“Uriii!” brüllte ich quer durch den Garten und wedelte wild mit der Grillzange. “Bring deinen Teller her! Dein Fisch wird schon ganz schwarz!” Aber typisch! Mein Bruder reagierte nicht, er quatschte ungerührt weiter mit seiner Kollegin.
“Uriiii! Dein Fiiiisch! Move your ass!”
Uris Sportkamerad Robert, gerade im Begriff, in sein Grillwürstchen zu beißen, erstarrte mitten in der Bewegung. Er zog eine Augenbraue hoch und sah mich fragend an.
“Pardon my French”, sagte ich und grinste entschuldigend. Aber es war nicht die ordinäre Ausdrucksweise gewesen, die ihn irritiert hatte.
“Warum sagst du eigentlich Uri zu Uli?”, wollte er wissen.
Ich zuckte die Schultern. “Keine Ahnung. Die ganze Familie nennt ihn so”, antwortete ich lässig. “Schon immer. Aber frag mich nicht warum. Kommt wohl irgendwie von Ulrich, nehme ich an. Oder von Urviech …”
“Hm”, brummte Robert und widmete sich wieder seinem Grillwürstchen.
Und da kam ja endlich auch Uri mit seinem Teller angeschlappt.
“Wird aber auch Zeit, Alter!”, sagte ich vorwurfsvoll und deutete anklagend auf das verbrutzelnde Grillgut.
“Sag mal … was ich dich fragen wollte: was ist denn dieser Robert eigentlich von Beruf?”, fragte ich, während ich ihm den schon leicht angekokelten Grillfisch auf den Teller expedierte.
“Der ist bei der Kripo. Irgendwas mit Betrug. Warum fragst du?”
“Nur so.” Unwillkürlich schielte ich zu dem Menschen hinüber, über den wir sprachen. Und sah, dass er uns gleichfalls im Visier hatte. Ertappt schaute ich weg. Dabei hatte ich eigentlich gar keinen Grund für ein schlechtes Gewissen. Nicht wirklich. Ich deckte keine kriminellen Machenschaften, ich schützte doch nur eine Legende.
Uri … Ulrich … wusste, worauf er sich einließ, wenn er Familie und Freunde zusammen brachte. Wenn man zwei verschiedene Leben führt, muss man dafür sorgen, diese beiden streng getrennt zu halten. Prallt Materie auf Antimaterie, kommt’s zum Knall. Das musste er als alter Science-Fiction Fan schließlich am besten wissen.
Ich fühlte mich unwohl und beobachtet. Von Robert beobachtet. Unkonzentriert und fahrig hantierte ich am Grill. Nach einer Weile hielt ich es nicht mehr aus, pfiff meinen ältesten Neffen herbei und übertrug ihm das Amt des Grillmeisters. Ich musste mit meinem Bruder sprechen.
Uri inspizierte die Getränkekästen. “Mineralwasser wird knapp”, meinte er. “Dafür hab ich deutlich zuviel Bier eingekauft.”
“Ich glaub, ich hab’s versaut”, sagte ich ohne jede Einleitung.
“Was? Das Grillfleisch?”
“Nein. Deine Tarnung. Robert hat mich gefragt, warum ich Uri zu dir sage. Und ich glaube, er hat mir meine Geschichte nicht abgenommen.”
“Berufskrankheit”, vermutete mein Bruder. “Schätze, er wittert überall versteckten Unrat.” Er zählte die noch vollen Cola-Flaschen im Getränkekasten. “Manchmal habe ich es so satt, meine Story zu erzählen”, gestand er. “Aber ich erzähle sie seit fast 35 Jahren. Wenn ich jetzt auf einmal was anderes sage, wie stehe ich dann vor den Leuten da?”
“Als Lügner?”
“Als Nestbeschmutzer. Als Hochstapler. Als Ausländer. Als Gott-weiss-was!”
“Du sollst den Namen des Herrn nicht …”
“Ich weiss.”
