Wie aus Fräulein Flecki Lady Heather wurde, Teil 1 von 2

Oder: Wie TomTom sich neu verliebte

Es war März, als wir Lucy mit stolzen fast 20 Jahren über die Regenbogenbrücke begleiten mussten.

Sie hatte – eigentlich als langjährige Einzelkatze – noch zwei erstaunlich schöne Jahre in unserem Mehrkatzen-Haushalt verbracht und trotz ihrer lediglich 1,9 kg die drei Kater – Balou, Felix und TomTom – die alle mehr als das dreifache Kampfgewicht aufboten, mit fester Pfote regiert. Allerdings hatten wir nicht vor ihren Platz aufzufüllen. Dazu gab es nicht wirklich eine Veranlassung.

Doch dann begann TomTom, der selbst bereits über 11 Jahre alt war, plötzlich unsauber zu werden. Nicht oft, aber immer öfter. Leider handelt es sich bei den Zielobjekten immer um unsere Betten. Also wurde zuerst eiligst – und gerade noch rechtzeitig – ein wasserdichter Matratzenschutz gekauft. Dann wurde es Herbst und wir wollten langsam von unseren leicht zu waschenden Sommerdecken wieder zu den Federbetten wechseln. Also packten wir jeden Morgen unsere Bettdecken weg. Anfangs in den Schrank, dann wurden extra Körbe mit Deckel dafür besorgt.

TomToms Pinkelattacken waren zeitlich sehr versetzt. Mal alle drei Wochen. Mal waren die Zwischenräume größer und immer grübelte ich, warum er das tat. So etwas hatte er noch nie getan. In all den Jahren noch nicht. Mit der Aussage meines Mannes, so ist das halt mal, wenn man Katzen hat, wollte ich mich nicht zufrieden geben, denn so etwas hat immer einen tieferen Hintergrund.

Ein Gespräch mit unserem Tierarzt erbrachte mir hierzu nur Bestärkung, denn der meinte, wenn es etwas Physisches wäre, dann wäre es definitiv öfter. Also ist es etwas Psychisches.

Na super, hier war also Katzenpsychologie gefragt. Allerdings war die Suche nach dem Ursprung nicht wirklich schwierig, denn im Endeffekt war klar, dass die Unsauberkeit erst nach Lucys Tod auftrat. Wenn man das einmal durchdachte, lag die Antwort auf der Hand. TomTom war zwei Jahre lang nie alleine gewesen, denn obwohl wir drei Kater haben, waren die anderen beiden mit 8 Jahren, im Gegensatz zu TomTom, der sich mehr und mehr das schöne Wetter für seine Freigänge aussucht, noch viel unterwegs. Und Lucy war, außer vielleicht im Sommer mal zum Sonnen auf dem Balkon, nie rausgegangen. Was also war die logische Konsequenz? Erneut eine vierte Katze aufnehmen? Oh je . Und was, wenn ich falsch liege? Was wenn ich einer armen Katze ein Zuhause gebe und das Pinkeln doch nicht aufhört? Oder ich gar drei pinkelnde Kater habe?

Die Entscheidung fiel mir nicht leicht, aber im Grunde musste ich es ausprobieren. Nicht nur um mir das Aufwischen von Pinkelspuren zu ersparen, sondern auch um TomToms offensichtlicher Einsamkeit entgegenzuwirken. Denn mit der Zeit wurde es klarer und klarer, dass die Pinkelattacken hauptsächlich kamen, wenn wir beruflich mal länger nicht zuhause waren und unsere Abwesenheit so 11 bis 12 Stunden umfasste und TomTom somit länger als normal alleine war.

Im Oktober fasste ich mir ein Herz und beschloss, es mit einer vierten Katze zu versuchen. Nun, eine junge Katze kam nicht in Frage. Es sollte wenn dann schon ein „älteres Modell“ sein. Nur wo bekam man so eines her? In den Zeitungen fand man zwar Anzeigen über ältere Katzen, aber es waren durchweg Einzelkatzen mit der dringenden (verständlichen) Suche nach einem Einzelplatz. Und was, wenn es nicht klappte? Wenn ich die Katze zurückgeben musste? Somit kam eine Vermittlung von Privat nicht in Frage. Also wandte ich mich an das örtliche Tierheim und brachte mein Anliegen vor. Ich suchte eine ältere weibliche Katze, möglichst um die 12 Jahre. Gerne auch Einzelkatze, wenn sich dies auch eher ungewöhnlich anhörte, zur Eingliederung in einen Mehrkatzenhaushalt. Natürlich legte ich auch meine Gründe dar. Man würde sich melden.

