«

»

edithtg

Beitrag drucken

Fürs Stricken denkbar ungeeignet – Teil 4 von 10

Wollknäuel mit Charme!

Hintere Grenze: Gartenzaun
Die hintere Grenze hieß „Gartenzaun“. Er bot sich für Grenzstreitigkeiten wunderbar an, da nur einen halben Meter hoch. Mato, gar nicht dumm, hatte das sehr wohl registriert. Sein Freund Henky jenseits des Zaunes war mittlerweile ebenfalls fast erwachsen. Und damit Konkurrenz für meinen Hund. An einem schönen Sommertag hielt sich mein Hund direkt dort auf, den anderen Rüden immer im Blickfeld. Beide Jungen gossen zur Reviermarkierung unter Beobachtung des vierbeinigen Freundes auf der anderen Seite fleißigst die Blümchen am Zaun. „Also, damit du es nur weißt: Dieses Grundstück ist mein´s!“ So gern Mato den Henky sonst mochte. In solchen Minuten war er recht sauer über dessen Anwesenheit im nachbarlichen Garten. Eigentlich hielt er das für ziemlich überflüssig. Mein Wollknäuel liebte meine Nachbarin sehr und verteidigte das Nebenrevier fast genauso vehement wie sein eigenes. Dort brauchte es also nicht noch unbedingt einen zweiten Aufpasser. Er als Platzhirsch traute sich ohne Weiteres zu, gleichzeitig zwei Häuser zu bewachen. Mato hatte keinesfalls vor, sich seine Vorrangstellung von diesem halben Kind da strittig machen zu lassen. Henky trat seinem fortgeschrittenen Alter entsprechend nicht mehr so unterwürfig auf, was Mato veranlasste, ihn durch den Zaun hindurch warnend anzuknurren. Das ging gegen Henkys neuen Stolz! Nach dem Motto: „Ich lass mir nicht mehr alles gefallen,“ erwiderte er die Anmacherei. Da geriet Mato in Rage und nutzte das Niedrigzäunchen, um mit einem Hechtsprung in Nachbars Garten zu landen. Der Zeitpunkt war gekommen, diesem jungen Schnösel zu zeigen, wer hier zu bestimmen hätte. Gerade rechtzeitig erschien Henkys Frauchen auf der Bildfläche. Mit einer mit eiskaltem Wasser gefüllten Gießkanne rannte sie zu beiden Wüterichen. Quietsch, brr! Ein ordentlicher Schwall des schrecklich kalten Nasses war auf Matos Fell geplatscht. Vor Entsetzen machte er einen Satz und fand sich im eigenen Revier wieder. Aber wenigstens konnte er sich sicher sein, dass Henky seine Warnung verstanden hatte.

Foto: © Eurasierfreunde (Martina Goslar) / http://www.pixelio.de

Ich erinnerte mich noch an eine zweite Szene, die sich am Gartenzaun abspielte. Da war aber Fee die treibende Kraft! Normalerweise draußen viel zu feige für die Auseinandersetzung mit einem Rüden, stach sie jedoch manchmal in unserem Garten mit ihren beiden Kavalieren im Rücken der Hafer. Sie brauchte Selbstbestätigung und fühlte sich in Gegenwart ihrer Freunde unheimlich stark. Immerhin wäre sie eine Schäferhündin! Sie wäre keineswegs schüchtern und auch so gar nicht sanft veranlagt. Nur darf man diese Charakterisierung nicht für wahre Münze nehmen. Sie war schüchtern – und wie! Sie benahm sich normalerweise wie ein als Schäferhund verkleideter Mops. Schmusen, schmusen und nochmals schmusen – dabei aber bitte schön mit ihren 34 kg entweder auf meinem Bauch oder meinen Beinen liegen! Vor Wonne gab es ein lautes Schnurren! Hatte ich da ein verkleidetes Kätzchen gekauft? Meine Schwiegermutter sagte damals zu mir: „Es heißt doch, Schäferhunde sind gefährlich. Sie beißen! Aber, wenn ich mir Fee so ansehe…Meine Güte, die ist doch so richtig lieb!“ Dann zu Fee, die natürlich auf Ansprache hin direkt neben ihr auf dem Sofa Platz genommen hatte: „Du bist ein richtig gefährliches Biest, nicht Feechen?“ Dabei lachte Oma herzlich und erntete von Fee zum x-ten Male lautes Wonneschnurren. Das Sofa kriegte eine Schwanzmassage, denn mein Hundemädchen freute sich wie toll, wenn Oma sich um sie kümmerte. So war mein Hundemädchen. Selbst ich dachte oft: „Von Biest doch wirklich keine Spur. Was reden manche Menschen für einen Stuss!“

