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Ben Aaronovitch: Schwarzer Mond über Soho – Roman

Ben Aaronovitch: Schwarzer Mond über Soho, OT: Moon over Soho, Deutsch von Christine Blum, München 2012, dtv, Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-21380-6, 412 Seiten, Softcover, Format: 12 x 19 x 2,5 cm, EUR 9,95 (D), EUR 10,30 (A) .

„Sie glauben, dass es Vampire gibt, die sich von Jazz ernähren?
„Warum nicht?“
„Jazzvampire?“
„Wenn’s watschelt wie eine Ente und quakt wie eine Ente …“
„Warum ausgerechnet Jazz?“
„Keine Ahnung.“ Mein Dad hätte eine Antwort drauf gehabt: Er hätte gesagt, weil nur Jazz richtige Musik ist.
(Seite 229)

Vorneweg: Es ist unbedingt zu empfehlen, Band 1, DIE FLÜSSE VON LONDON; gelesen zu haben, ehe man sich an den SCHWARZEN MOND ÜBER SOHO wagt, weil einen sonst die schiere Fülle merkwürdiger Fakten und das gewaltige „Personalaufkommen“ erschlägt. Rund 50 (!) mehr oder weniger menschliche Gestalten wuseln durch diesen Roman. Sie haben auf verschiedenste Weise miteinander zu tun werden demzufolge auch immer wieder erwähnt. Man sollte schon wissen, wer wer ist, um der Story folgen zu können. Leicht ist das nicht!

Was man wissen muss: Die Geschichte spielt im London der Gegenwart. Constable Peter Grant, Sohn eines weißen, drogensüchtigen Jazzmusikers und einer aus Afrika stammenden Putzfrau, arbeitet bei einer geheimen Spezialeinheit der London Metropolitan Police, die sich mit übernatürlichen Ereignissen beschäftigt. Diese Einheit, genannt „Folly“, besteht aus zwei Personen: Der Chef ist DCI Thomas Nightingale, der nur so aussieht wie ein Mann um die 40, in Wahrheit aber Jahrgang 1900 ist. Für einen Magier nichts Ungewöhnliches. Der zweite Mann ist Zauberlehrling Peter Grant, der junge Polizist aus einfachen Verhältnissen, der bis vor kurzem noch gar nichts von seinem magischen Potenzial ahnte.

Die beiden Männer leben und arbeiten in einer alten Londoner Villa, zusammen mit Hund Toby, der spüren kann, wenn Magie im Spiel ist, und mit Haushälterin Molly, die nicht wirklich der menschlichen Rasse angehört. Sie spricht nicht, altert kaum, hat mehr Zähne als normal wäre und eine Vorliebe für rohes Fleisch. In diesem Band erfahren wir, wie Molly ins Folly kam.

Nach einer Schussverletzung, die er sich in Band 1 zugezogen hat, ist DCI Nightingale noch sehr geschwächt, und so bleibt der Löwenanteil der Arbeit an Azubi Peter hängen. In nichtmagischen Angelegenheiten hilft ihm gelegentlich seine Kollegin Constable Lesley May, die derzeit wegen einer schweren Gesichtsverletzung, die sie sich im letzten Fall zugezogen hat, im Krankenstand ist.

Die aktuellen Fälle: Derzeit beschäftigt sich das Folly mit einer ungewöhnlichen Häufung plötzlicher Todesfälle unter Londons Jazzmusikern. Der Kryptopathologe Dr. Abdul Haqq Walid, bekennender Schotte, hat Nightingale und Grant hinzugezogen. Auch Walid ist imstande das Vestigio, die Spuren, die magisches Treiben auf Gegenständen hinterlässt, wahrzunehmen. In diesem Fall erklang jedes Mal die Melodie des Jazzklassikers BODY AND SOUL aus den 30-er Jahren, wenn man sich über eine der Leichen beugte. Das ist ja auch nicht gerade normal.

In rascher Folge hat’s die Musiker Henry Bellrush, Cyrus Wilkinson und Michael Adjayi erwischt. Peter Grant freundet sich mit dem Rest von Wilkinsons Quartett an, schleust seinen Vater, „Lord“ Grant als vierten Mann in die Band ein und schnüffelt in der Jazz- und Clubszene herum. Er „erbt“ auch gleich Wilkinsons Geliebte Simone Fitzwilliam, eine dralle junge Dame mit unersättlichem Appetit auf  S * e* x und Süßes. Warum seine Mutter so extrem ablehnend auf Simone reagiert, ist Peter zunächst ein Rätsel …

Die polizeilichen Ermittlungen führen tief hinein ins Gangstermilieu. Dort geht es nicht nur um Drogen und Korruption, dort treiben Gestalten ihr Unwesen, die sich mit wesentlich fieseren Angelegenheiten beschäftigen. Da graust es sogar Peter Grant, und der ist einiges gewöhnt.