Nun ja, ich hatte es zumindest versucht, dachte ich. Da hörst du eh nix mehr! Zwei Tage später klingelte dann – ich konnte es nicht glauben – mein Telefon. Das Tierheim war dran und man berichtete mir, es gäbe eine Kandidatin. 12 Jahre, Besitzerin verstorben. Ob ich vorbeikommen wolle und sie ansehen. Gesagt getan.

Ich fuhr also ins Tierheim und wurde mit Fräulein Flecki bekannt gemacht. Ihres Zeichens zufälligerweise , wie Lucy, eine Glückskatze, 12 Jahre, Besitzerin im Juni verstorben und unglücklicherweise drei Monate auf sich selbst gestellt, bis die Nachbarn sich mit den Worten es wird Winter, die Katze muss weg an den Tierschutz gewandt hatten.

Fräulein Flecki (wenig begeistert von mir) im Tierheim

Nun, Fräulein Flecki war von meinem Erscheinen wenig beeindruckt, verpasste mir eine als ich sie streicheln wollte und war die restlichen zwanzig Minuten, die ich in ihrem Einzelzimmer war, nicht bereit mit mir zu kommunizieren. Naja, dachte ich, TomTom muss sie gefallen, nicht unbedingt mir und fuhr wieder heim.

Am nächsten Tag kam ich mit meinem Mann wieder und wir besuchten Fräulein Flecki erneut, die auch heute keine Notiz von uns nahm. Man sagte uns, dass sie kein Interesse an ihrem Auslauf zeigte und viel lieber drinnen war. Die drei Monate im Freien hatten ihr offensichtlich zugesetzt. Ihr Fell war stumpf, doch ansonsten sah sie aufgeweckt und für ihr Alter ganz gut aus. Wenn sie nicht so grimmig schauen würde, dann wäre sie bestimmt ganz hübsch, dachten wir.

Auch gab es noch eine zweite Katze, gleichen Alters, die eventuell auch noch in Frage kam, bei der allerdings noch einige gesundheitlichen Dinge geklärt werden mussten. Nach einigen Tagen Bedenkzeit entschieden wir uns für Fräulein Flecki und teilten es dem Tierheim mit. Dann hörten wir eine ganze Weile nichts mehr.

Nach etwa zwei Wochen bekamen wir einen Anruf, dass die Eingliederung von Fräulein Flecki mit Artgenossen leider fehlgeschlagen, sie offensichtlich nicht mit anderen verträglich war und sich nur knurrend im Außengehege in eine Höhle verkrochen hatte. Man glaubte also nicht, dass eine Vergesellschaftung klappen würde, überließ es aber mir und meiner Erfahrung, ob ich es trotzdem ausprobieren wollte.

Ich sagte dennoch zu. Ja, wir wollten es trotzdem ausprobieren, denn schon Lucy hatte uns eines besseren belehrt, und dann ging alles ganz schnell und Fräulein Flecki wurde uns noch am selben Abend gebracht.

Die nette Dame von Tierschutz brachte uns noch ein zusätzliches Katzenclo, denn es war Sonntag und wir konnten auf die Schnelle keine extra Toilette besorgen. Nachdem alles Schriftliche erledigt war, wurde Fräulein Flecki in unsere Wohnung gebracht. Wir hatten unser Esszimmer für die Eingewöhnung auserkoren, in dem ein neuer Kratzbaum stand, der leider mit allen Liegeflächen für unsere Kater zu klein war.

Wir schlossen die Tür und öffneten dann die Transportertür. Gespannt wollten wir warten, bis Fräulein Flecki sich traute auszusteigen, doch die stapfte bereits erhobenen Schwanzes aus ihrer Transportbox, gab dem Kratzbaum im Vorbeigehen Köpfchen, sprang auf die Eckbank, rollte sich zusammen und schlief ein.

Ich glaub, hier ist’s nicht übel

Die Dame vom Tierschutz und wir sahen uns etwas verdutzt an.
„Hm, also, so entspannt hab ich Fräulein Flecki noch nicht gesehen!“, sagte sie sichtlich erstaunt und wohl auch ziemlich erleichtert.
„Ich bin auch überrascht, aber ich seh das jetzt mal positiv.“
Wir plauderten noch eine Weile – Fräulein Flecki schlief derweilen weiter – und dann waren wir mit unserem Neuzugang alleine.

Um sie nicht gleich sich selbst zu überlassen, setzten wir uns zu ihr, spielten eine ganze Weile Karten und beobachteten Fräulein Flecki beim Schlafen, immer noch etwas fassungslos, dass sie nicht irgendwo unter der Eckbank saß oder sich sonst irgendwo verkroch. Immerhin roch es ja nach anderen Katern.

