Marissa – ein schönes kurzes Pferdeleben und Destinée – die Ungewollte

Ich war 25, da konnte ich mir endlich den Traum eines eigenen Pferdes erfüllen. Bis dahin hatte ich zwar tolle Reitbeteiligungen, aber irgendwie wollte ich endlich meinen eigenen Weg in der Dressurreiterei mit meinem eigenen Pferd gehen.

Ich kaufte also eine Zeitschrift, in der viele – sehr viele – Pferdeanzeigen veröffentlicht waren und fing an zu suchen. Eine genaue Vorstellung, wie es auszusehen hat, hatte ich. Es sollte etwas ganz Extravagantes sein, vielleicht ein Schecke (Schecken in der Dressur??), etwas, was man sich merkt, relativ klein (ich bin auch nicht sehr groß) und natürlich mit Wahnsinnsbewegungen!! Uns stand ja schließlich die (Dressur-)Welt offen!

Ich fand eine Anzeige über ein wunderhübsches schwarzes Endmaß-Pony, 5jährig, allerdings nur mit spärlicher Grundausbildung, aber dafür aus einer Vollrobusthaltung – was mir persönlich sehr gut gefallen hat. Ein Anruf und ich fuhr ganz kurzfristig hin. Wir gingen zur Weide und meine Augen suchten dieses bildschöne glänzende Pony – leider vergebens. Ich fragte die Besitzerin: „Ja, wo ist sie denn?“ „Wir stehen doch direkt vor ihr – hier ist sie doch!“ sagte sie. Vor mir stand ein Pony, zottelig und über und über mit dem berühmten Sommerekzem übersät. Ich wusste von unseren Telefonat her, dass sie dieses Ekzem hat (deshalb musste sie auch verkauft werden – sie durfte nur noch zeitweise auf die Weide), das war für mich eigentlich auch kein Problem – aber wie sie aussah!!! Der Hals war bis zur Hälfte offen, sie hatte keine Haare an der gesamten Schweifrübe und sie sah einfach schrecklich aus. Nie und nimmer wie auf dem Bild!!!

Ich ritt sie Probe, sie überzeugte, wir wurden uns schnell einig und ich kaufte sie.

Ein paar Tage später holte ich sie (inkl. ehemaliger Besitzerin – sie wollte ja schließlich wissen, wo ihr Herzstück hinkommt) und fing mit der Ausbildung an.

Sie machte sich richtig gut und wir konnten ein paar Monate später die ersten Dressuren starten – und wurden gleich zweimal Zweiter! Welch ein Glück!!

Eines Tages wollte ich sie – wie immer – mit den anderen Pferden von der Weide holen. Alle kamen, nur sie stand das und rührte sich keinen Meter! Ich ging auf sie zu und sie rührte sich noch immer nicht. Dann merkte ich – sie ging stocklahm (vorne links)!! Wir mussten sie förmlich von der Weide schieben/tragen! Der Tierarzt kam sofort, konnte allerdings nichts konkretes feststellen, denn es war – bis auf eine winzig kleine Wunde – nichts zu sehen!

Die Nacht habe ich im Stall verbracht, um am nächsten Morgen um 4.30 Uhr nochmals den Tierarzt zu holen, weil sich irgendwie nichts getan hat. Es war natürlich ein Sonntag. Wir haben dann beschlossen, sie in die Tierklinik zu fahren. Ich organisierte also (Sonntags morgens um 5.00!) Freundin, Auto und Pferdehänger. Dann mit 20 km/h über die Autobahn – immer mit dem Wissen, dass mein Pferd leidet und sich nicht ausbalancieren kann!! In der Klinik angekommen, waren meine Eltern schon da und Marissa stieg meinem Vater erst mal auf den Fuß. Nunja, es ging sofort zum Röntgen und es stellte sich heraus: das ganze Bein oberhalb des Vorderfußwurzelgelenkes war zertrümmert!!! Es konnte nichts getan werden, außer zu hoffen, dass sie die nächsten Tage und Nächte ruhig steht, denn es war nichts verschoben.

Schweren Herzens musste ich sie dalassen, hab sie jeden Tag zweimal besucht und musste mit ansehen, wie sie immer schwächer wurde, immer mehr zitterte, immer weniger Kraft hatte und immer mehr abbaute … Es zerriss mir das Herz.

Genau eine Woche später kam beim Frühstück ein Anruf aus der Klinik, sie hat versucht, sich hinzulegen und dabei ist alles auseinandergebrochen – sie können nichts mehr für sie tun … Ich hab sie nur noch gebeten, ihr jede weitere quälende Minute zu ersparen und sie sofort einzuschläfern – das war alles, was ich für sie noch tun konnte!

Sie war ganze 6 Monate bei mir, aber ich kenne wenig Pferde, die ein solch schönes Leben hatten!

Ich überlegte hin und her – eigentlich wollte ich alles hinwerfen! Nie wieder Pferde sehen! Mein Freund war anderer Meinung: Es muss ein Neues her!

