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Internettigkeiten

Hast du schon mal ein Mail von Nadine bekommen? Die dich so sehr begehrt? Oder von Cindy, die schon schwitzend auf deinen Anruf wartet? Dieser Text ist für alle, die sich durch Unmengen Spampost von s e x y Mädels wühlen müssen, obwohl sie selber welche sind.

Das Internet. Unendliche Weiten, unzählige Seiten, und es werden täglich mehr. Wenn ich mich daran erinnere, daß ich vor einigen Jahren dank meiner überschäumenden Phantasie noch der unschuldigen Ansicht war, daß eine Suchmaschine möglicherweise ein großes, metallenes Ding mit vielen verschweißten Rohrverbindungen ist, das nach langem Gerappel, viel Gedröhn und ein paar Dampfstößen eine wichtige Information auf den Schreibtisch spuckt, muß ich heute über meine Naivität schmunzeln.

Es ist doch so einfach und bequem: Man knipst den personifizierten Computer an, startet ein bis fünf Programme (fast wie bei der Waschmaschine),und das Tor zur elektronischen Welt öffnet sich. Dann muß man eigentlich nur noch wissen, wonach man eigentlich sucht. Dieser Punkt hat mir übrigens früher am meisten Sorgen bereitet, aber inzwischen weiß ich, daß, wenn ich mal nicht weiß, wonach ich suche, mir die Seiten des weltweiten Netzes gewiß bald einen guten Grund zur Suche bieten.

Auch viele meiner Freunde sind, da über das ganze Land, ja teilweise sogar über die ganze Welt verstreut, nicht mehr ohne weiteres zu Hause zu besuchen, sondern stattdessen auf ihrer Heimseite. Das ist besser als gar nichts, auch wenn die Eingänge dieser Seiten meist nicht mal einen einfachen Klingelknopf bieten oder geschweige denn ein Fenster, das man mit kleinen Steinchen bewerfen kann. Mir fehlt auch manchmal ein gemütliches Zimmer, in dem man sich mit den Lieben in Echtzeit auf ein Sofa kuscheln, mit gut gefüllten Proseccogläsern anstoßen und zusammen Video gucken kann. Aber dafür hat man zum Beispiel die Möglichkeit, in schriftlich festgehaltenen (fremden!) Abenteuern zu blättern, Musik zu hören oder dank den allgegenwärtigen Digi-Cam-Paparazzis festzustellen, mit wem die beste Freundin auf der letzten Party geknutscht hat.

Vor kurzem entdeckte ich allerdings, daß das Web noch viel spannender und aufregender ist, als ich je vermutet hätte. Es begann vor ein paar Monaten. Nach längerer Abwesenheit öffnete ich meine Mailbox, um erstaunt zur Kenntnis zu nehmen, das Jaqueline mir endlich geschrieben hat. Und um meine Vorfreude und Aufregung gleich bis auf ein Höchstmaß zu steigern, hatte sie in den Betreff „Ich hab dich lieb!“ getippt. Mir ging schier das Herz auf bei soviel offenkundiger Zuneigung zu meiner unwichtigen Person, vor allem, da ich ganz sicher war, daß ich Jaqueline nie zuvor begegnet war. An diesem unumstößlichen Eindruck änderte sich auch nichts, als ich im Body des Mails las, daß die überschwengliche Jaqueline zunächst mal unter kränkender Einsamkeit leide, obwohl sie höchstselbst einen tollen Body besäße, von dem sie bestimmte Bestandteile unheimlich gern mal an mir reiben würde.

Ich war schwer beeindruckt, ja, sogar fast gerührt.

Nun muß ich an dieser Stelle leider gestehen, besagte Einzelteile, die Jaqueline an ihrem Chassis als besonders hervorstechend anpries und mir praktisch schriftlich entgegenhielt, waren mir in ganz ähnlicher Form bereits selbst gegeben, und ich gehöre zu der Sorte Menschen, die von einem geeigneten Geschlechtspartner einfach erwarten, daß er gänzlich anders geartete Teile zu bieten hat, sei es nun primär oder auch sekundär.

Natürlich wollte ich darauf verzichten, Jaqueline vor den Kopf zu stoßen und ihr liebevolles Angebot einfach schnöde zu ignorieren, und machte mich an eine freundliche Antwort, die ihr trotz zurückhaltender Formulierung die oben beschriebenen Umstände und die daraus für uns beide resultierenden Konsequenzen hoffentlich deutlich machen würden. Als ich die Antwort auf den Weg schickte, hatte ich das befriedigende Gefühl, meine gute Tat für heute erledigt zu haben.

