Pferde-Äpfel, Teil 2

Teil 2: Das Herbstfest

Am nächsten Wochenende zeigte sich der goldene Oktober von seiner schönsten Seite. Die Sonne wärmte alle Helfer auf dem Reiterhof Scholz. Eifrig hatten Kinder und Erwachsene den Hof herbstlich geschmückt. Geschnitzte Kürbisköpfe säumten den Weg zum Hof, in dessen Mitte viele Tische und Stühle aufgestellt waren. Auf den Tischen standen Gestecke mit Herbstblumen, getrockneten Maiskolben und gebastelten Kastanien-Figuren. Frau Scholz hatte ein großes Kuchenbuffet aufgebaut und es wurde Kaffee und Kakao angeboten.

Ricarda trat, mit einem Stapel Teller beladen, aus der Tür des Wohnhauses heraus, als sie Frau Arnold entdeckte. Diese packte gerade eine große Kuchenform aus und stellte ihren selbstgebackenen Apfelkuchen auf das Buffet.
„Mhm…sieht ja köstlich aus! Hallo Frau Arnold, schön, dass Sie gekommen sind.“
„Hallo Ricarda! Das sieht ja alles sehr einladend aus. Und das schöne Wetter!“
„Nicht wahr?!“ Ricarda stellte vorsichtig die Teller ab. „Hier bin ich fertig. Nun muss ich noch die Ponys satteln, wir bieten heute nämlich auch Ponyreiten für Kinder an. Kommen Sie mit zur Weide?“
„Ja, gerne.“
Beide machten sich auf den Weg zu der Wiese, wo zwei Islandpferde und drei Shetlandponys grasten und dem hektischen Treiben auf dem Hof zuschauten.
„Nehmen Sie den Moritz?“ Ricarda hielt Frau Arnold ein blaues Halfter entgegen. Ohne überhaupt eine Antwort abzuwarten, öffnete sie das Gatter des Weidezauns und ging mit raschen Schritten zu einem der Isländer.
„Na komm, Röskva, du bist heute auch dabei.“
Sehr viel zögerlicher war auch Frau Arnold auf die Wiese getreten und näherte sich dem Pony Moritz. Etwas unbeholfen streifte sie dem kleinen Rappen das Halfter über den Kopf, was Ricarda aus den Augenwinkeln beobachtete.
„Sie haben wohl nicht so viel Übung im Umgang mit Pferden?“
„Nein, leider nicht“, bestätigte die Frau. „Zu meiner Jugendzeit bekam man in den Reitställen meistens ein fertig gesatteltes Pferd hingestellt. Daher habe ich nichts gelernt … kein Striegeln, Satteln, …“
„Auch nicht das Ausmisten der Boxen oder das Aufkehren der Pferdeäpfel von den Wegen?“ Ricarda fiel der Frau lachend ins Wort und lockerte die etwas angespannte Situation damit auf.
„Kommen Sie, wir bringen Röskva und Moritz zum Sattelplatz. Wissen Sie eigentlich, was der isländische Name RÖSKVA bedeutet?“ Frau Arnold schüttelte den Kopf.
„Flinkes Mädchen!“ Beide mussten lachen, denn wie zur Bestätigung trabte das Islandpferd munter voran. Frau Arnold führte den kleinen Moritz am Halfter mit etwas Abstand hinterher und ihr nun rotwangiges Gesicht strahlte.

Am Sattelplatz angekommen, lief ihnen Pia rufend und winkend entgegen.
„Hallo zusammen! Ich habe heute Geburtstag und darf hier mit meinen beiden Freundinnen feiern.“
„Das ist ja toll, Pia, herzlichen Glückwunsch!“
Frau Arnold übergab das Pony an Ricarda und schüttelte Pia die Hand.
„Wie alt wirst Du denn?“
„Acht!“
„Alles Gute auch von mir“, rief Ricarda. „Ich muss mich um die Ponys kümmern … bis später.“