Doch zurück in den Garten: Fee wollte also Henky auf der anderen Zaunseite beweisen, dass sie eine ernst zunehmende Persönlichkeit wäre und auch gefährlich sein könnte. Mato und Quinny standen ja zu ihrer Unterstützung bereit. Henky hatte vom Zaun aus sehsüchtig zugeschaut, wie meine drei Hunde vergnügt Fangen spielten. Er hätte doch so gerne mitgemischt! Fee entdeckte ihn am Zaun und peeste plötzlich drohend knurrend in seine Richtung. Ihre Kameraden kriegten mit, dass ihr Weibchen unverständlicherweise ihren gemeinsamen Freund anmachte. Keine Ahnung, warum? Doch wäre es gegen ihre Hundemännerehre gegangen, ihr nicht beizustehen. Vehement attackierte Mato den Zaun. Er war kurz davor, seinen damaligen Hechtsprung in Henkys Garten zu wiederholen. Nur wäre es diesmal für den nicht so gimpflich abgelaufen! Meine Hunde heizten sich gegenseitig an und gebärdeten sich wie toll. Diesmal holte nicht nur Frau Haas, sondern auch ich eine gefüllte Gießkanne. Wir eilten im jeweiligen Revier auf unsere tobenden Tiere zu und brüllten sie ordentlich an: „Schluss, zurück – aber ganz schnell!“ Vor Gießkannen mit ihrem nassen Inhalt hatten Mato und auch Quinny einen Heidenrespekt. Erstens floss Wasser gegen ihren eigenen Willen. Zweitens standen sie anschließend länger unter einem Kälteschock! Meine zwei Hundejungen guckten ganz verstört. Diese ach so mutigen Männer auf vier Beinen erspähten die schreckliche Gießkanne, stutzten und vergaßen vor Angst sogar das Bellen. Mato verzog sich schleunigst mit einem um Gnade flehendem Blick in die Gartenmitte, wo er sich sicherer fühlte. Stand dort unbeweglich auf einem Fleck und hoffte, dass der Kelch an ihm vorüberginge. Für das Angsthäschen Quinny reichte der Rückzug in die Gartenmitte beileibe nicht aus, um sein Selbstbewusstsein wieder aufbauen zu können. Mit einem Blick rückwärts zur Gießkanne flitzte er lieber im Affentempo ins Haus unter die Eckbank, als ob ein Dinosaurier hinter ihm her wäre. Nur Fee hielt noch die Stellung am Zaun. Da sie von Natur aus eine absolute Wassernärrin war, erlitt sie beim Anblick der Gießkanne nur eine Minischrecksekunde, fand dann ihr seelisches Gleichgewicht enorm schnell wieder und fing an, sich „leider“ auch noch über deren Erscheinen unheimlich zu freuen. Dieses neue Spiel war ja eine super Idee von mir. So juchzte sie begeistert herum, was ich ja mit dieser Aktion nun wirklich nicht hatte erreichen wollen. Aber wenigstens von Henky war sie so abgelenkt. Stand vor mir und wartete sehnsüchtig auf den nächsten Strahl!

Frau Haas konnte viel kräftiger brüllen als ich. Das Geschrei seines geliebten Frauchens im Ohr, entschied sich Henky, besser schleunigst wieder Ruhe zu geben. So eine furchtbare Gießkanne vor Augen zu haben – entsetzlich! Nein, er war bedient!!

