Mein Magen knurrt, dabei liegt überall noch Schnee, also ist eigentlich noch Schlafenszeit. Trotzdem verlasse ich meinen Kobel und klettere den Baum hinunter. Nicht ganz, denn ich laufe nicht so gern durch den tiefen Schnee. Aber etwas über dem Boden ist ein Zaun. Auf dem laufe ich bis zur Tanne und klettere daran hoch. Die Samen der Zapfen sind längst aufgefressen. Die Reste der Zapfen liegen irgendwo unter dem Schnee. Wo habe ich bloß im Herbst meine Nüsse und Eicheln versteckt? Ich laufe bis zur äußersten Spitze eines Astes und springe dann auf ein Rankgerüst, an dem Pflanzen wachsen und dann weiter zum Dach eines Hauses. Auf der anderen Seite des Daches steht ein Apfelbaum. Im Herbst habe ich mich hier auch bedient, aber jetzt ist er leer. Die Äpfel sind alle verschwunden. Doch zu seinen Füßen habe ich einen Vorrat angelegt. Ich klettere also hinunter und suche unter dem Baum mein Versteck. So ganz genau weiß ich nicht mehr, wo es war. Aber ich kann es riechen. Dummerweise ist die Erde so hartgefroren, dass ich nicht an die Nüsse komme.
Plötzlich geht ein Fenster auf. Erschrocken klettere ich den Baum hoch und bleibe abwartend hinter dem Stamm sitzen. Ein Mensch erscheint auf der Terrasse und wirft ein paar Nüsse in meine Richtung. Dann geht das Fenster wieder zu. Als alles ruhig bleibt, traue ich mich nach einer Weile an die frischen Nüsse heran. Immer wieder mache ich eine Pause und sichere, damit mich kein Feind überrascht. Schnell schnappe ich mir eine Haselnuss und husche zu dem Baum zurück. Oben mache ich es mir auf einem Ast bequem und fresse die Nuss. Die Schale lasse ich fallen. Dann hole ich mir die nächste Nuss. Ich fresse, bis ich wirklich satt bin. Schließlich soll es eine Weile vorhalten, damit mich der Hunger nicht gleich wieder weckt. Anschließend husche ich in mein Nest zurück. Hier ist es schön warm, weil meine Geschwister nebeneinander schlafen. Ich kuschle mich zu ihnen und schlafe auch gleich ein.
Irgendwann wache ich wieder auf. Die Sonne scheint, und ich bin allein im Nest. Draußen ist es richtig warm. Der Schnee tropft auf mich herab. Zeit für eine Mahlzeit. Ich husche wieder zu meinem Versteck unter dem Apfelbaum. Diesmal suche ich gar nicht erst, weil vorher schon die Tür aufgeht und ein Mensch mir Nüsse zuwirft. Wie praktisch. Natürlich bin ich vorsichtig, als ich mich dem Haus nähere. Aber es bleibt alles ruhig und friedlich, und ich fresse mich satt. Eine Weile turne ich noch im Baum herum, doch dann werde ich müde und lege mich wieder in das Nest.
Diesmal schlafe ich nicht so lange, trotzdem habe ich Hunger. Obwohl die Sonne scheint, liegt noch Schnee. Nicht mehr so viel wie beim letzten Mal. Sicher wird es bald Frühling und dann gibt es frische Triebe zum Fressen. Und wieder öffnet sich bei diesem Haus in der Nachbarschaft ein Fenster und ein paar Nüsse fliegen durch die Luft.
Am nächsten Tag suche ich mein altes Versteck. Tatsächlich finde ich ein paar Nüsse. Und ich knuspere sie auf. Als ich am Haus vorbeilaufe, liegt da ein Apfel vor der Tür. Obwohl ich eigentlich schon satt bin, genehmige ich mir noch ein paar Bissen.
Jetzt laufe ich morgens immer als erstes zum Haus und schaue, ob ich dort Nüsse oder Äpfel finde. Dann muss ich nämlich nicht lange suchen und spare mir die Arbeit, stattdessen kann ich gemütlich chillen.
Einmal traue ich mich bis zum Fenster. Dort sehe ich ein anderes Eichhörnchen. Es ärgert mich. Es ist doch meine Nahrungsquelle, die gehört mir allein. Außerdem droht der Fremde mir. Und als ich ihn berühren will, fühlt er sich so kalt an. Immer wieder versuche ich, den Fremden anzufassen. Ein paarmal springe ich sogar gegen ihn. Aber eine kalte Fläche hält mich ab. Gemein. Ich würde so gern mit dem Kameraden spielen.
Da höre ich Schritte und springe schnell zurück zum Baum. Die Tür geht auf und der Mensch legt ein paar Nüsse vor die Tür. Als er weg ist, nähere ich mich zum Fressen. Nur dieses fremde Eichhörnchen kommt nicht. Ob es diese tolle Futterquelle nicht kennt?
