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Vollmondnächte

Der Titel ist Programm. Eine nächtliche Phantasie, fast ganz ohne Spöttereien… kommt und folgt mir durch die Nacht!

Ich liebe diese Vollmondnächte! Ich weiß, daß ich morgen wie immer etwas Mühe haben werde, eventuelle Überreste des eindrucksvollen Brustpelzes zu verbergen und die Krallen auf sichere Länge zu stutzen, aber es ist einfach zu schön! Wer spricht schon vom Tageslicht? Wenn die Sonne schon lange unter dem Horizont Zuflucht gesucht und die Dunkelheit sich über das Land gesenkt hat, wird es erst richtig schön. Dann schieben sich Wolken über den nächtlichen Himmel, die aussehen wie dicke, dunkle Wattebäusche, ihre zerfaserten Ränder von hinten illuminiert vom Licht des Mondes, der groß und rund wie hinter einem Vorhang darauf wartet, daß er sein lächelndes Gesicht dem wartenden Publikum auf der nördlichen Halbkugel zeigen kann. Wenn dann die Wolken zerreißen, schaut er plötzlich strahlend herunter, gelegentlich begleitet von einem kleinen, leuchtenden Sternchen und schickt sein kaltes Licht auf unsere Welt. Manchmal ist die Nacht auch stürmisch und unwirtlich, die Wolkendecke fest und scheinbar undurchdringlich, und der Wind heult zusammen mit mir sein gruseliges Lied. Dann ist der Erdtrabant fast nie zu sehen, aber ich spüre ihn, als wäre er ein Teil von mir. Dann raschelt es aufregend im Wald und im Gebüsch, Blätter treiben umher, und ich kann mit ihnen Fangen spielen. Das Dunkel beherbergt andere Lebewesen als der Tag …

Heute jedoch ist die Nacht mild. Es ist früher Herbst, ein leichter Wind fächelt das Land, und alles ist wie geschaffen dafür, die lästige Kleidung endlich abzustreifen, sich in einen grauen Schatten zu verwandeln und auf warmen Ledersohlen lautlos und so gut wie unsichtbar durch die Straßen zu schleichen. Die Häuser der Stadt, die Bäume, die Passagen werden zu einem nächtlichen, abenteuerlichen Parcours, und späte Fußgänger, die sich leichtsinnigerweise noch ins Dunkle gewagt haben, erschauern beim kleinsten unbekannten Geräusch. Sie würden vor Schreck bewußtlos werden, wenn ich mich aus dem Dunkel unbemerkt anschleiche und meine scharfen weißen Zähne zeige und mein schreckliches Heulen ertönen lasse!

Ha, wie lächerlich! In früheren Zeiten waren die Menschen gewappnet, hatten zwar nicht weniger Furcht als heute, doch schärfte ihnen der Aberglaube die Sinne und ließ sie ihre Waffen bereitstellen. In Vollmondnächten gehen böse Dinge um, es ist gefährlich, sagten sie immer, verbargen ihre Gänsehaut hinter dem langen Lauf einer mit Silberkugeln geladenen Waffe und blieben in den Häusern. Es hätte sicher auch mir Spaß gemacht, zu beobachten, wie die letzten offenen Fensterläden hastig zugeschlagen wurden und die Leute ihre Kinder eilig hereinholten, wenn aus dem Wald auf den Hügeln der unheimliche Ruf des grauen Wolfs ertönte. Wenn sie gewußt hätten, daß es oft ein Lachen war, hätten sie dann vielleicht weniger Angst gehabt?

Die verlassenen Gärten bieten mit ihren finsteren Schatten und mit Dunkelheit gefüllten Verstecken auch heute noch ein ansprechendes Ambiente für die Nächte, in denen der Mond breit auf alle Kreaturen herunterlächelt und sich gelassen ansieht, was da unten so alles passiert. Meine Zähne sind scharf, wie auch meine Krallen. Das Fell, das mir in jeder dritten Vollmondnacht neu nachwächst, ist dicht und dunkelgrau, bis auf wenige Stellen, an denen es heller schimmert. Es sind die

Stellen, die ein Mensch meistens auch im heißesten Sommer unter Kleidung verbirgt… Ich hebe meine Nase in den Wind und schnuppere. Jedesmal erfüllt mich der vollkommen runde Mond mit dem unbändigen Wunsch, durch die an interessanten Düften reiche Nacht zu streifen, mit meinem Ruf die Menschen zu erinnern und das Gruseln zu lehren …

