Der Rabe

Der alte Rabe saß auf der Zinne und wartete ab. Er kannte diese Stimmung. Schon seine Vorfahren hatten sie gekannt. Die hektischen Vorbereitungen im Innern des düsteren Kastells, die heiseren Rufe der Henker, wenn sie ihre Räder polierten und die Stangen zurechtstellten. Generationen von Raben hatten sich dieses Wissen vererbt: Festtage fanden nicht nach dem Lauf der Jahreszeiten statt, sondern nach den seltsamen Gesetzen des menschlichen Durcheinanders. Man mußte es fühlen, wenn man Rabe war. Wenn man mit der Stadt lebte, dann lebte man mit ihnen: den Zweibeinern, den vollkommenen Wesen, die Macht hatten über Festtage und Hungerzeiten.

Es war ein heißer Tag. Die Stadt lag im Dunst der Julisonne. Für Raben existierte eine eigene Zeitrechnung, die ein Mensch kaum versteht, doch in der Zeitrechnung der Menschen war es ein Sommer des Jahres 1710. Durch die Gassen dümpelte eine stinkende Brühe voller Abfall, „Floß“ genannt, und die reichen Städterinnen refften ihre Röcke, wie Fregatten, die durch einen fauligen Kanal navigierten. Den Tagelöhnern am Pont Neuf schwappte der Wein im Schädel, und die Kinder plärrten, weil ihnen die Karamelbonbons in den Patschfingern schmolzen, bevor sie die gierigen Münder ereichten.

Das Volk strömte auf den Richtplatz. Die schwarzen Gemäuer des Gefängnisses warfen keinen Schatten mehr, denn es war Mittag.

Fliegende Händler boten Fettgebackenes und Fleischspieße an. Es gab Wachteln in Knoblauch und gesottenen Blätterteig. Die Menschen zahlten und fraßen, sie stopften sich die Mäuler voll, bis sie troffen vor Fett.

Ein paar junge Raben stießen sich von der Zinne ab und rasten im Sturzflug in die Meute. Zielsicher schnappten sie mit dem krummen Schnabel nach weggeworfenen Wachtelknochen und Froschschenkelresten. Der alte Rabe ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er wußte, daß dies nur das Vorgeplänkel war. Das Hors d’Euvre sozusagen, auf das es ihm nicht ankam. Er wartete auf den Hauptgang.

Rund um den Richtplatz standen die reichen Bürgerhäuser. Und heute wuchs ihr Reichtum noch mehr, denn die schlauen Burschen hatten ihre oberen Stockwerke an den Adel vermietet. Je besser der Blick, desto teurer die Miete. Ein ganz besonders geschäftstüchtiger Patrizier hatte sogar die Schindeln von seinem Giebeldach entfernt und im Gebälk eine Art Tribüne installiert. Da saßen dann die adligen Herrschaften und sahen zu, während ihre Finger und Nasen auf Wanderschaft waren. Was gabs Gerbratenes? Wie fühlte sich das Fleisch der Comtesse de Maintenant unter dem Mieder an? Der Rabe sah’s von weitem, ihm war das Getue fremd.

Der Rabe steckte den Schnabel unter das Gefieder und räusperte sich. Der Adel war ihm egal. Solange er lebte. Aber – und das wußte der Rabe – auch das adelige Fleisch würde sich irgendwann seinen Krallen darbieten.

Jetzt kam Leben in den Vorhof der Bastille. Ein Karren wurde herangezerrt, gezogen von sechs Männern. Sie schirrten vier Pferde an.

Vier. Oho. Der Rabe plusterte sich auf. Vier Pferde. Das bedeutete, daß ein ganz besonderer Genuß ins Haus stand. Vier Pferde, vier feurige Rosse, um ein Gefährt zu ziehen. Nur Könige hatten ein solches Recht. Oder Königsmörder. Ein Attentäter, der einen König attentierte, war schließlich nicht irgendein Attentäter. Oh nein – er gehörte zur Créme der Verblendeten. Vier Rösser waren das mindeste.

Und dann – trat er ins Licht. Eine bleiche Gestalt, flankiert von beharnischten groben Gesellen. Eine Horde von schwerbewaffneten Gardisten umgab ihn wie ein Zaun. Dieser Mann war gefährlich, obgleich er nicht so aussah. Als sie ihn auf den Wagen hievten, konnte er sich kaum bewegen. Und als sie ihn festzurrten, schien er fast dankbar zu sein. Ohne diese Fesseln wäre er über den Sturz gefallen, und jede Hinrichtung wäre zur Farce geworden.

Als die Rösser in Trab fielen, wäre er fast erneut vom Wagen gestürzt, aber sein Stolz hielt ihn aufrecht.