Ordnungsliebe

Tischkultur
Chows sagt man eine extreme Sauberkeits- und Ordnungsliebe nach. Gibt´s eigentlich Menschennachwuchs mit ähnlicher Veranlagung… dann her damit?! Mato galt offiziell als Eurasier; doch ein Eurasier mit mindestens 5/7 Chowchow. Zu meiner großen Freude legte Hund also allergrößten Wert auf Ordnung und Sauberkeit. Hach, war das schön, zu beobachten, wie er nach jeder Mahlzeit seinen Futterplatz von allen noch so winzigen Krümeln reinigte. Sein Sauberkeitsfimmel ging soweit, dass er den Boden sogar auch noch von gar nicht vorhandenen Resten zu reinigen versuchte. Einfach köstlich! Mit schief gelegtem Teddykopf absolvierte er diese ja nun doch etwas ungewöhnliche, da unsichtbare Arbeit. Das sollte ihm erst einmal jemand nachmachen. Schade, Fee und Quinny brachten diese Veranlagung nicht mit. Im Gegenteil. Vor allem Fee benahm sich beim Futtern so gar nicht wie die echte Prinzessin, die sie laut Papieren war, sondern verstreute zu gerne ihr Fressen in sämtliche Himmelsrichtungen. Ich war ja zuvorkommend und putzte den Dreck anschließend weg!

Schon als Minihund von nur wenigen Monaten erzog Mato mich, sein Frauchen, zur Ordnung. Auf selten drollige Art und Weise. Sein damaliges Futternäpfchen war dreieckig mit einem vorne hochgezogenem Rand. So auf Matos selbstverständlich eigenem Hocker stehend, bot es die Mahlzeiten an. Eines Tages bekam ich dann meine Unterrichtsstunde in Sachen „Ordnung halten“. Der Vortag war ein Hundefastentag gewesen, damit die Hundebäuchlein nicht aus allen Nähten platzten. Ich stellte also meinem Zwerglein mit lieben Worten, wie es sich gehörte, sein Futter hin und erwartete, dass er ausgehungert darüber herfiele. Weit gefehlt! „Ja sag ´mal, hast du denn keinen Hunger? Hängt Dir denn nicht der Magen unter den Schuhsohlen?“ ( Frage nebenbei: „Wo hat ein Hund Schuhsohlen??!“). Komisch, der rührte sein Fressen einfach nicht an. Ich redete ihm länger gut zu, nichts! Als ich so langsam doch mit Sorge auf seinen Napf sah, fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen. Ach herrje, der stand ja falsch herum. Das konnte doch nicht sein. Sollte mein kleiner Hund etwa deswegen nicht futtern? Das war garantiert Einbildung. So ein Quatsch! Doch grinsend rückte ich probeweise seinen Teller zurecht. Und dann? Matochen schenkte mir einen unglaublich dankbaren Dackelblick, eilte zum Napf und fraß wie ein Scheunendrescher. Mir kamen die Lachtränen: „Entschuldige, mein Kleiner! Das passiert mir bestimmt nie wieder!“

Hopp-hopps!
Mato war und ist das rücksichtsvollste Hundevieh, das ich mir denken kann. Der achtete nicht nur auf „Seins“. Nein, er verknuste es nicht, wenn meinen Kindern ihr Spielzeug etwa umgeworfen und dadurch umsortiert wurde. Mein Hund hatte einen sechsten Sinn dafür, welch eine Mühe es erforderte, aus Legosteinen oder Bergen von Bauklötzchen kunstvolle Bauten zu errichten. Bewundernd schaute er auf die fertigen Produkte. Er selber konnte zwar draußen Löcher buddeln, Stöckchen durch die Luft segeln lassen, nach Mäuschen graben und daheim unter Anderem für die Teppichumgestaltung sorgen. Doch so etwas Kunstvolles herzustellen, das blieb ihm verwehrt. Dieses Talent seiner Ersatzschwestern würdigte er durch Achtung erweisen. Indem er peinlichst darauf achtete, ja nicht versehentlich auf solchen Bauwerken herum zu trampeln, wenn er durch Katjas Zimmer auf den angrenzenden Balkon zustrebte. Nahte er ausnahmsweise im Galopp, vollführte er knapp vor diesen Gebäuden eine Vollbremsung wie ein Albatros, hopste dann äußerst rücksichtsvoll hoch durch die Luft über die Häuser hinweg. Denn schimpfende, oder noch weit schlimmer, heulende menschliche Geschwister wollte er nicht riskieren. Das hätte sein liebendes Hundeherz nur schwer verkraftet.
So aber handelte er sich ein feines Lob von Groß-Mensch plus Klein-Menschen ein und ging garantiert dann davon aus, dass er für die nächsten Tage einen Streich gut hätte!

