Vor einigen Jahren, als das Füttern der Tauben in unseren Städten noch geduldet wurde, konnte man oft ältere Mitbürger beim Ausstreuen von Brotresten beobachten. Die Vögel kannten die Futterplätze ganz genau und warteten auf ihre Gönner. Kaum lagen die Brotkrümel auf dem Boden, machten sich die Tauben gierig darüber her, denn schon bald stürzten sich Horden kleiner Haussperlinge zwischen ihre wesentlich größeren Verwandten und machten ihnen das Futter streitig. Leider ist der Haussperling, der im Volksmund als “Spatz” bezeichnet wird, in den Innenstädten längst nicht mehr so oft anzutreffen, wie in früheren Zeiten. Die Spatzen bevorzugen heutzutage die Gebiete in den Randzonen der dicht bewohnten Städte, wo noch größere, unbesiedelte Flächen vorhanden sind. Nur ab und an hat man noch die Möglichkeit den vorwitzigen Vogel, vereint mit seinen Artgenossen, in größeren Schwärmen zu beobachten. Die ländlichen Regionen hingegen bieten noch recht häufig die Gelegenheit, mit den Spatzen auf Tuchfühlung zu kommen. In der pfälzischen Gemeinde Altrip ereignete sich eine hautnahe Begegnung mit einem Haussperling auf ganz besondere Art und Weise.
Thorsten machte einen Besuch im Elternhaus seiner Freundin, in Altrip. Er war dort oft zu Gast und gehörte schon fast zur Familie. An jenem Tag war er zum Mittagsmahl eingeladen worden. Vor dem Essen ging der junge Mann zum Händewaschen ins Badezimmer. Nachdem er den Wasserhahn zugedreht hatte und gerade zum Handtuch greifen wollte vernahm er ein leises Piepsen. Er blickte sich um, horchte etwas genauer hin, aber eine Ursache konnte er nicht entdecken. Langsam näherte er sich einer der gekachelten Wände, weil er der Meinung war, dass dort die Geräuschquelle zu finden sei. Doch da verstummte das Pfeifen und er glaubte, dass die Wasserleitungen des Hauses die seltsamen Töne erzeugen würden. Er verließ das Bad, setzte sich an den Tisch und vergaß beim guten Essen den Vorfall.
Einige Zeit später kam ein Familienmitglied aus dem Badezimmer und berichtete von merkwürdigen Lauten, die dort aus der Wand kommen würden. Als Thorsten erzählte, dass auch er das Piepsen wahrgenommen hatte, erhob sich die ganze Familie vom Tisch und wanderte neugierig zum Ort des Geschehens. Um der Sache auf den Grund zu gehen, wurde der Raum genau inspiziert. Es war allerdings kein Laut zu hören, weshalb man sich über den vermeintlichen “Poltergeist” amüsierte. Beim Verlassen des Badezimmers wurde das Licht ausgemacht und als der Familienvater, der am lautesten über den Spuk gelacht hatte, die Tür schließen wollte, setzte ein jämmerliches Fiepen ein. Er machte das Licht wieder an und sah zur gegenüberliegenden Wand denn er ahnte, wo der Verursacher der Geräusche gesucht werden musste. Weil das Badezimmer kein Fenster hat, war es beim Bau des Hauses mit einem Lüftungsschacht versehen worden, dessen Wandöffnung mit einem Lamellendeckel verschlossen ist. Schnell war ein Schraubendreher zur Hand, die vier Halteschrauben aus der Wand entfernt und der Deckel abgenommen. Thorsten blickte in den Luftschacht. Direkt vor seiner Nase saß ein Sperling. Der kleine Kerl musste eine schlimme Zeit hinter sich haben, denn sein Federkleid war vollkommen zerfleddert. Zitternd drehte er den Kopf hin und her, und beäugte ängstlich die Umgebung. Wie das Tier in die missliche Lage gekommen war wusste keiner der Anwesenden, doch in einem Punkt waren sich alle einig: man wollte dem Vogel so schnell wie möglich die Freiheit zurückgeben. Dieses Ansinnen war jedoch leichter gesagt als getan.
Ganz langsam steckte der junge Mann seine Hand in die Wandöffnung und hoffte, dass sich das Tier ohne viel Aufhebens retten lassen würde. Bei der ersten Berührung machte der Spatz einen Satz und zwängte sich durch den Spalt zwischen der Hand und der Schachtwand. Mit aufgeplusterten Federn saß er jetzt auf dem Fußboden. Die offen stehende Türe schien er nicht zu bemerken, denn er machte keine Anstalten, sein Heil in der Flucht nach Draußen zu suchen. Wieder wollte der junge Mann zupacken, aber das Tier war schneller. Es flog an die Badezimmerdecke und landete in der Badewanne. Da hatte einer die Idee, ein Tuch über das verstörte Tier zu werfen, denn bei der veranstalteten Hetzjagd würde sich das Vögelchen letztendlich noch verletzen. Gesagt, getan. Ein leichtes Geschirrtuch wurde gebracht und der Vogelfänger versuchte erneut sein Glück. Fast wurde das Ziel erreicht, aber der Spatz konnte dem Tuch knapp entweichen. Er hüpfte aus der Badewanne und verschwand in einem offen stehenden Waschmittelkarton. Mit viel Hektik wurde das Geschirrtuch über die Öffnung des Behälters geworfen, und der Sperling war gefangen.
Die ganze Familie stand vor der Eingangstür um den Vogel in die Freiheit zu geleiten. Der Karton wurde auf den Gehweg gestellt und das Tuch langsam weggezogen. Der Spatz war durch die vielen Aufregungen, die er hatte ertragen müssen, sehr verwirrt. Er wollte seine Notunterkunft nicht freiwillig verlassen, deshalb musste ein Wenig nachgeholfen werden. Ein kleiner Stups und der Vogel setzte sich auf den Rand des Kartons. Ohne Hast und Eile zupfte er mit dem Schnabel am Gefieder und brachte sein zerzaustes Federkleid wieder in Ordnung. Danach guckte der Sperling noch einmal in die Runde, als wollte er sich für die wiedergewonnene Freiheit bedanken. Dann flog er auf und davon.
Foto: © Maren Beßler / http://www.pixelio.de
Autor: 1998, Vision Bird Medien, Adrian Pfeiffer
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