Dann öffnete sich das Tor der Bastille. Ein donnernder Aufschrei ging durch die Menge, als der Mann schwankend und zitternd, voller Abscheu im Gesicht, auf seinem Totenwagen den Torbogen passierte. Der Rabe sah, was alle anderen sahen: das Gesicht des Mannes war entstellt. Folgen der Verhöre, die – trotz der vielen Zeugen, die gesehen hatten, wie er das Messer gegen den König erhob – unabänderlich ihren grausamen Gesetzen folgend, die Wahrheit noch und noch aus ihm herausgeprügelt hatten. Doch was sollte der Gedanke? Königsmörder – was konnte einen tiefer in den Höllenpfuhl schleudern? Das Volk johlte. Ein Königsmörder – so sehr sie es nun genossen, den Mörder sterben zu sehen, so sehr würden sie es genießen, eines Tages den König zu morden. Mit dem gleichen Gebrüll und der gleichen Wollust im Gesicht.

Der Rabe plusterte sein Gefieder auf und machte sich bereit.

Der Delinquent hatte den Mittelpunkt des Platzes erreicht. Ein doppeltes Aufgebot von Speerträgern sicherte den Platz. Die Händler machten ihr letztes, um die Hälfte reduziertes Angebot. Wachteln, noch halbgar und von minderer Qualität, wechselten nun zu einem Viertel des Preises den Besitzer. Und wieder stießen die jungen Raben hinab. Und wieder wartete der Alte ab. Er wußte, was er wollte.

Jetzt trat der Henker auf den Wagen und riß dem Mann das Hemd entzwei. Die blutigen Striemen auf der Brust glänzten in der Mittagssonne, und hatte der Mann auch gehofft, daß sein Anblick auf ein mitleidiges Auge stoßen würde, so ergab er sich jetzt der johlenden Menge, die, geifernden Hyänen gleich, jede Strieme mit Hohngelächter quittierte. Für nur den Bruchteil einer Sekunde lang, huschte der Blick des Todeskanditaten über die Bastille und sah den Raben. Für eine Zehntelsekunde verschmolz der Blick des Todgeweihten mit dem der Kreatur, und jeder Schmerz war für Sekunden gebannt. Hier der Tanz der menschlichen Hybris – und dort die ruhige Erwartung des Unvermeidlichen. Er, der Delinquent, hatte den König töten wollen. Weil der König ein Verbrecher war. Für das Volk hatte er ihn töten wollen. Und das Volk weidete sich nun an seinem Tod.

Wo war der König? Der Blick des Raben wanderte zur Tribüne hinauf. Dort? Der gelockte Geck, mit den goldenen Epauletten an der Schulter? Nein – zu militärisch. Oder dieser hier? Der schlanke Galan mit dem Silberstaub auf der Perücke? Nein – der auch nicht. Er senkte den Kopf. Der Deliquent wurde brutal vom Wagen gerissen. Die Pferde schirrte man aus und führte sie an die vier Enden das Platzes.

Der Fast-schon-Tote schritt unter den scharfen Blicken seiner Bewacher das Trittbrett des Wagens hinab. Auf der letzten Stufe stolperte er, seine bloßen Füße landeten im Staub.

Harte Fäuste rissen ihn wieder hoch, stumpfe Lanzenenden stießen ihn auf das niedrige Podest, auf dem ein ganzes Rudel von Henkern mit flüssigem Blei und scharfen Messern auf ihn wartete. Ihre Gesichter waren verhüllt, auf daß niemand Rache an ihrem Handwerk nehmen konnte. Angesichts der Brutalität des zur Schau getragenen Folterwerkzeugs, strauchelte der Delinquent für einen Moment, fiel dann vornüber und wurde von den Soldaten mit dem Bauch nach oben auf ein eisernes Gestell gezurrt.

Als einer der Scharfrichter sein Schwert erhob, ging ein Raunen durch die Menge. Aber kein Laut des Mitleids oder der Empörung war darunter. Es klang eher nach Theaterbesuchern, die erwartungsfroh applaudierten, wenn der Vorhang sich hob. Der Rabe sah gar nicht hin. Es war noch nicht an der Zeit. Doch jetzt – ein Schrei.

Der Scharfrichter schnitt tiefe Wunden in das Fleisch des armen Damiens. Tief in die Hüfte grub sich das Schwert und genauso tief in die Oberschenkel. Das Opfer bäumte sich auf und ließ einen lauten Schrei des Schmerzes und des Entsetzens hören, der alsbald im Gejohle der Menge unterging. Doch nicht genug damit. Jetzt nahte ein weiterer Scharfrichter und goß aus dem dampfenden Behälter mit dem langen Stiel das flüssige Blei in die blutende Wunde. Hier fiel Damiens zum erstenmal in Ohnmacht.

