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Kater Emilios wahre Geschichte, Teil 2 von 5

Aus Emilios Sicht
Ich fühle mich schwach und bin unsagbar müde. Mein Körper tut weh und meine Augen sind auch ganz komisch. Mit dem Gucken, das klappt ja gar nicht richtig, wer hat mir denn da einen Schleier auf das Gesicht gelegt?

Ich höre ein Klicken und Schließen. Endlich bin ich zu Hause, der Duft meiner Freunde ist unverkennbar. Ob sie mich wohl noch mögen? Im Moment fühle ich mich nicht gerade gut und ich glaube, ich rieche auch ein wenig. Was höre ich da? Die Welpen der Zweibeiner. Die sind so leise, dass ich sie fast gar nicht wahrnehme. Ich werde ins Wohnzimmer gebracht, wie schön, hier ist es warm und ich bin ganz nah bei meiner Familie. Wo ich wohl schlafen darf?

Zu Hause angelangt stellte sich mir die Frage, wo ich Emilio am besten unterbringen kann, so dass er bequem liegt und ich ihn ständig in meiner Nähe haben kann, ohne andere Familienmitglieder zu stören. Das Wohnzimmer bot sich geradezu an. Zentral gelegen und Mittelpunkt des Geschehens, so dass der soziale Kontakt zu Zwei- und Vierbeinern jederzeit gewährleistet war. Eine vollständige Isolation wäre für eine erfolgreiche Genesung Emilios nicht hilfreich gewesen, da Emilio immer fester Bezugspunkt seines Rudels war . Zudem war es sinnvoll, seine kätzische Familie, auf die veränderte Situation aufmerksam zu machen, denn ihre Reaktion auf das schwerverletzte Familienmitglied war sehr wichtig.

Unsere Couchgarnitur sollte die passende Lösung sein. Man konnte sie problemlos so zusammenstellen, dass eine große Liegefläche entstand. Die Lehnen sorgten dafür, dass sich Emilio nur innerhalb eines begrenzten Raumes aufhielt und er bei Bewegungen nicht runter fallen konnte. Eine Seite war für Emilio gedacht und die andere für mich. Zum Schutz hatte ich Emilios Liegeseite mit einer waschbaren Inkontinenzauflage bedeckt. Darauf legte ich Frotteehandtücher, die mit einer Lage Einmalauflagen versehen wurden. Jetzt konnten wir gut vorbereitet in unsere erste Nacht starten. Emilio lag in seinem Transportkorb und war von den Vorbereitungen völlig unbeeindruckt. Die Erleichterung, sich endlich wieder in einer gewohnten Umgebung mit geliebten Lebewesen zu befinden, war ihm deutlich anzumerken. Ganz vorsichtig hob ich meinen Kater aus dem Korb und legte ihn auf seinen Platz. Vorab hatte ich das Wohnzimmer abgedunkelt, meine Söhne waren vorab über die Situation informiert worden. Selten habe ich Teenager gesehen, die so emphatisch reagiert haben.

Daniel und Alexander bewegten sich äußerst leise durch die Wohnung und verzichteten auf den Besuch von Freunden. Sie waren ohnehin durch das leidvolle Jahr 2011 seelisch gezeichnet. Am 06.07.2011 verstarb ihr geliebter Großvater. Der Mensch, der ihr Leben entscheidend mit geprägt hatte, der Beiden das Laufen beigebracht und die erste Liebe miterlebt hatte. Unsere 13 jährige Hündin Kira folgte Opa ein paar Wochen später. Und jetzt, jetzt stand schon wieder ein geliebtes Wesen auf der Schwelle zwischen Leben und Tod. Wie gesagt, auf der Schwelle. Diesmal hatten wir die Chance einen Kampf zu führen, dessen Ergebnis nicht absehbar war. Manchmal fällt der Samen des Schicksals auf fruchtbaren Boden, warum sollte Emilio nicht davon profitieren.

Wir waren mehr als bereit, mit Emilio diesen schweren Weg zu beschreiten. Zunächst war das Wochenende die Hürde, die zu bewältigen war. Emilio orientierte sich kurz, schnuffelte noch einmal und fiel dann in einen tiefen, hoffentlich erholsamen Schlaf. Nur das gelegentliche Zucken seines Oberkörpers ließ erkennen, dass er unterbewusst kämpfte. Was ging wohl in seinem Kopf vor. Ob er das Geschehene noch einmal erlebte, das Geräusch des Fahrzeuges, das bleibende Schäden verursachte. Die Angst vor der Nacht ohne Menschen und Rudel mit, die Ungewissheit, den nächsten Tag erleben zu dürfen?

In der Nacht wachte er häufiger auf und erkundigte sich mit leisem Wimmern und Maunzen, ob sein Zweibeiner noch in der Nähe ist. Sobald ich meine Hand auf seinen Körper legte, schien er sich sofort zu beruhigen und schlief wieder ein. Nach der unruhigen Nacht, in der ich immer wieder zwischendurch schaute, ob mein Kater noch atmet, hieß ich den nächsten Morgen willkommen. Eine überstandene Nacht bedeutete ja auch einen weiteren Schritt ins Leben zurück!