Die Dunkelheit ist meine Verbündete. Kein Zaun, keine Hecke ist mir zu hoch, weich federnd kann ich aus großer Höhe auf dem Boden landen, ohne dabei einen Laut zu verursachen. Im Park streife ich über die sanft gerundeten Hügel, am See vorbei. Nicht weit von hier liegt ein Mensch, der sich dem Alkohol überantwortet hat, es ist deutlich zu riechen. Er würde mich nicht einmal wahrnehmen, wenn ich direkt vor ihm meine Stimme zu dem langgezogenen Schrei erheben würde, den ich meistens benutze, um jemanden zu erschrecken. Durch ein kleines Loch im dichten Gebüsch am Rande des Sees schlüpfe ich auf die andere Seite des Parks, wo auf den weitläufigen Wiesen im Sommer die Liebespaare liegen und sich anflüstern und leise kichern. Jetzt, im Herbst, liegen die Wiesen still und verlassen da. Es ist zu kühl, um sich mit entblößter Haut nächtens hier niederzulassen. Schade! Ich drehe um und mache mich auf den Schleichweg zur Innenstadt, zu dem Ort, von dem ich sicher bin, daß mir der eine oder andere Spaziergänger über den Weg läuft.

Eine vielversprechende Seitenstraße der Fußgängerzone führt direkt weg von der Vergnügungsstätte der Menschen. Wenn die Nacht vorangeschritten ist, verlassen sie diesen Ort, und einige nehmen immer diese kaum beleuchtete und stille Seitenstraße als Abkürzung. Das weiß ich, weil ich es selbst schon oft gemacht habe, wenn ich mit meinen Freunden dort unterwegs war und auf dem kürzesten Weg nach Hause wollte. Ich schmiege mich in die Schatten an den Häuserwänden, drücke mich auch mal in einen Hauseingang oder eine Toreinfahrt, jedoch nur, wenn ich weiß, daß sie einen hinteren Ausgang hat. Für den Fall, daß mich jemand sieht und ich unerkannt bleiben möchte, kann ich in der dämmrigen Straße, die nur hier und da mal von einer einzelnen Laterne erleuchtet wird, ausnahmsweise wie ein ganz normaler Hofhund wirken. Allerdings wirklich nur im Notfall, denn gewöhnlich habe ich für diese dem Menschen so rückhaltlos ergebenen Tiere nur tiefste Verachtung übrig …

An der Stelle, wo die Seitenstraße sich zu einer Art Rondell verbreitert, haben Menschen vor langer Zeit einen Springbrunnen gebaut, der um diese Jahreszeit kein Wasser mehr führt. Er ist einer meiner Lieblingsverstecke. Innerhalb seines geräumigen Runds erhebt sich ein echter Felsen, auf dem die unglaublichsten Tier- und Sagengestalten in den Stein gehauen sind. Auch häßliche Wasserspeier sind darunter, teuflische Fratzen mit verzogenen Mündern, aus denen sonst das Wasser strömt. In Menschengestalt sitze ich auch gern hier und schaue mir die merkwürdigen versteinerten Bildnisse an. Der Brunnen soll uralt sein, und man sagt, er wäre schon lange vor der Stadt dagewesen, und niemand weiß mehr, wer ihn gebaut hat oder wann. Aber für mich ist er heute nacht ein ausgezeichnetes Versteck und zudem eine äußerst passende Kulisse für meine Inszenierung, denn die nächste Laterne steht gut fünfzehn Meter weit weg und läßt in den Brunnen kein Licht, sondern nur lange Schatten fallen. Elegant springe ich über den gemauerten Rand in sein Innerstes und mache mich ganz klein unter dem breiten Rand, der ihn umgibt.

Schon jetzt höre ich näherkommende Schritte und kann zahlreiche Menschen riechen. Nicht weit von hier sitzen sie in ganzen Scharen zusammen, um zu trinken, zu feiern und zu reden an vielen Tischen, doch das reizt mich nicht. Eine ganze Gruppe zu erschrecken macht nicht so viel Spaß, es sind immer wieder Zweifler oder Betrunkene dabei, die alles für einen verfrühten Fastnachtscherz halten oder eine Halluzination, meist allerdings nur bis zu dem Moment, in dem ich wütend meine Zähne in ihren Hals schlage (natürlich ohne sie dabei ernsthaft zu verletzen, aber bisher gab es niemanden, der danach noch gezweifelt hätte).

