Ich habe noch einmal die Augen zugemacht, weil ich dachte: „Mensch, Du träumst!“, öffnete sie wieder und Emilio stierte mich immer noch an, von oben herab so richtig stolz. Da konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten, Freudentränen diesmal, denn er belastete sein linkes Vorderbein vollständig. Er saß seitlich auf seinem Po, die Hinterläufe seitlich ausgestreckt. So schnell hatte ich meine Kamera noch nie in der Hand, diesen so einmaligen Augenblick habe ich fotografiert. Das war die Wende. Katerchen wurde immer agiler. Rutschen und Schleppen sollten in den nächsten Wochen unseren Alltag begleiten. Der nächste Untersuchungstermin bei Frau Dr. Kinzel und Dr. Neumann stand an. Auf diesen Termin freute ich mich. Ich war so gespannt, wie sie wohl reagieren würden.
Bei den Ärztinnen angelangt, wurde Emilio erst einmal geknuddelt. Noch im Korb, der eine abnehmbare Haube besitzt, wurde er körperlich untersucht, die Windel wurde abgenommen. Frau Dr. Neumann stellte erfreut fest, dass Emilio ja schon fast wieder wie eine richtige Katze aussehen würde und nicht wie das erbarmungswürdige Geschöpf bei der zweiten Untersuchung. …..Er roch auch viel besser.
Dann kam der große Moment, die Ärztinnen waren erfreut. Emilio zeigte auch dort seinen Fortschritt, er belastete das linke Vorderpfötchen. Hätte man nicht gewusst, dass dieser Vorderlauf eigentlich gelähmt war, würde man es nicht sehen. Dr. Neumann stellte erleichtert fest: „So, jetzt haben wir den Punkt, an dem Emilio auch ohne Einsatz beider Hinterläufe ein lebenswertes Leben hat, super!“. Besonders erstaunt waren beide Ärztinnen, dass Emilio diesen lebenswichtigen Fortschritt schon nach so kurzer Zeit geschafft hatte. Nun konnten wir die Physiotherapie aufstocken und verändern. Durch Zug und Gegenzug (Hilfe beim Aufstehen, er geht vorwärts und wird mit ein wenig Gegenzug zurückgehalten) sollte die Muskulatur aufgebaut werden, da er die Vorderläufe und seinen Oberkörper zukünftig vermehrt belasten musste.
Mit einem neuen Termin verließen wir die Praxis und machten uns auf den Heimweg. Emilio sollte uns in den nächsten Wochen noch zeigen, wozu er imstande ist.
Der nächste Morgen wurde für meine Kater anders gestaltet. Da er nun beide Vorderläufe bewegen konnte, legte ich ihn nach der morgendlichen Versorgung auf dem Wohnzimmerboden ab. Ich hatte eine gemütliche Ecke vorbereitet, die durch keine Barrieren gesichert war, er sollte am normalen Leben teilhaben. Bei dem ersten unerwarteten Geräusch schleppte Emilio sich , so schnell er konnte, unter das Sofa. Die ungewohnte Situation überforderte ihn, ich denke, er hatte sofort den Unfall im Kopf. Da musste eine gehörige Portion Geduld her, und damit konnte ich ja dienen, auch das würden wir schon in den Griff bekommen. Auf keinen Fall wollte ich Zwang anwenden, um ihn unter dem Sofa hervorzuholen. Er sollte selber entscheiden können, wann er die schützende Umgebung wieder verlassen würde.
Mittags stellte ich sein Futter in die Nähe des Sofas, da ich genau weiß, wie verfressen die Pelznase ist. Ich musste gar nicht lange warten, und er streckte seinen Riesenpelzkopf unter der Sofakante raus. „Na, trauen wir uns doch noch? Nun komm, mein Junge, hier passiert dir doch nichts!“. Emilio schälte sich unter dem Sofa heraus und schaute mich schuldbewusst an. Er hatte unterwegs seine Windel verloren und unter dem Sofa auf den Boden gepieschert. „Ist doch alles nicht so schlimm, kann doch passieren…“ murmelte ich ihm leise zu, während ich ihn streichelte. Er antwortete mit einem leisen Gurren und schob seine Nase zum Teller. Er brauchte halt nur ein wenig Zeit, um auch der Umgebung auf dem Boden sein Vertrauen schenken zu können.