Wir fuhren in unseren Stall (der Stallbesitzer hat auch selber gezüchtet) und ich hatte auch schon mit einem Pferd geliebäugelt. Das wollte er mir jedoch nicht verkaufen, was ich natürlich überhaupt nicht verstanden habe. Aber er hätte da noch eine, DIE wäre genau das Richtige für mich, und führte uns zur Box. Dort stand sie nun, 3jährig, frisch von der Koppel, lange Mähne, keine Muskeln, hysterisch und was das Schlimmste war: ein stinknormaler Fuchs!! Nichts Besonderes, nichts Auffallendes, einfach nur ein Fuchs! Ich wollte alles, nur keinen Fuchs. Besser gesagt, eigentlich wollte ich gar nichts, mir war alles egal. Und diese Fuchsstute erst recht!

Aber Hr. Fischer ließ mich nicht in Ruhe und redete auf mich ein, was doch das für ein tolles Pferd wäre, genau das Richtige für mich blablabla…. Ich wollte in die Box, das Pferd mal von Nahem betrachten, machte die Tür auf – die Stute sprang völlig erschrocken fast aus dem Fenster – ich dachte nur: Oh Gott, wie unerzogen und schreckhaft (ich hatte ja keine Ahnung von Dreijährigen!). Karsten (Hr. Fischer) quatschte mich weiter voll und mittlerweile hatten sich auch noch andere Vereinskameraden um die Box versammelt. Und alle redeten auf mich ein – so tolle Sprüche wie: Kauf sie, dann hast du endlich mal ein richtiges Pferd (Super-cool, konnte ich ja gut drauf verzichten). Karsten meinte irgendwann: Warte, ich nehm sie mal raus, dann kannst du dir ihre Wahnsinngänge ansehen. Sprach’s und holte sie aus der Box. packte sie auf ein Paddock und sie lief los. Was heißt sie lief – sie stolperte los, denn sie war (logischerweise – was ich aber erst später lernte) noch völlig unausbalanciert. Und der Galopp war auch nicht der Beste – ich dachte nur HILFE! Von Karsten kam dazu der Spruch: Das lernt sie noch….. Dann trabte sie – wie ich fand völlig unspektakulär und ganz normal. Karsten fiel fast in Ohmacht vor lauter Begeisterung – die ich nicht teilte, warum auch. War ja nichts dran an dem Pferd.

Irgendwann packten wir sie wieder in die Box und ich sah sie mir das erstemal etwas genauer an. Alles an ihr war schrecklich, unsauber, zottelig, eckig, unspektakulär usw. Nur der Hintern, der war damals schon kullerrund – und ich dachte nur: netter Hintern….. (DAS war mein erster positiver Gedanke an dieses Pferd).

Nun standen wir wieder in/an der Box und alle redeten immer noch auf mich ein. Ich hatte keine Lust mehr und wollte eigentlich nur nach Hause und um meine Marissa trauern. Aber sie ließen mich nicht in Ruhe und irgendwann sagte ich zu! Ich hatte keinen Preis, ich hatte kein Zubehör für ein großes Pferd, ich hatte keine Ahnung von jungen Pferden und ich hatte eigentlich auch keine Lust – und schon gar nicht auf dieses durchschnittliche Pferd! Aber ich nahm sie – einfach nur, um meine Ruhe vor den Leuten zu haben.

Ich taufte sie ein paar Tage später auf den schönen Namen „Destinée“, ohne zu wissen was er bedeutet. Eine Freundin, die ich später nach der genauen Schreibweise fragte, erklärte mir: „Das heißt „Die vom Schicksal Bestimmte“!“

Nach einigen Wochen (!) hatte ich dann auch einen Kaufpreis, der durchaus im bezahlbaren Bereich lag (keiner konnte wissen, dass mir 4 Monate später schon das Dreifache geboten wurde) und ich stotterte auf Raten ab.

Sie entwickelte sich prächtig, nach nur einem Tag wusste sie, wer ich war, dass ich ihr nichts Schlimmes will und immer wieder komme – meist mit was Leckerem…. Mit ihrer unschuldigen, hilflosen Art hat sie sich ganz leise und unbemerkt in mein Herz geschlichen.

Nach 2 Monaten gingen wir auf die ersten Turniere (Materialprüfungen) und konnten uns öfters gegen die bereits 4jährigen durchsetzen. Sie bekam Muskeln und wurde zum schönsten Pferd auf der Welt, die Gangarten entwickelten sich – und Karsten wollte sie zurückkaufen (das nimmt er mir heute noch übel, dass ich sie behalten habe …). Er hatte ihre Anlagen einfach unterschätzt.

Mittlerweile ist sie 14, hat diverse erfolgreiche Turniere hinter sich und genießt wegen Krankheit von Frauchen ihr „Gnadenbrot“. Sie steht den ganzen Tag auf der Weide, wird von unserem jetzigen Stallbesitzer über alles geliebt und futtert sich den Bauch rund. Ab und zu kommt Frauchen mal, bringt was zu essen, setzt sich drauf – und alles ist wie früher!

Marissa bleibt stets in meinem Herzen und ich denke noch oft an sie. Destinée hat einen Platz neben ihr eingenommen und das seit vielen Jahren schon. Wir haben viel durchgemacht – Gutes und Schlechtes! Und das hält uns zusammen!

Autor: K. B. Busch

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