Die Memoiren des Idefix von Tschengtu (1. Teil)
Kapitel 1: Der Anfang und ein kleines Ende
Sie erlauben das ich mich kurz vorstelle: Mein Name ist Idefix von Tschengtu, ein Sohn von Cherie und Aynu von Tschengtu, somit ein reinrassiger Shih Tzu und verdammt stolz darauf!
Sie wissen nicht was ein Shih Tzu ist? Eigentlich ist das eine unverzeihliche Bildungslücke und Grund genug für mich sie keines weiteren beschnüffelns für würdig zu erachten, doch die Tatsache das sie dieses Buch in den Pfoten halten zeugt von gutem Geschmack ihrerseits und so will ich mal nicht so sein und ihnen etwas Bildung vermitteln.
Der Shih Tzu ist die wohl edelste Hunderasse die es jemals auf der Welt gab und das verrät ihnen einer, der es nun wirklich wissen muss. Unser Abstammung geht zurück in das alte Asien, wo tibetanische Mönche die ersten meiner Rasse in ihren Tempeln züchteten um eine kleinere, aber doch wesentlich edlere Version eines Löwen möglichst nahe zu kommen.
Sie zweifeln an meinen Worten? Dann sollten sie schnellstens ihr Chinesisch etwas aufpolieren, denn wie jedem halbwegs gebildeten bekannt sein dürfte, bedeutet das chinesische ‚Shih-Tzu Kou’ übersetzt soviel wie Löwenhund.
Jetzt fragen sie sich sicher, wie ein tibetanischer Tempelhund zu einem chinesischen Namen kommt. Nun, wenn sie dem Kaiser von China mit einem Geschenk wirklich beeindrucken wollten, dann würden sie ihm doch wohl das edelste und wertvollste schenken dessen sie habhaft werden könnten, oder?
Sehen sie, so gelangten einige meiner Vorfahren an den chinesischen Kaiserhof, wo unsere Rasse und unsere Herkunft noch verfeinert wurden bis wir am Anfang des 20. Jahrhunderts auch nach Europa kamen. Doch genug davon. Schließlich will ich nicht die Geschichte meiner Rasse aufschreiben, obwohl diese natürlich überaus interessant ist, sondern ich will meine persönliche, noch viel interessantere Geschichte erzählen.
Ich wurde also am 5. August 1989 als reinrassiger Shih Tzu geboren. Ich bin mir heute fast sicher das meine Mama bei meinen fünf vorangegangenen Geschwistern nur geübt hatte, um letztendlich einen so brillanten und edlen Hund wie mich zu gebären.
Wenn ich ihnen nun ein wenig von mir eingenommen erscheine, so liegen sie völlig richtig. Schließlich war ich als einziger des Wurfs nicht so dumm wie meine fünf Prototypengeschwister, die sich gleich jedem dahergelaufenen Dosie so anbiederten, das sie schon früh aus unserem kleinen Rudel gerissen wurden.
Jetzt wollen sie sicher auch noch wissen was ein Dosie ist. Ein Dosie ist ein haararmes, zweibeiniges Wesen, das die Macht besitzt eine Futterdose für mich zu öffnen. Ich vermute stark das sie selbst zu dieser Gattung gehören, da nur wenige der Felligen wirklich in der Lage sind ein Buch wie dieses zu lesen und zu verstehen. Schon gut, ehe sie fragen: ein Felliger ist ein wunderschönes, sehr behaartes Geschöpf auf vier Pfoten, das leider viel zu oft von der Gunst eines Dosies abhängig ist.
Sie als Dosie nennen uns Fellige wohl eher ‚Haustier’, aber diese Bezeichnung wiederstrebt mir etwas. Doch nun wieder zurück zu etwas interessanterem, also zurück zu mir. Ich war also schlau genug mich nicht von einem fremden Dosie entführen zu lassen, warum auch?
Bei dem Dosie meiner Eltern lebte ich sehr gut und man erwartete relativ wenig von mir.
Fressen, spielen und jeden Tag einen ordentlichen Haufen auf der Straße, was für ein herrliches Leben.
