Aus Emilios Sicht
Der Garten sieht so toll aus und riecht so gut. Ich bin richtig glücklich. Meine hinteren Beine sind noch ein wenig steif, aber das stört mich nicht. Von meinen Gefährten habe ich gehört, dass in unserer Umgebung keine Katze lebt, die so komische, weiße Dinger am Po hatten. Auch hatte keiner aus der Katzengemeinde so häufig Kontakt mit den weißgekleideten Zweibeinern, die Einen manchmal pieksen und andere merkwürdige Sachen machen. Aber, ich habe mich danach immer besser gefühlt, also können sie doch gar nicht so schlecht sein.
Fremde Zweibeiner mag ich überhaupt nicht mehr, das war früher anders. Da habe ich mir immer Streicheleinheiten und manchmal auch ein Leckerchen abgeholt. Das mache ich nicht mehr, denn ich habe große Angst. Diese großen Knatterdinger machen mir noch mehr Angst und deshalb verstecke ich mich immer. Was ich richtig toll finde, meine Katzeneltern habe ich so richtig gut erzogen. Jaaaaaa, immer, dann wann ich mag, bekomme ich meine Schmusis. Wenn ich mich einsam fühle maunze ich in einem ganz besonderen Ton, dann kommt sofort ein Zweibeiner angerannt und nimmt sich meiner an. Ich habe ein tolles Leben und bin unendlich dankbar, das zeige ich meinen Lieben auch immer. In meinem Rudel sieht das anders aus. Die beiden Jungspunde haben nach der Kastration gedacht, dass ich zu schwach sei, meine Rangfolge bei zu behalten. Denen habe ich es gezeigt. Ich habe zwar eine dolle Schramme am Kinn, aber ich bin immer noch stark, hinten wackelig wie eine Ente, aber vorne, vorne bin ich ein Tiger.
Das emotional belastende Jahr 2011 hatten wir hinter uns gelassen.
Für das neue Jahr hatten wir uns umsetzbare Ziele gesteckt, die nach den Erfahrungen und Erfolgen im vergangenen Jahr sicher erreicht werden könnten. Jetzt hieß es, beide Ärztinnen der Spezialklinik in Erstaunen zu versetzen. Von Emilios enormer Entwicklung hatten sie ja nur ansatzweise gehört. In meinen Mails habe ich die gefilmten Fortschritte übermittelt, jetzt sollten sie, sie selber begutachten …
Mit einem windellosen Emilio ging es in die Klinik. Es war wieder ein Termin mit beiden Ärztinnen vereinbart. Als Dr. Kinzel den Behandlungsraum betrat, konnte ich die Neuigkeit nicht für mich behalten: „Wissen Sie was? Emilio kann selbständig laufen und kommt ohne Windel sehr gut zurecht.“ Dr. Kinzel freute sich, schon fast ungläubig. So eine enorme gesundheitliche Veränderung innerhalb dieser kurzen Zeitspanne! Das ist schon sehr ungewöhnlich!
Ich bat um die Erlaubnis, diese Untersuchung filmen zu dürfen, meine Kamera legte ich bereit. Dr. Neumann betrat den Behandlungsraum. Emilio durfte zeigen, was für ein kleines (oder doch eher großes!) Wunder er vollbracht hatte. Beide Ärztinnen waren begeistert. Sie testeten die Schmerzreflexe, die zügig ausgelöst werden konnten. Die Nerven waren vollständig regeneriert. Den linken Vorderlauf nahmen sie besonders ins Visier, da dieser den Eindruck vermittelte, nie verletzt gewesen zu sein. Von einer Lähmung überhaupt keine Spur mehr. Emilio konnte sich sogar mit beiden Vorderläufen an der Kante des Behandlungstisches hochziehen. Die Hinterläufe waren noch ein wenig beeinträchtigt, was ihn nicht daran hinderte, durch die Praxis zu humpeln.
Das macht einfach nur sprachlos. Ein gelähmter Kater, der nach einem äußerst schweren Autounfall (überfahren worden, nicht nur angefahren!) innerhalb von nur 3 Monaten das Gehen wieder erlernt. Was bleibt, ist der Bruch des Brustwirbels, mein Pelzgesicht scheint das nicht zu stören, er hat sich mit seinem neuen Gangbild arrangiert. Dr. Kinzel wagte die Prognose, dass Emilio in einigen Wochen vollständig genesen ist. Anfang Februar bekam Emilio eine Anabolikainjektion, da der Muskelaufbau im hinteren Bereich stagnierte. Eine weitere Anabolikagabe wird folgen.
