Aphrodite, die Seemaus

Auf den ersten Blick ist sie unscheinbar, Aphrodite, die Seemaus. Sie ist keine Maus, sondern gehört zu den Plattwürmern und sieht aus wie eine kleiner Pantoffel mit grauen Haaren auf dem Rücken, oder besser gesagt, Borsten. An den Seiten hat sie lange, seidige, in allen Regenbogenfarben schillernde Haare und wenn die Sonne scheint, könnte man denken, sie besteht aus Gold, Kupfer und Diamanten.

Oft scheint die Sonne nicht auf Aphrodite. Sie lebt im Schlamm auf dem Meeresgrund und führt eher ein unbeachtetes Dasein. Im Moment ist sie gefangen, gefangen in einem kleinen Tümpel voller Seewasser, welches sich bei Ebbe dort gesammelt hat.

Aphrodite ist nicht allein. In dem Tümpel liegen Muscheln, Tang, eine Seeanemone, kleine Holzreste und ein Einsiedlerkrebs in einer Wellhornschnecke. Alle warten auf die Flut, damit sie frei kommen.

Der kleine Einsiedlerkrebs lugt aus seinem Haus heraus: „Du da, mir ist langweilig, kannst du mir eine Geschichte erzählen?“ „Du da, soll wohl ich sein“, antwortet Aphrodite, „ich bin nicht du da, sondern Aphrodite. Aphrodite kennt so viele Geschichten, wie Sandkörner am Strand liegen. Sie blinzelt, nein, keine Sonne zu sehen und beschließt, eine Funkelgeschichte zu erzählen.

„Einmal“, beginnt Aphrodite mit heiserer Stimme zu erzählen, „trug mich die Strömung weit hinauf. Stark war die Strömung. Ich wurde hin und her gekullert. Voller Sand wurden meine Haare und eine große Welle warf mich ans Ufer. Erst einmal musste ich zu Atem kommen und dann sah ich mich um. Weiß war der Sand hier und weich und warm und vom Himmel herunter lachte eine große gelbe Sonne. Grüne Bäume mit langen, dünnen Blättern standen um mich herum. Ich hörte eine zarte Melodie, als ob Glöckchen läuteten und eine Stimme sang ein Lied: Wellen, Wasser, Sonne, alles glänzt schön hell.

Ein kleiner Junge saß neben einer Muschelburg. Er war braun gebrannt von der Sonne. Seine Haare waren schwarz und er hatte dunkelblaue Augen. „Oh wie schön“, lachte er laut, lief zu mir und streichelte vorsichtig über meine Haare. Er hielt mich an seine Nase und schnupperte an mir. „Du riechst nach Salzwasser und ein bisschen nach Algen. Ich mag Salzwassergeruch und Algengeruch und du bist wunderschön.“

Aphrodite lächelte glücklich bei dieser Erinnerung. „Er nahm mich in beide Hände und rannte blitzschnell den Strand entlang zu einer kleinen Hütte. „Mama, sieh wie wunderschön dieses Tierchen ist.“

„Ja, wenn du es wunderschön findest. Leg es nicht irgendwohin und vergiss es.“
Paali hieß der kleine Junge, nahm mich überall hin mit. Langsam trocknete mein Haar und glänzte kaum noch in der Sonne. Alle Leute, die mich sahen, sagten: „Leg das alte Ding weg.“
Aber Paali drückte mich an sein Herz und flüsterte mir ins Ohr: „Meine Schöne, du bist wunderschön.“

Aphrodite liefen ein, zwei dicke Tränen herab. „Doch ich wurde immer dunkler, meine Haare verloren allen Glanz. Paali stupste mich mit der Nase an, du bist trocken geworden, ich glaube, du brauchst Wasser. Und er rannte mit mir den Strand hinunter und legte mich ins Wasser. Gerade in dem Moment schlug eine große Welle um und riss mich aus seinen Händen. Ich wurde hinausgezogen und schwamm in das Maul eines großen Fisches hinein.

Er hat sich erschreckt und vergaß zu kauen und ich flutschte ich geradewegs in seinen Magen hinein. Puh, war es dort ungemütlich und eng, kalt war es und dunkel. Ich hustete. Dreimal habe ich gehustet. Das war gut. Flupps, war ich draußen. Der Fisch hatte mich ausgespuckt. Schnell schwamm ich in die andere Richtung, weg von dem Riesenfisch. Nun schwimme ich jeden Tag an der Küste entlang und suche nach Paali, ich vermisse ihn sehr“. Dicke Tränen kullerten aus Aphrodites Augen.

„Das war eine schöne Geschichte“, seufzte der kleine Einsiedlerkrebs, „und morgen, wenn die Flut uns aus dem Tümpel heraus geschwemmt hat, helfe ich dir Paali suchen.“




Autor: Ursula Gressmann




Fotograf/Künstler: © MichaelMaggs / Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported lizenziert. Dieses Werk darf von dir verbreitet werden – vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, neu zusammengestellt werden – abgewandelt und bearbeitet werden zu den folgenden Bedingungen:n Namensnennung – Du musst den Namen des Autors/Rechteinhabers in der von ihm festgelegten Weise nennen (aber nicht so, dass es so aussieht, als würde er dich oder deine Verwendung des Werks unterstützen). Weitergabe unter gleichen Bedingungen – Wenn du das lizenzierte Werk bzw. den lizenzierten Inhalt bearbeitest, abwandelst oder in anderer Weise erkennbar als Grundlage für eigenes Schaffen verwendest, darfst du die daraufhin neu entstandenen Werke bzw. Inhalte nur unter Verwendung von Lizenzbedingungen weitergeben, die mit denen dieses Lizenzvertrages identisch, vergleichbar oder kompatibel sind.

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.tiergeschichten.de/2012/01/30/aphrodite-die-seemaus/

5 Kommentare

Zum Kommentar-Formular springen

  1. Wieder was gelernt! Ich kannte nur die „Seemaus Josefine“ aus dem West-„Sandmännchen“ der 60-er Jahre. Dass es tatsächlich ein Tier gibt, das so heißt und dass das mitnichten ein Nagetier ist, das hatte ich bislang nicht gewusst.

      • Ursula Gressmann on 30. Januar 2012 at 17:59
      • Antworten

      Liebe Edith,
      du siehst, man lernt nie aus. Hast du schon einmal vom Goldköcherwurm gehört?
      Liebe Grüße
      Uschi

      1. Noch nie!
        Je länger ich hier die Tiergeschichten betreue, desto mehr geht’s mir wie dem alten Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“.

    • Hans witteborg on 30. Januar 2012 at 11:07
    • Antworten

    so geht es dem Hauspoeten auch..völlige Unkenntnis von demTier!

    • Ursula Gressmann on 30. Januar 2012 at 18:09
    • Antworten

    Lieber Hans,
    ich habe tatsächlich schon einmal eine Seemaus am Strand gefunden.
    Erstaunliche Tiere findet man nach einem tüchtigen Sturm am Strand.
    viele Grüße Uschi

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.