Zugegeben, es lief noch nicht alles so ganz nach meinen Vorstellungen. Die anderen Felligen meines Rudels weigerten sich noch strikt mich als ihren uneingeschränkten Anführer zu betrachten (arrogantes Pack), aber ich war noch jung und sobald ich erst einmal zu meinem exzellenten geistigen Fähigkeiten noch die dazu passende Körperkraft eingestellt hätte war der Rest nur noch eine Frage der Zeit. Wer konnte mir schon sagen, was mich in einem neuen Zuhause erwartete und ob ich meinen Traum der uneingeschränkten Macht dort verwirklichen könnte.
Doch auch für mich sollte der Tag kommen, an dem meine eigentliche Geschichte beginnt. Ich war etwa dreizehn Wochen alt, als der Dosie, der meinen Alltag bis heute bestimmen sollte, in meinem Zwinger auftauchte. Ein Dosiepärchen war fest entschlossen sich einen unserer edlen Rasse ins Haus zu holen, doch da meine Prototypengeschwister bereits alle ein neues Heim gefunden hatten, war ihre Auswahl auf den Besten des Wurfs, nämlich auf mich beschränkt.
Bei bisherigen Besuchen kaufwütiger Dosies bestand meine Strategie des nicht gewählt werdens darin, mich unauffällig im Hintergrund zu halten. Diesmal jedoch würde es aus gegebenen Umständen nicht so leicht sein.
Ich entschloss mich zu den bereits von mir ausgearbeiteten Plan B zurückzugreifen: Abschreckung durch auffallenden kriminellen Verhaltens und subtilem Vandalismus, oder einfacher gesagt, klau die Handtasche des Dosieweibchens und mach sie zu Kleinholz!
Bei der ersten sich mir bietenden Gelegenheit schnappte ich mir die Tasche und versuchte sie in die dreckigste Ecke die ich finden konnte zu schleifen, um dort mein Werk der Zerstörung zu beginnen.
Leider ging mein Plan nicht völlig auf. Nicht nur das ich es beim besten Willen nicht schaffte dieses Monstrum von einer Tasche schnell genug fortzuschleifen, nein, das Dosieweibchen schien auch noch höchst amüsiert von meiner Darbietung zu sein. Dennoch schien mir ein Teilerfolg beschieden zu sein, denn immerhin verschwand bald darauf das Pärchen wieder und zwar ohne mich mitzunehmen.
Ich habe bereits zugegeben das ich von mir eingenommen bin (warum auch nicht, schließlich war mir immer klar das ich etwas besonderes bin), aber diesmal sollte es mir zum Verhängnis werden.
Anstatt meinen Plan für alle Eventualitäten weiter auszuarbeiten, ruhte ich mich auf meinen Lorbeeren aus. In meiner jugendlichen Naivität dachte ich wirklich die Dosies vertrieben zu haben, um so größer war mein Erstaunen als das Pärchen am nächsten Tag schon wieder auftauchte.
Noch ehe ich zu einem zweiten Versuch starten konnte meinen Plan zu verwirklichen, hatten sie mich bereits aus meinem Stammrudel (und damit auch von meinen Machtergreifungstraum) verschleppt und in ihr Auto verfrachtet.
So endete meine Jugendzeit im Zwinger von Tschengtu.
Kapitel 2: Ein Plan wird geändert
Obwohl mir als Löwenhund natürlich auch der Mut eines Löwen zuteil geworden ist, besitze ich dennoch genug Größe um die wenigen Momente einzugestehen, in denen ich tatsächlich so etwas wie Angst verspürt habe (natürlich waren dies nur sehr, sehr wenige kurze Augenblicke).
Ich muss gestehen, dieser kalte Novembertag gehörte zweifelsohne dazu.
Stellen sie sich meine Lage vor, eben noch im wohl bekannten Kreis meiner zukünftigen Untergebenen und nun fuhr ich in der ersten Autofahrt meines jungen Lebens einer ungewissen Zukunft entgegen.
Bitte verstehen sie mich nicht falsch. Ich war durchaus im Stande auf eigenen Pfoten zu stehen, schließlich war ich mit dreizehn Wochen schon lange kein Welpe mehr der sich nach den Zitzen seiner Mutter sehnte, aber was sollte aus meinen Machtträumen werden wenn man mich von dem Rudel entfernte, das ich theoretisch schon beherrscht hatte?
