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Mechthild, die Kirchenmaus, Teil 2 von 5

Frau Egger

Der kaum jemals von Menschen betretene Nebenraum zur Sakristei, wo Mechthild ihr Unwesen trieb, wurde höchstens zur Vorweihnachtszeit hin und wieder aufgesperrt. Da holte Frau Elisabeth Egger, die in der Kirche die Tätigkeiten eines Mesners verrichtete, geheimnisvolle Dinge hinter einem Türchen, das immer versperrt war, hervor. Das beobachtete auch Mechthild an einem der letzten Novembertage.

Frau Egger hatte den Schlüssel nach ihrer geheimnisvollen Tätigkeit wieder auf ein Brettchen an der Wand gelegt. Auch wenn Mechthild den Schlüssel erreichen hätte können, hätte ihr das nichts genützt. Denn wie kann schon eine Maus mit einem Schlüssel umgehen, noch dazu mit einem so großen? Aber Mechthilds Neugierde war zu groß. Sie musste einfach an den Schlüssel herankommen, koste es, was es wolle. Sie streckte sich und reckte sich, sie hüpfte und sprang.

Aber ihre ganzen Turnübungen nützten ihr nichts. Dieses Ding, mit dem die Frau Zugang zu dem Geheimversteck in der Wand erhalten hatte, blieb unerreichbar. Was mochte sich nur dahinter verbergen?

Mechthild musste sich etwas in Geduld üben. Zum Durchnagen war das Holz der Tür zu dick. Also konnte sie nur auf ein großes Glück, einen unwahrscheinlichen Zufall hoffen, dass sie doch einmal einen, vielleicht nur kurzen Blick hinter dieses ominöse Türchen werfen konnte. Dieses unverhoffte Glück stellte sich bald nach Weihnachten ein. Frau Egger erschien wieder, sperrte auf, hantierte herum… und vergaß dann abzusperren.

Das Mäusekind beobachtete das alles ganz genau und zitterte vor Aufregung. Gleich nachdem die Frau den Raum verlassen hatte, sprang Mechthild hervor und war mit einigen Sätzen bei dem nur angelehnten Türchen angelangt. Sofort schlüpfte sie durch den Spalt und sah zuerst einmal – gar nichts. Es war nämlich stockfinster in dem etwas muffig riechenden Loch.

Allmählich gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit und was sie da so nach und nach ausnehmen konnte, waren Krippenfiguren. Figuren, die ziemlich achtlos in das Versteck gelegt worden waren. Aber Mechthild war verzückt, ja, sie war überwältigt.

Langeweile gab es für Mechthild fortan nicht mehr. Immer, wenn sie ihr Bäuchlein so schlecht und recht gefüllt hatte, zog sie sich in das Versteck mit den Krippenfiguren zurück und fantasierte beim Spielen mit Ochs und Esel, Hirten und Königen so vor sich hin. Lange, lange ging das so dahin. Wir müssen aber bedenken, dass für eine Maus schon einige Tage eine sehr lang Zeit sind. Was für die Menschen ein Tag bedeutet, mag für ein Mäuslein wie eine ganze Woche, ja, sogar wie vier, fünf Wochen erscheinen.

Ohne dass Mechthild etwas gehört hätte, wurde plötzlich die Holztür zur Wandnische aufgerissen. Voller Angst und Panik sprang sie in die geöffnete Schachtel, die da herein geschoben wurde und verkroch sich in der Watte, mit der die Schachtel ausgepolstert war. In der Dunkelheit konnte sie mehr hören als sehen, dass eine Krippenfigur nach der anderen zu ihr in den Karton gelegt wurde. Zuerst das Jesuskind, dann Maria und Josef und zum Schluss die Hirten. Die ganze Angelegenheit dauerte nicht lange, dann machte Frau Egger, die war es nämlich, die Mechthild den großen Schrecken eingejagt hatte, den Deckel zu. Und ab ging die Post, wie man so schön sagt. Tatsächlich wurde Mechthilds Gefängnis gedreht und gewendet, gerüttelt und geschüttelt. Dann war die Schachtel sauber in Packpapier eingeschlossen.

