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Baumgaertner

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Pferde-Äpfel

Teil 1: Die Apfel-Tante

„Sie ist bekannt wie ein bunter Hund!“
„Was soll das denn heißen?“ Jonas schaute seine Schwester Ricarda fragend an.
„Sagt man doch so, wenn jemand sehr bekannt ist. Und zu dieser Frau passt es doch wirklich.“
„Jedenfalls im Bezug auf die Pferde“, stimmte Jonas nun auch zu und blickte zu dem Weg, der sich vom Waldrand hinunter zum Reiterhof schlängelte. Aus dieser Entfernung sah man vorerst nur eine kleine Frau mit hellen Haaren und einer großen Tragetasche an der Schulter.

„Was meint ihr denn eigentlich?“ wollte nun auch die 7jährige Pia wissen. Im Unterschied zu den 12jährigen Zwillingen Jonas und Ricarda, deren Eltern diesen Hof vor einem halben Jahr gekauft hatten, kam Pia mit ihren Eltern heute erst zum zweiten Mal zu Besuch. Vorwitzig wie sie war, mischte sie sich gleich in das Gespräch ein.
„Na, dann pass mal auf“….Ricarda drehte Pia in die richtige Richtung und deutete mit dem Zeigefinger auf die sich langsam nähernde Frau. Zu dritt beobachteten sie, was in den nächsten Minuten passierte.

Die Frau mit der großen Tasche war noch ca. 50m von der Hofeinfahrt entfernt und ging bedächtig und mit kleinen Schritten. Direkt rechts von der Einfahrt lag die erste von drei Koppeln, auf der sich acht Pferde befanden, vertieft in ihre Lieblingsbeschäftigung, das Grasfressen. Doch plötzlich ging ein kleiner Ruck durch eines der Tiere. Fedora, eine zierliche braune Stute, hob den Kopf, spitzte die Ohren, drehte eines davon zur Seite und bemerkte die Frau. Zielstrebig trabte sie zum Weidezaun und gab, als die Frau noch einige Schritte entfernt war, ein tiefes Grummeln von sich.
„Eine Pferdebegrüßung“, kommentierte Jonas fachmännisch.
„Hallo meine Fee“, sagte die Frau leise und etwas verlegen, denn sie bemerkte, dass sie beobachtet wurde. Sie streichelte die Pferdenase und in Sekundenschnelle befanden sich auch die anderen Pferde am Zaun, drängelten um den besten Platz und drohten untereinander mit angelegten Ohren.
„Siehst du, die Pferde haben sie gleich erkannt“, erläuterte Ricarda der staunenden Pia. „Und sie wissen genau, was jetzt kommt.“

Offensichtlich wussten sie das! Das Wasser lief ihnen im Maul zusammen, das war bei einigen deutlich sichtbar. Und schon öffnete die Frau die große Tasche und holte rote Äpfel heraus. Die größeren Früchte waren in Stücke geschnitten und die Frau begann, die Köstlichkeiten zu verteilen. Pferdemaul für Pferdemaul fütterte sie — obwohl, wurde die eine kleine Stute nicht ein wenig häufiger bedacht?

„Die Fedora bekommt ja die meisten Äpfel“ bemerkte Ricarda halb sachlich, halb fragend und ging auf die Frau zu.
„Ja, ja – ich weiß“ antwortete die Frau leicht errötend, „sie ist eben mein Lieblingspferd.“
„Warum?“ mischte sich Pia nun ein und warf einen Seitenblick auf das schon ältere Pferd, das nicht gerade zu den Schönheiten seiner Art gehörte.

Erst nach einer kleinen Pause kam eine zögerliche Antwort: „Nun…sie ist das letzte Pferd, auf dem ich geritten bin.“
Die Frau hatte alle Äpfel verfüttert und schien am liebsten wieder gehen zu wollen.
„Wann war das?“ hakte Pia neugierig nach, während sie die rundliche Figur der Frau kritisch taxierte. Diese bemerkte das sofort, lächelte und begann zu erzählen:

„Das ist schon viele Jahre her…warte mal…genau 13 Jahre. Die kleine Fee, so wurde sie schon als Fohlen von den früheren Besitzern genannt, war 4 Jahre alt und erst frisch angeritten. Ja…und ich war Mitte 4o und noch ein bisschen schlanker.“
Ihr schmunzelnder Blick ließ nun Pia ein wenig rot werden.
„In diesem Jahr habe ich Fedora einige Male geritten. Doch dann habe ich beschlossen, damit aufzuhören, weil ich nicht mehr so gelenkig und fit bin.“

Die Äpfel waren inzwischen längst alle aufgefressen und die Tiere hatten sich abgewendet.
„Sind Sie denn gar nicht traurig, weil Sie nun nicht mehr reiten können?“ Jonas wollte es genau wissen.
„Am Anfang schon. Doch nun bin ich glücklich mit meiner Entscheidung. Ich erfreue mich auch so an den Pferden, indem ich sie beobachte, streichle, füttere und euch Kindern beim Reiten zuschaue.“
Halb ungläubig, halb staunend schwiegen die drei Zuhörer.
„So, nun muss ich mal wieder gehen, langsam wird es mir zu kühl. Ich wünsche euch noch einen schönen Nachmittag!“
„Wie heißen Sie eigentlich?“ Jonas erwähnte nicht, dass die Frau von den Kindern immer die „Apfel-Tante“ genannt wurde. „Und kommen Sie am nächsten Wochenende zu unserem Herbstfest?“
„Ich bin die Frau Arnold…und ich komme gern. Ich kann auch noch einen Apfelkuchen mitbringen.“
„Das wird die Pferde nicht freuen“, kicherte Jonas.
„Und was bekommt dann die gute Fedora?“ Pia grinste aufmunternd in die Runde.
„Eine Möhre“, rief Jonas und alle lachten.

Frau Arnold machte sich auf den Rückweg durch die Hofeinfahrt. Langsam ging sie den ansteigenden Weg zum Waldrand hoch und winkte noch einmal kurz zurück. Ein kühler Wind wehte durch das Tal und wirbelte viele Blätter durch die Luft. Viele Augenpaare – menschliche und große Pferdeaugen – schauten der „Apfel-Tante“ hinterher.




Autor: Margrit Baumgärtner

margritbaumgaertner@web.de


Fotograf/Künstler: © Hans-Peter Reichartz / www.pixelio.de

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5 Kommentare

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  1. Margrit Baumgärtner

    Ich wusste es: Frau Nebel findet ein passendes Foto, wie immer… Der perfekte Einstieg für diese Geschichte, Teil 2 und 3 (…) folgen bald.

  2. Ingo Baumgartner

    Margrit, eine Erzählung, der man gerne folgt. LG Ingo

  3. Hans Witteborg

    Da hast du mich aber gewaltig veräppelt mit der Überschrift. Ich hatte etwas anderes erwartet!
    Aber schön erzählt!
    p.s. habe wohl den Bindestrich übersehen?

  4. Edith Nebel

    Jetzt hab ich gerade prüfen müssen, ob ich tatsächlich einen Bindestrich in der Überschrift gemacht habe. Habe ich! Sonst gibt es Ärger mit meiner Facebook-Gruppe, die gegen die gängigen Sprachschlampereien zu Felde zieht. 🙂

  5. Gisela Kurfürst-Meins

    Sehr schön erzählt.

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