Hin und her gerissen zwischen dem Verlust meines alten Rudels und der Ungewissheit was da kommen mochte, begann ich mich langsam an das Autofahren zu gewöhnen und konnte dieser komfortablen Art der Fortbewegung doch einiges abgewinnen. Dieses mühelose Dahingleiten hatte etwas, das einem geborenen Anführer wie mir grade gerecht wurde. Zudem gab es mir Gelegenheit meine neuen Dosies genauer in Augenschein zu nehmen und mir Gedanken über meine Zukunft zu machen. Ich beschloss, die angenehme Art der Fortbewegung doch lieber wieder gegen mein Rudel einzutauschen (was sollte den aus diesem arroganten Pack werde, ohne ihrem künftigen Rudelführer?) und entschloss mich, mit einigen, der neuen Situation angepassten Veränderungen an meinem Plan B weiterhin festzuhalten. Wahrscheinlich war es besser, mehr auf den Vandalismus als auf die Diebstahlsdelikte zu setzen. Bei der ersten, sich mir bietenden Gelegenheit würde ich einen Terrorakt loslassen, der sich gewaschen hatte!
Die Gelegenheit bot sich mir schnell. Offenbar (wer kann es ihnen verdenken), wollten meine neuen Dosies mit mir Angeben bevor sie mich zu ihnen nach Hause brachten und besuchten zuerst die Mutter des Dosieweibchens. Sofort registrierte mein wacher Geist die sich bietende Gelegenheit, einen möglichst schlechten Eindruck zu machen. Sicher würden sie es sich überlegen mich mit in ihr Heim zu nehmen, wenn ich mich schon hier unmöglich benahm. Schon hatte ich einen genialen Geistesblitz, wie ich zwei Briefträger mit einem Bellen vertreiben konnte, wie man bei uns Hunden so schön sagt.
Da ich bereits auf der Fahrt merkte, das es mal wieder an der Zeit war meine Blase zu entleeren, nutzte ich diese Tatsache geschickt und zauberte einen ansehnlichen kleinen See auf den Teppich der Dosieweibchenmama. Doch anstatt mich am Genick zu schnappen und mich auf dem schnellsten Weg wieder zurück in mein Rudel zu bringen, fand die Dosiegesellschaft auch diese Aktion ausgesprochen Amüsant. Ich kam zu dem Schluss, das diese Dosies wohl ein ausgesprochen harter Verein waren und ich mich wirklich anstrengen musste um meinen Willen zu bekommen.
Nach dieser Fehlgeschlagenen Flutaktion, brachten mich die Dosies nun endgültig in ihr Heim. Ich begann natürlich sofort die neue Umgebung zu erforschen und Ziele für weitere Terrorakte zu sondieren. Ich stellte mir in Gedanken eine Liste der zu zerstörenden Gegenstände zusammen, also alles das weicher als meine eigenen Zähne war.
Dazu zählten alle Möbelstücke aus Holz (das waren so gut wie alle), die Finger der Dosies und eine ganz besondere Abscheulichkeit: ein ovales, kleines Schaumstoffkörbchen mit Plüschüberzug, das mir wohl als Bett dienen sollte. Ich fand schnell heraus, wie man die Abscheulichkeit am wirkungsvollsten terminiert. Am Boden dieses ‚Betts’ befand sich eine Kunststofffolie, die einer anständigen Buddelattacke nicht viel entgegenzusetzen hatte. Der darauf freigelegte Schaumstoffinhalt lies sich mühelos in kleine und kleinste Teile zerfetzen, was den angenehmen Nebeneffekt einer Menge Dreck hatte, dem mit dem Staubsauger nur sehr schwer beizukommen war.
Das Dosieweibchen behalf sich, indem sie alle Teile wieder sorgsam in den Plüschbezug zurück stopfte die ich dann natürlich regelmäßig wieder in noch kleinerem Zustand auf dem Teppich verteilen musste.
Es dauerte auch nicht lange, und auf so ziemlich allen Möbel waren die Abdrücke meines majestätischen Gebisses zu erkennen. Was den Teil des auffallenden kriminellen Verhaltens meines Plans betraf, also das Klauen, so übte ich mich an immer größer werdenden Teilen wie zum Beispiel riesige Kissen, gigantische Stiefel und eine titanisch große Decke. Dies hatte den Vorteil, das die Dosies auf jeden Fall meine Taten bemerkten und ich konnte meine Körperkräfte für die bevorstehende Rudelübernahme trainieren (Viva la Revolution!).
