Der Felix-Gedächtnis-Baum

Es ist Sonntag. Eine schöne Woche in unserem Wohnwagen geht wieder zu Ende. Gestern sind die Eltern meiner Frau mit ihren 2 Katzen angekommen. Bekannte hatten sie mit dem Auto hergebracht, weil sie selbst nicht motorisiert sind. Sie wollen jetzt eine Woche hier im Wald verbringen, damit ihre Katzen, die ja ansonsten reine Wohnungskatzen sind, auch einmal Freilauf genießen können.

Wir packen unsere letzten Sachen zusammen und versuchen einen nach dem anderen von unseren Kleinen einzufangen. Das ist nicht so einfach, denn sie haben einen 6. Sinn dafür, wenn es wieder auf die Reise gehen soll. Also müssen wir so tun, als hätten wir alle Zeit der Welt und dächten nicht im Traum daran, wieder von hier fortzufahren.

Nach und nach hat unsere Vorgehensweise Erfolg. Immer, wenn eines arglos anspaziert kommt, die Nase in den Wohnwagen steckt, dann machen wir blitzschnell die Tür zu und derjenige muß, ob er nun will oder nicht, ins Schlafzimmer in die Warteschleife. So sind nun alle Kleinen eingetrudelt, nur unser Felix ist noch überfällig.

Natürlich haben wir in der Zwischenzeit unauffällig die Augen offen gehalten und wissen, wo Felix sich versteckt hat. Unser Nachbar, der uns das kleine Grundstück verpachtet hat und auch selbst nebenan wohnt, hat genau an der Grundstücksgrenze einen alten Schuppen stehen. Das Dach dieses Schuppens ist so angelegt, daß zwischen der Außenhaut und der Decke des Schuppens ein kleiner Zwischenraum bleibt. Von unserem Apfelbaum aus können die Kleinen in diesen Zwischenraum gelangen und nutzen das gern als Versteck.

Wir haben das Felchen dort verschwinden sehen und es ist seither nicht wieder aufgetaucht. Als wir nun merken, daß das Warten keine Früchte mehr trägt, werden unsere Versuche nun intensiver. Wir legen eine Leiter am Schuppen an und leuchten mit der Taschenlampe in den Zwischenraum. Da sitzt unser Felchen genau in der Mitte und zeigt sich völlig unbeeindruckt von unseren Rufen und den anderen Versuchen, ihn hervorzulocken.

Wir rascheln mit der Brekkies-Tüte, zeigen ihm alle möglichen Leckerlis, versprechen ihm das Blaue vom Himmel, aber er zeigt sich ungerührt. Wir überwinden unsere Abscheu vor dieser Pietätlosigkeit, binden eine tote Maus mit Hilfe eines Bindfadens an einen Stock und versuchen ihn mit dieser Angel aus seinem Versteck zu locken. Alles vergeblich!

Da fällt uns noch der Staubsauger ein. Vor diesem haben alle einen unheimlichen Respekt. Also holen wir fix eine Verlängerungsschnur, schließen den Staubsauger an und lassen ihn mit dem verkehrten Ende die Luft in den Zwischenraum blasen. Auch diese Maßnahme führt aber nicht zum gewünschten Erfolg. Blasen wir von der einen Seite, sitzt Felix am anderen Ende des Daches und wechseln wir unseren Standort und legen die Leiter am anderen Ende des Schuppens an, so tut er dasselbe und wir können ihn wieder nicht erreichen. Langsam wird die Zeit immer knapper. Schließlich muß ich am nächsten Tag wieder auf Arbeit gehen.

Meine Schwiegermutter hat schließlich eine Idee. „Laßt doch den Feli einfach hier. Wir kümmern uns schon um ihn. Am nächsten Wochenende kommt ihr uns doch wieder abholen. Dann habt ihr euer Felchen wieder.“ Was bleibt uns auch weiter übrig. Schließlich ist das noch die vernünftigste Lösung. Wir packen unsere sieben Sachen ein, schnappen unsere anderen Kleinen und treten die Heimreise an.

Die folgende Woche vergeht langsam wie noch nie. Endlich kommt eine Postkarte. „5 Minuten, nachdem ihr fort wart, ist Euer Felix hervorgekommen und seither geht es ihm gut. Er verträgt sich auch gut mit Matzie und Herzel.“ Matzie und Herzel sind die beiden Katzen meiner Schwiegereltern, die den ungewohnten Freigang auch sichtlich genießen. Ein Stein fällt uns vom Herzen und das Wochenende ist schließlich auch schon nicht mehr weit weg. Dieses wollen wir dann noch gemeinsam verbringen und dann am Sonntag alle zusammen, 4 Menschen und 7 Katzen, nach Hause zurückfahren.

Endlich ist es Sonnabend. Schnell das Miezel, das Puppchen, das Katerchen und das Riedelchen ins Auto getragen und dann geht es los. Wir freuen uns schon darauf, endlich unser Felchen wieder zu sehen. Als wir nach ca. 2 Stunden im Wald ankommen, fällt uns sofort der merkwürdige Gesichtsausdruck meiner Schwiegermutter auf. Unsere Kleinen dagegen sind erst einmal froh. Nach der langen Autofahrt, die sie nicht so sehr lieben, endlich die Freiheit im Wald. Außer dem Miezel und dem Katerchen, die erst als schon ältere Katzen bei uns eingezogen waren, sind die anderen zu Hause schließlich auch Wohnungskatzen ohne Freigang.

