Der Kater mit Eigenkapital

Draußen wird es langsam dunkel. Es wird Zeit, daß ich endlich Feierabend mache, denke ich. Meine Frau ist schon vor einer Stunde nach oben gegangen. Wir arbeiten hier in einem Obdachlosenwohnheim. Das Büro ist im Erdgeschoß und wir haben unsere Wohnung oben im 2. Stockwerk. Ich fahre den Computer herunter und schaue mich noch mal um. Da fällt mein Blick auf den Schrank. Dort liegt ja noch Gari in seinem Körbchen, ein schwarzer Kater im Alter von 5 Jahren. Er schläft auf dem Rücken, die Beine weit von sich gestreckt und denkt nicht im Traume daran gerade jetzt aufzustehen, nur weil es mir gerade einfällt jetzt Feierabend zu machen.

Nun gut, denke ich, stelle ich ihm eben die Wasserschüssel und die Katzentoilette ins Büro und komme dann noch in ca. einer Stunde nochmal nachschauen, ob er dann vielleicht Lust verspürt, das Büro zu verlassen. In der Regel macht er nachts noch seine Runde auf der Wiese und in den Gärten, bevor er dann entscheidet, bei welchem Bewohner des Obdachlosenheimes er die Nacht zu verbringen gedenkt.

Während ich das Büro abschließe und die Treppe zu unserer Wohnung emporsteige, denke ich daran, wie wir einst zu dem schwarzen Katerchen gekommen sind. Es war im Juli 2005. Eine gerichtlich bestellte Betreuerin fragte bei uns an, ob wir einen ihrer Klienten aufnehmen könnten. Er stand kurz vor einer Zwangsräumung und benötigte eine neue Unterkunft. Gut, wir hatten noch Plätze frei, also stand der Sache nichts im Wege. Er hat aber eine Katze und will sich auf keinen Fall von ihr trennen, gab die Betreuerin zu bedenken. Unsere Hausordnung verbietet das Halten von Haustieren.

Da wir selber 3 Katzen haben und glaubten den Jungen verstehen zu können, drückten wir alle Augen zu und machten die berühmte Ausnahme. Der Tag der Zwangsräumung kam und Ronny M. zog mit seiner Katze ein. Es war ein kleiner, schwarzer Kater, unterernährt, ungeimpft, unkastriert und von Milben befallen. Er hatte den Namen „Garfield“.

Nach und nach erfuhren wir mehr von der Geschichte des Katerchens. Ronny hatte vorher schon einen Kater. Weil er diesen unbeaufsichtigt in seiner Wohnung gelassen und das Klappfenster offengelassen hatte, war dieser in das offene Klappfenster gesprungen, hatte sich festgeklemmt und ist dort erbärmlich zugrunde gegangen. Daraufhin verbot seine Betreuerin ihm, sich wieder ein Tier zuzulegen. Nichtsdestotrotz beschaffte er sich sofort wieder eine junge Katze. Seine erste Frage war, ob es nicht möglich wäre den Kater rot zu färben, damit er auch wie ein Garfield aussieht. Ich glaube, das wirft schon ein bezeichnendes Licht auf Ronnys Gedankenwelt.

Ronny bekam ein Zweibettzimmer. Sein Mitbewohner hatte nichts dagegen, daß eine Katze mit einzog. Die erste Maßnahme war, den Kater sofort zu kastrieren, zu impfen, zu entwurmen und etwas gegen seinen Milbenbefall zu unternehmen. Dann kontrollierten wir des Öfteren das Zimmer. Es sah dort katastrophal aus. Die Katzentoilette war ständig verdreckt und wurde nicht gesäubert, die Freßnäpfe standen mit vertrockneten Resten verklebt herum und das Kippfenster war auch wieder geöffnet. Da hieß es: Streng durchgreifen!

Ab sofort kontrollierten wir jeden Tag die Katzentoilette. Das Futter bekam der Kater von uns. Ronny mußte nur einmal im Monat eine festgelegte Summe dazugeben. Weil uns Garfield für einen schwarzen Kater doch etwas unpassend vorkam, riefen wir ihn einfach nur Gari. Natürlich bekam er hier nach einer kurzen Eingewöhnungszeit auch Freigang. Zum einen ging das gar nicht anders, weil man einen Kater einfach nicht in so ein kleines Zimmer einsperren kann und zum zweiten wäre es eine Sünde gewesen bei unserer mehr ländlichen Umgebung mit Autoverkehr nur von Anliegern. Unsere eigenen Katzen haben schließlich auch Freigang.

In der Haustür befindet sich eine Katzenklappe, so daß sie jederzeit wieder hereinkommen können. Gari lebte sich ziemlich schnell im Hause ein. Mal schlief er bei dem einen Bewohner im Bett, mal bei dem anderen, manchmal aber auch nur im Speise- und Fernsehraum oder auf der Couch in der Raucherecke. So wurde er bald zu einem regelrechten Heimkater.