Zusätzlich zu all dem hatte ich meinen Teppich-Überflutungsplan noch nicht aufgegeben. Meine Dosies hatten eine Ecke der Küche mit alten Zeitungen ausgelegt, auf denen ich Notfalls mein Geschäft verrichten sollte. Ich war natürlich nicht im geringsten daran interessiert dort meine kleinen, malerischen Seen zu produzieren, aber damit hatten die Dosies wohl gerechnet. Mit suchterregenden Leckereien versuchten sie mich zu bestechen und ich muss leider gestehen, das ich für diese Leckereien äußerst leicht zu begeistern war. Schließlich bin auch ich nur ein Hund, der die Annehmlichkeiten des Lebens zu schätzen weiß. Also wiederstand ich (meistens) dem Versuch, die ausgelegten Druckartikel in pipigetränktes Konfetti zu verwandeln.
Aber ich wäre nicht der Hund, der ich bin wenn ich mich einfach in die Gegebenheiten gefügt hätte. Ich kapierte schnell, das man mich auch schon für den Versuch mein Geschäft dort zu erledigen belohnte. Also stellte ich mich, ganz entgegen meiner wahren Natur, dumm an und zeigte den Dosies eine überzeugende Show, in der ich mich mit den Vorderpfoten auf die Zeitungen stellte aber sorgsam darauf achtete mit den Hinterpfoten nicht zu nah an das Papier zu treten. So hatte ich meinen guten Willen bezeugt, für den es schließlich auch schon eine Belohnung gab, und konnte trotzdem meinen Flutplan zumindest ansatzweise verwirklichen.
Wenn Sie nun meinen, die Dosies hätten nun aufgegeben und mich zu meinen Untergebenen zurückgebracht, dann muss ich sie und mich enttäuschen. Zwar waren sie von all meinen Aktionen nicht grade begeistert, vor allem das Dosiemännchen nicht, aber offenbar waren sie fest entschlossen mich bei ihnen zu behalten. Langsam musste ich es einsehen, ich hatte nicht die geringste Chance zu meinem alten Rudel zurück gebracht zu werden.
Ehrlich gesagt, ganz allmählich begann mir dieses neue Zuhause sogar zu gefallen, so das der Verlust meiner vorbestimmten Führungsposition mich nicht allzu traurig stimmte.
Immerhin mangelte es mir hier an nichts, ich bekam reichlich zu Essen (die Leckerein zu vermissen hätte mich doch arg geschmerzt), Streicheleinheiten in Massen, man spielte mit mir (oder ich mit allem, dem ich habhaft werden konnte) und wer sagte denn das ich nicht der Rudelführer meiner Dosies werden sollte.
Vor allem das Dosieweibchen, das sich am meisten mit mir beschäftigte, schien meinem Charisma völlig ausgeliefert zu sein und das Dosiemännchen wiederum dem Charme des Weibchens. Dadurch erbot sich mir die Gelegenheit mein neues Rudel völlig gewaltlos zu übernehmen (was für ein Geniestreich meinerseits!).
Eines jedoch musste ich noch klarstellen, ehe ich mich selbst zum Alphatier krönte.
Obwohl die ovale Abscheulichkeit, die mein Bett sein sollte, nur noch ein deformiertes Stück Plüsch mit einer Schaumstoffkrümel Füllung war, hatten meine Dosies weiterhin etwas dagegen mich in ihrem eigenen Bett zu dulden. Zugegeben, ich hatte am Anfang auch gewisse Schwierigkeiten überhaupt erst einmal auf das Bett rauf zu kommen. Für einen jungen Hund von dreizehn Wochen wirkte dieses Bett eher wie ein Hochhaus oder gar ein Berg, ach was sag ich, wie ein Hochhaus auf einem Berg!
Doch ich musste es versuchen, denn wie sollte ich meinen Status als Rudelführer behaupten, wenn ich noch nicht einmal auf das Bett springen konnte. Mittlerweile hatte ich auch an Geschick und Lebenserfahrung gewonnen (immerhin war ich nun schon fünfzehn Wochen alt) und mein Kissen, Stiefel, Decken-Triathlon hatte meine Muskeln gestärkt. So enterte ich in dieser Nacht zum ersten mal das Bett meiner Dosies.
