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Zwei wie wir

„Mann-o-Mann, jetzt sind unsere Dosenöffner schon so lange weg. Es wird echt endlich Zeit, dass die wieder nach Hause kommen. Urlaub – was für eine Schnapsidee! Wer braucht denn sowas? Wir machen das doch auch nicht – oder? Und außerdem ist mir langweilig. Man kann ja nicht den ganzen Tag nur schlafen, fressen und sich putzen.“ Ginny erhebt sich mit steifen Beinen von ihrem Lieblingskissen, reckt sich genüsslich und sieht zu ihrer Freundin Leila hinüber, die immer noch döst und ihr schläfrig zublinzelt. „Hey du, ich rede mit dir, was ist denn los? Du wirst ja heute gar nicht richtig wach!“

„Ach Ginny, lass mich einfach gehen. Mir ist gar nicht gut, schon seit ein paar Tagen nicht. Dauernd wird mir schwindelig, wenn ich aufstehe. Deshalb bleib ich am liebsten im Bett. Und außerdem hab ich Bauchweh. Ja, ich finde auch, es wird Zeit, dass die wiederkommen. Aber ich will dich ja nicht beunruhigen, aber ich glaube ich muss doch mal zum Doktor.“ Leila seufzt und rollt sich noch enger zusammen.

Leilas Trägheit und Unwohlsein beunruhigen Ginny zutiefst. So kennt sie ihre langjährige Gefährtin nun überhaupt nicht. Was war diese für ein Spring-ins-Feld, als sie vor 17 Jahren im Alter von nur 3 Monaten zu ihr kam. Sie waren nicht gleich Freundinnen. Zunächst war es ein harter Kampf um die schönsten und wärmsten Schlafplätze, wer den besten Platz am Futternapf bekam, wer zuerst alle Leckerchen vertilgt hatte und deshalb Nachschlag bekam und wer mit welchem Dosenöffner schmusen durfte.

Doch über die vielen Jahre haben sie sich aneinander gewöhnt und liebgewonnen. In- und auswendig kennen sie sich und sind sich von Herzen zugetan. Inzwischen kann die eine ohne die andere nicht mehr sein, und einschlafen können sie nur, wenn sie sich eng aneinander kuscheln und wärmen. Sie haben gemeinsam gespielt, gerauft, sich in der Sonne geaalt, über verregnete Tage geärgert und sich gegenseitig bei der Körperhygiene geholfen.

„Du, ich glaube, sie kommen heute schon wieder. Das hat jedenfalls Johanna zu Paul gesagt, als sie heute unsere Toilette sauber gemacht haben. Ein bisschen geärgert haben sie sich auch, habe ich gehört, nämlich über dich, Leila, weil du schon wieder daneben gemacht hast und nicht in die Toilette. Was ist denn bloß los mit dir?“

„Ich weiß es auch nicht. Mir tut alles weh, es wird überhaupt nicht besser und da konnte ich es einfach nicht halten. Es ist mir so peinlich. Du weißt genau, dass ich das früher nie gemacht habe. Ach, manchmal denke ich, alt werden ist wirklich nicht schön. Alles wird auf einmal so schwer und kostet so viel Anstrengung. Jeder Knochen schmerzt, wenn ich länger gelegen habe und meine Augen waren auch schon einmal besser. Ich glaube, wenn unsere Leute nachher wieder da sind, werde ich mal ganz doll viel und laut miauen, damit sie merken, dass etwas nicht stimmt.“
„Das ist eine gute Idee“, stimmt Ginny zu. „Ich bin sicher, dann werden sie sich gleich um dich kümmern.“

„Sie haben den Katzenkorb schon hochgeholt. Jetzt dauert es sicher nicht mehr lange und sie bringen mich bald zum Doktor“, raunt Leila Ginny zu. Diese hat ihre zurückgekehrten Dosenöffner in den letzten Stunden genauestens beobachtet und registriert, dass sie – als sie Leila gesehen haben – sehr besorgt waren und mit nervöser Stimme den Tierarzt angerufen haben. Kein gutes Zeichen. Leila hatte sich lautstark bei ihnen in Erinnerung gebracht, so dass sie sofort verstanden hatten, dass mit Leila etwas nicht in Ordnung ist und dass sie Hilfe braucht.

Ginny hat sogar gehört, wie ihr Frauchen mit feuchten Augen zum Herrchen gesagt hat: „Ist es jetzt soweit? Ist das der Tag, vor dem ich mich immer gefürchtet habe?“ Verstanden hat Ginny das nicht so richtig, aber es beschleicht sie ein ungutes Gefühl, wenn sie in die ernsten Mienen ihrer Leute schaut. So hat sie sie noch nie gesehen. Zum Glück bekommt Leila das alles gar nicht so richtig mit, weil sie von ihren Schmerzen ganz benommen zu sein scheint.

