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Andrea Schacht: Zwei Katzen unterm Weihnachtsbaum

Andrea Schacht: Zwei Katzen unterm Weihnachtsbaum, Zwei Romane in einem Band, Berlin 2011, Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-7466-2759-5, Softcover, 288 Seiten, Format: 18,8 x 11,4 x 2,2 cm, EUR 9,99 (D), EUR 10,30 (A).

1. Weihnachten mit Plüsch und Plunder
Die rothaarige Ginger Valenti – Mutter Irin, Vater Italiener – hat privat und beruflich bereits einen interessanten Patchwork-Lebenslauf, als sie Tante Julianes Trödelladen erbt. In diesem Laden ist sie aufgewachsen, hat ihre Freude an schönen, dekorativen Dingen entdeckt – und ihre Liebe zu Katzen.

Jetzt ist der Laden ziemlich heruntergekommen, weil die Tante lange krank war und ihr Geschäft vernachlässigen musste. „Kümmere dich gut um meinen Plunder“, steht im Testament. Die doppelte Bedeutung dieser Botschaft wird Ginger erst klar, als sie den Nachbarsjungen Olli kennenlernt. Von im erfährt sie, dass „Plunder“ der Name des verschüchterten weißen Perserkaters ist, der nach Julianes Tod drei Wochen lang im Laden eingesperrt war und nur von Mäusen und Tropfwasser gelebt haben muss. Jetzt ist der Kater ein Bild des Jammers, klapperdürr, verfilzt, und miauen kann er auch nicht richtig. Den Schweif muss er allerdings schon früher verloren haben, wie eine Narbe an seinem Hinterteil vermuten lässt.

Ginger will den Kater behalten, genau wie den Laden und das Haus. Ob Plunder sich mit ihrer arroganten roten Hauskatze Peluche (französisch für „Plüsch“) verstehen wird? Die Zusammenführung der beiden Tiere nach ihrem Einzug verläuft nicht sehr vielversprechend.

Das Sichten des Inventars ist eine Sisyphus-Arbeit, bei der ihr der ebenso computerkundige wie geschäftstüchtige Olli nach Kräften hilft. Trotzdem gibt es ein paar offenkundig wertvolle Stücke, zu denen die Herkunftsnachweise fehlen. Der Antiquitätenfachmann Simon Asmussen, den Ginger zurate zieht, hält die Stücke für Hehlerware. Jetzt hat Ginger ein Problem. Und das ist nicht das einzige. Wie wird sie die aufdringliche Frau Hammerschmidt wieder los, die bei Tante Juliane im Laden ausgeholfen hat? Ginger will ihre Hilfe nicht. Wer, um Himmels Willen, trachtet ihren Tieren nach dem Leben? Nur dank Plunders beherzten Eingreifens hat Peluche einen Giftanschlag überlebt. Und es kommt noch schlimmer …

Tante Julianes Erbe hat es ganz offensichtlich in sich. Wird Ginger unter diesen Voraussetzungen den Laden überhaupt eröffnen können?

Für routinierte (Krimi-)Leserinnen ist die liebenswerte Geschichte recht vorhersehbar. Aber bei so einer weihnachtlichen rundum-wohlfühl-Story ist geht das schon mal in Ordnung.

2. Weihnachtskatz und Mausespeck
Wenn sich jemand an Schwächeren vergreift, versteht der bullige Ex-Personenschützer und Fitness-Studio-Inhaber Kris Grimal keinen Spaß. Den Krawallbrüdern, die eine Futterstation für Streunerkatzen verwüsten und einem Kater die Vorderbeine brechen, leuchtet er gründlich heim – und bringt den verletzten „Raufer“ eilends ins Tierheim.

Er selbst sieht auch ziemlich lädiert aus, als er da vorspricht, und so ist es kein Wunder, dass die ehrenamtliche Tierheim-Mitarbeiterin Anja Schöneberg ihn zunächst in die Schublade „gewalttätiger kleinkrimineller Prolet“ steckt. Doch sie erkennt auch, dass er ein gutes Herz hat und bringt ihm den verletzten Kater zum Gesundpflegen nach Hause. Erst sträubt er sich, weil er ja keine Ahnung von Katzen hat. Doch mit Hilfe von Anja und seiner Nachbarin Ina Hummel, die im Hof die Streunerkatzen der Umgebung füttert, sollte es ihm doch gelingen, dem Raufer bis Weihnachten wieder auf die Beine zu helfen.