Zwei Tage später öffnete ich meine Mailbox erneut und stellte als Erstes enttäuscht fest, daß Jaqueline offenbar in der Zwischenzeit ihre Mailadresse geändert haben mußte, denn wie mir der Dämon aller Mailenden in sachlichen Worten zu erklären versuchte, gab es Jaqueline überhaupt nicht. Jedenfalls nicht dort, von wo ihr Mail gekommen war. Doch bevor ich größeren Kummer bezüglich dieser enttäuschenden Information entwickeln konnte, bemerkte ich aus dem Augenwinkel eine andere Mail, die mir rot markiert und „ungelesen“ entgegenleuchtete.

Diesmal von Monique.

Leicht verwundert über die ungewohnte Häufung von Namen mit der Buchstabenkombination „que“ schritt ich sodann eifrig zur Öffnung dieser Nachricht, die mit dem Betreff „Kennst du mich noch?“ lockte. Blitzartiges Forschen in meinem biologischen Festplattenspeicher bezüglich einer plausiblen Beantwortung dieser Frage brachte bis auf dunkle und leicht bedrohliche Erinnerungsnebelfetzen kein verwendbares Ergebnis. Nach dem Studium der ersten Zeilen von Monique wußte ich auch, warum.

Denn Monique war gar nicht die Ex-Klassenkameradin aus der Grundschule, der ich damals versehentlich einen Milchzahn ausgeschlagen hatte (kann aber auch sein, daß die eigentlich Angelique hieß oder so ähnlich), und sie war auch nicht das temperamentvolle Mädel, das mir vor vielen, vielen Jahren bei einer lustigen Garagenparty ein volles Glas Bier über den Kopf geschüttet hatte, weil sie fälschlicherweise der Meinung war, ich grabe ihren völlig reizlosen Freund an.

Nein, Monique möchte einfach nur mit mir quatschen. Und weil sie sich das so sehr wünscht, hat sie mich mit „Süsse“ angeredet und mir auch gleich eine Einladung in den „Super-Kontakt-Chat 666“ mitgeschickt! Als ich jedoch auf den entsprechenden Link klickte, öffneten sich mit rasender Geschwindigkeit derart viele Fenster, daß mein Pentium-Opa mit einem tiefen Ächzen ein kleines Rauchwölkchen ausstieß und dann die Session ohne weiteren Kommentar oder meine ebensowenig vorhandene Zustimmung beendete. Das alles ging so schnell, daß ich von der Bilderorgie, die sich ganz kurz vor mir entfaltet hatte, nur einen Blick auf ein oder zwei nackte Schenkel und eine völlig unbehaarte Brust erhaschte.

Leise knurrend startete ich meinen PC-Senior nochmal neu, während in mir der unbestimmte Verdacht aufkeimte, daß diese Monique eine ganz Schlimme war. Trieb sich in diesen sonderbaren Chaträumen herum, schickte einfach so an wildfremde Frauen Einladungen und zeigte dann im Schnelldurchlauf ihre rasierten Gehwerkzeuge!

Als ich endlich wieder online war, überraschte es mich schon weit weniger, zwei neue Nachrichten vorzufinden. Souverän und frisch gestählt durch die vorangegangenen Ereignisse durfte ich hoffnungsvoll zwei Dinge zur Kenntnis nehmen:

1. daß die Partnervermittlung „Only You“ endlich DIE Traumfrau für mich gefunden habe und daß

2. Silvia S. mich unbedingt treffen will, da sie im Besitz von drei wunderbaren, langbeinigen und vor allem sehr viel jüngeren Schwestern sei, die sich zwar unbekannterweise, aber nichtsdestotrotz schon ziemlich lange nach mir sehnen.

Ich überdenke derzeit die volkstümliche These mit dem passenden „Deckelchen“ zu jedem „Töpfchen“. Wer auch immer diese liebreizenden, wenn auch sprachlich völlig unterbelichteten Mitteilungen en masse im Web umherschickt, hat ganz offenbar nicht einen einzigen Gedanken an eine mögliche Zielgruppenanalyse verschwendet. Oder gibt es womöglich irgendwo jemanden, der all die E-mails von Enrique, Thierry, Paolo oder Antonio (alle brustbehaart und mit einem appetitlichen Sixpack im unteren Brustbereich ausgestattet) erhält? Bitte melden! Meine Adresse ist ja bekannt.

Foto: © delater (Antje Delater) / http://www.pixelio.de

Autor: Trainspotterin

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