Emilio war aufgewacht, die zahlreichen Prellungen sorgten jedoch dafür, dass er nur mühsam den Kopf heben konnte. Er schaute mir in die Augen und schien zu fragen: „Wie soll das jetzt mit mir weiter gehen?“

Mein Wahlspruch gerade in extremen Situationen lautet: „Geduld, Ruhe und Zuversicht ist das Fundament, auf dem die Welt erbaut wurde.“ Alternativen gab es nicht, und Aufgeben kam überhaupt nicht in Frage!

Über Nacht hatte Emilio Urin abgesetzt. Leider nicht in der Menge, die hätte sein müssen. Seine Blase konnte er offensichtlich nicht steuern, das war ein Punkt, den ich bei Dr. Schullenberg ansprechen musste. Einen Termin hatten wir ja bereits am Freitag vereinbart. Emilio machte darauf aufmerksam, dass er sich in seiner derzeitigen Lage unwohl fühlte. Also entfernte ich die Einmalauflagen, legte neue Handtücher auf und machte mir Gedanken, ob er sein Futter annehmen würde. Einen Versuch war es wert, da er ja seit Donnerstag nichts mehr zu sich genommen hatte. Ich pürierte sein Lieblingsfutter und versetzte es mit 2 Esslöffeln Wasser, da Emilio auch nicht trank. Das angebotene Wasser aus dem Napf konnte er nicht aufnehmen, das war wohl zu schmerzhaft.

Den flachen Teller mit dem Futter-/Wassergemisch stellte ich vor Emilio hin. Er hob den Kopf und drehte seinen Oberkörper in Richtung des herrlichen Duftes. Nach kurzem Schnuffeln war der Hunger größer als der Schmerz, und man hörte nur ein zufriedenes Schmatzen und Schlürfen. Er verschlang das Futter in kürzester Zeit, verständlich, wenn man bedenkt, dass er seit seinem Unfall nicht mehr gegessen hatte. Nachdem auch der letzte Krümel vom Teller verschwunden war, legte Emilio sich erschöpft zurück und schlief schnell tief und fest. Seine äußerst interessierten Freunde hatten ebenfalls den wunderbaren Duft des Schinken/Wasser Gemisches aufgenommen. Merkwürdigerweise versuchten sie nicht, an den Teller zu gelangen. Können Katzen Situationen erfassen und umsetzen? Für mich sah es fast so aus.

Für 12:00 Uhr war ein Behandlungstermin mit Dr. Schullenberg in der Praxis vereinbart. Nach der ausgiebigen Begrüßung untersuchte „Schulli“ Emilio ganz vorsichtig. Sie zog ihm zwei der zersplitterten Zähne, weil sie drohten, die Mundschleimhaut zu verletzen. Nach der Gabe von Schmerzmitteln vereinbarten wir einen weiteren Termin für den Abend bei uns zu Hause. Dr. Schullenberg hat erkannt, dass weitere Transporte Emilio noch zusätzlich belasten. So lange es notwendig war, wollte sie uns zu Hause aufsuchen und die erforderlichen Behandlungen in Emilios gewohnter Umgebung durchführen.

Emilio verschlief den restlichen Tag, und wüsste ich nicht, dass Katzen ohnehin auf leisen Pfoten schleichen, hätte ich vermutet, dass der Rest des Rudels über das Laminat geschwebt ist. Ich habe keine andere Katze gehört, obwohl die sich sonst schon mal raufen und eigentlich nicht besonders leise gehen. Die Redensart: „Der Körper gesundet im Schlaf.“ war auf Emilio uneingeschränkt anwendbar. Als seine Tierärztin „Schulli“ ihn am Abend liebevoll ansprach, war er schon deutlich aufnahmefähiger. Sie untersuchte ihn erneut sehr, sehr behutsam und sprach ganz leise aufmunternd mit ihm. Sie ließ sich überhaupt nicht anmerken, wie ernst die Situation für Emilio war.

Sorge bereitete ihr die prall gefüllte Blase. Emilio konnte seinem Harndrang nicht nachgeben beziehungsweise ihn nicht steuern, die Blase hatte als solche ihre Funktion eingestellt und fungierte lediglich als Überlauf. Urin wurde in der Blase gesammelt, konnte aber auf natürliche Art und Weise nicht abgeführt werden, sondern lief über, sobald die Blase zu voll war. Dr. Schullenberg nahm Emilio vorsichtig auf und ging mit ihm zum Spülbecken in der Küche. Sie drückte mit schnellen, routinierten Griffen die Blase manuell aus und zeigte mir nebenbei, mit entsprechenden Erklärungen, wie das geht. Der Anblick des Urins versetzte mir einen Schock. Blut, ganz viel Blut im Urin! Der war nicht mehr gelb oder durchsichtig, sondern vom Farbton her tiefrot. Dr. Schulli beruhigte mich und klärte mich auf.