Der Kater selber findet es nicht so toll, auf menschliche Hilfe angewiesen und in einer Wohnung eingesperrt zu sein, während sich draußen ein fremder Kater sein Revier anzueignen beginnt. Aber was sollen sie machen, die beiden Kerle? Die Damen haben entschieden, also raufen sie sich eben zusammen. Allmählich lernt es der Kater zu schätzen, eine warme Stube und immer ausreichend zu essen zu haben, und auch Kris gewöhnt sich an den kleinen Kerl. An Tierschützerin Anja könnte er sich ebenfalls gewöhnen …

Für einen prolligen Haudrauf kann sich Kris Grimal erstaunlich gewählt ausdrücken. Ein handwerklicher Fehler der Autorin kann das nicht sein, denn Andrea Schacht ist ein Profi und weiß genau, was sie tut. Und so drängt sich der Verdacht auf, dass der vierschrötige Fitnesstrainer nicht ganz das ist, was er die Leute gerne glauben machen möchte. Tierarzt Dr. Schöneberg, Anjas Vater, hat da so eine Vermutung …

Kater Raufer ist beunruhigt: Seit Tagen schleicht ein fremder Mann ums Haus. Das hat er von seinem Fensterplatz aus genau gesehen! Was will der Kerl in Kris’ Revier? Sicher nichts Gutes, und da ist er nicht er einzige. Nicht nur die zerstörerischen Krawallbrüder haben Kris und die Tierschützer auf dem Kieker. Auch ein Nachbar regt sich über die Fütterungsstation auf und hat Ina Hummel deswegen angezeigt. Natürlich will Ina ihr Engagement für die Tiere nicht aufgeben. Sie kann sie ja nicht verhungern und erfrieren lassen. Doch ein eventuelles Bußgeld könnte sie mit ihrer schmalen Rente nicht bezahlen.

Kris weiß, wer da helfen könnte: sein Vater. Doch dazu müsste er ihn anrufen. Kann man das so einfach tun, wenn man 15 Jahre lang keinen Kontakt mehr miteinander hatte?

Hier ist die Welt etwas weniger heil als in der ersten Geschichte. Es geht um Krankheit, Rache, Gewalt, Einsamkeit und entfremdete Familien, aber auch um Nächstenliebe, Versöhnung und Gerechtigkeit. Ein bisschen übersinnlich wird es durch die Tierheimkatze Nimoue, eine vielfach wiedergeborene alte Seele, die Raufer das nötige Rüstzeug für den Umgang mit den ihrer Meinung nach intellektuell etwas minderbemittelten Zweibeinern gibt. Aber, wie gesagt: Weihnachtsgeschichten dürfen das.

Katzenfreundinnen, die auf der Suche nach romantischer, stimmungsvoller Weihnachtslektüre sind, bieten die beiden Kurzromane von Andrea Schacht angenehme Unterhaltung. Sollte noch eine weitere Auflage geben, könnte man verlagsseits vielleicht noch ein paar winzige Ungereimtheiten bereinigen: Krispin oder Crispin? Mausespeck oder Mäusespeck? Dann haben auch die lieben Seelen ihre Ruhe, die es beim Lesen ganz genau nehmen.

Die Autorin
Andrea Schacht lebt als freie Schriftstellerin in der Nähe von Bad Godesberg. Neben erfolgreichen historischen Romanen hat sie zahlreiche Bücher veröffentlicht, in denen Katzen eine Hauptrolle spielen.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
http://www.boxmail.de


Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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2 Kommentare

  1. Hans Witteborg

    naja, Esel unterm Weihnachtsbaum wären doch eher unpraktisch?

  2. edithtg
    edithtg

    Na, das wäre ja der Hit: Asinus uns Asina in der weihnachtlich dekorierten Wohnstube. Ich bin sicher, die beiden haben auch eine tierische Meinung zu Weihnachten.

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