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Neues von Miss Sophie

Himmel, ich werd’ erwachsen!

Hört mal – ich weiß jetzt endlich, was diese “Triebe” sind !!! ( – und es hat mit fressen aber auch g a r n i x zu tun, laßt es euch gesagt sein ! )

Unsere Frau hat mich schon eine ganze Weile mit so schrägen Seitenblicken bedacht und merkwürdig mit unserem Mann getuschelt.
Ich hab da solche Sachen rausgehört wie “Langsam müßte es so weit sein” … oder auch “Wahrscheinlich wird sie es ausgerechnet am Heiligen Abend” … und danach “Bei unserem Glück trifft es uns zu Silvester mit dem Haus voller Gäste und einer Katze, die jedem den *flüsterflüster*….” – das hab ich dann leider nicht hören können, aber die beiden haben komisch gegrinst und das hat mir gar nicht gefallen.

Und als ich mich daraufhin völlig desinteressiert weggedreht, ihnen meine Rückseite gezeigt und mich ausgiebig und gelangweilt gereckt habe: da lachen die doch plötzlich los und unsere Frau sagt: “Siehst du – so wird es aussehen !!”
Und dann haben sie sich fast nicht mehr eingekriegt…. sowas muß man sich als Katze nun wirklich nicht bieten lassen, oder ?

Tja, was soll ich euch sagen… mittlerweile weiss ich, worüber sie geredet haben.
Vor ungefähr zwei Wochen oder so, da hab ich plötzlich bemerkt, dass der graugetigerte Waldkater aus der Nachbarschaft gar nicht so langweilig ist, wie ich immer dachte …
Ich hab ja mit ihm in unserem Garten schon öfter Augenduelle ausgetragen, wisst ihr ? Und er tat immer un-glaub-lich überlegen und als würde er mich gar nicht ernst nehmen, so einer ist das… Na ja – er ist bestimmt dreimal so gross wie ich, aber das liegt sicher bloss an seinem dicken langen Pelz, den er mit sich rumschleppt.

Jedenfalls hab ich ihn mir mal genauer betrachtet … und irgendwie roch er auch ganz angenehm – war mit vorher eigentlich gar nicht aufgefallen.
Und glaubt es oder nicht: Er hatte sowas Glänzendes in den Augen, als er mich sah…. und von seinem überlegenen Getue war nichts mehr zu spüren !!
Da denkst du, du kennst deine Nachbarn – und dann sowas…
Schliesslich hatte er mich doch seit dem letzten Sommer, als ich hier einzog, mitleidig belächelt. Und jetzt ? Jetzt konnte er sich gar nicht mehr losreissen von meinem entzückenden Anblick, wenn ich das mal in aller Bescheidenheit so sagen darf.

Nun, um eine lange Geschichte kurz zu machen:
Eines Samstag abends war ich nach draußen gegangen, um meine – bei schlechtem Wetter normalerweise recht kurze – letzte Runde des Tages zu machen *mal schaun, ob die Eichhörnchen wieder da waren und so*, da trieb es mich ganz unvorschriftsmäßig über die Strasse – rüber zum Waldrand und den Feldern also.
Da sass nämlich besagter Waldkater und machte mir schöne Augen…
…es genügt, zu sagen, dass ich erst am nächsten Morgen um halb acht nach hause kam.
Unsere Frau stand übrigens am Zaun und hielt nach mir Ausschau;
“So ein Mist – seit wann sind die denn Sonntags so früh schon auf !?” dachte ich. Dann lief ich an ihr vorbei, ohne sie anzuschauen: Ich hatte nun wirklich GAR keine Lust, mir irgendwelche Vorhaltungen darüber anzuhören, dass ich ihr Leben mit dieser Nacht um circa zwei Monate verkürzt hätte, weil sie sich solche Sorgen wegen meines noch nie vorgekommenen nächtlichen Ausbleibens gemacht hat… und blablabla… ( wie ihr an diesen Worten erkennt, musste ich es mir doch anhören – kurze Zeit später, drinnen… als ich mir meinen knurrenden Magen dringend füllen musste und deshalb nicht weglaufen konnte ).
Zu allem Überfluss war sogar auch noch Miller sauer auf mich – als ich auf ihn zulief, um mit ihm über die neuen Erfahrungen zu reden und mir seine Meinung dazu anzuhören, da faucht der mich doch an und schlägt nach mir ! Nach mir !! Und das nur, weil ich nach dem wun-der-baren Parfum dieses einmaligen Waldkaters roch… *tze*
Und soll ich euch was sagen ? – sogar auch unsere Frau rümpfte die Nase ! Und dabei ist die wirklich einiges gewöhnt – sagt sie immer. Wer kann es mir da übel nehmen, dass ich in diesem ungastlichen Haus nicht lange blieb und lieber wieder nach draussen ging, wo zu meinem Erstaunen ein mir bis dahin noch völlig fremder Kater auf mich wartete.
Ich ignorierte erstmal seine Blicke, weil ich unserer Frau keinen Anlass zum Lästern geben wollte: Die stand nämlich hinterm Küchenfenster und schaute auf die Terrasse, wo ich kühl und unbeteiligt erstmal eine ausgiebige Putzstunde einläutete.