Selbstverständlich nahm ich dort sofort den besten Platz zwischen den Kopfkissen für mich in Anspruch. Die beiden waren so überrascht von meinem plötzlichen auftauchen, das sich das Dosieweibchen kaum wehrte als ich ihr das Kopfkissen für mein eigenes königliches Haupt wegzog. Nun war alles klar, sie hatten mich wohl als ihren neuen Anführer anerkannt und ich akzeptierte die Anwesenheit meiner Dosiesklaven in meiner neuen Schlafgelegenheit. Ja, das Leben war wirklich nicht schlecht zu mir in diesen frühen Tagen.
Kapitel 3: Ehrung und Trauma
Nachdem ich also meinen Plan zur Rückkehr zu meinem Stammrudel verworfen und lieber die Führung in diesem Rudel übernommen hatte, gab es für mich nicht mehr viel zu tun.
Ich behielt aus Gewohnheit meine täglichen Holzbeißübungen bei, obwohl das Dosieweibchen, ganz zu schweigen vom Dosiemännchen, dies anscheinend immer weniger amüsant fand. Aber mir als Rudelführer wagten sie natürlich nicht im Wege zu stehen.
Außerdem hatten meine Dosies wohl mit einem bevorstehenden Fest zu tun, das sie ‚Weihnachten’ nannten.
Ich wusste ganz genau, das es sich nur um ein Fest zu Ehren meiner Machtergreifung handeln konnte. Wie zur Bestätigung meiner Gedanken tauchte auch bald ein Baum, genauer gesagt eine Tanne, mitten im Wohnzimmer auf. Ich war ehrlich gerührt, meine Dosies hatten beschlossen mir ein eigenes Innenklo zu schenken. Leider hatten sie nicht den geringsten Sinn für Ästhetik, denn sie hingen allerlei geschmacklose Kugeln und silbernes Zeug an meinen Baum (wahrscheinlich um die Pracht des Baumes meiner würdig zu gestallten). Was mir allerdings wieder gut gefiel, war ihre Idee mein Klo mit einer eigenen Beleuchtung aus kleinen Lichtern zu versehen.
Als das Dosieweibchen endlich fertig mit der geschmacklosen Dekoration meines Geschenks war, konnte ich nicht länger warten und nahm den Baum etwas genauer unter die Lupe.m Ich war entsetzt als ich bei einer Beißkontrolle des untersten Astes nicht den gewohnten Holzgeschmack spürte, sondern nur steriles Plastik zu schmecken bekam.
Als das Ding dann auch noch beinahe umkippte, war mir klar das es sich um reinsten Schrott handelte.
Selbstverständlich besaß ich genug Anstand mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, sie hatten es bestimmt ihr bestes versucht, doch für einen Hund meines Formats war es nun wirklich unter meiner Würde dieses Plastikding zu bewässern. Außerdem hatte ich sowieso noch gewisse Schwierigkeiten mit …, nun ja …. mit … dem … Beinchen heben beim Pinkeln. ICH WILL KEINEN LACHER HÖREN! Ich hatte bisher einfach keine Zeit gefunden mich auch noch damit zu befassen. Das ist ja auch gar nicht so einfach. Wenn sie jemals versucht haben bei ihrem Geschäft ein Bein hochzuheben und dabei nicht wie ein Trottel zu wirken, dann werden sie wissen was ich meine.
Aber lassen wir dieses Thema und kommen lieber zurück zu meinem Fest. Ich bemerkte schnell, das meine Dosiesklaven diesen Tag als einen besonders hohen Festtag feiern wollten. Nicht nur das sie mir etwas schenken wollten, nein es gab anscheinend Geschenke für jeden. Ich war ob ihrer ärmlichen Versuche, mir zu gefallen bis in mein Innerstes gerührt. Sicher, ihr Geschenk an mich war zwar ein absoluter Fehlgriff, aber trotzdem kam ich mir nun langsam etwas schäbig vor für meine treuen Untergebenen nichts zu haben.
Was sollte ich ihnen schenken?
Außer meinen wenigen Spielsachen die ich hatte (die zwei Kubikmeter Hundespielzeug reichte schließlich grade so für mich) und einem fast ovalem Plüschüberzug mit Schaumstoffstaub als Inhalt (so etwas konnte ich ihnen nun wirklich nicht schenken) hatte ich nichts zu bieten. Da entdeckte ich unter meinem Plastikbaum einen ganzen Haufen nett verpackter Geschenke. Zwar hatte ich keine Ahnung was die dort sollten, aber ich nutzte die Gunst der Stunde und wählte eins davon aus und überreichte es ihnen.