Nach ein paar Tagen war es dann so weit. Emilio rutschte auf seinem Po völlig ungeniert durch die ganze Wohnung. Ich könnte darauf schwören, dass die anderen Fellnasen gelacht haben, sie waren total fasziniert. Ein Wesen, das wie eine Katze aussieht, das auch so riecht wie eine Katze, aber noch einen Zusatz am Po trägt und dazu nicht laufen kann. Emilio konnte selbstständig in die Küche rutschen und nahm an den gemeinsamen Mahlzeiten teil. Eigentlich durfte ich mich nicht amüsieren, aber mein Rutschekater sah so genial aus. Richtig herrschaftlich, mit erhobenem Haupt schleifte er seinen Po hinter sich her. Die Treppenstufe zur Küche wurde ebenfalls im Rutschen genommen. Die Geschwindigkeit, die er mit der Zeit entwickelte war atemberaubend.
Könnte ich mir eigentlich vorstellen, dass das in Zukunft immer so aussieht? Windel und Schleifen? Was wäre denn jetzt, wenn die Lähmung der Hinterläufe bestehen bleibt? Eine schwierige Frage, aber innerlich hatte ich mich damit schon abgefunden, denn Emilio strahlte Lebensfreunde – und Würde aus. Er würde mit der Windel gut leben können. Zweibeiner auch? Das Pelzgesicht machte sich darum überhaupt keine Gedanken. Mit seiner Windel am Po war er zeitweise schneller als seine vierbeinigen Freunde. Sein Oberkörper wurde zusehends muskulöser, und ich begann langsam damit, ihn häufiger auf seine Hinterläufe zu stellen. Gerade die Mahlzeiten boten sich dafür an, da er so stark auf das Futter konzentriert war. Er bekam überhaupt nicht mit, was ich mit seinen Hinterläufen anstellte. Zu Beginn konnte er sich nicht halten und fiel schnell auf seinen Po zurück. Kurze Zeit später war er jedoch in der Lage, sein Becken einige Sekunden hochzuhalten. Aus Sekunden wurden Minuten und aus Minuten – Selbständigkeit!
Der natürliche Bewegungsablauf beim Gehen war Emilio fremd geworden, zumal der hintere Bereich eine ganze Zeitlang für ihn nicht spürbar war. Damit er sich wieder erinnerte, nahm ich ein Handtuch zur Hilfe. Ich legte es ihm quer unter den Bauch, so dass beide Enden links und rechts herausragten. Dann nahm ich beide Enden hoch und hob Emilio somit in die Luft. Die Hinterläufe hatten jetzt keine Last zu tragen und konnten theoretisch bewegt werden. Emilio verstand nicht, was ich von ihm erwartete. Also legte ich das Handtuch wieder ab und umfasste mit beiden Händen sein Becken, hob ihn auf und übte leichten Druck nach vorne aus.
Jetzt! Er hatte es begriffen!
Unbeholfen und schwerfällig stakste er nach vorne. Ein paar Meter nur, und er war erschöpft. Aber das Erfolgserlebnis zählte! Ich konnte sicher sein, dass er nun geistig umsetzen konnte, was ich mit dem Handtuch eigentlich von ihm erwartete. Er machte aktiv mit und seinem Gesicht war anzusehen, dass es ein komisches Erlebnis für ihn war, seine Pfoten auf dem kalten Boden zu spüren. Er zog eine richtige Grimasse.
Die Beckenentlastung durch das Handtuch erleichterte das Üben des natürlichen Bewegungsablaufes und Emilio belohnte mich, indem er, nach einigem Üben, die Hinterläufe selbstständig nach vorne bewegte. Einen besonderen Moment habe ich auf Video festgehalten. Emilio saß an seinem Napf, hob das Becken ganz alleine an und konnte diese Haltung einige Minuten beibehalten.
Dieser Kater war und ist unglaublich. Wie viel Lebenswillen und welche Stärke ist nötig, um diese Unfallfolgen zu überwinden! In den folgenden Tagen zeigte mein Kater seine wirkliche Stärke. Er überwand die Schmerzen und setzte immer häufiger ganz bewusst seine Hinterläufe ein. Das Gangbild war sehr unsicher, aber gegenüber der vorherigen Prognose war das ein unglaublich schöner Anblick. Wenn ihn die Kräfte verließen, knickten die Läufe wieder ein, die Anstrengung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Aber Emilio war tapfer. Er wurde mobiler und baute seine Kondition auf.
