Die afrikanische Schwanzraupe

Ich mochte so an die sieben Jahre gewesen sein, als ich bei einem meiner Streifzüge rund um das Dorf auf den Blättern einer Kartoffelstaude ein Tier entdeckte, das sich jeder systematischen Zuordnung, zu der ich damals fähig war, entzog. Fast erschreckte sein Aussehen, obwohl seine nackte Haut an Farbenpracht kaum zu überbieten war – und es hatte etwas, was mich augenblicklich fesselte und ein Blitzgewitter in meinen Synapsen (damals hätte ich das anders formuliert) auslöste. Der offensichtlich sehr elastische, in allen Dimensionen veränderbare kurzschlangenförmige Nachtschattengewächsnager (wiederum im Modus gewisser Umständlichkeit der Erwachsenen) hatte einen Schwanz.

Bald konnte ich mich mit dem Gedanken anfreunden, dass es sich um eine Raupe handeln musste, um eine Riesenraupe allerdings – und eine geschwänzte noch dazu. Zu diesem Zeitpunkt war aber auch mein Plan schon fix und fertig. Der Fund musste ausgeschlachtet werden, finanziellen Ertrag bringen. Wie, wusste ich auch schon. Wer exotische Tiere ausstellen will – in einer Menagerie etwa, musste zuerst einmal einen entsprechenden Käfig zur Verfügung haben – an Freianlagen dachte damals noch niemand. Vor allem hatte ich das Tier als Art zu benennen. Ich war mir vollkommen sicher, dass es sich nur um eine „afrikanische Schwanzraupe“ handeln konnte und das stand dann auch kurz darauf in Großbuchstaben auf der Außenseite des Schuhkartons, der zugleich Käfig, Schauraum und Auslauf war.

Innerhalb weniger Stunden konnte man an Scheunen, Stalltüren und Hausmauern Plakate bestaunen, die für einen Eintrittspreis von fünf Groschen ein unvergleichliches Erlebnis, nämlich die Besichtigung eines extrem seltenen Exemplars der afrikanischen Schwanzraupe versprachen.

Und die Leute kamen, nicht übermäßig viele, neben Vater und Mutter waren es vier Nachbarkinder, der Bauer, auf dessen Feld die Kuriosität gefunden wurde und eine Tante. Sie alle zahlten, in Summe 40 Groschen. Meine Schwestern warfen auch einen Blick auf die zugegeben ziemlich einseitige und klar umrissene Tierschau, zahlten aber nicht.

Ich war zufrieden, der Erlös erlaubte mir den Ankauf eines Linienspiegels (von dem ich glaubte, er wäre ein technisches Gerät mit optischen Komponenten) und von drei Stollwerk mit Zitronengeschmack.

Die Raupe wurde von meiner Mutter in Betreuung genommen. Als tierliebende Frau hatte sie den Buntwurm bestimmt wieder auf dem Kartoffelacker ausgesetzt. So nehme ich an, dass mir der spätere Totenkopfschwärmer seine politisch unkorrekte Verwendung zu kommerziellen Zwecken verziehen hat.

Foto: Professional Institute of Agriculture and Environment „Cettolini“ of Cagliari (Sardinia, Italy), Es ist erlaubt, die Datei unter den Bedingungen der GNU-Lizenz für freie Dokumentation, Version 1.2 oder einer späteren Version, veröffentlicht von der Free Software Foundation, zu kopieren, zu verbreiten und/oder zu modifizieren; es gibt keine unveränderlichen Abschnitte, keinen vorderen und keinen hinteren Umschlagtext. Der vollständige Lizenztext ist im Kapitel GNU-Lizenz für freie Dokumentation verfügbar.

Autor: Ingo Baumgartner
rosmaringo@aon.at

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