Mato und die Wandfarbe
Noch entschied ich, und ließ mir doch meine Entscheidungen nicht von meinem Bärchen vorschreiben! Das wurmte meinen Hund sichtlich, aber damit hatte er zu leben. Sein Frauchen hatte nämlich auch ihren Dickschädel.

Veränderungen größeren Ausmaßes in seinem Revier hasste mein Hund wie die Pest. Hunde sind nun einmal Gewohnheitstiere. Ab und zu litt sein Menschenrudel an Um- und Ausräumeanfällen. Horror für einen vierbeinigen Ordnungsfanatiker! Es war ja wohl kaum meine Schuld, dass in den Lieblingskuschelecken meiner Tiere das untere Viertel der Wände aussah, als ob sich dort verwischte Bleistiftwerke durchgeknallter Künstler breitgemacht hätten. Mato und seine Kumpanen liebten nun ´mal das Sichandiewandlehnen. Das war ja soo gemütlich! Nur, dass diese Ecken dann in regelmäßigen Abständen der Reinigung bedurften, sahen meine Hunde natürlich nicht ein. Damit hatte ich eben zu rechnen, da ich mir sie natürlich bezaubernde Exemplare angeschafft hatte. Was das Optische der Wände anging, drifteten also meine Auffassung und die meiner Tiere stark auseinander. Ich bin sehr ordentlich und auf Sauberkeit bedacht. Mir waren diese Flecken einfach ein Dorn im Auge. Ein neuer Anstrich war dringend fällig.

Damit setzte ich Knödelchen sehr unter Stress. Eines Morgens herrschte bei uns ein äußerst geschäftiges Treiben. Wünschten wir keine unregelmäßig weiß gesprenkelte Sitzfläche der blau-fraise-grün-lilafarbenen Eckbankgarnitur, sollten wir sie tunlichst vor dem Streichen aus dem Raum räumen. Sonst hätten wir uns fix einen ebenfalls weiß gesprenkelten Hosenboden holen können. Wandfarbe hat zudem noch die nette Eigenschaft, sich nur sehr schwer wieder entfernen zu lassen. Also: „schieb“ und „trag“ und „stöhn“, bis diese Bank endlich im Wohnzimmer gelandet war; die zugehörigen Stühle und die beiden kleinen Hundeteppiche hinterher. Danach konnten wir uns in der leeren Küche tatsächlich ungefährdet im Kreis drehen, ohne uns irgendwelche Flecken oder Beulen einzuhandeln. Alex schleppte die Malutensilien heran. Der Spaß konnte beginnen.

Doch da wartete eine echte Viecherei auf ihn, alles Andere als ein Spaß! Die verschiedenen Vorsprünge der Küchenwände erschwerten das Streichen. Trotzdem verschwanden allmählich selbst Matos Lieblingsgrauschleier. Und ein ungewohntes Weiß strahlte uns aus den betreffenden Ecken entgegen. Wie frisch das alles wieder aussah! Es ist vielleicht verrückt, doch ich schwärmte für den Geruch frischer Wandfarbe. Ob mein Hund diese meine Freude teilte?

Auf die Antwort brauchte ich nicht lange zu warten! Zwischenzeitlich knurrte uns der Magen. Wir waren gerade mit der Essensvorbereitung beschäftigt, als plötzlich ein fröhliches Trippeltrapps in Richtung Küche vernehmbar war. Und schon lugte Mato durch die angelehnte Küchentür. Sein Entsetzen war ihm mehr als deutlich anzusehen: „Was war denn da los? Wo war seine geliebte Kuschelecke unter der Eckbank hin? Und sein Teppich, auf dem er es sich dort immer so gerne gemütlich machte? Das war ja wohl die Höhe, ohne seine Erlaubnis die geliebte Küche so zu verunstalten! Und dieser eigenartige Gestank – also, wirklich unzumutbar für seine empfindliche Hundenase!“ Offensichtlich begann er, an unserem Verstand zu zweifeln. Dass ich öfters auf verrückte Ideen kam… Nun ja, er kannte mich ja und ertrug das mit Fassung! Aber das hier ging entschieden zu weit! Sauer wie eine Zitrone stolzierte er mit entsprechender Miene betont majestätisch in seine ausgeräumte Lieblingsecke an der frisch gestrichenen Wand. Mit einem extralautem Plumps ließ der Herr sich nieder und strafte uns mit einem Blick voller Verachtung. Wie konnten wir ihm so etwas antun? „Das kommt so schnell nicht wieder vor. Frühestens in ein paar Jahren!“ Beeilte ich mich, meinem Hund zu versichern. Diesen tiefempörten, todtraurigen Ausdruck in den Augen meines vierbeinigen Freundes hielt ich nicht lange aus. So beeilten wir uns, die Küche sobald als möglich in den ihm angenehmen Zustand zurückzuversetzen. Doch ein paar Stunden hatte er sich schon noch gedulden. Oder wollte er zu einem untypisch weiß-bunt geflecktem Samojeden werden?

