Mimetischer E H E K R I E G

Szene: Er und SIE bei Tisch
Ort: Santa Barbara Strandvilla

ER:
„Was willst Du, Deine Memoiren schreiben?

Na das wird vielleicht was werden. Ich habe wohl an die 40 Jahre Deiner eher lächerlichen Existenz hautnah miterlebt, wenn Du mich fragst, wird das ungefähr so spannend wie eine genormte Grabrede.“

SIE
„Dich fragt aber keiner und wenn Du befürchtest, darin allzu großen Raum einzunehmen, verspreche ich Dir, Dich nicht einmal zu erwähnen, was aus der Sicht Deiner Bedeutungslosigkeit innerhalb dieser 40 Jahre wohl weder mir noch einem eventuellen Leser etwas ausmachen wird.“

ER
„Leser? Du glaubst doch nicht, dass je ein Verlag sich veranlasst sehen wird , Dein Machwerk auch nur probezulesen.“

SIE
„Hach, und was würdest Du sagen, wenn ich bereits eine Anfrage vorliegen hätte?“

ER
„Zuerst einmal würde ich Dir raten, Dir das Wissen über einige relevante grammatikalische Grundregeln zuzulegen. Darüber hinaus empfiehlt es sich, einen der Sprache kundigen Familienangehörigen zu bitten, bei der Gestaltung der Ueberschrift mitzuwirken, um das peinliche Ausmass der eigenen Unfaehigkeit nicht schon bei der Wahl des Titels preiszugeben. Da sich aber in Deiner Verwandtschaft vermutlich niemand auftreiben lässt, der mindestens Hauptschulabschluß hat, wirst Du wohl einen Ghostwriter bemühen müssen. Den popeligen Hintertreppen-Verlag möchte ich sehen, der sich auf das Wagnis einlässt, die Lebenserinnerungen einer drittklassigen Tänzerin zu veröffentlichen, die es nicht weiter gebracht hat, als ab und an mal ein Solo auf einer Wahlparty hinzulegen.

Dich gibt’s doch in den Medien nur, weil Du mich geheiratet hast, was die also von Dir wollen liegt für jeden, der Hirn anstatt Vakuum hat, auf der Hand. Es geht um nichts anderes als um intime Details aus unserer Ehe.“

SIE
„Pahh, intime Details, dass ich nicht lache. Du hast doch in diesen Jahrzehnten nichts anderes gemacht, als die Öffentlichkeit mit Deinen Amouren auf dem Laufenden zu halten, wenn die jetzt noch nicht wüßte, was in dieser Verbindung, die Du Ehe nennst, abgelaufen ist, müsste wohl jeder Klatschkolumnist seinen Beruf verfehlt haben. Aber keine Sorge, Deine Eroberungsstrategien sind ohnehin von vorgestern, mit der Schilderung Deines angestaubten Appeals werde ich auf keinen Fall langweilen, damit könnte ich dann nicht mal mehr die Leser Deiner eigenen Generation hinterm Ofen hervorlocken.

Ja, ja spar Dir die Gegenrede samt Mimesis, beides scheitert sowieso unweigerlich an Deinem inzwischen wurmstichig gewordenen Vorstadtcharme. Die Zeiten als es Dir noch gelang, Blondinen mit dem Gehirnvolumen einer Knackkirsche auf die Matratze zu kriegen werden nicht mal mehr in deren Hohlhirnen als Erinnerungsfaktor auftauchen. Überwältiger, falls Du überhaupt jemals etwas ähnliches gewesen sein solltest, waren schon immer aus anderem Holz geschnitzt. Zudem mag *erobern*, *besitzen*, *nehmen* ganz nett sein, wenn man noch voll im Saft steht, sobald der Lover jedoch in die Jahre gekommen ist, kann sich ein Leser das mit den Überwältigungsmomenten beim Akt ohnehin nicht mehr so recht vorstellen.
Wenn ein Bankräuber ruft Hände hoch, sollte er auch den geraubten Geldsack noch tragen können Herzchen.“

ER
„Bist Du fertig? Wahrscheinlich wird Dir das Vitriol auf der Zunge noch mal ein Loch reinbrennen.
Aber so ist das wohl, wenn man selbst keinen einigermaßen nennenswerten Verehrer mehr vorweisen kann, dann wird man wohl bitter wie Galle.
Du verbuchst es ja schon als persönlichen Erfolg, wenn ein Mann Dir noch die Tür aufhält und merkst es nicht mal, wenn sie Dir ins Kreuz donnert, bevor Du durchgegangen bist.“

SIE
„Rege Dich nicht so auf, sonst brennt Dir noch Dein Herzschrittmacher durch und ich habe dann die Umstände mit der Leiche. Überhaupt, wieso schreist Du so? Ich hab die Batterie in meinem Hörgerät ausgetauscht, Du kannst ganz normal reden, musst halt aufpassen, daß Dir das Gebiss nicht immer in’s Wort fällt, aber darin hast Du ja Übung.

Also wie gesagt, nettes Gespräch, aber ich hab noch zu tun… Kannst mir gelegentlich mal wieder Deine unmaßgebliche Sicht auf das Leben im allgemeinen und meine Memoiren im besonderen vortragen, muss aber nicht so bald sein. Meine Aufnahmefähigkeit für Verbalschrott hat im Laufe unserer Ehe wegen permanenter Überlastung bereits leichte Auflösungstendenzen aufzuweisen.“

ER
“ Ebenso wie Dein Hirn meine Liebe, ebenso wie Dein Hirn.“

E N D E … und Abgang der Parteien.

Szenenwechsel
Im Zuschauerraum:

Regisseur unwillig:
So geht das nicht Herrschaften, ich habs ja gleich gesagt, verpflichte ein Ehepaar für diese Rolle und Du hast mehr Trouble als Deinem Budget für diesen Film guttun wird.

Zur Hölle, sieht das denn keiner, die beiden sind tolle Schauspieler, jeder für sich betrachtet und würden trotz ihres Alters mit Sicherheit auch die Kassen klingeln lassen, aber sie sind auf eine Weise in Bewegung und Mimik identisch, dass man das Gefühl hat, da spricht jemand mit sich selber. Dieser alte Esel zieht doch sogar die Nase schon auf dieselbe Art hoch wie seine Frau. Sie sind wie Fred und Ginger auf dem Höhepunkt der tänzerischen Übereinstimmung. Nur wird hier nicht getanzt Leute, es geht um hammerharte Dialoge. Mimesis, ob nun gewollt, oder ob in Jahrzehnten des Gleichklanges auf reiner Automatik basierend, das ist völlig egal, die beiden wirken nach ein paar Minuten wie Pat und Patachon.

Das Casting könnt Ihr vergessen, die Nächsten bitte.

Hinter der Bühne:

SIE:
Schade, war wohl nichts mit unserem Abgesang like * Boulevard der Dämmerung*.

ER
Vielleicht reicht’s noch für eine Schlagzeile, wenn wir damit rausrücken, dass Mimsy, Fred und Carol Kinder der Sünde sind und es einen Trauschein nie gegeben hat.

Foto: © dido-ob (Dieter Schütz) / http://www.pixelio.de

Autor: Lieselore Warmeling
http://www.story-ecke.de
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