Nach einem Verkehrsunfall, so wie ihn Emilio erlitten hatte, ist es völlig normal, dass sich Blut im Urin sammelt, verletzte Muskeln, Fasern sorgen für eine Rotfärbung des Urins. Laut Röntgenbild war die Blase intakt, von daher brauchten wir uns zunächst nicht zu sorgen. Eine intakte Blase, mit dem entsprechenden Gefühl dafür, wäre jetzt schon toll gewesen. Da das nun mal in der derzeitigen Situation Wunschdenken war, leitete Dr. Schullenberg mich noch praktisch an, was das manuelle Entleeren der Blase anbelangt. Sie hat das auch mehrfach versucht, nur war ich nicht in der Lage, das vernünftig umzusetzen.

Jedes Mal, wenn ich versuchte, Emilios Blase auszudrücken, maunzte er. War es Schmerz oder mein unbeholfener Handgriff? Ich konnte es nicht beurteilen. Was ich konnte, war, meine Unfähigkeit einzugestehen. Dr. Schullenberg sollte am nächsten Tag auch dafür eine Lösung zur Hand haben. Am Sonntag legte sie Emilio nach einer örtlichen Betäubung einen Katheter, vernähte ihn und verschloss ihn mit einem Drehstopfen. Problem erkannt, Problem gebannt. So ist sie halt eben, immer kompetent pragmatisch.

Sie nahm meine Hand und zeigte mir, unter Führung ihrer Hand, wie sich eine prall gefüllte Blase anfühlt (wenn ich das beschreiben müsste, würde ich sagen, wie ein Tennisball, der sich in den hinteren Bauchraum verirrt hat). Der Stopfen wurde aufgedreht, die Blase von unten gestützt, von oben gedrückt, und schon lief es, immer noch verfärbt, nur heller. Das würde ich wohl jetzt häufiger machen. Emilio lag da und ließ den ganzen Vorgang in der ihm eigenen Gelassenheit über sich ergehen. Das Abhorchen der Lunge offenbarte keinen guten Befund. Sie hörte sich feucht an. Das heißt: neben den normalen Atemgeräuschen hört man ein Knistern oder Rasseln, welches durch abgelöste Sekrete oder Ödemflüssigkeit ausgelöst wird. Die Lunge wird dann nur unzureichend belüftet, und es droht eine Lungenentzündung.

Um eine schwerwiegendere Erkrankung zu vermeiden, war es jetzt nötig, meinen Kater regelmäßig umzulagern, damit beide Lungenflügel seitengleich belüftet werden. Dr. Schullenberg verabreichte Emilio ein Antibiotikum, Cortison und ein Schmerzmittel. So war er für die Nacht gut gerüstet. Gedanken mussten wir uns noch über seine mangelnde Verdauung machen. Emilio war seit seinem Unfall nicht in der Lage, eigenständig Kot abzusetzen. Durch das Abtasten war ersichtlich, dass der Darm gut gefüllt war. Auch das Problem sollte Dr. Schullenberg am nächsten Tag lösen.

Ich bin so erleichtert, dass wir das Wochenende gut hinter uns gebracht haben. Im Hinterkopf nagte immer der Gedanke, dass das schwere Schädel-Hirn-Trauma lebensbedrohlich ist. Das Wochenende quasi als unser „Lebenszeit-Fenster“ anzusehen war. Emilio hatte sich über Nacht den Katheter gezogen und schaute mich mit einem sehr selbstzufriedenen Gesichtsausdruck an. Er schien, durch sein zerstörtes Gebiss lächelnd, zu fragen: „Na, habe ich das nicht gut gemacht?“ Trotz des beständigen Austauschens der Auflagen roch es extrem nach Katzenurin. Emilio sah vollkommen verunreinigt aus und fühlte sich offensichtlich nicht wohl. Ein Dilemma! Auf der einen Seite traute ich mich nicht, meinen Kater durch eine Körperreinigung zu stressen, auf der anderen Seite zeigte er deutlich sein Unbehagen. Der Mittelweg erschien mir als vernünftige Lösung. Mit einem feuchten, warmen Waschlappen reinigte ich die betroffenen Stellen, so gut es ging. Ich gestaltete diesen Vorgang für Emilio so angenehm wie möglich und beendete die Prozedur mit einem Kügelchen Leberwurst für ihn als Belohnung.

Da ich in dieser Woche ohnehin noch einen Termin mit Dr. Kinzel vereinbart hatte, sollte sich auch für diese Situation eine Lösung finden lassen.

Der Einsatz von Windeln war mir zu diesem Zeitpunkt nicht geläufig, und richtig logisch denken war nicht möglich. Zu diesem Thema kehre ich später zurück.




Autor: Margit Völtz

eliza@unitybox.de


Fotograf/Künstler: © Familie Völtz / privat

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