Heute benimmt Emilio sich fast so, als sei gar nichts passiert. Er geht regelmäßig in den Garten und verrichtet dort auch sein Geschäft. Hat Emilios Verhalten sich verändert? Eindeutig ja. Er ist sehr, sehr anhänglich und sucht ständig den Körperkontakt. Mittlerweile bettelt er bei Tisch wie ein Hund, weil er weiß, dass ich immer ein Leckerchen zur Hand habe. Fremden gegenüber ist er nicht mehr so aufgeschlossen wie früher, bei unerwarteten Geräuschen reagiert er mit einem Fluchtreflex. Emilio braucht Zeit. Die körperlichen Verletzungen sind fast verheilt, die seelischen brauchen Zeit. An Geduld hat es uns nie gefehlt, den Rest des Weges werden wir gemeinsam mit Emilio meistern.
In Memoriam:
Meine Mutter 12.07.2001
Mein Vater 06.07.2011
Kira, meine 13 jährige Hündin, 05.11.2011
Nachtrag
Die zweite Anabolikagabe ist erfolgt. Der Muskelaufbau erfolgt ganz langsam aber erkennbar. Die Muskulatur im Brustbereich ist enorm stark. Es habe sich richtige Pakete gebildet. Hinten sieht er immer noch aus, wie eine kleine Ente. Wenn er sich verausgabt, sieht man das sofort, dann humpelt er enorm. Am 14.05.2012 erfolgte die Zahnsanierung. Wir haben sie möglichst weit nach hinten geschoben, weil eine Narkose die Regeneration der Nerven behindert hätte.
Im Mai ging es nicht mehr anders. Entzündungen zwangen uns zur Handlung. Ein Reißzahn wurde gezogen, einer gefüllt, damit das Kinn keine Fehlstellung einnimmt. Die restlichen Zähne wurden abgeschliffen, da sie alle von dem Unfall betroffen waren. Nach der Narkose bekam ich einen gewaltigen Schrecken. Emilio brauchte schon lange, bis er wieder wach war. Dann der Moment, ich hatte erwartet, dass er aufsteht, wacklig zwar, aber auf vier Beinen. Das funktionierte nicht. Er bekam die Hinterläufe nicht aufgerichtet und robbte auf dem Po vorwärts. Tränen stiegen mir in die Augen. Das durfte doch nicht sein, nicht so, nicht nach einer solch lapidaren Operation. Meine Verzweiflung war spürbar. Emilio ließ sich nicht beeindrucken und setzte zwei Stunden später seine Hinterläufe wieder aktiv ein.
Emilio hat es überstanden. Es waren emotionale Höhen und Tiefen, die wir durchliefen. Meine Intention zum Schreiben ist das unbändige Bedürfnis etwas bewegen zu können. Wenn Emilios Geschichte nur einen Tierliebhaber dazu bewegt, eine finale Entscheidung zu überdenken, dann haben wir unser Ziel erreicht. Vielleicht dient die Geschichte ja auch als Beweis der Alternativen und Möglichkeiten, die man als Mensch hat.
Kurzanleitung Windel
- Windel entsprechend des Gewichtes der Katze kaufen
- Die Bündchen sollten an den Stellen, die um die Gelenke führen, eingeschnitten werden, damit die Katze sich nicht wund scheuert.
- Die Klebestreifen gehören auf den Rücken.
- Ein sternförmiger Einschnitt dient zur Durchführung des Schwanzes (etwa zwei Finger breit über der Knickfalte und im Durchmesser etwa von der Größe eines 2€-Stücks).
Zubehör für inkontinente Katzen:
- Windeln
- Einmal-/Wickelauflagen
- Waschbare Inkontinenzauflagen (mind. 2), erhältlich im Sanitätsfachhandel
- Katzenshampoo
- Föhn
- große Handtücher
- weiche Bürste
- Kamm
- Schere
Anleitung für das Windeln
Zunächst möchte ich Euch meinen Respekt zum Ausdruck bringen. Menschen, die einer inkontinenten und/oder gelähmten Katze die Chance auf ein Weiterleben gewähren, sind besondere Menschen, die ihr Tier über alles lieben und sich dieser ungewöhnlichen Situation stellen. Das ist nicht selbstverständlich, denn es kostet Mühe und Zeit, bis sich Tier und Mensch in dieser ungewöhnlichen Phase eingespielt haben. Ihr übernehmt eine große Verantwortung. Die Herausforderung ist enorm aber zu bewältigen. Eure Katze wird es Euch mit Hingabe danken.
Welche Windel kaufe ich?
