Beziehungen

Oder Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit

Ich hatte es immerhin versucht.
War es meine Schuld, dass das einzige Date auf das ich mich im letzten halben Jahr eingelassen hatte, mit einem Langweiler ablief.

Zumal dessen Attraktivität zusätzlich noch darunter litt, dass sich seit dem Hauptgang ein Spinatrest wenig dekorativ zwischen seinen Schneidezähnen plaziert hatte.

Wer kann sich denn dabei noch auf ein Gespräch konzentrieren, das ohnehin geeignet war, peu a peu von den Haarspitzen abwärts alles einschlafen zu lassen, das in der Lage gewesen wäre, auf äußere Reize zu reagieren. Ich sollte Irene die Freundschaft kündigen. Wie konnte sie mich nur mit diesem Schwafler verkuppeln wollen.

Und eine feuchte Aussprache hatte er auch.
Zum Glück habe ich für derartige Reinfälle einen Befreiungsschlag mit Irene vereinbart. Ihr Anruf kam dann auch pünktlich während des Desserts und ehe sie neugierig fragen konnte, in welchem Stadium der Annäherung wir gelandet waren, sprach ich schon laut in mein Handy, „O Gott, wirklich,“ meinen Sie nicht, Sie kriegen das ausnahmsweise mal ohne mich hin?“.

„Scheisse, schon wieder eine Niete,“ sagte Irene am anderen Ende, sie können doch nicht alle Ausschuss sein.“ Und ich antwortete eilig; “ Das passt zwar im Moment absolut nicht, aber gut, ich komme, ich bin in zehn Minuten im Atelier.“ Ehe mein Gegenüber die Deklaration seiner Lebensumstände seit den frühen Vierzigern fortsetzen konnte, war ich schon in Hut und Mantel und versprach mit aufrichtigem Augenaufschlag, dass ich ihn selbstverständlich zur Vereinbarung eines neuen Dates anrufen werde. Ich spürte seine blassblauen, enttäuschten Basedowaugen buchstäblich im Rücken, als ich eilig das Weite suchte.

Vor der Tür des Restaurant atmete ich befreit durch und beschloss, es endgültig anzugehen. So gings einfach nicht weiter. Ich hatte mich nicht nur erneut auf Irenes, wenn auch gut gemeinte, Einmischung in mein persönliches Leben eingelassen, sondern auch diesem hasenzähnigen Langweiler einen Rückruf versprochen, der niemals stattfinden würde.

Aber diesmal würde ich es schaffen.
„NICHTS ALS DIE WAHRHEIT“ hieß ab sofort die Devise und die in allen Lebenslagen, unbeeindruckt aller daraus entstehenden Folgen.

Wirklich?
Eigentlich hätte ich ja nach diesem Entschluß kehrt machen, meinem Tischgenossen die Visitenkarte mit seiner Telefonnummer zurückgeben und klarstellen müssen, dass ich nicht halb so beziehungsgeil war, wie ich es sein müsste, um seine Nummer zu wählen.

Na ja, bei nächster Gelegenheit, da würde ich dann aber …
Ich würde üben müssen Grenzen aufzuzeigen, auch auf die Gefahr hin, dass es gelegentlich nur mit verbalen Handkantenschlägen gelingen würde, meine Freiräume zu verteidigen.
Es gab zudem keine andere Möglichkeit, meiner besten Freundin Irene klarzumachen, dass ich nicht halb so einsam war, wie sie zu glauben schien und sie meine Lebensumstände besser respektieren sollte, denn ich hatte sie mir zielgerichtet so und nicht anders ausgesucht.

Gut, der letzte Versuch einer längerfristigen Beziehung war leider auch keine Erfolgsstory gewesen. Als ich Steve zum letztenmal sah, stand er mit einer gebratenen Gänsekeule vor meiner Tür und sagte mit schiefem Lächeln; Tut mir leid Gwenn, aber ein gegrilltes Arschloch konnte ich leider nicht auftreiben.

Das war seine Art, sich für eine der vielen total idiotischen Ausflipper zu entschuldigen. Nur war’s diesmal zu spät. „Gibt’s den Spruch auch gestickt auf einem Sofakissen“ sagte ich und schloß unendlich sanft, aber endgültig meine Haustür. Ein weiterer Kandidat fürs Standesamt schied aus. Irenes Idee, dass jeder eine Therapie brauche, der nicht darauf aus war, Ehefrau und Mutter zu sein, wurde ohnehin immer anfechtbarer. Seit sie ihren Tom bei einem seiner – wie ich wusste – zahlreichen Seitensprünge ertappt hatte, war sie zwar wesentlich kleinlauter geworden. Aber ihre Bemühungen , mich an den Mann zu bringen, hatten darunter nicht gelitten. Sie schien also noch immer die Zweierkonstellation für die Nummer EINS auf der Liste aller möglichen Beziehungen zu halten. Es wurde Zeit, in diese Vorstellungen mit einigen deutlichen Richtigstellungen einzugreifen.

