Vom Christkind und dem großen Molosserhund

Es ist schon lange her. Mein Großvater, der aus dem Baltikum stammte und oft von den grimmigen Wintern mit mannshohem Schnee und beißenden Frösten erzählte, gab diese Geschichte uns Jungen damals in der Christnacht preis. Woher er sie hatte, habe ich nie erfahren. Es war sein letztes Weihnachtsfest. Man fand ihn im Februar des folgenden Jahres steif und kalt auf dem Eis des Flusses, das tote Gesicht der Weite des Weltraumes zugewandt, immer noch lächelnd, doch unbewegt, stumm und mit dem Maskenblick der Leiche. Ob er ausgerutscht oder plötzlich vom Schlag überrascht worden war, wurde nie geklärt. Die Frage danach war ja auch sinnlos, er blieb tot, und unter vielen bitteren Tränen legten wir ihn am dritten Tage in die Grube. Das war in dem harten Winter, der am Anfang des achtundzwanziger Jahres stand. Wer ihn erlebte wird sich immer seiner erinnern. Es herrschten damals solche Fröste, daß die Schafe nächtens in ihren Ställen erfroren, und die Vögel fielen wie Zapfen aus den erstarrten Bäumen auf die steinharte Erde.

Mein Großvater hatte sich zu einer Zeit davon gemacht, die mir wie eine großartige Erinnerung an seine Erinnerung im Baltenland erschien. Und dort, zu solch von hohem Schnee und erbarmungsloser Kälte durchtränkten Zeit, kam es auch zu der Begegnung des Christkindes mit dem großen Molosserhund. Es muß ein gewaltiger Hund gewesen sein, ein Rüde mit einem Brustkasten so breit, daß drei russische Windspiele bequem zwischen seinen Vorderläufen Platz hatten; und er war in der Lage, mit einem einzigen Kehlbiß den kräftigsten Stier sofort ins Jenseits zu befördern. Ein ganzes Wolfsrudel hatte er schon in die Flucht geschlagen, hatte Sauen, Bären und Hirsche gehetzt und bei alledem lediglich zwei Drittel des rechten Ohres eingebüßt. Vor nichts und niemandem hatte er Furcht. Furcht hatte nur seine Umgebung vor ihm, und jeder, der ihn daherkommen sah, bekreuzigte sich und ging ihm schnell aus dem Wege.

Sein Herr, ein Gutsbesitzer aus dem Felliner Distrikt, war der einzige, der ihm die Hand ungestraft aufs Fell legen durfte, und es kursierten entsetzliche, grauenvolle Geschichten von ihm unter den Bauern, die in den dunklen frostigen Winternächten oft durch sein schauriges Heulen aus dem Schlaf gerissen wurden. Gruseliges Grauen drang mit diesem gedehnten, unheimlichen Klageruf des gefürchteten Tieres in den Raum; schreckliche, markverzehrende Angst warf sich beklemmend über die Ruhenden. Dann klammerte sich wohl bebend das Weib an den Mann, und die Kinder wimmerten.

Am Morgen vor der Christnacht hatte man den Meßdiener des Kirchspiels von gräßlichen Bißwunden entstellt tot hinter dem Gutshof mit dem Gesicht im Schnee gefunden. Wie ein roter Strahlenkranz war rings um ihn das Blut versickert. Als man den Leblosen umdrehte, sah man die zerrissene Kehle. Man weckte den Gutsherrn, und stumm beugte er sich über das Unheil. Dann rief er laut den Namen des Molossers. Er brüllte und schrie nach ihm! Er begann zu toben! Golowan!! Golowaaan! Und mit erbarmungslos lodernden Augen gab er Anweisung, ihm unverzüglich sein Jagdgewehr zu bringen. Golowaaan!

Seine Stimme überschlug sich: Golowaaan! Aber der große Molosserhund kam nicht. Man suchte ihn mit schußbereiter Waffe in der Hand. Man durchstöberte jeden Winkel, jede Remise, schmiß Steine in vermutete Verstecke, zertrümmerte unübersichtliche Gatter und stach mit Gabeln in lockeres Heu oder Stroh. Aber der große Molosserhund war nicht auffindbar. Der Satan hatte ihn wohl gleich mitgenommen. Und weil der Tag zu Ende geht, so kam die Christnacht heran und gebot den Bauern, mit gefalteten Händen in der Kirche niederzuknien.

