Claus Beese: Die Kinder vom Deisterbahnhof – Eine Kindheit in Bennigsen

Claus Beese: Die Kinder vom Deisterbahnhof – Eine Kindheit in Bennigsen, Goldebek 2012, Mohland Verlag C. Peters Nachf., ISBN 978-3-86675-173-6, 117 Seiten, mit 11 s/w-Fotos, Softcover, Format: 12,5 x 20 x 1 cm, EUR 8,50.

„Lassen Sie mich ein wenig erzählen von der damaligen ‚guten alten Zeit’, die so unproblematisch gar nicht war. Wir hatten das Glück, noch klein genug zu sein, um von den Schwierigkeiten der Erwachsenenwelt nichts mitzukommen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum man sich oft und gern an eine Unkomplizierte Kindheit zurück erinnert (…)“ (Seite 11)
Genau das tut der Autor hier. Nicht in Romanform, sondern mit 25 Anekdoten und Episoden. Zwischen die einzelnen Geschichten sind Gedichte zum Thema „Kindheitserinnerungen“ gestreut, die zum großen Teil von Gastautoren stammen.

Claus Beese verbringt die ersten Jahre seiner Kindheit in Bennigsen, einem kleinen Ort am Deister, südwestlich von Hannover. Dort betreiben seine Eltern die Bahnhofgaststätte. Claus wächst mit zwei älteren und einer jüngeren Schwester auf sowie mit zahlreichen Spielkameraden – und das in einer Freiheit, wie sie in den 50-er und 60-er Jahren des vorigen Jahrhunderts üblich ist. Zu der Zeit sind Kinder noch kein „Projekt“, das so extrem gefördert und betütelt wird wie die Kleinen heute. Kinder sind zahlreich, laufen so nebenher mit und werden mehr oder weniger vom ganzen Dorf erzogen.

So schrecklich viel Zeit haben die Gastwirtseltern nicht für ihren Nachwuchs. Aber dafür ist ja Opa Heinrich Klages da, der Großvater mütterlicherseits. Eigentlich will er ja nur seine Familie besuchen kommen, und dann bleibt er einfach da, was für Claus’ ältere Schwestern einen Umzug in die unheimliche und zugige Dienstbotenkammer auf dem Dachboden bedeutet. In ihrem bisherigen Kinderzimmer wohnt jetzt Opa und wird für die Kinder zu einer wichtigen Bezugsperson.

Der knorrige alte Herr hat aber auch die interessantesten Ideen! Weil ihm der Preis für die Frühstückseier zu hoch erscheint, schafft er kurzerhand selbst ein paar Hühner an. Nur mit Hahn Heinrich, den die Kinder nach ihm benannt haben, kommt er gar nicht gut klar. Die beiden Kampfhähne (Seite 33) sind einander nicht grün, was schließlich zu Mord und Totschlag im Dorf führt (Seite 37).

Der Großvater unterstützt die Familie auch mit einem üppigen Gemüsegarten, was den Kindern köstliche Genüsse, gruselige Geschichten am Kartoffelfeuer und die Begegnung mit einem leibhaftigen Gartengeist beschert. Und Claus’ unfreiwilliges Bad in der Saure-Gurken-Lake hängt indirekt auch mit Opas grünem Daumen zusammen.

Der kleine Claus erfährt in der Gastwirtschaft mehr vom Leben als er in seinem jungen Alter schon verarbeiten kann. Er lernt, auf die Fragen der angezechten Gäste schlagfertige Antworten zu geben, erkennt, dass man den deftigen Wortschatz des Großvaters nicht überall ungestraft anwenden darf, spürt, dass Liebe manchmal weh tut und stellt fest, dass Haribo beileibe nicht alle Kinder froh macht.

Sein Versuch, das beim Bahnhofsanbau erlernte Wissen anzuwenden und den Außenputz des Nachbarhauses auszubessern, wird nicht mit der erhofften Begeisterung aufgenommen. Claus’ eigene Begeisterung hält sich wiederum stark in Grenzen, als der Großvater ihn zum Friseur schleppt. Seine großen Schwestern haben ihm nämlich eingeredet, dass man ihm bei dieser Gelegenheit die Segelohren gleich mit abschneiden würde …

Unauslöschlich positiv sind dagegen die Erinnerungen an die unendlichen Spielmöglichkeiten im verwilderten Garten der benachbarten Arztvilla und an die seltenen Besuche auf dem weitläufigen Rittergut derer von Bennigsen.

Eine stimmungsvolle Angelegenheit ist Weihnachten in der Bahnhofsgaststätte, die natürlich auch an Heiligabend geöffnet hat. „Noch war der Krieg nicht vergessen, der in viele Familien so schrecklich große Lücken gerissen hatte. Die Einsamkeit Einzelner war an diesem Abend mehr als greifbar. Konnte man diesen Menschen die Tür vor der Nase verschließen? Sie aussperren und ihnen das Gefühl von Weihnachten vorenthalten?“ (Seite 60) Nein, natürlich nicht! Das hätte die Gastwirtsfamilie nie im Leben fertiggebracht. Und wer Claus Beeses Bücher kennt, weiß nun auch, was ihn zu seiner beliebten Kurzgeschichte Der Weihnachtskarpfen inspiriert hat …

Doch irgendwann heißt es Abschied nehmen. Die Familie zieht nach Bremen, um dort eine andere Gaststätte zu betreiben. „Der Wagen holperte über den Bahnübergang, Bahnhof und Kindheit blieben zurück.“ (Seite 110) Geblieben sind dem Autor die Erinnerungen an eine Zeit, in der er frei und unbehelligt von Erwachsenensorgen neugierig die Welt entdecken durfte.

Claus Beese hat für dieses Buch 7 Gastautorinnen und –autoren mit ins Boot genommen und deren Jugendzeit-Gedichte zwischen die eigenen Textbeiträge gestellt. Das funktioniert, weil es einige Kindheitserinnerungen gibt, die innerhalb eines Kulturkreises und einer Altersgruppe quasi „allgemeingültig“ sind. Und egal, wo der Leser seine eigene Kindheit verbracht hat – wenn sie auch in den 50-er oder 60-er Jahren stattfand, wird ihm manches Stimmungsbild bekannt vorkommen. Vielleicht hat er sogar selbst ein paar ganz ähnliche Geschichten erlebt.

DIE KINDER VOM DEISTERBAHNHOF ist ein nostalgisches Lesevergnügen für die Generation 50+. Möglicherweise ist es auch für die Kinder und Enkel interessant, die nie so recht glauben konnten, was Eltern oder Großeltern aus ihrer Jugendzeit berichtet haben. Hier ist einer, der auch so aufgewachsen ist, und uns sehr unterhaltsam davon erzählt.

Der Autor
Claus Beese wurde 1955 in Niedersachsen geboren und lebt seit langem in Bremen. In seiner Freizeit ist er mit Leib und Seele dem Wassersport verbunden, dessen amüsante Seiten er in seinen Büchern augenzwinkernd zu schildern weiß. 12 Bücher hat er bislang veröffentlicht.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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