Erwin, die Bisamratte

Erwin sitzt auf einer abgestorbenen Baumwurzel am Flussufer und putzt seine Barthaare mit den Pfoten. Die Sonne scheint und ab und zu springt ein kleiner Fisch aus dem Wasser.

Erwin ist eine Bisamratte und wohnt unter der Brücke. Jeden Tag sitzt Erwin hier, jedenfalls wenn die Sonne scheint. Er wackelt ein bisschen mit dem Hinterteil und denkt, „die Erde ist noch kalt“. Erwin wartet auf Paul. Paul ist ein Marder und der Freund von Erwin. Roswitha, die Kröte, kommt sicher  noch, falls sie schon aufgewacht ist.

Erwin hat einen kleinen Fisch für Paul gefangen und Roswitha bekommt auch etwas: einen dicken Regenwurm. Der Regenwurm windet sich und Erwin muss aufpassen, dass der Wurm sich nicht  eingräbt und verschwindet.

Es raschelt im Gebüsch und plumps, springt Paul von der Brücke herab, landet neben Erwin und faucht ein bisschen. Er ist nass geworden. Er hat sich mit der Entfernung verschätzt und sein Schwanz tauchte ins Wasser. Paul schüttelt sich und blinkend springen Wassertröpfchen um ihn herum. Erwin reicht Paul das Fischchen und schmatz, schmatz, ist der Fisch verschwunden.

„Korax, Korax“, schnaufend kommt Roswitha die Böschung heruntergerutscht. Sie freut sich über den Regenwurm und schluckt ihn ohne zu kauen hinunter. Sie ist hungrig, erst gestern ist sie aus der Winterstarre erwacht.

„Endlich habe ich es hier her geschafft“, Roswitha prustet. „Überall neben dem Weg sind kleine Zäune aufgestellt. Um hinüber hüpfen zu können, musste ich erst einen Stein suchen, hinaufklettern und hinunterspringen. Es ist umständlich, alle Kröten machen das.“ Sie hüpft ans Wasser hinunter und streckt erst das linke Hinterbein und dann das rechte Hinterbein ins Wasser. Paul rennt einmal schnell den nächsten Baum hinauf und hinunter. Marder sitzen selten still auf einem Fleck und kommt dann zurück.

„Wollen wir heute gemeinsam einen Ausflug machen?“ Erwin fiept leise und spricht weiter: „Wir können eine Floßfahrt machen, am Rand des Baches entlang, mit der Strömung.“ Alle drei springen, hüpfen und rennen zu einem großen Brett am Ufer, steigen darauf, setzten sich bequem nebeneinander und los geht es.

Josefa, die Eule guckt erstaunt aus ihrer Höhle im Baum.  So etwas hat sie noch nie gesehen: eine Bisamratte, ein Marder und eine dicke Kröte fahren auf einem Brett an ihr vorbei. Nicht weit geht die Fahrt. Die Strömung ist stark und das Brett wird fortgerissen, prallt an einen abgestorbenen Ast, der vom Ufer her ins Wasser ragt, und kippt um. Erwin, Paul und Roswitha purzeln ins Wasser.

Alle drei können gut schwimmen und klettern gleich die Böschung hinauf  ans Ufer.

Erwin hüpft erst einmal ein bisschen herum und streicht das Wasser mit den Pfoten aus dem schwarzen, seidigen Fell. Paul schüttelt sich und rennt schnell wie der Blitz auf eine Birke hoch und  hinunter. Roswitha quakt ungehalten. Ihrer warzigen Haut macht Wasser nichts aus. Sie streckt die langen Zehen und rülpst. Das war der Regenwurm. Sie hätte besser kauen sollen.

Das war ein kurzer und nasser Ausflug.

„Bis bald einmal“, Paul faucht und verschwindet. Roswitha zwinkert mit dem linken Auge. Sie hat  eine dicke Fliege auf einer alten Konservendose erspäht und – weg ist sie. Sie hat Hunger.

Erwin sitzt alleine am Ufer. Er ist ein bisschen nass, aber die warme Sonne wird ihn trocknen.

 




Autor: Ursula Gressmann




Fotograf/Künstler: © Gustav Mützel / Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Australien und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers.

 

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3 Kommentare

    • Baumgaertner
    • Margrit Baumgärtner on 31. Januar 2012 at 08:10
    • Antworten

    Eine schöne ERWIN-Geschichte !
    Bisamratten sind ja durchaus ganz „putzige Kerlchen“, wenn der Name das auch gar nicht vermuten lässt. Ich selbst kenne einen See, in dem man die Tiere gut beobachten kann. (Es heißt dann immer:“Wir gehen zum Biber-See“—weil das unsere erste irrtümliche Annahme beim ersten Sehen war.)

    Lieben Gruß ! Margrit

    • Ursula Gressmann on 31. Januar 2012 at 09:11
    • Antworten

    Liebe Margit,
    ich danke dir für deinen frdl. Kommentar und hoffe, die nächste ERWIN-Geschichte wird dir auch gefallen.
    LG Uschi

  1. Wenn sich Rinder beim Saufen an Bach und Flüssen regelmäßig die Beine brechen,weil Bisamratten das Ufer unterhöhlen, dann kann ich nur hoffen,daß der genannte Erwin auch versichtert ist. (schmunzel).
    Kann man gut beobachten an der Lippe, mache ich „Vom Ufer aus“

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