Vielleicht hätte ich zu dieser Grillfete gar nicht kommen sollen. Was tu ich auch bei einer Feier von Uris Freunden und Kollegen? Helfen, hatte ich gedacht. Und nun war ich im Begriff, ihn vor der Außenwelt unmöglich zu machen. Seinem Kumpel Robert kam meine Geschichte komisch vor. Und er würde sicher keine Ruhe geben …
Tat er auch nicht. Als Uri und ich zu fortgeschrittener Stunde leere Schüsseln vom Salatbuffett klaubten, gesellte sich Robert zu uns, sein Bierglas in der Hand. “Na, Uli, alter Schwede, stimmt es, was seine Schwester sagt? Dein Spitzname “Uri” kommt von ‘Urviech’?”
Mein Bruder seufzte. “Nein”, sagte er. “Meine Familie nennt mich Uri, weil ich früher einmal so geheißen habe. Daheim. In Israel. Ulrich heiße ich erst, seit ich in Deutschland lebe ”
“Ihr seid Israelis?”, staunte Robert. “Das ist das erste was ich höre! Ist ja interessant! Warum hast du das denn nie erzählt?!”
Ich sah meinen Bruder flehend an. Lass es dabei bewenden, bitte! Er ist doch zufrieden damit! Aber nun gab es wohl kein Halten mehr. Wenn er seine selbstgebastelte Legende schon demontieren wollte, dann gleich gründlich.
“Nur ich komme aus Israel”, sagte Uri in völlig unnötiger Offenheit. “Aus Haifa. Esthers Familie ist deutsch.”
“Ich denke, sie ist deine Schwester?” Robert verstand gar nichts mehr.
“Das denke ich mittlerweile auch. Aber in Wirklichkeit ist sie meine Cousine. Meine Eltern sind gestorben, als ich 14 war. So bin ich zu Onkel und Tante nach Deutschland gekommen.”
“Und ich über Nacht zu einem großen Bruder”, fügte ich hinzu.
“Ich habe meinen Vornamen in Ulrich geändert. Unsere Familiennamen waren sowieso schon gleich, und als wir hier in die Gegend zogen, war ich Deutscher, Sohn und Bruder. Es war stressärmer so.”
Robert prostete uns mit seinem Bierglas zu und nahm einen Schluck. “Und deswegen tut ihr so geheimnisvoll? Ihr seid bescheuert!” Kopfschüttelnd kehrte er an seinen Tisch zurück. Wir sahen uns an. Was würde jetzt passieren? Tratsch, Klatsch, Theater? Würden die Leute jetzt aufstehen und das Fest fluchtartig verlassen, wenn Robert seine brandneuen Kenntnisse weitertrug?
Ich kann’s euch sagen was passiert ist: Nix. Gar nix. Die Story tratschte sich wohl durch Uris Bekanntenkreis, aber die einzigen Reaktionen, die er jemals darauf bekam, waren: “Alter Geheimniskrämer!” oder: “Find ich toll, dass dein Onkel und deine Tante dich damals aufgenommen haben.” Für manch einen machten seine ungewöhnlichen Kenntnisse im sprachlichen und religiösen Bereich auf einmal einen Sinn. Nach Jahren. Aber im großen und ganzen war Uris Lebensgeschichte den Leuten einfach Wurscht.
“Es ist wohl wirklich so, wie die Autorin Donna Leon schreibt”, sagte ich ein paar Monate später zu Uri. “‘ Was die Leute nicht unmittelbar betrifft oder behelligt, das interessiert sie nicht.’ – Wir hätten ihnen genau so gut den Rest erzählen können.”
“Welchen Rest?”
“Wie deine Eltern gestorben sind.”
“Wen interessiert schon ein Autounfall?”
“Nein, ich meine die richtige Geschichte!”
“Die kennst du? Woher denn? Du warst damals nicht älter als fünf, und seither hat man nie wieder darüber gesprochen.”
“Tante Miriam und Tante Rusina haben das seinerzeit lang und breit diskutiert.”
“Vor dir?”
“Auf russisch.”
Uri verdrehte die Augen. “Russisch! Das hätten die dummen Hühner sich doch denken können, dass du das verstehst. Hätten sie nicht wenigstens jiddisch sprechen können?”
“Wie Großtante Adelheid? Ja, das wäre mir auch lieber gewesen. Bei Russisch muss ich mich immer so konzentrieren …”
Foto: © geralt (Gerd Altmann) / http://www.pixelio.de
Autor: Edith Nebel
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