Die niederträchtige Nachbarin

In einem Wald stand ein hoher Baum. Ganz oben in seinen Ästen hatte sich ein Adler sein Nest gebaut. In halber Höhe des Stammes in einer Höhlung hatte eine Katze mit ihrer Familie Wohnung genommen; und ein Wildschwein hatte sich zwischen den Wurzeln ein Loch gegraben, worin es mit seinen Jungen wohnte. Alle drei Familien fühlten sich wohl; ja, der Adler und das Wildschwein fanden, daß es sehr angenehm sei, so liebe Nachbarschaft zu haben.

Jedoch die Katze war ein böses, verschlagenes Tier. Da sie gut klettern konnte, stattete sie sowohl dem Adler als auch dem Wildschwein fleißig Besuche ab. „Ach“, flüsterte sie dem Adler zu, „ich bin in solcher Angst! Hast du nicht bemerkt, wie die Sau dort unten in ihrer Höhle bei den Wurzeln scharrt und gräbt? Ich weiß, sie hat die Absicht, den Baum zu stürzen, denn sie ist gierig, unsere Kinder zu fressen!“

Beim Wildschwein aber sagte sie: „Ich warne dich, hüte dich vor dem Vogel dort oben! Erlaube keinem deiner Ferkelchen aus der Höhle zu gehen. Er wird sofort herunterstoßen und es töten, denn seine nimmersatten Jungen fressen so gerne Schweinefleisch.“

Auf diese Weise brachte sie es mit der Zeit dazu, den Adler und das Wildschwein in fürchterliche Angst zu versetzen. Oben im Nest schrien die kleinen Vögel vor Hunger – unten in der Höhle quiekten die Schweinchen.

Was half es ihnen? Ihre Mütter hatten nicht mehr den Mut, um Nahrung auszugehen, denn sie waren überzeugt, kaum verlassen, müßten ihre Jungen dem Nachbarn zur Beute werden. So mußten bald alle zusammen Hungers sterben.

„Endlich!“ sagte die niederträchtig Katze, ging hin und holte die toten Vögel und Schweine als Futter für ihre heranwachsende Familie.




Autor: Aesop


Aesop lebte angeblich Mitte des 6. Jahrhunderts vor Christus. Die ihm zugeschriebenen Fabeln gehen wahrscheinlich auf mündliche Überlieferung zurück. Sein Werk ist nur in späteren Überarbeitungen erhalten.


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4 Kommentare

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    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 2. November 2012 at 08:33
    • Antworten

    So eine Bosheit findet man wirklich nur beim — Menschen !

  1. Aesop hat wahrscheinlich kein Haustier gehabt?

  2. Aber vermutlich eine blöde Nachbarin.

  3. Und ich vergaß zu erwähnen, dass ich diese Fabel bei Peter E. Schumacher auf facebook gelesen habe.

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