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Baumgaertner

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Goldfisch Kai

*** Eine Vorlesegeschichte für Kinder ***

Herr Goldmann hatte einen kleinen Goldfisch, den nannte er Kai. Das orangene Fischchen lebte in einem Goldfischglas. Oft sah es traurig und müde aus. Da schenkte Herr Goldmann ihm einen roten Plastikfisch. An einigen Tagen gab er die Attrappe in das Wasserglas, um Kai aufzuheitern. Ob der nun glücklicher war ?

Eines Tages beschloss Herr Goldmann, eine Wanderung zu unternehmen. Er informierte sich in einem Buch, welchen Weg er laufen könnte. Danach überlegte er, was er alles mitnehmen musste. Viele Dinge legte er auf einen großen Haufen. Und auch sein Fischchen im Glas sollte mitkommen. Sogar der kleine Holztisch, auf dem das Goldfischglas immer stand, hielt Herr Goldmann für unverzichtbar. Denn er wollte in einer Berghütte übernachten. Das Tischchen, das Wasserglas und Kai wollte er mit einem Handwagen hinter sich herziehen.

Dann packte er in aller Ruhe
die dunkelbraunen Wanderschuhe,
die Mütze und die Wanderjacke,
die rote Plastikfischattrappe,
das Fernglas und die große Tasche,
den Kompass und die Wasserflasche,
den Holztisch für das Goldfischglas,
das Buch “Bergtouren machen Spaß”,
vier Socken, eine Wanderhose
und eine Goldfischfutterdose.

Zum Schluss packte er noch das Goldfischglas mit Kai zwischen alle Sachen. Der Goldfisch schwamm nervös hin und her.

Am nächsten Morgen ging es los: Herr Goldmann war wie ein Wanderer angezogen. Er ging über die Straße und zog den voll beladenen Handwagen hinter sich her. Plötzlich kam ihm die Nachbarin Frau Fink entgegen. Sie staunte nicht schlecht: “Guten Morgen Herr Goldmann, sie sind ja schwer bepackt. Wo wollen sie denn mit all´ den Sachen hin?” Herr Goldmann fühlte sich in seinem Tatendrang gestört, guckte leicht grimmig und antwortete:

“Morgen Frau Fink, ich suche Ruhe
und trage daher Wanderschuhe,
die Mütze und die Wanderjacke,
die rote Plastikfischatrappe,
das Fernglas und die große Tasche,
den Kompass und die Wasserflasche,
den Holztisch für das Goldfischglas,
das Buch “Bergtouren machen Spaß”,
die Socken und die Wanderhose
und eine Goldfischfutterdose.”

“Aha, so so” murmelte die Nachbarin und schaute staunend ihrem Nachbarn nach. Kopfschüttelnd verschwand sie im Hauseingang.

Herr Goldmann lief weiter und hatte bald die Stadtgrenze erreicht. Am Fuße eines
Berges machte er eine kleine Rast. Stolz blickte er nach oben zur Bergspitze. Dorthin sollte seine Wanderung führen. Er konnte auch ganz klein die Berghütte erkennen.

Nun aber los! Herr Goldmann ging mit festen Schritten auf dem aus- geschilderten Weg nach oben. Er atmete schwer. Es war doch nicht so einfach, den Handwagen mit den vielen Sachen hinter sich her zu ziehen. Das Goldfischglas wackelte, das Wasser schwappte hin und her und Kai guckte noch unglücklicher als sonst.

Als Herr Goldmann den halben Weg geschafft hatte, zogen am Himmel graue Wolken auf. Besorgt blickte er nach oben. Ob es wohl bald regnen würde? Als er so zu den Wolken schaute, bemerkte er gar nicht den großen Stein, der mitten auf seinem Weg lag. Und schon war es geschehen: Herr Goldmann stolperte, fiel hin und ließ den Handwagen vor Schreck los. Ach herrje!

Auf dem steilen Bergweg rollte der Wagen schnell rückwärts, kam vom Weg ab, näherte sich dem Abgrund und stürzte schließlich hinunter. Herr Goldmann schrie:

“Wo ist nun meine große Tasche,
der Kompass und die Wasserflasche,
der Holztisch für das Goldfischglas,
das Buch “Bergtouren machen Spaß”,
wo ist die Goldfischfutterdose,
zum Glück trag´ ich die Wanderhose,
der Plastikfisch ist auch noch weg …
und weg ist Kai, oh Schreck,
oh Schreck …!”

