführungen des Autors folgen zu können. Er ist Experte, er nimmt sie Sache ernst. Welche Unflätigkeiten man in den verschiedenen Sprachen zu welchen Gelegenheiten äußert, das ist verblüffend, aufschlussreich und gut nachzuvollziehen. Amüsant und unterhaltsam ist es obendrein. Auch wenn es Hans-Martin Gauger ein wenig unangenehm zu sein scheint, ein ganzes Kapitel über Scheiße schreiben zu müssen – der Leser hat sein Vergnügen. Wann darf man sich sonst als halbwegs kultivierter Mensch ungehemmt in unanständigen Wörtern suhlen, wenn nicht im Rahmen einer linguistischen Analyse?

Merken kann man sich bildhaften Redewendungen nur begrenzt, auch wenn man die eine oder andere der untersuchten Sprachen recht gut spricht. Aber es ist ja auch nicht das Ziel des Autors, uns das multilinguale Fluchen beizubringen. Wir sollen die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede in den verschiedenen Sprachen und Kulturen ein bisschen besser verstehen lernen.

Und warum nimmt der „Seckel“ jetzt im deutschen Vulgär-Vokabular eine Sonderstellung ein? Weil das ein Begriff für das männliche Glied ist und so eine der wenigen  s * e * x *uellen Beschimpfungen darstellt, die wir gebrauchen.

Sprachlich zumindest scheint Europa zusammenzuwachsen. In die Jugendsprache wandern zunehmend s * e * x *uelle Beschimpfungen und „Verwandtenbeleidigungen“ ein, die bislang im Deutschen keine große Rolle gespielt haben. Die Frage, ob das gut oder schlecht ist, stellt sich nicht. Sprachwissenschaft bewertet nicht. (Und Seckel wird es immer geben, egal, wie man sie nennt.)

Beim einen oder anderen Kapitel wird der Laie verwirrt die Waffen strecken. Wenn der Autor literarische Beispiele heranzieht, der Frage nachgeht, was eigentlich S* e* x* ualität ist, was genau man unter obszön versteht oder sich erklärend dem Begriff des Bezeichnens zuwendet, steigt der Nicht-Sprachwissenschaftler geistig aus. Wie? Signifikat, Designat, Referent? Müssen wir das verstehen? Nein, müssen wir nicht. Wir lesen zwar ein anspruchsvolles Sachbuch, sind aber nicht in der Schule und somit nicht verpflichtet, den Ausführungen des Verfassers bis ins Detail folgen zu können. Mit einem gewissen Mut zur Lücke erfahren wir eine ganze Menge Wissenswertes und Amüsantes über Europas Sprachen … und über deren Sprecher. Auch wenn uns mangels fachlicher Vorbildung ein bisschen was entgehen wird – die Lektüre lohnt sich auf jeden Fall.

Der Autor
Hans-Martin Gauger ist emeritierter Ordinarius für Romanische Sprachwissenschaft an der Universität Freiburg. Er ist Träger des Bayerischen Staatspreises (Karl Vossler-Preis) für wissenschaftliche Sprache von literarischem Rang und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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1 Kommentar

  1. Hans Witteborg

    Na, bei sovielen Auszeichnungen kacken wir Autoren von tiergeschichten.de direkt ab, um im Bild zu bleiben!

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