„Hallo Leila – komm, rück mal ein Stückchen. Dann kann ich mich neben dich legen und dich ein bisschen wärmen. Vielleicht lassen dann deine Schmerzen nach. Soll ich ein bisschen für dich schnurren, das magst du doch so gerne? Oder soll ich dir lieber die Ohren waschen?“

„Danke, meine Liebe, deine Wärme tut wirklich gut und dein Schnurren lässt mich gleich ein bisschen ruhiger werden. Weißt du, ich hab tatsächlich ein bisschen Angst, was denn nun mit mir passiert. Ob sie mir wohl die Schmerzen nehmen können?“ Leila hat ihre wunderhübschen Augen weit aufgerissen vor Sorge. „Ich erinnere mich daran, dass mir meine Mama ganz früher einmal erzählt hat, dass alle Katzen, wenn sie nur lange genug gelebt haben, eines Tages in ein wunderschönes Katzenregenbogenland gehen. Dafür gehen sie über einen großen, bunten Regenbogen. Das war, als Opa plötzlich nicht mehr da war. Im Regenbogenland soll es ganz doll schön sein, es ist ganz warm, weil die Sonne immer scheint, man kann den ganzen Tag spielen, es gibt ganz furchtbar viel zu futtern und alle älteren Verwandten sind auch da.“

Eine Träne stiehlt sich aus Ginny‘s Augen. Schnell dreht sie ihren Kopf zur Seite und putzt sie hektisch weg, damit Leila es nicht sehen kann. Aber Leila hat die Augen schon wieder geschlossen als sie weiter spricht. „Liebe Ginny, ich wollte dir schon lange einmal sagen, wie wertvoll für mich unsere gemeinsame Zeit war. Ich habe dir so viel zu verdanken. Du warst immer die Besonnenere von uns beiden und hast mir oft aus der Patsche geholfen, wenn ich mal wieder zu sorglos war beim Spielen, etwas kaputt gemacht oder herunter geschmissen habe. Außerdem hast du mir immer beim Fressen etwas übrig gelassen. Das war lieb, das macht nicht jeder. Jetzt spüre ich, dass meine Kraft mehr und mehr nachlässt, ich habe auch gar keinen Hunger mehr. Nun muss ich wohl von uns beiden die erste sein, die über den Regenbogen geht.“

„Komm Leila, meine Süße, wir helfen dir, bald hast du es geschafft“, sagt in diesem Moment das Frauchen und nimmt sie liebevoll und vorsichtig in ihre Arme. Schnell schmiegt sich Leila hinein und schließt ihre Augen wieder. Zu ihrer eigenen Beruhigung schnurrt sie ganz laut. So müde ist sie – sie möchte nur noch schlafen.

Ginny hat sich auf ihrem Kissen aufgesetzt und maunzt ihr einen letzten Gruß zu. „Leb wohl liebe kleine Freundin, ich werde dich nie vergessen. Bald bist du deine Schmerzen los. Warte auf mich, wir sehen uns sicherlich bald im Katzenregenbogenland.“

Sie sieht nicht mehr hin, als Frauchen mit dem Katzenkorb in der Hand die Türe sanft von außen schließt.

Wunderbares, warmes Licht. Ein kleiner Funken zunächst nur, der sich ihr, spiralförmig drehend größer und größer werdend, nähert. Hier, nur hier will sie sein, nirgendwo anders mehr auf der Welt. Es gibt keinen schöneren Platz, kein schöneres Gefühl. Dieses Licht will sie erreichen, sie sehnt sich mit allen Fasern ihres kleinen Herzens danach.

Endlich taucht sie tief ein in die Geborgenheit der Farben und des Lichtes. Hier gibt es keine Angst und keine Schmerzen mehr. Hier gibt es nur noch die Liebe und tiefen Frieden.

Verwundert reibt sich Ginny die Augen und schaut sich neugierig um. Ihr ist etwas schwindelig nach der langen Reise und sie ist verwirrt. Doch was sie sieht und wahrnimmt, gefällt ihr sehr. Sonnenstrahlen wärmen ihr den braunen Pelz, der zuletzt recht stumpf und struppig geworden war. Das Gras unter ihr ist flauschig und fühlt sich richtig gemütlich an, die Bienen summen ihr ein Willkommen und viele bunte Schmetterlinge tanzen ihr zu Ehren in der Luft.

