Von Mädchen, Männern und Flüster-Franchise

Wie ich lernte, rechtzeitig den Kopf einzuziehen, den Geschirrspüler auszuräumen und mich dabei wie ein Pony fühlte

Irgendwann antwortet mindestens jedes dritte Mädchen auf die Frage „Was wünscht Du Dir?“ mit „Ein Pony!“ – einschließlich großer, glänzender Augen, zappeligem Auf- und Abhüpfen und stakkato-artig nachgeschobenem „Bitte, Bitte, Bitte – Ja? Bitte – Ja?“ Warum eigentlich?

Liegt es vielleicht daran, dass diese kleine Frau gerade festgestellt hat, wie andere Menschen sie meist überragen, fast immer stärker sind – und sich nicht sagen lassen wollen, was sie tun sollen? Ich denke da an so einfache Anweisungen wie „Mama, Du kannst doch nun wirklich meine Klamotten selber aus meinem Zimmer holen, wenn Du sie schon unbedingt waschen willst“ oder „Warum soll ich das Geschirr wegräumen? Es gehört doch nicht mir! Mach das doch selber …“ Aus unerfindlichen Gründen reagieren fast nur Ehemänner darauf, Eltern jedoch schalten auf stur. Da bietet sich dem unterdrückten Mädchen doch ein großes, starkes, schönes Wesen an, das sich – so der Plan – unterwürfig und friedfertig ihrem Willen beugt, freudig wiehert, wenn sie kommt – anders als die große Schwester, die höchstens angenervt die Augen nach oben dreht. Und kann es sein, dass dieser Effekt mit steigendem Alter bei Frauen nicht nachlässt? Dass auch so genannte „erwachsene Frauen“ all zu leicht auf das totale Machtgefühl ansprechen, ein schweres, beeindruckendes und mit dem Hauch des Wilden versehenes Viehzeug im wahrsten Sinn des Wortes „unter sich“ zu wissen?

Foto: © Jasy (A. S.) / http://www.pixelio.de

Es fällt ja leicht, als Frau hämisch auf das ewige Kind im Manne herabzublicken, wenn dieser am Sonnabend sein heiß geliebtes Auto wäscht, nur zum Spaß eine Runde um den Block dreht und sich der neidischen Blicke seiner Freunde und Kollegen bewusst ist. Denn so ein Verhalten ist natürlich albern – es ist ja nur ein Auto! – und kindisch- man soll sein Herz doch nicht an Dinge hängen. Ein Pferd aber – das ist ganz was anderes, das lebt! Die bewundernden Blicke der Freundinnen, wenn frau sogar auf einem frisierten Halbblut (oder wahlweise einem friesischen Kaltblut) eine halbwegs gute Figur macht … das Fachgespräch im Restaurant „Ich habe jetzt auch einen Reit-BH von Gucci, der zwickt nicht so! Und hat sogar weniger als mein Pferd gekostet!“ Und anders als ein Auto, das „mann“ dauernd selber tanken fahren muss, kann frau das edle Ross bequem im Pensionsstall einstellen, wo sich Profis um das Wohlergehen des wertvollen Hobby-Geräts kümmern. Frau fährt eben nur hin, wenn sie Lust dazu hat, auch das ist Macht! Das Vieh ist vollkommen abhängig vom Wohlwollen der Besitzerin – jeder Besuch im Stall gerät so zur Wohltat für den Schutzbefohlenen, der seine Dankbarkeit natürlich durch unterwürfige Trägerdienste beweist. Und ähnlich verhält es sich doch mit den „Freizeitreitern“ – der Begriff meint nämlich nicht „Freizeit des Pferdes“ (zwischen Futtersuche, sozialen Verpflichtungen und Stutenschnuppern) sondern „Freizeit der Besitzerin“: Beschäftigt wird das Tier, wenn Zeit dazu ist und Madame sich entsprechend frei fühlt. Ansonsten hat es eben Freizeit. Anders ausgedrückt: Soll das blöde Vieh doch froh sein, dass es nicht so oft mit Reitversuchen gequält wird!