Sie werden nicht glauben wie sehr sich die Beiden darüber freuten.
Na ja, ein Anführer meines Formats muss auch schon einmal seinen Anhängern eine kleine Freude machen um sie bei guter Laune zu halten und es hat gewirkt. Noch bis heute Feiern meine Dosies dieses hohe Fest jedes Jahr aufs neue für mich. Leider kann ich diese schöne Zeit nicht nur mit guten Gedanken verbinden. Kurz nach dem großen Fest erlebte ich etwas, das bis heute noch tiefe Wunden in meiner sensiblen Seele hinterlassen hat.
Jedes Jahr feiern die Menschen kurz nach meinem großen Fest ein heidnisches Ritual, das sie ‚Sylvester’ nennen. Ich habe bis heute nicht ganz verstanden, weswegen man in diese Nacht etwa soviel Sprengstoff in die Luft jagen muss wie ein durchschnittlicher Dosie bräuchte um mit Lichtgeschwindigkeit zum Mond zu geschossen zu werden, aber sie tun es jedes Jahr wieder.
Damals wusste ich von all dem noch nichts. Arglos erlaubte ich meinen Dosies mich auf die Straße zu geleiten um mein abendliches Geschäft zu verrichten, da geschah es! Gerade als ich mich auf der Höhe einer Toreinfahrt befand, schien die Welt um mich herum in Lärm zu versinken. Halb Taub und unter Schock registrierte ich die Böller in der Größe eines Kleinbusses , die nicht weit von mir detonierten. Ich gestehe, dies war ein weiterer der seltenen Momente, in denen ich echte Angst verspürte. Ich möchte nicht weiter auf dieses traumatische Erlebnis eingehen, nur soviel: seit jener Nacht zähle ich mich zu den unzähligen Opfern sinnloser Kriege, die noch Jahre danach an einem Bombenkoller leiden.
Wie Sie an dieser Stelle sehen, schäme selbst ich mich nicht gewisse schwächen einzugestehen. Ich habe für alle Opfer solcher Schreckenserlebnisse die Stiftung ’KNallopfer Ohne EigenversCHuldEN’ (kurz: Knochen) ins Leben gerufen. Wenn sie helfen wollen, spenden sie Hundespielzeug und Leckerein direkt an das Depotkonto: Altersversorgung Idefix, Depotnr. 007 0815 in Genf, vielen Dank an alle Idio… ähm, ich meine natürlich an alle Spender.
Kapitel : Der Aufstand der Dosies
Was wäre aus Cäsar geworden, wenn er an jenem verhängnisvollen Tag nicht in den Senat gegangen wäre? Was aus Napoleon ohne ein Waterloo? Und was noch viel wichtiger ist, was aus mir ohne den großen Dosieaufstand?
Jawohl, sie lesen richtig. Meine Dosies haben tatsächlich gegen mich revoltiert! Es geschah kurz nach meinem traumatischem Erlebnis zu Sylvester (haben sie denn schon für Stiftung ‚Knochen‘ gespendet? Nein? Na dann aber los! ). Mit schier unglaublichen Willen hatte ich dieses Trauma weitestgehend verdrängt und begann mein übliches Leben wieder aufzunehmen, unter anderem auch, das mir inzwischen lieb gewordene Möbelknabbern. Meine Dosiesklaven schienen inzwischen allerdings nicht im geringsten mehr davon begeistert zu sein.
Ich hätte den Stimmungsumschwung wohl schon bemerken sollen, als sie mein Innenklo plötzlich abschmückten und wieder verschwinden ließen. Aber wie ich vielleicht schon erwähnt habe, bin ich doch etwas von mir eingenommen und dachte meine Dosies hätten kapiert was ich von diesem Ding halte und wollten mich mit seiner Anwesenheit nicht länger beleidigen. Als ich mich das Dosieweibchen bei meinen täglichen Nagübungen ertappte, eskalierte die Situation. Wie Brutus Cäsar in den Rücken fiel, so fiel auch sie mir in den Rücken. Ohne eine ordentliche Verhandlung musste ich mir eine sehr lange Predigt anhören, das man so etwas nicht mache, wie ungezogen ich doch sei und so weiter und so fort. Und so wie Napoleon nach Elba verbannt wurde, so wurde auch ich verbannt, nämlich in das Dosieklo.