Wenn wir dienstfrei haben, fahren wir mit unseren 3 Katzen auf ein 200 km entferntes Waldgrundstück. Dort leben wir dann in einem Wohnwagen und unsere Katzen waren davon immer begeistert. Also dachten wir, wo drei Platz haben paßt auch noch ein vierter mit hin. Zwei mal nahmen wir den Gari mit, aber dann mußten wir das wieder aufgeben. Wir hatten noch nie eine Katze, der bei’m Autofahren so schlecht wurde. Schon bei’m Anfahren fing er an zu speicheln und das setzte sich den ganzen Weg über fort. Als wir dann nach 2 Stunden am Ziel ankamen, sah er aus als wäre er in einen Teich gefallen. Auch wenn es ihm dann dort gut gefallen hat, wog das die Strapazen der Fahrt nicht auf. Also beschlossen wir, ihn zukünftig im Heim zu lassen. Er wurde dann dort während unserer Abwesenheit von dem uns vertretenden Personal und den Heimbewohnern gut versorgt. Mit der Zeit gewöhnte er sich so gut ein, daß man glauben konnte er wäre schon immer da gewesen.

Die Jahre vergingen und aus dem halbverhungerten Katzenkind wurde ein prächtiger schwarzer Kater von 6,5 kg Gewicht. Ronny bekam wieder eine Wohnung und zog bei uns aus. Wir beratschlagten, was aus dem Gari werden sollte. Er zog mitten in die Stadt, direkt an eine Hauptverkehrsstraße. Dort hätte er ihn keinesfalls aus dem Haus lassen können. Ihm aber den Freigang wieder abzugewöhnen, wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Also schlugen wir ihm vor, er solle den Kater hierlassen, monatlich eine kleine Summe zum Futter dazugeben und er könne ihn ja auch jederzeit besuchen. Zuerst jammerte er, wie sehr er ja an seinem Gari hänge, aber erklärte sich schon bald damit einverstanden.

Das ist nun 8 Monate her. 2 Monate hat Ronny noch etwas bezahlt, besucht hat er ihn nicht ein einziges Mal. Was blieb uns weiter übrig, von da an bezahlten wir das Futter allein. wenn aber die jährlichen Impfungen anfallen und auch sonstige Tierarztkosten, dann würde das schon ganz schön teuer werden. Wir haben ja schon unsere eigenen 3 Katzen und Gari, der seines Zeichens auch ein tüchtiger Haudegen ist, mußte schon öfters mal mit einer seiner Blessuren zum Tierarzt.

Volker, ein Bewohner des Obdachlosenheimes kam auf die Idee, jeder könne ja monatlich eine Summe seines Ermessens für Gari auf ein Konto einzahlen. Wir brachten diese Idee zu Papier und hingen dieses am schwarzen Brett im Hausflur auf. Die Resonanz war größer als erwartet und der größte Teil der Heimbewohner zahlt seitdem monatlich zwischen 2 und 5 € auf Garis Konto. Muß er dann mal zum Tierarzt, so wird diese Ausgabe mitsamt der Tierarztrechnung verbucht und jeder hat immer einen genauen Überblick wie hoch der Kontostand von Gari ist. So kommt es, daß er der einzige Kater ist den ich kenne, der im Besitz eines Kontos ist.

Nun ist es 24.00 Uhr. Ich mache noch einen Rundgang durch’s Haus. Alles ist ruhig. Die meisten schlafen schon. Ich schließe das Büro auf. Gari hat schon auf mich gewartet. Er kommt vom Schrank gesprungen, reibt sich eine Weile sein Köpfchen an meiner Hand und verschwindet dann ins Freie. Ich schließe das Büro wieder ab und werde nun auch schlafen gehen. Gari wird wie immer irgendwann in der Nacht wieder zur Tür hereinkommen, an der Zimmertür von Volker oder von Melanie kratzen bis diese öffnen und dann die restliche Nacht dort verbringen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 




Autor: Dietmar Geister

mohrlie1@das-geisterhaus.de
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Fotograf/Künstler: © Dietmar Geister / privat

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3 Kommentare

  1. Wie schön, wenn jemand sich um Menschen und Tiere in Notlagen kümmert!

    • Ursula Gressmann on 22. März 2012 at 09:11
    • Antworten

    Sehr gerne lese ich eure Geschichten und bewundere euch für duren Einsatz für Mensch und Tier.
    Herzliche Grüße
    Uschi

    • Ursula Gressmann on 22. März 2012 at 09:11
    • Antworten

    Sehr gerne lese ich eure Geschichten und bewundere euch für euren Einsatz für Mensch und Tier.
    Herzliche Grüße
    Uschi

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