Natürlich ist mir bewusst, dass dieses Bild die Realität überhaupt nicht trifft, es ist hochgradig ungerecht und eben typisch männlich. Denn die meisten Pferdebesitzerinnen sind altruistische Tierschützerinnen, die genau wissen, dass ein Pferd in Deutschland kaum „artgerecht“ zu halten ist. Sie opfern sich für das arme, in Gefangenschaft gehaltene Tier auf, bewahren es vor lebenslangen Qualen durch andere Pferdehalter, indem sie (als einzig sich wirklich auf Pferde verstehende Fachkraft der Region) es in die eigene Herde integrieren. Die Herde besteht ansonsten mindestens aus der Besitzerin, ihrem Auto, einer Reitstiefelsammlung, einem Beistellminishetty-Schaf und zwei Echtleder-Halftern. Diese Tierschutz-Nobelpreis-Anwärterinnen verzichten in jeder Beziehung auf die eigenen Wünsche, wenn diese sich nicht 100%ig mit denen des Pferdes decken. Sie erlernen vor dem ersten Kontakt mit dem Lebewesen „Pferd“ ausführlich dessen Körpersprache, setzen sich mit den körperlichen, seelischen und sozialen Bedürfnissen intensiv auseinander und beobachten „ihr Eigentum“ vor dem ersten Missbrauch („Reiten“) ausreichend, um sich auf seine Besonderheiten optimal einzustimmen.

Denn anders als oben erwähnte Männer sind Frauen ja bekanntlich nicht auf das Gefühl der Macht erpicht, das der Besitz eines Lebewesens bei Klein-Geistern immer mit sich bringt. Sie besitzen Pferde, weil sie sie vor schlechten Reitern retten müssen – oder weil Pferde zuhören, wenn jeder Mensch bereits frustriert das Weite gesucht hätte. Oder weil sie so ehrlich sind und so zuverlässig (gut, sie kommen nicht immer, wenn frau sie ruft, sie gehen auch mal durch – und die Ehrlichkeit des Pferdes erkennt man besonders gut daran, dass es nicht widerspricht, wenn seine Besitzerin seine momentanen Gefühle beschreibt). Wie erstaunt müsste man eigentlich über Kurse bei Pat Parelli, Monty Roberts und Kollegen sein, deren einfache Lehre hunderte von Euro, tausende von Dollar oder unzählbar viele Nerven kostet und sich doch auf die uralte, triviale Formel bringen lässt: Wahre Macht zeigt sich durch den bewussten Verzicht darauf, sie auszuüben. Niemand braucht einen „Pferdeflüsterer“, um wissen zu können, dass man einem „Untergebenen“ den Eindruck vermitteln sollte, sich ganz von allein „richtig zu verhalten“ (nämlich wie gewünscht). Nur so erreicht jeder erfolgreiche, gute Manager nachhaltige Erfolge. Und umso beeindruckender mutet der kommerzielle Erfolg jener Fachleute an – beeindruckend, weil „die Frau an sich“ die dort zu erwerbenden Kenntnisse beim Umgang mit Männern doch seit Urzeiten besitzt: welcher Mann wollte bestreiten, dass er sich dem Willen seiner Frau besser fügt, wenn er keinen Ärger haben will?

Wenn ich also eines aus der Beobachtung von Pferde-Närrinnen gelernt habe, dann ist es dies: Machtbesitz und die Geilheit danach blenden unabhängig von Geschlecht und Alter. Wo „Manager“ Geld ausgeben, um Alpha-Männchen Verhalten zu erlernen, wollen Frauen eine lange Mähne und einen seidigen Schweif sehen, ehe sie Verhaltensregeln aus dem Grundkurs „Ich Tarzan, Du Jane“ auspacken. Männer mögen kindischer und „dümmer“ sein, aber immerhin geben sie offen zu: Es ist einfach nur geil, ein schnelles Auto zu fahren.

P.S. Meine Frau bringt mich durch gekonnt nicht-wirklich-drohende Blicke und den vorsichtigen Entzug von Nahrung, Genuss und Bettstatt dazu, obigem Text hinzuzufügen, daß auch Männer viel Geld für Kurse ausgeben, in denen Offensichtliches gelehrt wird (und damit sind nicht Kochkurse gemeint). Außerdem soll ich darauf hinweisen, daß der Besuch eines Parelli-Kurses nicht unbedingt zum Führen einer Aktiengesellschaft befähigt, ein Nachdenken über die bei Pferdeflüsterern vermittelten Techniken aber auch für Nichtpferde-Närrinnen sinnvoll sein kann. Inwiefern sich aus diesem Gedanken ein Franchise-Konzept entwickeln lässt, möchte ich heute nacht nicht mehr erörtern.

Der Beitrag ist erschienen im Magazin Huf-Rolle, Ausgabe 04/03.

Autor: Marc Albrecht

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