Eingeschnappte vierbeinige Lieblinge sind nur schwer zu ertragen. Mit irrer Ausdauer spielte mein Vierbeiner an jenem Tag stundenlang beleidigte Leberwurst. In „Beleidigtsein“ war Mato sowieso ein wahrer Meister! Erst nachdem alles, aber auch wirklich alles an seinen alten Platz zurück verfrachtet worden war, erklärte Herr Hund sich gnädigst zur Versöhnung bereit. Hielt sich dann per Zufall ein erwachsenes menschliches Rudelmitglied in seiner Nähe auf, wedelte er huldvoll wieder freundschaftlich mit dem Schwanz. Die Anklage war aufgehoben. Ich atmete erleichtert auf.

Spaziergang
Ein Leben ausschließlich in Haus und Garten wäre trotz allen Komforts, der Mato geboten wurde, doch reichlich langweilig gewesen. Deshalb machte ich mit meinem Tier lange Ausflüge, die zwar für uns beide sehr schön, doch für meinen Hund noch schöner wurden.
Für Vierbeiner war Hellerhof plus Umgebung einfach ein Paradies. Der ganze Stadtteil ein einziger Park mit Wiesen und Feldern ringsum. In entfernterer Nachbarschaft gab es sogar ein Naturschutzgebiet. Doch hatte ich erfahren, dass dort trotz Begleitung durch große Hunde mehrmals Frauen überfallen worden waren. Also mied ich jenes Ausflugsziel. Aber die Felder blieben uns und sämtliche Umgehungswege. Die reinste Abenteuerroute! Nicht nur den bekannten körperlichen Notwendigkeiten dienten diese Pisten. Die Ausflüge sorgten vor allem für das seelische Wohlbefinden aller Vierbeiner. Menschen beschäftigen sich oft stundenlang mit Zeitungsdurchstöbern (Übrigens sehr wichtig!). Wer denkt aber so von Hunden? Sie, lieber Leser, brauchten nur einmal mit meinem Knuddelvieh spazieren zu gehen. Sie wären baff wegen der Wissbegierde dieses entzückenden Wesens und kämen als geduldigster Mensch der Welt zurück. Denn Mato war, ging es ums Lesen der sog. „Hundezeitung“, der reinste Wissenschaftler. So gründlich prüfte er sämtliche Nachrichten seiner Artgenossen. Und ganz besonders entspannt kehrten Sie heim, falls mein Hund

a) … einen fremden hochnäsigen Rüden getroffen hätte, den er aufs erste Schnuppern nicht ausstehen könnte
b) …eine Katze gesichtet hätte, die sogar dummerweise auf ihn zu spurtete
c) …einen vorwitzigen Hasen hätte vorüberhopsen, oder noch interessanter, einen Fasan weithin sichtbar durchs Feld hätte schreiten sehen
d) …oder als Krönung des Ausflugs eine wahnsinnig attraktive, da ein extrem s e x y  Parfum bevorzugende = heiße Hündin getroffen hätte
e) …oder auch nacheinander a) + b) + c) + d) während ein- und derselben Wanderung zu Gesicht bekommen hätte!!

Ich garantiere Ihnen, nach solchen Wanderungen wären Sie zwei Pfund leichter und reif für die Dusche! Die verliefen nämlich irre spannend. Deshalb möchte ich näher darauf eingehen.