Während der ganzen Zeit konnte der Fremde seine Augen nicht von mir abwenden ( wer könnte es ihm verdenken ? ), blieb jedoch, wo er war – in respektvollem Abstand zu mir und der Zweibeinigen hinter dem Fenster.
Ich fand es schon recht peinlich, dass sie da so offensichtlich mit voyeuristischen Absichten unverschämt grinsend stehenblieb !
Scheinbar wusste sie, wie toll die letzte Nacht für mich gewesen war und wollte jetzt auch ein bisschen Spass haben…
Mit einem unwiderstehlichen Recken und Gähnen stand ich deshalb auf und ging – ohne den Fremden eines Blickes zu würdigen – Richtung Gartenzaun … wohl wissend, dass er mir nicht widerstehen konnte und mir folgen würde.
Er war übrigens vollkommen weiss, bis auf seinen buschigen Schwanz und die Ohren – wirklich aussergewöhnliche Kater interessierten sich für mich… – was ja niemanden wundert.
Und der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte… aus Rücksicht auf eventuell mitlesende junge Katzen oder Kinder, die die Wahrheiten des Lebens noch nicht so recht verarbeiten können, geh ich hier mal nicht in Einzelheiten – alle anderen wissen sowieso Bescheid, wie ich mittlerweile feststellen konnte.
Ja ja, wenn man einmal diese Seite des Daseins erblickt hat, sehen die Dinge nie wieder so aus wie zuvor… entschuldigt meine philosophischen Worte, aber die Erinnerung an diese fünf Tage ( und vor allem Nächte ! ) meines Lebens ist einfach unbeschreiblich… so viele Kater, so viele … na ja.
Obwohl… ich muss ja zugeben…. es ist jetzt schon eine Weile her und… *hüstel* zwischenzeitlich ist was passiert, das mich diese Vorfälle doch irgendwie anders sehen lässt.
Wie ihr auf den Photos sehen könnt, bin ich ein kleines, zierliches Persönchen. Und diese besagten fünf heissen Tage & Nächte mit aushäusigen Abenteuern und unregelmäßigem Fressen haben doch einigermassen an meinen Kräften gezehrt, so dass ich danach erstmal viel futtern und schlafen musste…
Was mich aber nicht davon abhielt, während des Dösens einige beunruhigende Worte unserer Zweibeiner aufzuschnappen, die sie sich verstohlen zuraunten und versuchten, mich dabei nicht anzusehen.
Was soll ich euch sagen – wenig später wurde mein Vertrauen missbraucht und obwohl ich schon etwas hellhörig geworden war ob des heimlichen Getues, gelang es unserer Frau, mich in den Katzenkorb zu verfrachten und diesen zu verschliessen, bevor du auch nur ‘Hühnerfrikassee’ sagen kannst. …
Was das bedeutete, das wusste ich schon: Tierarzt !
Lasst uns den Mantel des Schweigens decken über das, was dort mit mir geschah – unsere Zweibeinige gab mich herzlos in dieser übelriechenden Doktorpraxis ab ! !
Später kam sie reuig zurück, um mich wiederzuholen – doch da war natürlich alles schon gelaufen, typisch.