Es donnerte und es begann furchtbar zu regnen. Herr Goldmann beeilte sich, das letzte Stück des Weges schnell hoch zu laufen. Pitschnass und ganz außer Atem kam er in der Berghütte an. Erschöpft
legte er sich auf eine Bank und fiel in einen unruhigen Schlaf. Er träumte von Taschen, die durch die Luft fliegen, von Tischen, die laufen können und von runden Goldfischgläsern, die ihn mit grimmigem Gesicht verfolgen. Als er wieder aufwachte, war es ganz still um ihn herum. Eigentlich hatte Herr Gold-mann ja die Stille gesucht, aber nun konnte er sie gar nicht genießen …

Was machte er nun mit der Ruhe ?
Er hatte nur noch Wanderschuhe,
die Mütze und die Wanderjacke,
doch keine Plastikfischattrappe,
kein Fernglas, keine große Tasche,
keinen Kompass, keine Wasserflasche,
der Holztisch fehlte für Kais Glas,
das Buch “Bergtouren machen Spaß”,
er trug zwei Socken und die Hose,
vermisste noch die Futterdose.

Und natürlich vermisste er Kai. Wie es seinem Goldfisch wohl ging ? Er konnte ja nicht wissen, dass Kai unverletzt in einem kleinen See gelandet war, der versteckt am Fuße des Berghangs lag. Ganz verdutzt war er in das Wasser geplumpst und wunderte sich nun über seine neue Umgebung. Hier gab es Platz, viel Platz ! Außerdem gab es Pflanzen, in denen man sich verstecken konnte. Die größte Überraschung waren aber viele andere Fische: Kleine, mittelgroße und große … Vor denen musste man sich in Acht nehmen, das hatte Kai sofort begriffen. Aber einige Fische sahen so ähnlich aus, wie er selbst. Sie waren gar nicht so langweilig, wie Kais roter Plastikfisch. Vielleicht konnten sie Freunde werden und Kai in seinem neuen Lebensraum begleiten ? Kai sah zum ersten Mal in seinem Leben fröhlich aus.

Herr Goldmann aber kam traurig und mit schlechtem Gewissen aus der Berghütte heraus. Er lief den Weg wieder hinunter bis zu der Stelle, an der er gestolpert war. Vorsichtig blickte er den Abhang hinunter. Dort lagen tatsächlich seine Sachen verteilt auf der Bergwiese. Einige lagen auch im Schilf versteckt an einem Bergsee. Ob vielleicht Kai dort hinein …?

Herr Goldmann traute sich kaum, diesen Hoffnungsschimmer auszusprechen.
“Ach, Kai…” seufzte er.
Dann kletterte er ganz vorsichtig den Abhang hinunter und sammelte seine Sachen wieder zusammen. Sein Handwagen lag verkehrt herum im Wasser, aber er war heil geblieben. Herr Goldmann konnte alle Sachen wieder darin verstauen und den Wagen mit großer Kraftanstrengung auf den Weg ziehen. Er warf noch einen letzten Blick auf den kleinen, friedlichen Bergsee und machte sich dann auf den Heimweg.

Zum Glück verlief der Rückweg ohne Zwischenfälle und Herr Goldmann kam still und nachdenklich in seiner Wohnung an. Wie es wohl seinem Goldfisch gehen mochte ?

Von Wanderungen wollte Herr Goldmann erst einmal nichts mehr wissen. Er stellte den Handwagen mitsamt Inhalt in seine Abstellkammer und dachte mit Blick auf seine Sachen:

Lasst mich nun alle bloß in Ruhe,
ihr dummen, braunen Wanderschuhe,
du Mütze und du Wanderjacke,
du rote Plastikfischattrappe,
du Fernglas und du große Tasche,
du Kompass und du Wasserflasche,
du Holztisch ohne Wasserglas,
du Buch, du machtest keinen Spaß,
verflucht die Socken und die Hose
und auch die Goldfischfutterdose !

Es sollte noch eine ganze Weile dauern,bis Herr Goldmann diesen Wandertag vergessen konnte. Einige Wochen später kaufte er sich ein neues Wasserglas und einen blauen Plastikfisch. Vielleicht war es besser so …

Und Kai ?
Kai war frei.




Autor: Margrit Baumgärtner

margritbaumgaertner@web.de


Fotograf/Künstler: © Alexandra Bucurescu / www.pixelio.de

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2 Kommentare

  1. Edith Nebel

    Ich hör die Kinder schon die Packliste des Herrn Goldmann im Chor mitsprechen. :-)

  2. hans Witteborg

    Eine richtig schöne und lustige Geschichte, eben typisch Margrit.
    Ich kann dir aber sagen, wo der Goldfisch verblieben ist. Ich habe ihn mit nach Hause genommen.
    Aber dort? wieder ein ähnliches Schicksal! sh. tiergeschichten.de Goldfisch.

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