Ad a) Fremder Rüde – pfui!
Mit 5 Monaten erhob Mato bereits hochmütig Besitzanspruch auf ganz Hellerhof. Denn er war ja als einer der ersten Hunde hier aufgekreuzt. Und auf Grund seiner ach so vornehmen Abstammung konnte das seiner Meinung nach außerdem sowieso nicht anders sein. Innerlich zu 5/7 Chinese, war er wahrscheinlich arg empört, dass dieser komische „Pu Yi ( frech, denn zudem eine zweibeinige Ausgabe!) als letzter Kaiser von China galt. Diese Ehre gebührte doch nur meinem Hund! Und deshalb nahm er sich natürlich das Recht heraus, Hellerhof und der weiteren vierbeinigen Umgebung „Unterwerfung!“ abzuverlangen. Für Mato artete das in vermehrten Stress aus, doch die männlichen Artgenossen sollten seine Oberherrschaft anerkennen. Ein paar Lieblingsrüden, die er von Babybeinen an kannte, blieben von der anstehenden Erziehungsmaßnahme verschont. Alle anderen aber unterzog er einen strengen Prüfung und sortierte sie dann in „Schubläden“:
Äußerst sympathisch: Er bot Freundschaft an und spielte sogar mit ihnen.
Recht nett: Sie ernteten ein freudiges Fiepen oder sogar ein Nasenküsschen.
Weniger nett: Da fing das Abenteuer an!
Im letzteren Fall fixierte Mato zunächst den Konkurrenten. Wagte der keck, seinen Blick allzu lange zu erwidern, ging´s rund! Mato stellte warnend seine Nackenhaare hoch. Der sollte ihn bloß besser in Ruhe lassen! Brachte diese Warnung nicht den gewünschten Erfolg, knurrte Mato los und hätte sich liebend gerne auf den Rivalen gestürzt. So eine Unverschämtheit! Der hatte seinem Kaiser gefälligst Respekt zu zollen! Da war nichts mehr von dem sanften Stofftier zu sehen. Er wurde zum echten Biest. Wehe, es begegneten ihm Schäferhund- oder Dackelrüden, dann rastete er völlig aus. Wie gut, dass ich ihn per Leine bestens unter Kontrolle hatte. So kam es zu keinen ernsthafteren Auseinandersetzungen.

Ad b) Katze
Katzen lieben das Lustwandeln. Mussten sie aber auf ihren Ausflügen unbedingt den Wauwaus so dicht vor der Nase herum tänzeln? Das blieb mir ein Rätsel! Leider war in Hellerhof nicht nur ein einziger dieser süßen Stubentiger vertreten. Viele Großfamilien dieser süßen Schnurrer erwählten unseren ländlichen Stadtteil zur Wahlheimat. Bequemer wurden einem ja die Mäuschen nirgends serviert! So trafen wir spätestens auf jedem dritten Spaziergang ein solches, kulleräugiges „Monstrum“. Leider blieb Mato im Lauf seines langen Lebens die Erfahrung nicht erspart, daß die niedlichen Tiere außer kreisrunden Äugelchen sowie putziger Schnute auch noch andere, für manche Mitlebewesen nicht so angenehme Dinge vorzuweisen hatten. Dazu zählten vor allem ihre Krallen, die sie normalerweise in ausgesprochen zierlichen Pfoten versteckten, jedoch heimtückisch bei Bedarf blitzschnell ausfuhren. Dann erinnerten sie sehr an ihre wilden Verwandten, von „Schmusekatze“ keine Spur! Als Mato einem solchen Tier gegenüber zu aggressiv wurde, führ das kleine Biest fauchend diese gemeinen Dinger prompt aus. Um seine Mordwerkzeuge anschließend auf ziemlich respektlose Art dem „Kaiser von China“ so um die Ohren zu hauen, dass diesem Hören und Sehen verging. Klagend jaulend beschwerte Mato sich hinterher bei mir. Was fiel diesem Vieh denn ein? Trotz dieser frustrierenden Erfahrung beherrschte er sich nicht und wagte es immer wieder, Katzen anzugreifen. Anstatt lieber immer oder meistens oder öfters Vorsicht walten zu lassen! Ab und zu bildete ich mir ein, er hätte es endlich kapiert. Von wegen! Grundsätzlich Katzen gegenüber Zurückhaltung an den Tag zu legen, passte nicht zu meinem süßen Dickschädel. So eine Ausgabe war eben nur schwer oder auch gar nicht zu belehren!