Auf einmal gibt es eine Querverbindung zu einem anderen Fall, den das Folly schon länger an der Backe hat: In den Clubs von London ist eine exotische Schöne unterwegs, die ihren Begleitern mit ihrer Vagina dentata das beste Stück abbeißt.

Peter Grant setzt Ash, einen der Themsegötter, die er in Band 1 kennengelernt hat, auf die Dame an. Ein großer Fehler, denn als der junge Mann bei einer Verfolgungsjagd verletzt wird, bedeutet das für Peter nicht nur Ärger mit seinen Vorgesetzten, sondern mit der ganzen Themsegötter-Sippe. Die besteht aus Mama und Papa und deren Kindern … für jeden Nebenfluss eines.

Ausgerechnet Lady Ty – Cecilia Tyburn Thames -, eine der Flussgöttinnen, die Peter Grant ums Verrecken nicht leiden kann, entpuppt sich als Studienkollegin eines Opfers und könnte der Polizei wertvolle Hinweise geben. Aversion hin oder her, Peter Grant muss sich mit Ty zusammensetzen und erfährt von ihr, was er schon ahnte: Es ist schwarze Magie im Spiel. Aber wer übt sie aus? Schwer zu sagen. Niemand hat je das Gesicht des Schwarzmagiers gesehen.

Auf einem Dachgarten in der Berwick Street kommt es zum hochdramatischen Showdown zwischen dem Folly und dem gefährlichen Unbekannten …

Was es sonst noch zu sagen gibt: Nicht alle Fälle, an der Peter Grant und Thomas Nightingale derzeit arbeiten, werden in diesem Band geklärt. Ein Fall löst sich auf tragische Weise, ein anderer wird uns schätzungsweise in den Band 3 begleiten. Genau wie die offenen Fragen, die noch immer nicht beantwortet oder in diesem Band erst aufgeworfen wurden. Wer offene Fragen nicht scheut und sich mit einer komplexen, skurrilen Geschichte voll schrägen Humors anfreunden kann, bei der man am Schluss tatsächlich Mitleid mit Monstern und Massenmördern bekommt, dem seien die Abenteuer von Constable Peter Grant und seinen Kollegen ans Herz gelegt.

Die trockenen, teilweise schwarzhumorigen Dialoge sind überaus unterhaltsam. Ich-Erzähler Peter Grant, der sich für alles und jedes interessiert und nur seine Zauberübungen langweilig findet, kommt von Hölzchen auf Stöckchen und lässt keine Gelegenheit aus, über die Zustände in London oder Großbritannien im allgemeinen abzulästern:

„Entgegen der Vorurteile meines Dad bestand die hiesige Polizei keineswegs aus Idioten oder den Produkten generationenlanger Inzucht. Falls die Eingeborenen von Norwich sich familienintern vermehrten, schickten sie ihren Nachwuchs jedenfalls nicht zur Polizei.“ (Seite 253)
„Somers Town war früher ein einziger Ballungsraum des Bösen zwischen den Bahnhöfen Euston Station und St. Pancras. In den Zeiten, bevor Rottweiler aufkamen, hatten die Leute dort eine abgesägte Schrotflinte neben der Haustür stehen, nur für den Fall, dass ungebetene Gäste oder Sozialarbeiter klopften. (Seite 271)
„Die Mittelschicht floh in Scharen in die begrünten Vororte, und die Arbeiterklasse wurde in brandneue Schlafstädte in der Wildnis von Essex oder Hertfordshire verfrachtet, die nur deshalb New Towns genannt wurden, weil der Begriff „Bantustan“ zu der Zeit noch nicht so bekannt war.“ (Seite 281/282)

So geht das in einer Tour, und man ist permanent am Grinsen. So schrill und abgefahren macht Urban Fantasy selbst solchen Lesern Spaß, die das Genre sonst nicht mit der Feuerzange anfassen würden.

Ein bisschen weniger komplex hätte es aber sein dürfen! Es kann nicht sein, dass man die Querverbindungen zwischen den einzelnen Personen erst dann so richtig kapiert, wenn man ein mehrseitiges „Who is Who“ der Romanfiguren anlegt!

Das, verehrter Herr Aaronovitch, überfordert die Leser doch ein bisschen. Seien Sie bitte so gut und machen Sie’s den Fans von Peter Grant und DCI Nightingale in Band 3 Nicht ganz so schwer!

Meine Personenliste

Der Autor: Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u. a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie ‚Doctor Who‘ verfasst), arbeitet er als Buchhändler.




Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
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Foto Cover-Bild: © Edith Nebel

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