Pferde-Äpfel, Teil 3

Teil 3: Die Kutschfahrt

Inzwischen war der frühe Abend angebrochen. Hofbesitzer Scholz setzte zusammen mit seiner Frau Kerzen in die Kürbisköpfe, welche nun halb geheimnisvoll, halb gruselig den Weg markierten. Dann ging er in die Mitte des Hofplatzes und wandte sich mit kräftiger Stimme an seine Gäste:

„Liebe kleine und große Pferdefreunde, liebe Reiterinnen und Reiter, liebe Familienangehörige und Freunde! Erst einmal möchte ich mich für Euren zahlreichen Besuch und Eure Unterstützung bedanken. Wir haben zusammen einen sehr schönen Tag verbracht. Bevor nun bald die Sonne untergeht, habe ich noch eine Überraschung vorbereitet…seht bitte einmal dort zum Stall, da steht sie…“

Alle Blicke gingen in die gleiche Richtung. Vor dem Stalltor stand tatsächlich eine große Neuigkeit: Eine Kutsche! Auf dem Kutschbock saß Jonas, die Leinen der beiden angeschirrten Pferde in der Hand haltend.
„So, liebe Gäste, das ist meine Überraschung. Ich habe diese Kutsche gekauft und werde in Zukunft kleine Ausfahrten in die Umgebung anbieten. Heute soll die Einweihungsfahrt stattfinden und zwar kostenlos und für besondere Ehrengäste…Wie mir zu Ohren gekommen ist, haben wir heute ein Geburtstagskind unter uns…?“

Sein Blick ging suchend über den Platz und jubelnd sprang Pia auf.
„Herzlichen Glückwunsch, junge Dame, Du darfst die erste Fahrt mitmachen und Dir dazu noch drei Mitfahrer aussuchen.“
„Toll“, rief Pia. „Dann nehme ich meine Freundinnen Lisa und Melanie und … Frau Arnold.“
Mit den letzten Worten warf Pia einen fragenden Blick zu ihrer Mutter – und diese nickte verständnisvoll.

Von Applaus begleitet nahm Pia die Hand von Frau Arnold, zog sie hinter sich her und beide bahnten sich den Weg zwischen Tischen und Bänken hindurch Richtung Kutsche. Lisa und Melanie rannten noch schneller und belegten zuerst zwei Plätze in dem neuen Gefährt. Dann setzten sich auch das Geburtstagskind und eine noch verdutzte Frau dazu, beide mit leuchtenden Augen.

Herr Scholz nahm auf dem Kutschbock neben seinem Sohn Platz, übernahm die Leinen und nach einem aufmunternden „Vorwärts“ setzten sich die beiden Pferde in Bewegung. Zwischen den leuchtenden Kürbisköpfen hindurch rollte die Kutsche langsam aus der Hofeinfahrt. Viele Blicke verfolgten noch eine Weile, wie sich das Gefährt dem Waldrand näherte und dann darin verschwand.

Die ausgelassene Stimmung der Fahrgäste wurde immer ruhiger, je weiter sie in den Herbstwald eintauchten. Das rötliche Abendlicht gab den gelben Blättern eine neue Farbnote. Einige braune Blätter schwebten sanft und leise zu Boden. Die großen Räder arbeiteten sich durch das knisternde Laub und die Pferde liefen in einem gleichmäßigen Trab.

Während sich die Freundinnen mit Jonas über den Tag unterhielten, saßen Pia und Frau Arnold schweigend gegenüber. Pia las in den entspannten Gesichtszügen der Frau:
„Sie sehen sehr glücklich aus, Frau Arnold.“
„Das bin ich auch. Ich danke Dir, dass Du mir diese Freude machst!“
„Gern geschehen.“ Beide lächelten sich in gewachsener Vertrautheit zu.

Als die Kutsche nach einer halben Stunde wieder aus dem Wald auftauchte, ging die Sonne rotglühend am Horizont unter. Einige Gäste bewunderten gerade dieses Naturschauspiel, andere waren eifrig mit den Aufräumarbeiten am Buffettisch beschäftigt. Die Außenfenster der Pferdeboxen waren schon geschlossen, als Herr Scholz seine Kutschpferde zum Stalleingang lenkte und die Fahrgäste aussteigen ließ.

„Vielen Dank, das war herrlich“, bedankten sich die drei Mädchen und Frau Arnold nacheinander. Herr Scholz nickte und begann, das Fahrgeschirr von den Pferden abzunehmen.

„Wollen Sie mit uns nach Hause fahren? Meine Mutter nimmt Sie sicher gerne mit.“
Pia wusste inzwischen, dass Frau Arnold sonst immer zu Fuß unterwegs war.
„Das wäre sehr nett, Pia, es ist ja schon fast dunkel. Möchtest Du Deine Mutter vielleicht schon mal fragen? Ich habe noch etwas zu erledigen und komme gleich…“
„Ist gut“, sagte Pia und sie wunderte sich nur kurz darüber, was damit wohl gemeint sein konnte. Sie ging langsam zurück zu den verbliebenen Gästen im Hof, drehte sich aber plötzlich noch einmal um und sah, wie Frau Arnold den Stall betrat. Nur ein mattes Licht fiel durch die geöffnete Tür des Gebäudes. Doch obwohl nicht viel zu erkennen war, beobachtete Pia aus der Entfernung das Geschehen, lächelte und „SAH“ sehr klar, was in der Stallgasse passierte:

Die Frau, die ihr nun gar nicht mehr so fremd war, ging zu einer der vorderen Boxen. Sehr leise setzte sie ihre Schritte, um die Pferde, die an diesem Abend nur wenig Ruhe fanden und im Halbschlaf vor sich hindösten, nicht noch mehr zu stören.
„Fee“, flüsterte sie und eine graubraune Pferdenase schob sich langsam an ihr Gesicht.
„Gute Nacht, Fee, schlaf gut.“
Sie fingerte in ihrer Jackentasche, die sich verdächtig ausgebeult hatte und zog etwas heraus…
In ihrer Hand lag ein großer, glänzender, verführerisch duftender, grünroter Apfel.




Autor: Margrit Baumgärtner

margritbaumgaertner@web.de


Fotograf/Künstler: © Gerhard Giebener / www.pixelio.de

 

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3 Kommentare

  1. Die kleine Fee den Apfel knufte,
    ich aber sitze hier und schuffte.
    Wie ungerecht ist doch das Leben
    mir will keiner ´nen Apfel geben!

    • Meins
    • Gisela Kurfürst-Meins on 26. Oktober 2012 at 14:38
    • Antworten

    Klasse, ich möchte mehr lesen…

      • Baumgaertner
      • Margrit Baumgärtner on 27. Oktober 2012 at 11:00
      • Antworten

      Vielen Dank, nach einer „November-Pause“ geht die Geschichte vielleicht weiter…..

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