Ad c) Jagdinstinkt
Laut Hundebuch hatten Eurasier angeblich keinen Jagdinstinkt! Wie oft dachte ich im Laufe der Jahre an diese Aussage in Schwarz auf Weiß. Danach konnte Mato kein Eurasier sein. Aber was sonst? Nachdenklich schaute ich meinen vierbeinigen Freund an: „Jedenfalls ein Hund!“ stellte ich beruhigt fest. Hätte Mato sprechen können, hätte er geantwortet: „Mensch, Frauchen, dir traute ich aber mehr Grips zu! Wie kann man denn auf so´n Quatsch hereinfallen? Eure Hausgenossen stammen ursprünglich vom Wolf ab. Kannst du mir bitte ´mal erklären, wie der in der Wildnis ohne Jagd überleben könnte?“ Mein Hund und ich waren stets telepathisch miteinander verbunden. So gab ich ihm frustriert zu, dass ich mich da an der Nase hatte herumführen lassen. Ich entschuldigte mich und betonte, ich hätte ihn keinesfalls in seiner Hundeehre kränken wollen. Gnädigst von oben herab nahm Machochen Mato die Entschuldigung an.

Doch er hielt eine praktische Lehrstunde in Sachen „Jagdtrieb haben“ für mich für angebracht! Mein Hund war inzwischen zu einem Langlaufleinenhund avanciert. Er war doch so freiheitsliebend, konnte sich aber wegen der kurzen Leine während unserer Spaziergänge nur wenig von meiner Seite entfernen. Als total vernarrtes Frauchen litt ich mit. Es tat mir so leid, dass er nicht wie die anderen Hunde wild durch die Felder toben durfte. Also kaufte ich eine Leine, die ich per Knopfdruck auf bis zu 10 m Länge ausfahren konnte. Mato genoss die neue Freiheit sichtlich. Endlich konnte er bei meinem Kommando „Komm!“ mich entsprechend länger auf die Folter spannen, bis er per Schneckentempo schließlich bei mir eintraf. Aber ich hatte wenigstens ein ruhiges Gewissen!

Ahnen Sie schon, was dann passierte? Wieder einmal wanderten mein Hund und ich in fast vollkommener Harmonie durch die Wiesen. Mato las jeden Grashalm von oben, von rechts, von links und von unten. Und – weil´s so schön war, das Ganze bitte noch mal von vorne. Nun gibt es auf einer Wiese nicht nur ein einziges Grasbüschel. Mato war die Gründlichkeit in Person. Eben ein richtiger Naturwissenschaftler! So brauchten wir für eine 10 m Strecke ungefähr eine halbe Stunde. Das reinste Fitnesstraining! In greller Mittagssonne ist es unheimlich anstrengend, alle zwei Minuten stehen zu bleiben und dann auf demselben Fleck für fünf Minuten zu verharren. Dann schaute ich doch etwas ungeduldig auf meinen Hund herab; zumal, wenn dringende Termine auf mich warteten. Wie ein Kleinkind wusste auch Mato mich unter innerem Stress und ließ sich vorsichtshalber mit Pipi und Häufchen enorm viel Zeit, denn seiner Meinung nach verschwand ich dann nicht ganz so schnell.. Doch da irrte sich mein Kleiner gründlichst! Wir Menschen lebten nach der Uhr. Termine wollten eingehalten werden. Also zog ich nach kurzem Lauf meinen kleinen verdutzten Bären trotz ausgebliebenen Häufchens energisch nach Hause. Er hatte eben bis mittags zu warten. Ich war in Eile!