Man weckte ihn mit Wasser und Myrrhe. Dann ging es weiter. Man begoß ihn mit siedendem Öl, brennendem Pech, Wachs und Schwefel. Die Qualen mußten ungeheuerlich sein. Die Augen traten ihm hervor, weiß und ungläubig, während seine Zunge erstickend im Halse hing. Das Volk klatschte bei jedem Schrei.

Nervös flatterten die jungen Raben im Gebälk. Der Geruch verbrannten Fleisches verhieß nichts Gutes – es würde kaum etwas übrig bleiben.

Dann schirrten sie die Pferde an. Man band seine Arme und Füße an Taue aus solidem Hanf. Sie warfen ihn zu Boden, das Gesicht in den Dreck. Die Geschirre der Pferde wurden mit den Seilen verknüpft. Der Delinquent schloß die Augen und verkniff das Gesicht, während sein geschundener Körper dampfend im Staub lag. Der Rabe wartete ruhig ab.

Während der stahlblaue Himmel sich über das Land ausbreitete, trieb man die Pferde an. In alle vier Himmelsrichtungen strebten sie, bis der Delinquent vom Boden abhob und in der Luft zu schweben schien, gehalten nur von den Seilen. Nur die gebildetsten Physiker hätten nun sagen können, welche Kräfte auf die gemarterten Sehnen und Muskeln des Geschundenen einwirkten. Die Meute wartete auf einen Schrei, doch der kam nicht.

Schwer klatschen die Peitschen auf ihre Rücken herab, doch ihre Kraft reichte nicht aus, um das gewaltige Stück Leben in der Mitte des Platzes zu zerreißen.

Und endlich, endlich entrang sich ein Stöhnen aus den Lippen des Gequälten. Ein Schrei voller Qual. Die Menge applaudierte. Aber es nützte nichts. Die Sehnen waren zu stark. Der leitende Major wurde nervös. Einem Zeichen seines Vorgesetzten folgend, hob er den Stab, und die Henker eilten mit Messern herbei. Sie nahmen den schwebenden Delinquenten in ihre Mitte und packten ihn unter den Armen. Dann schnitten sie ihm die Sehnen durch.

Während sein Geschrei über den Platz hallte und sein Blut in die Menge spritzte, wanderte der Blick des Raben über die Adelstribüne. Was trieb dieser Geck dort oben für einen Sport? Und warum stand der Dame vor ihm die Wollust im Gesicht? Der Rabe ahnte es. Menschenspiel.

Der Rabe wurde unruhig. Warum war der Mann noch nicht zerissen? Er hatte zahllose Verurteilte gesehen. Ein Ratsch und die Glieder waren ab. Was war mit diesem hartnäckigen Königsmörder los? Warum klammerte er sich an ein Leben, das keinen Sous mehr wert war?

Wieder peitschte man die Pferde an. Panisch, mit hervortretenden Augen, zogen sie mit aller Kraft, doch die Muskeln und Knochen des Verurteilten waren zu stark. Übermenschlich, beängstigend stark. Die Menge murrte? Was war das für ein König, dem ein Mörder selbst im Tod noch trotzte?

Und der Offizier beschloß, der Sache ein Ende zu machen. Seine Garde rückte ein zweitesmal aus und hackte mit den Säbeln erst das linke Bein, dann den linken Arm des Delinquenten ab.

Während der Gequälte seinen Todeschmerz hinausschrie, drang leises Stöhnen an das Ohr des Raben. Doch es war die Gräfin, die hier stöhnte, und sicher nicht vor Schmerz. Ihr Stöhnen und ihr gepuderter Gestank überlagerte jeden weiteren Sinneseindruck des Raben. Und während der Adel sein Spiel betrieb, quälte sich der Verurteilte, mit hängendem Kopf und immer noch brüllend wie ein Stier, bis die Garde kam und ihm den Hals durchschnitt. Und als wäre das noch nicht genug, zerfetzten sie seinen Leib mit ihren Messern, bis die Gedärme den Platz besudelten und der kreischenden Meute vor Entsetzen die Wachteln aus dem Halse flogen.

Auf diesen Moment hatte der Rabe gewartet. Er breitete seine Schwingen aus und setzte zu seinem unvergleichlichen Sturzflug an. Und vor den Augen der verblüfften Jungen, segelte er vor der Menge auf den Delinquenten zu, der mit offener Brust vor ihm lag, und entriß ihm das noch schlagende Herz.

Foto: Stolz, Gary M; This image or recording is the work of a U.S. Fish and Wildlife Service employee, taken or made during the course of an employee’s official duties. As a work of the U.S. federal government, the image is in the public domain. For more information, see the Fish and Wildlife Service copyright policy.

Autor: Reinhard Rael Wissdorf. Autor, Redakteur, Komponist
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