Die Wahrheit über ihren Tom, würde vielleicht mehr Wirkung haben, als meine etwas halbherzigen Versuche, ihrer Kuppelei zu entrinnen. Aber…sie hätte auch gewirkt wie ein Fallbeil und ich mochte Irene zu sehr, um ihr das anzutun. Zudem hätte sie es ohnehin nicht geglaubt. Sie sah Tom’s Verrat als einmaligen Ausrutscher und ihre Welt würde auseinanderbrechen wenn sie je erfuhr, dass er sogar nicht davor zurückgescheut war, mich anzubaggern.

Total rücksichtlos ließ sich Wahrheit also ganz gewiss nicht anwenden. Der Mähdreschereffekt war auch im Berufsleben nicht anwendbar, ohne dass man sich ab einem gewissen Punkt mit der Aussage, nicht teamfähig zu sein, auf dem Arbeitsamt wiederfand. Man hatte also Wahrheit in erträglichen Dosen anzubringen, oder schadete sich selbst.

Wer konnte sich die absolute Wahrheit überhaupt leisten? Eigentlich nur zwei Kategorien unter den Lebenden: Da waren einmal die total Unabhängigen, unabhängig vom Geld, aber auch unabhängig von Zuwendung, denn die würde durch die reine Wahrheit gelegentlich durchaus ebenfalls auf der Strecke bleiben. Und eine bestimmte Sorte Internetsurfer. Man erkannte sie schnell, stets bereit, sich mit allen Übrigen anzulegen. Grundsätzlich davon überzeugt, dass ihr Intellekt seinesgleichen suchte, es ihnen also zustehe, das Ergebnis ihrer Hirntätigkeit unwidersprochen zum Leitfaden für jedermann zu erheben.

Aber was war mit mir? Wieviel Wahrheit konnte ich bei mir zulassen? Belog ich mich nicht sogar gelegentlich selbst? Na ja, in einem gewissen Rahmen tat das wohl jeder. Sofern es gelang, die eigenen Abweichungen von der Norm nicht so ausufern zulassen, dass sie für jedermann sichtbar wurden, war dagegen auch nichts einzuwenden. Schließlich musste man sich erst mal selber lieben, bevor einem das mit einem zweiten Menschen gelang. Und dazu gehörte eben, die eigenen Macken als liebenswerte Eigenarten zu akzeptieren.

Ich würde Irene sagen müssen, dass mich nackte Panik erfasste, wenn ich am Morgen nach einer heissen Liebesnacht aufwachte und der nächtliche Gespiele noch nicht das Feld geräumt hatte. Es kostete immer mehr Mühe, dann das übliche Ritual durchzuziehen. Flüchtiger Kuß, mit ungeputzten Zähnen eher widerstrebend …

Abblocken eventuell beabsichtigter  s  e x u e ller Morgenspiele. Nervige Anwesenheit des Lovers im Bad. Danach das gemeinsame Frühstück. Bemühte Themensuche, bei der sehr schnell klar wurde, dass es bei der Landung im Lotterbett keine große Rolle gespielt hatte, ob man auch außerhalb s  e x u ellen Begehrens auf dem gleichen Level war. Kurz und gut, diese Phase hätte ich für mein Leben gern abgekürzt, aber…sie war durchzustehen.
Wieso eigentlich?

Was war so verwerflich daran, zuzugeben, das körperliche Nähe etwas war, das ich nach dem Liebesspiel nur allzu gerne beendet sah? Zumindest dann, wenn der Bettgespiele von Anfang an nicht als Dauergast eingeplant war.

Irene würde mir dann zwar auch die Couch und eine Therapie empfehlen, aber wenns zu haarig wurde mit ihr, konnte ich ja immer noch das Wahrheitsspiel einläuten und ihren Tom all seiner ohnehin nicht vorhandenen Vorzüge berauben.

Dennoch, es wurde immer deutlicher, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit war und blieb eine schöne Illusion. Es sei denn, man tröstete sich damit, dass die Wahrheit zu wissen, sie aber für sich zu behalten, nicht unbedingt einer Lüge gleichkam.

Ja, damit konnte ich leben.
Ich würde Irene also die Wahrheit über ihren untreuen Ehemann vorenthalten, ich würde darüber schweigen, dass ich an Klaustrophobie litt, sobald ein Mann versuchte, sich bei mir einzunisten und es würde auch nichts darüber nach außen dringen, dass ich seit zehn Jahren einen Mann liebte, der in mir die beste Designerin seines Modeimperiums sah, sein Bett aber mit einem magersüchtigen Model nach dem anderen teilte, weil er ebenso beziehungsunfähig war wie ich.

Es ist schon ein Kreuz mit dem, was man Wahrheit nennt.

Foto: © Grey59 / http://www.pixelio.de

Autor: Lieselore Warmeling
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