Mechthild hörte eine Feder die Adresse auf das Papier kratzen, dann wurde das Paket etwas später im Postamt wiederum beklopft und geschüttelt und schließlich in einen großen Korb geworfen. Das alles konnte die Arme natürlich nicht erahnen, aber spüren konnte sie es sehr wohl. Einmal lag sie mit dem Kopf nach unten, um gleich darauf mit wieder einen Salto zu schlagen. Ihr war schwindlig und schlecht. Außerdem wurde ihre Angst immer größer, weil sie nur schwer Luft bekam. Es wurde immer stickiger in der – Gott sei Dank gut gepolsterten – Schachtel.

Später spürte sie dann ein regelmäßiges Klopfen. Wieder wusste sie nicht, dass sie sich jetzt in einem Zug befand. Außerdem hätte ihr das Wissen auch nichts genützt, denn Mechthild hatte nicht die geringste Ahnung, was ein Zug eigentlich war. Im Hühnerstall und auch in der Kirche gab es ja keinen.

So ging das über viele Stunden dahin. Dada dada, dada dada. Auf einmal wurde das Klopfen langsamer und hörte schließlich ganz auf. Erneut wurde sie mit der Schachtel herumgewirbelt, dass ihr Hören und Sehen verging. Obwohl, sehen konnte sie in der stockfinsteren Umgebung ohnehin nichts.

Jetzt wurde es Mechthild zu bunt. Sie besann sich ihrer Nagezähnchen und begann ein Loch in den Schachteldeckel zu knabbern. Mit einem Satz war sie auf einem Tisch gelandet, sprang ohne zu zögern auf den Boden hinunter und war auch schon durch eine Tür, die nur angelehnt war, verschwunden.

Sie hatte soeben ein Postamt in der großen deutschen Stadt Hamburg verlassen. Mechthild aber glaubte, in der Nähe des Hühnerstalls oder der Kirche in Holzhausen zu sein. Was für ein einfältiges Mäuschen! Aber woher sollte sie denn ihre Kenntnisse in der Erdkunde haben? Woher denn? Zu ihrem großen Verdruss schüttete es in Strömen, als sie so den Gehsteig neben einer verkehrsreichen Straße entlang lief. Auf einem grünen Fleckchen entdeckte sie ein großes Blatt, unter dem sie sich das Fell und den Schwanz trocken leckte, so gut es eben ging.

Hamburg

Aber auch der stärkste Regen hört wieder einmal auf. Trotzdem blieb Mechthild unter dem Blatt noch eine Weile sitzen. Was hätte sie auch tun sollen? Eine Kirchenmaus, ja eigentlich eine Sakristeimaus aus Holzhausen, wie hätte die sich schon in einer Weltstadt wie Hamburg zurechtfinden sollen? Das Schlimme daran war, dass Mechthild ja gar nicht wusste, wo sie sich befand. Sie glaubte ernstlich noch an die Nähe des Mesnerbauern oder des Kirchleins. So grübelte sie herum, wie sie so schnell wie möglich den Weg zu ihren Krippenfiguren finden könnte. Armes, dummes Mäuschen!

Plötzlich hörte Mechthild ein Rauschen über sich. Ein schneller Blick hinauf und sie erstarrte fast. Da kam aus der Luft der Gockel Jakob auf sie zugestürzt. Der Gockel Jakob? In Hamburg? Gut, wir wissen, wo Mechthild war, sie aber hatte keine Ahnung davon. Die einzigen Vögel, die sie kannte, waren eben Hühner.

Kurz und gut. Mechthild erkannte die Gefahr gerade noch rechtzeitig und mit einem langen Satz und drei weiteren Sprüngen erreichte sie eine Gartenmauer und weil sie Glück hatte, fand sie auch gleich ein Loch, in dem sie blitzschnell verschwand. Keine Sekunde zu früh. Verdutzt zog die Möwe wieder ab. Ihr Frühstück war wie weggezaubert.

Mechthild musste in der finsteren Umgebung erst einmal zu Atem kommen, bevor sie sich umschauen konnte. Mäuseaugen sehen auch im Dunkeln sehr gut. Aber das Mäuschen konnte nichts Aufregendes erkennen. In einer Ecke lag eine Blechdose. Immerhin, für Mechthild etwas ganz Neues. Fest nahm sich das graue Knäuel vor, seinen Unterschlupf bald zu verlassen und nach dem Mesnerbauer oder der Kirche Ausschau zu halten.