„Willkommen“, zwitschern ihr auch die Vögel von dem Baum zu, unter dem sie gerade aufgewacht ist. „Willkommen im Regenbogenland! Du hast es geschafft, Herzchen. Nun bist du mit all deinen Lieben, die vor dir hierher gekommen sind, wieder vereint. Sie haben alle auf dich gewartet.“

Ginny versteht nicht. Ist dies etwa das Land, von dem ihr Leila erzählte, kurz bevor sie sie verlassen hatte? Dass sie so schnell hier sein würde, hatte sie nicht erwartet. Aber wenn es wirklich das Regenbogenland wäre – ja, das wäre ein Traum, denn dann wären sie jetzt wieder vereint.

„Komm, wir zeigen dir, wo deine Lieben sind, ganz besonders, wo du Leila findest, deine Freundin.“ Ein Liedchen auf den Lippen fliegen die Vögel voraus und zeigen Ginny den Weg. Gar nicht weit entfernt, schon hinter zwei Wegbiegungen fällt der Hügel, auf dem sie angekommen war, etwas ab und gibt den Blick in ein wunderschönes, blühendes Tal frei. Dort unten sieht sie Leila, die sich genüsslich in der Sonne ausgestreckt hat und sich träge die Pfoten leckt. „Leila, Leila, ich bin da! Ich bin’s Ginny!“ ruft sie ihr ganz aufgeregt zu und läuft ihr entgegen, so schnell sie kann.

Leila kann es kaum fassen. „Das ist doch nicht möglich, dass du schon da bist, ich habe dich so schnell noch gar nicht erwartet. Ich dachte, du bleibst noch ein bisschen bei unseren Leuten und tröstest sie. Ich habe von hier gesehen, dass sich besonders unser Frauchen gar nicht einkriegen konnte vor Schmerz, als sie mich beim Tierarzt schlafen gelegt haben.“

„Ja, das war echt schlimm.“ In Erinnerung an die ersten schweren Tage nach Leilas Fortgang schüttelt Ginny traurig den Kopf. „Unser Frauchen hat tagelang nur noch geweint. Dauernd hat sie mich hochgehoben, durch die Wohnung getragen und mir ihre Trauer erzählt. Dabei hat sie mir immer das ganze Fell nass gemacht.“ Ginny schüttelt sich. „Das war wirklich hart. Ich dachte, sie kommt überhaupt nicht über deine Abwesenheit hinweg. Immerhin warst ja du ihr ganz besonderer Liebling.“

„Ich habe es gesehen, wie sie leidet“, bestätigt Leila. „Dieses Frauchen und dieses Herrchen sind das Beste, was uns im Leben passieren konnte. Nicht jede Katze hat so ein Glück und wird so geliebt, wie es bei uns der Fall war. Von hier aus konnte ich allerdings nichts unternehmen, außer ihnen all meine Liebe in Gedanken zu schicken, in der Hoffnung, dass sie verstehen, dass es die richtige Entscheidung war, mich gehen zu lassen. Glaub mir, ich wäre gerne noch geblieben, wenn es möglich gewesen wäre. Aber so wie die Dinge standen, war meine Zeit bei den Menschen vorbei.“

„So, wie es bei mir jetzt auch vorbei war.“ Djinny nickt betrübt. „Auch ich wäre gerne noch etwas geblieben, gerade weil ich fühlte, dass ich unseren beiden Menschen ein Trost sein konnte.“ Seufzend stupst sie Leila mit ihrem Näschen an und drückt sich an sie. „Ach, ich bin so froh, dass ich jetzt wieder bei dir sein kann. Bei aller Liebe für unsere Menschen – wir beide gehören doch zusammen, nicht wahr?“ Sie sieht Leila zärtlich an.

Und Ginny erzählt der interessiert lauschenden Leila, wie es ihr ergangen ist, nachdem sie alleine zurück geblieben war: „Weißt du Leila, manchmal warst du ja eine echte Nervensäge, wie du dich immer an mich gedrückt und gekuschelt hast. Immer hast du auf mir drauf gelegen und mir manches Mal keine Luft zum atmen gelassen hattest. Du mit deiner übergroßen Liebe.“ Leila muss wider Willen lächeln. Sie weiß wohl, dass sie eine ganz schöne Klette sein konnte. „Und dann, als du weg warst“, fährt Ginny fort, „hast du mir so gefehlt. Es hat überhaupt keinen Spaß mehr gemacht, auf dem gelben Kissen zu liegen. Alleine wollte ich da auch nicht sein. Ich habe dich so vermisst.“