Als ich das nächste Mal vorbeischaue, ist Frühling. Die Bäume treiben aus und Gänseblümchen und Löwenzahn blühen. Jetzt besuche ich meine Futterquelle jeden Tag. Eines Morgens finde ich vor dem Haus keine Nüsse und keine Äpfel. He, wo ist mein reich gedeckter Tisch? Das hatten wir nicht vereinbart, dass er auf einmal leer ist. Also klopfe ich erst einmal höflich an. Und habe Erfolg. Einen Augenblick später höre ich Schritte und ziehe mich in sichere Entfernung zurück. Wieder wird die Tür geöffnet und ein paar Apfelstücke hinausgelegt.
Ab jetzt wird die Fütterung unzuverlässig. Inzwischen muss ich meine Menschen an mich erinnern; deshalb klopfe ich, ohne zu lange zu warten, an und fordere mein Futter. Doch einmal hört mich niemand. Wo sind wir hier? Ich hatte mir meine Menschen gerade richtig erzogen. Gut, vielleicht haben sie mich nicht gehört. Also versuche ich es erneut, diesmal energischer. Und als sie immer noch nicht hören, probiere ich es an der anderen Scheibe. Doch wo ist sie? Das Fenster ist offen, und ich kann ins Haus hinein spazieren. Soll ich? Oder lieber doch nicht? Eine Weile ringe ich mit mir. Mein Magen knurrt. Ängstlich bleibe ich in der Nähe stehen. Aber die Äpfel locken. Sie liegen prall, glänzend und rot auf einem langen Holzding. Zu hoch, um einfach hinzugreifen, aber das ist für mich kein Problem. Wir Eichhörnchen sind schließlich geschickte Kletterer.
Ich hopse ins Zimmer, bleibe stehen und horche. Dann suche ich den kürzesten Weg. Ich springe auf einen Stuhl, von dort auf das Fensterbrett. Dabei stoße ich gegen ein paar Blumen. Die fallen um. Und ich werde unangenehm nass. Wieso fallen Blumen um? Die stehen doch fest im Boden? Schnell springe ich weiter auf eine Anrichte. Da liegen schöne rote Äpfel. Ich suche mir den schönsten aus und knabbere, bis ich eine Schüssel Nüsse entdecke. Ich laufe weiter. Zwei Äpfel kullern hinter mir hinunter, rollen über den Boden und hinterlassen eine matschige Spur. Ich schnuppere an den Nüssen und suche mir die besten heraus. Dabei fallen einige hinaus, klicken auf dem Fußboden und springen weiter. Das kümmert mich nicht. Ich fresse die schönsten und größten Nüsse. Viel größer als am Haselstrauch neben dem Kobel. Plötzlich reißt ein Mensch die Tür auf. Vor lauter Arbeit des Nussknackens habe ich die Schritte nicht gehört. Ich ducke mich hinter der Schüssel. Da schreit der Mensch laut los. Voller Angst springe ich zum Fenster. Aber das ist hart und kalt. Dort kann ich nicht hinaus. Dafür fallen ein paar Blumentöpfe hinunter und zerbrechen scheppernd auf dem Fußboden.
Jetzt kommt dieser Mensch auch noch laut schreiend auf mich zu. Hilfe, er wird mich gleich umbringen! Durch das Fenster kann ich nicht, dabei sehe ich meine Bäume und den Zaun. In meiner Not springe ich mit einem großen Satz an diesem schrecklichen Menschen vorbei und rase durch die Tür. Aber jetzt bin ich in einem schmalen langen Raum gefangen. Hier gibt es überhaupt keine Fenster, durch die ich hinaus schauen kann. Ein bisschen Licht fällt durch etwas Gelbes. Aber es ist auch kalt und hart. Da komme ich nicht hinaus. Ich suche einen Ausweg. Soll ich die Treppe hochspringen?
Nein, die Tür ist offen und der Mensch steht dort nicht mehr. Aber wo ist er? Egal, einen anderen Ausweg gibt es nicht. Also renne ich, so schnell ich kann, zur Tür und weiter geradeaus. Vor mir sehe ich diese Terrassentür. Hoffentlich ist da nicht wieder diese unsichtbare kalte Wand. Nein, ich habe Glück, ich springe in den Garten. Ohne anzuhalten turne ich über den Zaun und den Baum hoch. Erst als ich sicher in meinem Kobel bin, hocke ich mich hin. Mein Herz schlägt wie wild und ich atme hastig. Puh, da habe ich noch einmal Glück gehabt. Doch als ich mich endlich beruhigt habe, beschließe ich, mir diese gute Futterquelle zu merken. Jetzt kenne ich den Ausgang und finde auch wieder hinaus.
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Autor: Annette Paul
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Fotograf/Künstler: © Jasmin Jandera / www.pixelio.de

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2 Kommentare
Edith Nebel
22. Mai 2012 von 08:20 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
Ich glaube, wenn plötzlich ein Eichhörnchen durch meine Wohnung flitzen würde, würde ich auch kreischen. Obwohl das ja kein Grund zum Fürchten ist.
Margrit Baumgärtner
22. Mai 2012 von 09:10 (UTC 2) Link zu diesem Kommentar
Eine tolle Geschichte, wahrscheinlich nach einer wahren Begebenheit…?! Könnte man jedenfalls meinen, so detailliert ist die Schilderung. Es ist schon eine große Versuchung, ein süßes Eichhörnchen mit Nüssen zu füttern…!