Mir stellte sich jetzt die Frage, ob der richtige Zeitpunkt gekommen war, die Windel zu entfernen. Mein Kater hat mir vertraut, und nun war ich an der Reihe, ihm zu vertrauen. Zwei Katzentoiletten fanden ihren Platz im Wohnzimmer, eine in der Nähe seines Schlafplatzes und eine am Katzenkratzbaum. Die Toiletten hatten wir mit einer Art Rampe umbaut, damit Emilio leichter Zugang finden konnte. Es war fast wie bei einem Kleinkind in der Übergangsphase von der Benutzung der Windel zur Benutzung der Toilette. Tagsüber bewegte sich Emilio ohne Windel durch die Wohnung, nachts wurde er gewickelt. Malheure passierten hin und wieder, aber er zeigte uns täglich, dass er Fortschritte machte. Die Pfützen wurden weniger! Als schwieriger stellte sich der Kotabsatz heraus. Emilio konnte seit dem Unfall seinen Schwanz nicht heben und hatte entsprechende Verunreinigungen in seinem Fell, die sich jedoch im Rahmen hielten und auch schnell beseitigt waren.
Eines Abends zeigte mir meine tapfere kleine Fellnase, dass er der Ansicht war, über Nacht keine Windel mehr zu benötigen. Morgens stellte ich fest, dass er sich die Windel über Nacht einfach mal so ausgezogen hatte. Ist er nicht klug? Im Gegensatz zu mir.Zweibeiner sind aber auch manchmal begriffsstutzig… Na, ja! Ich dachte nur: „Okay, was kann schon großartig passieren? Versuchen wir es einfach, und wenn es nicht klappt, braucht er halt noch ein wenig Zeit.“. Seit diesem Abend trägt mein geliebtes Pelzgesicht keine Windel mehr. Manchmal muss man seinen Vierbeinern vertrauen: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“ Emilio war wieder fester, eigenständiger Bestandteil des Rudels.
Das Rudel ist noch ein Thema für sich: Sein Rudel besteht aus sieben Gefährten. Auffallend war, dass sie ihm Ruhe gönnten, wo Ruhe angebracht war und ihn zum Spielen animierten, wenn er drohte, depressiv zu werden. Ist schon jemand auf den Gedanken gekommen, dass Tiere sich untereinander verständigen und genau wissen, intuitiv, was ein Rudelmitglied braucht?
Unsere Übermutter der Kompanie, Abby, fühlte sich in der Verantwortung, sobald Emilio keine Windel mehr trug. So, als wolle sie sagen: „Du siehst jetzt wieder aus wie eine richtige Katze, jetzt versorge ich dich auch!“ Von da an trug sie Lebendfutter für Emilio und den Rest des Rudels ins Haus. Bei der ersten Maus, die Abby vor Emilio fallen ließ, schaute er mich fast schon verlegen an: „Wie soll ich denn? Meine Zähne sind doch zerstört!“. Ich darf verraten, dass die Maus überlebt hat, völlig durchnässt, aber am Leben. Durch die Zersplitterung seiner Zähne kann Emilio seinem Beutetrieb nicht mehr so recht nachkommen. Ertränken kann er die Tierchen allemal mit seinem Speichel, aber richtig Beißen geht eben nicht mehr.
Übermutter Abby war es auch, die ihn über die Katzenklappe nach draußen lockte. Als Emilio mich von außen darauf aufmerksam machte, wo er sich befand, war ich sehr aufgeregt und unsicher, wie ich mich verhalten sollte. Aber was sollte passieren? Emilio konnte nicht springen, und der Garten war eingezäunt. Meine Fellnase machte sich weniger Gedanken darum, er nahm sein Leben trotz seiner Einschränkungen auf. So sollte das auch sein. Er genoss jeden Tag und seine Freunde unterstützten ihn, durch ihre Anwesenheit.
Autor: Margit Völtz
eliza@unitybox.de
Fotograf/Künstler: © Familie Völtz / privat



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