Das Gotteshaus hatte alle Seelen des Hauses eingesogen. Bleich saß der Gutsherr mit Gattin und Kindern auf der ersten Bank. Am Altar stand der Priester, die aufgeschlagene Bibel in den Händen, und las; las von Christi Geburt und von den Weisen aus dem Morgenland, der Apostel Matthäus lieh ihm das Wort: „…da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und Gott befahl ihnen im Traum, daß sie nicht wieder sollten zu Herodes lenken…“ Da sprang mit lautem Krachen die Tür auf, ein Windstoß – Golowan, der riesige Molosser, stand im Eingang und blickte in den Schrei der herumfahrenden Gesichter! Schnee wirbelte aus der Winternacht gegen die gebeugten Rücken auf den letzten Bänken, er selbst aber troff von Blut. Sein linkes Ohr war herausgerissen, und unzählbare große Wunden klafften an seinem starken, unbeugsamen Hals und mächtigen Rumpf. Die Gemeinde schien vor Entsetzen zu Glas erstarrt. Jedes Leben schien aus ihr gewichen.

Als erster gewann der Gutsherr die Fassung wieder. Halblaut, fast zärtlich und weich rief er auf einmal von ganz vorn durch das Kirchenschiff: „Golowan, mein Golowan!“ seine Stimme hallte zitternd von den Wänden wieder, und langsam schritt der große, von Wunden übersäte Hund seinem Herrn entgegen, legte sich ihm zu Füßen, mitten in der Kirche, mitten in der Christnacht. Die Gläubigen verharrten betend in tiefer Stille. Jeder fühlte, daß etwas Besonderes, etwas Außergewöhnliches geschehen war. Kein weiteres Wort. Auch der Gutsherr blieb still und strich nur mit der Hand über das blutnasse Fell des gräßlich Verwundeten. Der Hund aber, dessen Kopf wie von furchtbaren Beilhieben grausam zugerichtet war, sah stumm und klaglos zu seinem Herrn auf. Segnend erhob jetzt der Priester die Hände, als befehle ihm der allmächtige Vater, das zu tun, doch Golowan ließ den Blick nicht von seinem Herrn. Im Schein der flackernden Kerzen wurden seine Wunden zu funkelnden Rubinen, warmes, rotes Leben tropfte von ihnen herunter auf den kalten Stein. Und jetzt geschah das Erstaunliche: Der stolze, gefürchtete, der grausame und doch so treue Hund, Golowan der Schreckliche richtete sich plötzlich wieder auf, als habe ihn jemand gerufen. Er lauschte, etwas hilflos, mit dem Stummel seines rechten Ohres, jaulte unversehens freudig auf und sprang eilig den gleichen Weg zurück, den er soeben noch mühsam und schleppend wie ein Todgeweihter gekommen war. Die Bauern aber, die in den letzten Bänken knieten, haben gesehen, daß das Christkind auf dem großen Molosserhund davonritt. In seiner Rechten soll es wie ein Fanal grenzenloser Unschuld einen Myrtenzweig gehalten haben, aus dem eine himmlische Flamme züngelte. Lautlos und umflort von einem seltsam seidigem Licht seien Kind und Tier in die Dunkelheit entschwunden.

An dieser Stelle der Geschichte, das weiß ich noch ganz genau, verstummte Großvater plötzlich, und wir Kinder riefen ungeduldig: „Weiter, erzähle bitte weiter!“

„Golowan ist nie zurückgekommen“, sagte er schließlich und war dabei so merkwürdig verändert. „Der Gutsherr hatte sein gesamtes Jagdvolk losgeschickt, ihn zu suchen. Sie fanden einundzwanzig Wölfe. Einer von ihnen, der Stärkste, lag über dem Handschuh des Mesners.“

Alte russische Legende
Eingereicht von Peter E. Schumacher
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