Ginny schnäuzt sich die Nase, als sie an die schwere erste Zeit des Alleinseins zurück denkt. „Nichts war mehr wie vorher. Das Essen hat mir nicht mehr geschmeckt, ich konnte in der Nacht nicht mehr durchschlafen und manchmal war ich so verwirrt, dass ich sogar meine Toilette nicht mehr gefunden habe. Mann war das peinlich. Das war mir vorher noch nie passiert.“

„Mach dir keine Sorgen“, Leila drückt ihr beruhigend die Pfote. „Unsere Leute nehmen das nicht übel. Haben sie bei mir ja auch nicht.“

„Ja und dann, weil ich nicht mehr Essen konnte, wurde ich immer schwächer und schwächer und wollte gar nicht mehr aufstehen. Total schwindelig war mit. Außerdem hatte ich solche Schmerzen im Nierenbereich. Ich wollte nur noch trinken und schlafen. Was haben sie sich für eine Mühe gegeben, ein tolles Futter nach dem anderen angeschleppt. Das hab ich an der Packung erkannt, riechen konnte ich es schon gar nicht mehr. Ich habe es trotzdem nicht essen können.“

„Was haben sie dann gemacht? Das muss doch ungeheuer schwer für sie gewesen sein, dich so krank und kraftlos zu sehen? Leila beugt sich interessiert vor. „Erzähl weiter“.
„Frauchen ist schon die ganze Zeit mir roten Augen herum gelaufen und hat selbst kaum geschlafen. In manchen Nächten haben wir stundenlang zusammen auf dem Sofa gesessen, sie hat mir Geschichten erzählt, mich gestreichelt und mir ein Lied vorgesungen. Weißt du, dieses „Somewhere over the rainbow“ – mein Lieblingslied. Ich hätte so gerne geschnurrt dabei, wie früher, aber auch das konnte ich nicht mehr.“

„Und da hat sie gemerkt, dass es Zeit wurde – oder?“

„Ja, so unglaublich schwer es den beiden gefallen ist, sie haben auch bei mir, genau wie bei dir, dafür gesorgt, dass ich meine Würde bewahren konnte und nicht leiden musste. Heute Morgen haben sie mich ins Auto gepackt, eingewickelt in meine Lieblingsdecke. Frauchen hat mich auf der ganzen Fahrt im Arm gehalten und leise mit mir geredet. Ich war ein bisschen sauer und habe vor mich hin geschimpft. Autofahren war noch nie mein Ding. Sie hat für mich gesungen und mir dabei wieder den Pelz nass gemacht. Ab da weiß ich nicht mehr viel. Mir hat sich alles gedreht und mir war schlecht. Das Letzte was ich weiß, ist, dass mich mein Herrchen auf den Kopf geküsst hat – das hat er noch nie in meinem ganzen Leben gemacht – und dass Frauchen mit ihren Armen um mich herum war. Ihre Augen waren übergelaufen vor Tränen und sie machte so komische Töne.“ Nun muss Ginny aber doch noch einmal schniefen, wenn sie zurück denkt.

„Und jetzt bist du hier bei mir“, freut sich Leila. „Du wirst sehen, es ist wunderschön hier. Ich habe mich schon gut eingewöhnt und kann dir alles zeigen. Und das Allerbeste ist: Auch deine Mama, dein Papa und deine Großeltern sind da. Sie warten schon alle auf dich.“

„Ich glaube, hier wird es mir gefallen. Es war hart, unsere geliebten Dosenöffner zurück lassen zu müssen. Wir hatten ein so schönes und langes Leben bei Ihnen. Ich vermisse sie total. Und sie vermissen uns. Wenn die wüssten, wie gut es uns hier geht, wären sie nicht so traurig. Lass uns ihnen von hier unsere ganze Liebe schicken, vielleicht können sie es spüren.“

Ginny nimmt Leila am Pfötchen und drückt es ganz liebevoll.
Sie schließen beide die Augen und denken ganz fest an ihre Menschen und wünschen sich, dass diese immer an sie denken, wenn sie einen bunten Regenbogen sehen.




Autor: Renate Walter




Fotograf/Künstler: © Renate Walter / privat

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3 Kommentare

  1. Gisela Kurfürst-Meins

    Eine Geschichte die zu Herzen geht, sehr schön.

  2. Margrit Baumgärtner

    2 glückliche Katzenleben und 2mal ein friedliches Ende – mehr kann sich weder Katze noch Mensch wünschen.

  3. Hans Witteborg

    Schöne Geschichte.
    Ach, wäre ich auch ein Kätzchen, dann würde mich jemand ans Pfötchen nehmen….seufz.

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