Und – ohne Termin!? Brav stand ich neben der kleinen Leseratte, die soeben damit beschäftigt war, ein- und denselben Grashalm bestimmt zum zehnten Male auf die beschriebene gründliche Weise durchzuchecken. Er ahnte es sicherlich nicht, aber ich zwang mich zur Geduld, atmete einige Male betont tief durch und machte im Stillen für mich drei Kreuzzeichen. Doll geholfen hat mir das aber nicht. So lustwandelnd, geschah es dann: Hund sollte Bewegungsspielraum haben, die Leine war bis zum Ende ausgefahren. Ausgerechnet da tauchte ein Fasan auf! Klar: Der blieb von Knödelchen nicht unbemerkt. So ein richtiger, in prächtig schillerndem Gefieder einher schreitender Fasan kreuzte unseren Weg und wanderte in gemächlicher Gangart auf das nächste Feld zu. Noch (!) direkt neben meinem Bein stehend, interessierte sich mein Hund garantiert nicht so sehr für dessen tolles Gefieder, sondern hundetypisch für etwas ganz Anderes. Sein Instinkt sagte ihm: „Lieblingsbeute Nr. 1!“ Anstatt sich angesichts des vierbeinigen Wesens an meiner Seite netterweise ein wenig schneller zu entfernen, behielt dieser stolze Vogel unbeeindruckt sein gemäßigtes Tempo bei. Wahrscheinlich war es auch dem zu heiß! Der Fasan forderte geradezu unsere Beachtung heraus. Meiner Bewunderung konnte er sicher sein. Und Mato mochte ihn schon aus dieser etwas größeren Entfernung zum Fressen gern! Mein Hund hob seine Steckdosenschnute und schnupperte zusehends aufgeregter in der Luft herum. Das Schnüffeluntersuchungsergebnis versetzte ihn in Wonnestimmung. Um das Opfer seiner Verehrung zu erwischen, musste er über die direkt vor unseren Füßen liegende Wiese flitzen. Hinterher dachte ich: „Gottlob, das war Wiesengrund und kein Steinboden!“ Die dann folgende Szene war filmreif! Mato überlegte kurz ,aber wirklich nur minikurz, passte den seiner Überzeugung nach günstigsten Zeitpunkt für einen Angriff ab und legte sich mit einem überraschenden, tollen Hechtsprung nach vorne mit all seiner Kraft in die Leine. Ohne Rücksicht auf mich, die ich dann recht hilflos hinten dran hing. Peng, platsch machte es, und ich fand mich auf dem glitschig-feuchten Gras in horizontaler Lage wieder. Matos Aktion war einfach zu überraschend gekommen!. Aber die Leine hielt ich eisern fest. Wauwau wäre ja sofort in Richtung Festtagsbraten davon gestürmt! Da ließ ich mich lieber von meinem Vierbeiner etwas durchs Grün schleifen. Zu meiner Rettung stellte sich meinem Hund ein größeres Dornengebüsch in den Weg. Das hatte er vorher in seiner Aufregung gar nicht registriert. An diesem Busch endete gottlob unser für mich ungemütlicher Trip. Mich schmerzten sämtliche Knochen. Außerdem war ich mittlerweile recht wütend! Mein liebes Tier, das wegen des Gestrüpps verdutzt und wegen des misslungenen Fangversuches ziemlich enttäuscht stark hechelnd da lag, hatte dann doch einen leichten Klaps mit der Leine einzustecken.

Zwei Dinge hatte mir mein Hund klargemacht:
1. Er hatte nicht nur keinen Jagdtrieb,
2. Eher wäre er das Musterexemplar eines Jagdhundes gewesen!

Deshalb fasste ich nach dieser Erfahrung den wohl sehr weisen Entschluss, besser in Zukunft auf diese hundefreundliche Leine zu verzichten. Egoistisches Frauchen – armer Hund!
Der Meinung der zweibeinigen Mehrheit nach war in Stadtrandgebieten das beliebteste Jagdobjekt unserer Vierbeiner das dort zahlreich anzutreffende Häschen. Auf Mato gemünzt, widersprach ich ganz ausdrücklich. Bei meinem Wauwau rangierte es eindeutig nur auf Platz „2“. Doch dieses Hoppelding war nicht allzu traurig deswegen. Sprang ein solches Etwas vor Matos Nase herum, regte er sich zwar furchtbar auf, mit Fiepsen und wildem Reißen an der Leine, aber der absolute Knüller blieb für ihn der Fasan. Nur im hohen Alter von 13 Jahren wurde er selbst diesem Federvieh gegenüber etwas gelassener – und bewahrte Contenance!

Autor: Gaby Schumacher, im Nov. 2003

* * * * *

Eigene Beiträge einreichen? Mailen Sie Texte und Bilder an feedback@tiergeschichten.de

*** Dieser Beitrag wurde im Rahmen des Seiten-Relaunchs übernommen von tiergeschichten.de, unserer allerersten, ursprünglichen Tiergeschichten-Seite. ***

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.tiergeschichten.de/2011/03/26/furs-stricken-denkbar-ungeeignet-%e2%80%93-teil-4-von-10/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.