Bei aller Aufregung fiel Mechthild plötzlich etwas auf, etwas ganz Sonderbares. Das Sonderbare war die Stille. Der Straßenlärm, das Gequietsche der Autoreifen, das Gehupe und all die anderen seltsamen Geräusche hatten sie halb taub gemacht. Verständlich, nach der fast unheimlichen Ruhe in der Kirche zu Holzhausen. Hier in ihrem Loch war es fast so still wie in der Sakristei. Und noch etwas bemerkte sie. Ihr Magen zirpte, denn bei Mäusen können die Mägen weder brummen noch knurren. Ja, sie hatte Hunger, so sehr, wie sie ihn selten zuvor verspürt hatte. Hier in der Höhle gab es nichts, was ein Mäuslein sättigen konnte. Also musste sie hinaus. Davor hatte sie aber große Angst, große Kleinmäuseangst.

Vorsichtig schob sie ihre vorwitzige Nase aus dem Loch, machte ein Schrittchen vorwärts und konnte so endlich nach links und nach rechts schauen. Zu ihrer Freude ließ sich nichts blicken, was auf irgend etwas Bedrohliches hingewiesen hätte. Sie suchte Schutz unter Blättern und Gräsern und war eigentlich gar nicht zu sehen, wie sie da so das Rasenstück durchschnüffelte.

Mechthilds Nase begann plötzlich zu jucken. Sie hatte einen höchst angenehmen Duft erschnuppert. Ja, richtig, da lagen doch einige verlockend runde Dinger in der Wiese, die noch dazu betörend gut rochen. Mechthild hatte einige verlorene oder achtlos weggeworfene Edelkastanien oder Maronen entdeckt. Sie kannte diese Früchte natürlich nicht, wusste aber sofort, dass sie gut schmecken mussten und wahrscheinlich auch sehr nahrhaft waren. Alsbald war ihr Hunger gestillt und mit vollem Bäuchlein zog sie sich in ihre Höhle zurück. Ein Schläfchen würde jetzt sehr gut tun. Sie war im Nu im Land der Träume angelangt und welche Bilder tauchten da vor ihr auf? Sie träumte von ihren Freunden und Spielkameraden, den Krippenfiguren aus der Kirche.

Nachdem Mechthild wieder aufgewacht war, gingen ihr die Figuren nicht mehr aus dem Kopf. Sie hatte nur einen Wunsch. Sie wollte so schnell wie nur möglich wieder zu ihrem Spielzeug zurück.

Vorläufig musste sie sich aber mit einer Blechbüchse zufrieden geben. Die Sonne stand schon ziemlich tief und warf einige ihrer letzten Strahlen durch das Loch in die Höhle. Da leuchtete die Büchse auf und war eigentlich ganz schön anzusehen. Außerdem konnte man sie lustig hin und her rollen.

Trotzdem, mit dem Josef, der Maria und den Hirten war das Blechding nicht zu vergleichen.

Mechthild erschien ihr Versteck sicher und behaglich und so beschloss sie vorerst einmal hier zu bleiben. So lange, bis sie den Weg zurück in die Sakristei oder zum Mesnerbauern gefunden hatte. Bald schon machte sie die Erfahrung, dass sie wenigstens nicht der Hunger quälen würde. So viel an Fressbarem hatte sie ihr ganzes Leben noch nie vorgefunden, nicht einmal im Hühnerstall. Dort gab es zwar auch genug zum Knabbern, aber der Mittagstisch war doch ziemlich eintönig. Körner, Körner, nichts als Körner. Hier, direkt vor ihrem Schlupfloch brauchte sie nur etwas herumzustöbern und schon fand sie die leckersten aller leckeren Leckerbissen: Brotreste, Apfelputzen, ja, sogar kleine Schokoladestückchen. Wurde das alles für sie hingeworfen? Mechthild machte sich darüber aber keine Gedanken. Wichtig war, sie musste nicht hungern.

So erkundete sie neugierig die Umgebung und wagte sich immer weiter von ihrem neuen Zuhause fort.

Was ihre Nase und ihre Äuglein da nicht alles entdeckten. Dinge, die sie noch nie zuvor gesehen oder beschnuppert hatte. Vor allem aber fiel ihr auf, dass alles ganz anders roch als zu Hause in der Kirche. Ja, sogar die Luft hatte einen eigenen , ganz fremden Geruch. Langsam bekam sie eine Vorstellung davon, dass sie sich wirklich nicht mehr in der Nähe ihrer Sakristei, vielleicht sogar sehr, sehr weit weg davon befand.

Autor: Ingo Baumgartner
rosmaringo@aon.at
http://edithnebel.wordpress.com

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