Tja, ich will hier nichts beschönigen, ich bin auch weiss Gott nicht wehleidig, aber – es ging mir saumiserabel, jawohl !!
Und das geschah unserer Zweibeinigen nur recht, ihr stand nämlich das, was die Menschen schlechtes Gewissen nennen, förmlich ins Gesicht geschrieben….
Wobei ich übrigens sagen muss, dass weder Miller noch ich bislang dahintergekommen sind, was das eigentlich ist. Aber wenn die Zweibeiner auf diese besondere Art gucken, dann haben sie es, soviel ist sicher.

“Schlechtes-Gewissen-Haben” ist jedenfalls nicht ansteckend für Katzen – aber es ist von Vorteil !!
In diesem Zustand sind Menschen noch leichter zu manipulieren als sonst, merkt euch das gut.
Obwohl ich in meinem Zustand eigentlich nur noch meine Ruhe haben und sterben wollte (na ja, nicht wirklich sterben), bin ich, bevor ich mir dann zuhause ein warmes Plätzchen in der Schlafhöhle an der Heizung gesucht habe, zum Entsetzen unserer Frau erst noch ein wenig herumgetorkelt, hab ein paar klägliche Mauzer ausgestossen und so getan, als wollte ich nichts eiliger, als aus diesem Folterlager durch die Katzenklappe entfliehen !!
Ihr hättet sehen sollen, wie sie um mich herumgelaufen ist, mir die Ohren vollsäuselte, es täte ihr ja alles so leid, aber es müsste ja nun mal sein und alles sei zu meinem Besten geschehen – ( pah !! dreimal pah !! ) und ähnliches Zeug.
Sie stellte mir sogar ein bisschen Sahne unter die Nase ( sie trug sie wirklich allen Ernstes hinter mir her ! ), damit ich doch bitte bitte ein wenig trinken solle, dann ging es mir gleich besser.
Das konnte durchaus sein, ich glaubte ihr das sogar, aber:
Dann hätte sie sich bestimmt auch besser gefühlt, und das gönnte ich ihr noch nicht – nein, keinesfalls.
Also litt ich weiter und gab ihr das stumme Miau – kläglich, tonlos – ihr wisst schon: Aus den halbgeschlossenen Augenlidern konnte ich beobachten, wie sie beinah zusammenbrach – und so taumelte und torkelte ich wieder Richtung Katzenklappe.

Sie hielt mich natürlich davon ab, wobei sie nicht recht wusste, wie sie mich anfassen sollte, ohne mir weh zu tun:
Ich hatte nämlich eine Naht unterm Bauch – das nur zum besseren Verständnis…
Und obwohl sie mit ihren Fingern nicht auch nur annähernd dort drankam, verpasste ich ihr den nächsten Stich:
Ich knurrte sie kurz an – und leckte ihr anschließend einmal über die Hand !
Leute – sie zerfloss….
Ich genoss zwar diese ganzen Sachen sehr, aber so langsam wollte ich mich doch zum Schlafen irgendwie zurückziehen – in der Hoffnung, dass nach dem Aufwachen diese ganze Chose vorbei wäre.
( Was übrigens ein Irrtum war, das nur nebenbei.)
Zu meinem Glück läutete in dem Moment das Telefon.
Unsere Zweibeinige rang mit sich, warf mir noch einen prüfenden Blick zu und ermahnte mich, ja nicht wieder Richtung Katzenklappe zu gehen, sie sei in einer Sekunde wieder da! – und ging zum Telefon.
An die Klappe hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht – aber mir kam eine Idee: Ich verkroch mich in der kuscheligen Schlafhöhle meines Kratzbaums, wollte mich zusammen rollen, aber – autsch!! das ging nicht… schließlich fand ich eine andere Position, wo die doofe Naht nicht so schmerzte… Ich legte mich ganz nach hinten in die linke Ecke; weil ich nämlich so schwarz bin und es in der Höhle für die äusserst unzureichenden Augen der Menschen zu dunkel zum Sehen ist, bin ich da nahezu unsichtbar…
Und obwohl mich die Müdigkeit fast übermannte, genoss ich doch noch im Halbschlaf die sorgenvolle, entsetzte Stimme unserer Frau, die nach mir rief: “Sophie, wo bist du denn bloss ? Du bist doch wohl nicht – ” und das Geräusch der Terrassentür, die ungläubig aufgerissen wurde, liess mich sanft in den Schlaf sinken. Sollte sie sich ruhig sorgen…
Als ich wieder aufwachte, stand Miller vor der Öffnung der Höhle – ich wusste im ersten Moment gar nicht was los war, aber als ich aufspringen wollte, fiel mir alles wieder ein und ich konnte einen leisen Schmerzenslaut nicht unterdrücken.
Ich kroch aus der Höhle und Miller beroch mich von oben bis unten.
Und dann: putzte er mich, vorsichtig und langsam und ausgiebig.