Die erste Frage von uns ist aber: „Was macht unser Felchen?“ Meine Schwiegermutter erzählt: “ Bis Donnerstag war Felix noch bei uns. Dann hat er sich auf einmal so merkwürdig verhalten, als wenn er sich von den anderen verabschieden wollte. Er ging fort und kam seitdem nicht wieder. In der Nacht haben wir dann Schüsse gehört. Hoffentlich haben nicht Jäger den Felix erschossen! Wir haben den ganzen Freitag nach ihm gerufen, aber er ist nicht wieder aufgetaucht.“

Unsere Bestürzung kann sich sicher jeder vorstellen. Sofort gehen wir auf die Suche. Ein völlig unkoordiniertes Ausschwärmen nach allen Himmelsrichtungen. Einmal hören wir dort ein Schnurren, da ein Fauchen, dann wieder ein Miauen, aber immer sind es nur unsere anderen Kleinen, die an der Suche begeistert teilnehmen. Nein, so hat es wirklich keinen Zweck.

Meine Frau hat plötzlich eine Idee. Riedelchen, der Zwillingsbruder vom Feli, hat uns schon einmal zu seinem Bruder geführt, als dieser von uns vermißt wurde. Damals war Feli auch 2 Tage nicht mehr bei uns aufgetaucht und wir hatten uns schon große Sorgen gemacht. Meine Frau hatte damals das Riedelchen bearbeitet, uns doch das Versteck seines Bruders zu zeigen. Lange tat er sich damals schwer damit, aber schließlich führte er uns zum Haus unseres Verpächters. An der Rückseite hatte dieses unterhalb des Dachfirstes eine Luke, welche mit einem Bretterverschlag verschlossen war. Dort streckte er sich lang an der Wand hoch, als wolle er auf die Luke verweisen, ließ ein langgezogenes Miau ertönen und beendete daraufhin die Suche. Als ich dann eine Leiter anstellte, den Verschlag öffnete und mit einer Taschenlampe hineinleuchtete, strahlten mir grün fluoreszierende Katzenaugen entgegen. Unser Felix war wieder aufgetaucht.

Daran erinnerte sich meine Frau in diesem Moment. Wir sperren alle anderen Katzen, die nur zur Irritation beitrugen, in den Wohnwagen ein und meine Frau zog mit Cherie allein los. Es ging über Stock und Stein, durch manche, für Menschen fast undurchdringliche Hecke, kreuz und quer durch den Wald.

Eine Stunde nach der anderen vergeht und unsere Hoffnung unseren Feli wiederzufinden wird immer geringer. Plötzlich streckt das Riedelchen sich an einer knorrigen Kiefer so wie damals an Nachbars Haus, läßt sein Miau ertönen, macht kehrt und verschwindet.

Meine Frau kann weit und breit nichts sehen. Sie ruft: “Felix, Felix.” Ganz leise kommt eine Antwort. Ein Blick nach oben und sie kann an der Spitze des Baumes, ganz oben, unser kleines Felchen erkennen, daß dort leise und kläglich antwortet. Keiner kann beschreiben, wie groß ihre Freude ist. Sie ruft sofort lautstark nach mir, was wiederum mir einen großen Schrecken einjagt. Ich glaube natürlich zuerst, sie hat die Überreste von unserem Feli gefunden.

Das Mißverständnis ist dann schnell aufgeklärt und ich eile mit der Leiter zu besagtem Baum. Mit Hilfe der Leiter kann ich die untersten Äste der Kiefer erreichen und ziehe mich dann langsam von Ast zu Ast hoch, bis ich das Felchen erreichen kann. Felix gibt seine Freude über das Wiedersehen durch seine Gebärden und mit seiner Stimme zum Besten. Aber wie soll ich ihn nach unten bringen, wo ich doch beide Hände zum Klettern benötige?

“Steck ihn doch einfach in dein Hemd und knöpf es dir zu!” ruft meine Frau nach oben. Ein bißchen Angst habe ich ja, weil ich die Krallen schließlich kenne, über die unser Feli verfügt. Aber ich tue, wie mir geheißen wird und stecke den Feli in mein Hemd. Dann beginnt der Abstieg. Ich weiß nicht, ob er dabei Angst verspürt hat, aber er hat sich ganz ruhig verhalten und ich habe nicht den geringsten Kratzer dabei abbekommen.

So hatte sich wieder einmal alles zum Guten gewendet. Vor lauter Angst haben wir den Felix dann bis zur Heimfahrt gar nicht mehr allein rausgelassen, nur noch an der Leine. Der Baum aber, auf dem das Felchen damals gesessen hat, heißt seitdem bei uns: der “Felix-Gedächtnis-Baum”

 




Autor: Dietmar Geister

mohrlie1@das-geisterhaus.de
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Fotograf/Künstler: © Dietmar Geister / privat

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2 Kommentare

    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 19. März 2012 at 06:51
    • Antworten

    Eine Katze als „Suchhund“….unglaublich. Katzen überraschen
    eben immer wieder….

  1. Ich finde den Gedächtnisbaum – sogar mit Schild! – einfach klasse!

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