Erstaunlich entspannt in den ersten Stunden bei uns

Dann öffneten wir die Tür und ließen TomTom zum ersten Mal herein. Nach dem ersten lauten Faucher von Fräulein Flecki, duckte er sich etwas, sah sich um (wahrscheinlich dachte er, wo ist Lucy?) und sprang dann trotzdem auf die Eckbank. Mit zwei Menschen zwischen beiden Katzen, gab es immerhin einen Sicherheitsabstand.

Ich nahm Fräulein Flecki ins Gebet und sagte ihr ernst, dass sie nun die Wahl hätte. Es wäre nicht alles Gold was glänzt, aber wir hätten ihr einen schönen Platz zu bieten und das allerbeste wäre, wenn sie sich von Anfang an in der Kunst des Ignorierens üben würde. Damit käme man vermutlich weiter als immer auf Konfrontationskurs zu gehen.

Fräulein Flecki blinzelte und drehte den Kopf zur Wand, weg von TomTom. Nun, zumindest schien sie mich verstanden zu haben! TomTom hätte sie gerne näher inspiziert, doch das ließen wir lieber nicht zu und so begnügte er sich damit, sie zu beobachten.

Im Tierheim war Fräulein Fleckis Appetit eher mäßig, doch als ich ihr dann das Abendessen vorsetzte, natürlich in ihrem Zimmer, um Streitereien zu vermeiden und es für sie etwas entspannter angehen zu lassen, verspeiste sie alles schmatzend bis auf den letzten Rest mit großem Appetit. Am ersten Abend ließen wir sie alleine in ihrem Zimmer, vorsichtshalber mit geschlossener Tür.

Fräulein Flecki begrüßte mich am Morgen, als ich mit ihrem Frühstück ins Zimmer kam, mit dem zartesten Miiii?, das ich je gehört hatte. Es klang eher nach einem 6 Wochen alten Kätzchen als einer reiferen Dame. Dann fraß sie wieder mit gutem Appetit.

Erstes Frühstück

Am späteren Nachmittag dann, als ich alleine im Wohnzimmer war und in meinem Hängestuhl saß, sah ich aus dem Augenwinkel einen Schatten durch die Tür kommen. Im ersten Moment dachte ich, ach Lucy kommt. Doch dann fiel mir ein, dass das nicht sein konnte. Ich sah nochmal hin und tatsächlich! Fräulein Flecki hatte sich eine Wagenladung Herz genommen und spazierte ins Wohnzimmer. Dort lagen allerdings schon zwei Kater auf der Couch, die nun mäßig interessiert den Kopf hoben (wahrscheinlich dachten sie im ersten Moment das gleiche wie ich: Lucy kommt).

Das war aber nicht unbedingt das, was Fräulein Flecki als erstes bemerkte, denn als sie nach rechts in den laufenden Fernseher blickte, zuckte sie merklich zusammen und ging etwas in die Knie. Ich musste unwillkürlich lachen und meinte: „Na daran musst du dich gewöhnen, wenn du hier drin bist!“

Als sie sich dann getraute in die andere Richtung zu schauen, sah sie die Kater auf der Couch liegen und saß nun in der Klemme. Man konnte ihr ansehen, wie sie überlegte, was sie tun sollte. Wieder das Zimmer verlassen, getraute sie sich offensichtlich nicht, da sie ihnen wohl nicht den Rücken zudrehen wollte.

Es blieb ihr also nichts anders übrig als zu bleiben und somit legte sie sich, nach einer Weile unbequemen Sitzens mit untergeschlagen Pfoten mitten ins Zimmer. Und, man mag es glauben oder nicht, da saß sie stundenlang! Ignorieren kann so leicht sein!

Nein, ich schau nicht hin!

Auch als mein Mann nach Hause kam, lag sie immer noch da und als ich ins Bett ging, hatte sich nichts an der Szene geändert. Das mit dem Ignorieren hatte sie jedenfalls super umgesetzt. Und das in dem Alter!

– Fortsetzung folgt –




Autor: Andrea Thomas

lilatoast@yahoo.de


Fotograf/Künstler: © Andrea Thomas / privat

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.tiergeschichten.de/2013/01/14/wie-aus-fraulein-flecki-lady-heather-wurde-teil-1-von-2/

1 Kommentar

    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 14. Januar 2013 at 09:40
    • Antworten

    „Fräulein Flecki“ ist ein herrlicher Name für diese reife Katzen-Diva !

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.