Das Gewicht der Katze ist ein guter Indikator für den Kauf der Windel. Emilio hatte nach seinem Unfall stark an Gewicht verloren, so dass ich zunächst auf New Baby (Größe1/ 2-5kg) von Pampers zurückgegriffen habe. Günstigere Alternativen habe ich auch probiert, muss jedoch aus Erfahrung berichten, dass sie sich nicht bewährt haben (Ausflocken, zu geringe Flüssigkeitsaufnahme, zu breite Bündchen, die ein Wundscheuern fördern). Als Emilio wieder bei knapp 5 kg angelangt war, habe ich mich für Pampers Aktive (Größe3/ 4-9kg), alternativ Baby dry (Größe2/ 3-6kg) entschieden.
Welche Auflagen zum Schutz gegen das Durchnässen benötige ich?
Als Unterlage für Handtücher/Decken habe ich waschbare Inkontinenzauflagen aus dem Sanitätsfachhandel benutzt. Es sollten (für den Wechsel) mindestens zwei Stück vorhanden sein. Sie sind bei 95 Grad waschbar.
Als Auflage für die Decken oder für den Transport sind Einmal-/Wickelauflagen bestens geeignet, da sie sich auch unterwegs problemlos und schnell beseitigen lassen, ohne einen begleitenden Duft im Fahrzeug zu hinterlassen.
Sollte die Katze wirklich gewaschen werden?
Das Waschen ist leider, oder in Emilios Fall Gott sei Dank, unentbehrlich. Kot (besonders im langen Fell) lässt sich mit einem Waschlappen nur schwer entfernen und die Katzen reagieren leicht genervt auf das ständige Zupfen. Beim Waschen mit lauwarmen Wasser lösen sich Rückstände leichter, und das verwendete Pflegeprodukt wird restlos ausgespült. Emilio hat sich im Laufe der Therapie sehr gut angepasst. Sobald er auf der Spüle lag und ich zum Waschen ansetzte, reichte die leichte Stimulation des Afters aus, um das Abkoten in Gang zu setzen. Das hat natürlich auch den Vorteil, dass die Katzen wieder lernen, ihre Muskeln (Blase, Darm) zu nutzen.
Wie sieht das mit der Trocknung aus?
Bei Emilio hat sich das Trocknen mit dem Föhn bewährt. Nach dem Waschen habe ich mich mit Emilio in eine ruhige Ecke im Wohnzimmer auf den Boden gesetzt, die Windeln lagen griffbereit neben mir auf dem Boden, ebenso der Föhn und verschiedene Bürsten. Zunächst habe ich das Gerät nur auf minimaler Stufe, mit minimaler Hitze betrieben. Beim Trocknen habe ich zeitgleich gekämmt und dabei auch die Physiotherapie durchgeführt. Durch die Wärme haben sich Emilio und seine Muskeln entspannt und nach einer Gewöhnungsphase hat er das Trocknen regelrecht genossen.
Autor: Margit Völtz
eliza@unitybox.de
Fotograf/Künstler: © Familie Völtz / privat


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3 Kommentare
Margrit Baumgärtner
2. August 2012 von 06:25 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
Liebe Frau Völtz,
die lange Leidens- und Genesungsgeschichte von Ihrem Emilio ist beeindruckend. Erstaunlich, welchen Lebenswillen eine Katze unter fürsorglicher Pflege entwickelt, aber auch, wie mitfühlend die anderen Katzen (und weitere Familienmitglieder) reagierten…!
Es ist noch gar nicht lange her, dass ich auch eine überfahrene Katze auf einer Straße sah…., mit gelähmten Hinterbeinen. Ich verständigte die Polizei (der Unfall war direkt vor der örtlichen Polizeistation passiert) und einige Nachbarn fanden die Tierhalterin. Was dann weiter mit dem armen Tier passierte, weiß ich nicht….
Emilio jedenfalls darf aufgrund Ihres Einsatzes ein zufriedenes Katzenleben – mit Einschränkungen – leben. Offensichtlich dankt er es ja Ihnen auch……
Weiterhin alles Gute !
Liebe Grüße! Margrit Baumgärtner
Edith Nebel
2. August 2012 von 09:07 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
Ich halte die Katerpflege hier auch für eine Heldentat. Sicher bringt nur eine Minderheit der Menschen so viel Zeit, Geduld, Liebe und Zuversicht auf, um ein so schwer verletztes Tier wieder gesund zu pflegen.
Gisela Kurfürst-Meins
14. August 2012 von 10:27 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
Eine wunderbare Geschichte. Es gibt leider nicht viele Menschen, die einem schwer verletzten Tier eine solche Chance geben. Hut ab und alles Gute weiterhin.
Liebe Grüße
Gisela Kurfürst-Meins