Sagt mal ehrlich, kann man sich einen besseren Freund wünschen ? Er liess sich nicht mal von diesem ekligen Tierarzt-Desinfektionsmittel-Angst-Geruch abschrecken… *seufz* …. ist er nicht wundervoll ??
Und schon flatterte die Frau wieder um uns herum, es gab Sahne ( direkt vor meiner Nase – muss ich mehr sagen? ) und sogar Miller kam in diesen Genuss.
Ich leckte ein paar Tropfen und kroch dann in die Küche. Da liegt vor der Heizung eine Sisalmatte, eigentlich mal zum Krallenschärfen angeschafft, auf der Miller und ich gelegentlich schlafen oder die häuslichen Vorgänge beobachten.
Und obwohl ich ja schon wusste, wie ich am besten liegen konnte, führte ich unserer Zweibeinigen erstmal vor, was sie verschuldet hatte und drehte und wendete mich in Zeitlupe x-mal hin und her; schliesslich sank ich mit einem Seufzer auf die Matte *von einem tiefen Seufzer ihrerseits begleitet*.
Mit der Nase auf der Matte bot ich ein elendes Bild bejammernswerten Leids …
Zwischenzeitlich war auch unser Mann nach Hause gekommen und betrachtete mich.
“Na, du siehst ja nicht besonders gut aus, Kleine”, sagte der doch zu mir.
Also wirklich !!
Später am Abend hab ich dann ein wenig gefressen und mich verwöhnen lassen. Ich zog mich vorsichtig aufs Sofa hoch – mir war sehr nach Streicheleinheiten, deshalb verzieh ich unserer Zweibeinigen grosszügig:
Sicher wusste sie gar nicht, was sie tat, als sie mich bei diesem blöden Doc ablieferte, denn sie ist ja nicht so eine, die einem weh tun will !
Hoffentlich hat sie draus gelernt und bleibt in Zukunft weg von dieser Praxis.
Übrigens: Der Arzt hatte ihr doch tatsächlich einen ‘Kragen’ mitgegeben, so ein Ding, das manche Katzen unwürdigerweise tragen sollen, weil sie sich angeblich die Nähte aufbeissen!

Unsere Frau war aber klug genug, mir das nicht anzutun, war auch gar nicht nötig.
Tja, das liegt nun schon eine Woche zurück und natürlich geht es mir längst wieder phantastisch, wie ihr euch denken könnt.
Ich bin auch schon wieder draussen gewesen – nicht sehr lange, es ist kalt, wenn man wie ich einen *Gott, wie peinlich* rasierten Bauch hat.
Und zur grossen Freude meiner Zweibeinigen habe ich mir wieder angewöhnt, drinnen auf die Katzentoilette zu gehen, statt dergleichen draussen zu erledigen. So kann sie jetzt wieder täglich die Streu wechseln…
Nun, was soll ich sagen – die Zeit der Jugendsünden liegt hinter mir, ich bin erwachsen geworden und dieser überhebliche Waldkater von nebenan kann mir übrigens mittlerweile wieder gestohlen bleiben !
Was ich an dem gefunden habe, das kann ich heute nicht mehr so recht nachvollziehen…
Die Erinnerungen werden täglich verschwommener…
Ich höre gerade die Kühlschranktür aufgehen – sorry, Leute, ich muss los !!

Autor: Silvia
http://www.cats-world.de/

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