Das Regime der Ratten

An einem Morgen öffnete ich das Fenster zum Lüften und rief: „Wir werden von Ratten regiert!“ Das hatte nichts zu bedeuten. Es klang einfach nur gut, da es durch den Widerhall an den Wänden verstärkt wurde. Ich sah nicht, wie sich tatsächlich ein paar Ratten bei den Müllkontainern zu schaffen gemacht hatten. Sie horchten kurz auf, als seien sie ertappt worden. Als ich mich vom Fenster abwandte, sah ich zufällig ihre Schatten davonhuschen.

Ich wußte nicht, daß es Ratten auf unserem Innenhof gibt und achtete nun besonders darauf. Jedoch nur eine Weile, weil ich in Hof keine Ratten mehr sah. Ich sah welche bei anderen Gelegenheiten. Ich fand ihre Gesichter sogar putzig. Einmal saß eine vor einem Hauseingang und rannte nicht sofort weg. Ein anderes Mal trat ich fast in einen Hundehaufen, der aber auswich. Wie schön das doch wäre!

Ich machte mir keine Gedanken über Ratten, bis ich eine sah, die etwas zu groß war. Gehört hatte ich davon. Angeblich würden sie sich mit Kaninchen und kleinen Hunden paaren. Doch diese hatte weder lange Ohren noch bellte oder schnurrte sie und ich glaubte nicht an sowas. Groß war sie aber und genug zu fressen gibt es überall, nicht nur in unserem Hof.

Ich sah öfter zu große Ratten. Ich muß mich daran gewöhnt haben, daß sie immer größer wurden. Manchmal hörte man sie hinter sich tapsen und wenn sie wie der Blitz zwischen irgend welchem Gerümpel verschwanden, klang es, als ob das Wohlstandsgelumpe gerade eben da hingeschmissen worden wäre.

Irgendwann ging mit einem schabenden Geräusch ein Kanaldeckel auf. Eine Ratte hob ihn an, flitzte heraus und der Deckel fiel hinter ihr mit einem dumpfen Schlag zu. Nun wußte ich, warum manche von Ihnen einen kurzen Schwanz hatten.

Mittlerweile waren diese Tiere so groß, daß sie niemandem ausweichen mußten. Den ein oder anderen auf sie gehetzten Hund räumten sie für immer und spurlos aus dem Weg. Sie stolzierten auf den Trottoirs, als ob es ihre wären. Sie krochen in Horden aus U-Bahnstationen an’s Tageslicht. Sie hatten längst den Zweck dieses Fortbewegungsmittels für sich entdeckt und reservierten ganze Züge für sich. Später übernahmen sie den kostenlosen Betrieb des öffentlichen Nahverkehrs in Eigenregie, doch dies dauerte noch etwas.

Wenn man sie betont höflich und anständig behandelte und nicht diskriminierte, benahmen sie sich relativ zivilisiert. Zumindest die erste Zeit. Später nahmen sie sich alles, ohne zu fragen. Man sah sie vollgefressen und rülpsend viele pralle Einkaufstaschen aus den Kaufhäusern schleppen. Morgens stolperten sie besoffen aus Kneipen. Grölend entwichen sie Fußballstadien und Konzerthallen, wo immer mehr cooler Rat-Hop und Ambient Rat and Beat gespielt wurde. In Parks fraßen sie Rentner ohne künstliches Hüftgelenk und andere, die aufgrund der sozialen Sparzwänge nur mit den billigsten Geh-Hilfen ausgestattet waren. Bald sah man nur noch Ratten und überall Rattenkot. Hunde gab es seit längerem keine mehr. Niemand machte den Dreck weg.

Es gab immer weniger Häuser mit Türen. An manchen Stellen gab es runde Durchbrüche in Mauern, um Wege abzukürzen. Die Zahl der großen Tiere nahm beständig zu. Es entstand ein Gewusel, wie früher auf den Unifesten, wo man mit einem dauernd kleckernden Bierbecher von der Aula bis zur Mensa statt zwei Minuten eine halbe Stunde brauchte. Es entstand ein klebriges Gewusel. Eine schleimige Mischung aus Flüssigkeiten, Exkrementen und in ihrer Bewegung gehinderten Körpern.

Das Gewusel stieg wie der Pegel einer Flut nach oben. Jedesmal, wenn die Höhe eines weiteren Stockwerkes erreicht war, wurden die Fenster eingedrückt und die Masse quoll durch die Etagen. Gebäude stellten keine abgegrenzten Innenräume mehr dar, sondern waren Hindernisse. Immer mehr stürzten ein. Die Masse erstickte jegliche Schmerzschreie der Opfer rein akustisch. Was verletzt oder tot oder sonstwie verdaubar war, wurde sofort aufgefressen. Die Christbaum-Spitze vom Langen Alex fehlte, der Funkturm stand noch, war aber nach unten gebogen. Die Skyline Berlins wurde immer flacher. Die berühmte Waschmaschine, das Bundeskanzleramt, war weg.

Foto: Picture taken from the U.S. National Park Service site at . This image or media file contains material based on a work of a National Park Service employee, created during the course of the person’s official duties. As a work of the U.S. federal government, such work is in the public domain.

Autor: Bruno Zacke
http://www.text-planet.de

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