Da saß ich nun den ganzen Tag. Niemand kam um mit mir zu spielen oder auch nur zu reden. Ich hatte nur mich und meine Gedanken und so begann ich über die Situation nachzudenken. Sicher, ich hätte den Aufstand spielend mit Gewalt niederschlagen können, doch dies wiederstrebte meiner friedfertigen Natur. Ich war zwar ein geborener Anführer, aber ich hatte nie vor wie dieser Adolf Hundsler als Diktator zu herrschen. Außerdem hatte ich trotz allem ein gewisses Verständnis für sie, hatte ich nicht noch vor kurzem selber mit dem Gedanken einer Revolution gespielt?
Nach endlos scheinenden Stunden kam ich zu der Einsicht, das ich den Zenit meiner Macht wohl überschritten hatte, doch noch war nicht alles verloren. Ich hatte noch immer eine Waffe zur Verfügung. Meine Niedlichkeit. Wenn ich es schaffte mit dieser Waffe meine Dosies an den Verhandlungstisch zu bringen, dann konnte ich sie bestimmt überzeugen mich wieder als ihren Anführer gelten zu lassen.
Als man mir dann abends Hafterleichterung bewilligte, war meine große Stunde gekommen. Zwar durfte ich nur in den Flur (wenn ich mich dem Wohnzimmer näherte ging sofort ein Geschrei los, dass mir Sylvester dagegen wie ein Frühlingskonzert erschien), aber ich tat mein Bestes um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
Bitte verzeihen sie, wenn ich nicht genauer über den demütigenden Akt der ersten Kontaktaufnahme berichte. Zu tief wurde ich damals in meiner Würde gekränkt, als das ich dieses noch einmal aufarbeiten könnte. Doch was sollte ich machen? Ebenso wie ein Fluss Wasser braucht um zu sein, so brauchte ich eine Führungsposition. Also begannen die langwierigen und zähen Verhandlungen, über deren einzelne Punkte wir uns zum Teil bis heute noch nicht ganz einigen konnten, die mich aber letztlich wieder in die mir zustehende Stellung brachten. Selbstverständlich war ich gezwungen einige sehr großzügige Zugeständnisse zu machen, wie zum Beispiel keine Möbel mehr anknabbern und die Dosies doch lieber ‚Herrchen‘ und ‚Frauchen‘ zu nennen.
Obwohl ich sogar in dem Punkt nachgab, sie offiziell als Rudelführer anzuerkennen (warum sollte ich die Gute nicht in dem Glauben lassen, das Sagen würde ohnehin ich haben), kam sie nicht umhin mich doch bei so mancher Gelegenheit weiter zu demütigen.
Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, in der mein seidiges Fell zu wachsen begann.
Mein ‚Frauchen’ war der Meinung, ich bräuchte sofort ein Bad! Aber der Schmach noch nicht genug, sollte ich anschließend auch noch ein Schleifchen in meinem Kopfhaar tragen. Alles bitten und betteln war vergebens, erst als ich versuchte mich durch ständiges reiben meines Kopfes an der Wand selbst zu skalpieren (lieber kahl als mit diesem Ding durchs Leben gehen) war sie bereit einzulenken. Größeres Bild ? Anklicken !
Zusätzlich quälte sie mich durch den Verlust meines Lieblingsplüschdings mit dem Schaumstoffmolekülinhalt (ich hatte es immer geliebt). Sie ersetzte es einfach durch ein neues Körbchen, dem man mit einer einfachen Buddelattacke nicht so leicht beikommen konnte. Dieser Verlust schmerzt mich noch heute und ich glaube, ich habe solche Erfahrungen nicht als einziger gemacht. Deshalb möchte ich sie bitten, wenn sie mir ihre persönlichen Erfahrungen zu diesem Thema schreiben wollen, TUN SIE ES NICHT!
Ich habe immerhin selbst genug zu tun, um das ich mich kümmern muss, wie zum Beispiel die Stiftung ‚Knochen‘(haben denn sie inzwischen schon gespendet?).
Autor: Karsten
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*** Dieser Beitrag wurde im Rahmen des Seiten-Relaunchs übernommen von tiergeschichten.de, unserer allerersten, ursprünglichen Tiergeschichten-Seite. ***






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