Die Sitzbänke in der Mitte des Hofes hatten sich inzwischen gefüllt. Kinder, Eltern, Großeltern saßen plaudernd an den Tischen oder reihten sich in die Warteschlange am Kuchenbuffet ein.
„Setzen Sie sich doch zu uns“, bettelte Pia und führte Frau Arnold an einen besonders schön geschmückten Tisch. Pias Mutter hatte einen kleinen Geburtstags-Gugelhupf mit acht Kerzen aufgestellt, außerdem lagen noch drei Geschenkpäckchen daneben.
„Nun los, Pia, puste die Kerzen aus!“
Die beiden Freundinnen kicherten im Wechsel und Pia holte tief Luft. Sie blies kräftig und alle Kerzen erloschen zugleich. Pia riss ungeduldig das Geschenkpapier vom ersten Paket und hielt eine Reitweste
in der Hand. „Danke…die brauche ich jetzt, wenn es kälter wird. „Sie packte weiter aus, während ihre Mutter Frau Arnold begrüßte und diese sich mit in die fröhliche Runde setzte.

Der Nachmittag verging wie im Flug: Alle genossen die Herbstsonne, den leckeren Kuchen und die heitere Stimmung. In einiger Entfernung fand das Ponyreiten statt. Einige Jugendliche führten ein Schaureiten auf dem Reitplatz vor und die übrigen Pferde schauten mit gespitzten Ohren aus ihren Boxenfenstern auf das ungewohnte Geschehen rund um den Hof. Auch Stute Fedora guckte aufmerksam. Sie hatte offensichtlich unter den vielen Menschen schon ein ganz bestimmtes Gesicht wiederentdeckt. Und Frau Arnold blickte immer wieder verstohlen in die Richtung des Pferdestalles.

„Kennen Sie noch die Vorbesitzer des Hofes, Frau Arnold?“ Pias Mutter zeigte sich interessiert.
„Ja, ich kannte Familie Kleinert. Ich habe miterlebt, wie immer mehr Pferde gekauft wurden und auch, wie einige Fohlen geboren wurden.“
„Auch Fedora ?“ Pia fiel sofort wieder die besondere Beziehung zwischen der Frau und dem Pferd ein.
„Ja, eines Tages kam ich in den Stall und sah sie zitternd unter dem Bauch ihrer Mutter Fina stehen. Sie war ein kleines Sorgenkind … na, sagen wir: Sorgenfohlen … Ein bisschen verwachsen und dürr, bis zum heutigen Tag. Aber sie wurde von Herrn Kleinert gut gepflegt, angeritten und geschult. Bald war sie ein
liebes, geduldiges Pferd im Reitunterricht. Dann habe ich sie auch einige Male geritten … bis ich merkte, dass meine Muskeln und Knochen nicht mehr so richtig mitspielten … und bis ich zu schwer wurde.“

Sie warf Pia einen schmunzelnden Blick zu und diese lächelte verlegen zurück.
„Aber jetzt ist es mal genug mit den alten Geschichten“, setzte Frau Arnold einen energischen Schlusspunkt. „Wir sind doch hier, um zu feiern!“
„Genau. Und Ihr Apfelkuchen schmeckt besonders gut, Frau Arnold. Ich hole mir noch ein Stück! Schade, dass man Pferden keinen Kuchen geben darf !“
Pia lachte und rannte los. Aus dem Pferdestall hörte man vereinzeltes Wiehern. Es klang fast wie eine leise Beschwerde.




Autor: Margrit Baumgärtner

margritbaumgaertner@web.de


Fotograf/Künstler: © Elisa Al Rashid / www.pixelio.de

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5 Kommentare

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  1. Ich liebe die Geschichte! Das ist so richtig schön bildhaft erzählt. Man kann das Herbstfest sehen, riechen, fühlen, schmecken …

  2. Mir ergeht es wie dem Pferd.
    Kein Kuchen – das find´ich verkehrt.

    Schöne Geschichte

    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 24. Oktober 2012 at 13:10
    • Antworten

    Danke – das freut mich ganz besonders….Denn der „Nebel-Schreibstil“ ist mir doch ein besonderes Vorbild, so locker, stilsicher und humorvoll, aber auch sachkundig in den Buchbesprechungen. (Teil 3 der Geschichte folgt bald und vielleicht nach einer Pause noch weitere Fortsetzungen…)

  3. Dankeschön! 🙂

    • Meins
    • Gisela Kurfürst-Meins on 26. Oktober 2012 at 14:33
    • Antworten

    Auch der zweite Teil gefällt mir sehr gut, schön bildlich geschrieben.

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