Die Gruppe schlendert vorüber und kommt dabei dem Brunnen nicht einmal nahe. Ich höre sie sprechen; es sind einige Weibchen und Männchen, die sich miteinander unterhalten. Ich kann den Duft  s  e x u e l l e n Verlangens aus ihrem vorbeifliegenden Dunst herausfiltern. Anscheinend mögen sich zwei in der Gruppe ganz besonders. Aus ihren Worten ist das allerdings nicht zu entnehmen, wie Menschen nun mal sind, sprechen sie oft nicht aus, was sie wirklich denken. Wenn es meine Wolfsschnauze erlauben würde, müßte ich grinsen. Glücklicherweise geht mir die Fähigkeit in diesen Nächten nicht verloren, die Sprache der Menschen zu verstehen. Ich warte und liege ganz still im Schatten, bis sie vorüber sind und es wieder ruhig wird. Im Brunnen riecht es nach Feuchtigkeit, Moder und Menschenurin. Auch die Hunde, meine entfernten (sehr entfernt!) Verwandten, kann ich riechen. Ihre Reviere ziehen sich wie ein dichtes Netz überall durch die ganze Stadt, an jeder Ecke lauert ein Besitzanspruch, eine durchdringende Grundstücksabgrenzung per Duftmarke. Aber das interessiert mich nicht. Wenn sie mich riechen, diese verweichlichten und übergewichtigen Haushündchen, die jede Erinnerung an ihre Vorfahren lange vergessen haben, erstarren sie zu Eis, klemmen den Schwanz ein und rühren sich nicht mehr von der Stelle vor Angst, so sehr ihr Herrchen oder Frauchen (welch lächerliche Bezeichnungen!) auch an der Leine zieht und zerrt. Ich amüsiere mich jedenfalls köstlich bei solchen Beobachtungen.

Wieder nähern sich Schritte, und ich ducke mich noch tiefer unter den Brunnenrand. Es sind zwei Menschen, ein Weibchen und ein Männchen. Sie schlendern langsam näher, und es scheint, als halten sie direkt auf mein Versteck zu. Ich gebe keinen Laut von mir. Sie sind jetzt ganz nah, und schon setzt sich das Mädchen auf den Rand des Brunnens. Sie sprechen nicht viel, ihr Austausch ist eher ein Flüstern, und auch bei diesen beiden rieche ich deutlich den Paarungswunsch. Menschen haben wirklich immer nur das eine im Sinn… Der Junge rückt dem Mädchen immer näher, und auf einmal wird es still. Bis auf das leise Rascheln der Kleidung und das leise, aber aufgeregte Atmen der beiden ist nichts mehr zu hören. Vorsichtig hebe ich im Schatten meine Nase aus dem Versteck und schaue hoch. Die zwei küssen sich inbrünstig, das übliche Vorspiel der Menschen zum Paarungsakt. Wieder wünschte ich, ich könnte lächeln, ziehe aber stattdessen nur eine Lefze hoch, so daß das Weiß meiner Zähne dramatisch im Mondlicht schimmert. Das Mädchen sitzt auf dem Rand des Brunnens, der Junge steht vor ihr, zwischen ihren Beinen. Engumschlungen drücken sie ihre Lippen aufeinander. Ihre Augen sind geschlossen, und sie sind völlig vertieft in diese wichtige Angelegenheit. Ich wittere höchste Erregung bei beiden. Aha, jetzt kanns losgehen.

Lautlos erhebe ich mich aus dem Schatten. Einen Moment lang noch beobachte ich die innige Begegnung direkt vor mir, dann stelle ich mich lautlos auf meine Hinterbeine und stelle meine Vorderpfoten rechts und links vom Körper des Mädchens auf den Brunnenrand. Ihr Hinterkopf ist jetzt genau unter meiner Schnauze. Wie geplant lassen die beiden sich davon überhaupt nicht stören. Ich versichere mich, daß der Mond genau hinter mir steht, denn sie sollen meine Augen nicht sehen, die leider auch in meiner jetzigen Gestalt fast noch genauso aussehen wie bei einem menschlichen Wesen. Dann hole ich tief Luft wie ein Heldentenor und öffne meinen Rachen. Dann blaffe ich leise, aber sehr effektvoll dem Jungen ein paar Haarsträhnen aus der Stirn und knurre bedrohlich aus tiefster Kehle, wobei ich meine prächtigen Reißzähne präsentiere.

Das Paar erstarrt zu Eis. Ich nehme den plötzlichen Geruch der Angst wahr, der sich mit ihrer Erregung mischt. Das Mädchen dreht sich langsam um, der Junge starrt mich mich offenem Mund an, und völliges Unverständnis ist der für einen Moment vorherrschende Ausdruck in beiden bleichen Gesichtern. Aber ich habe auch noch nicht alle Register gezogen. Ich mache mich noch größer, recke den Kopf hoch und erhebe meine Stimme. Mein langgezogenes, markerschütterndes Heulen hallt wieder an den stillen dunklen Häuserwänden und an den finsteren Facetten der Gruselgestalten des toten Springbrunnens. Juhuuuuuu, was für ein Spaß!

Der Junge macht sich tatsächlich in die Hose, auch das rieche ich in aller Deutlichkeit. Das Mädchen springt hysterisch schreiend auf und läuft blindlings davon, in die Dunkelheit zwischen den Häusern. Für einen winzigen Moment glaube ich vorher noch zu sehen, wie ihr im Nacken die Haare zu Berge standen, mag aber auch sein, daß dieses Detail von meinem durchaus pathetisch angehauchten Wunsch nach dramatischer Inszenierung erzeugt wird.

Ich richtete meinen Blick stirnrunzelnd (ja auch das können Wölfe!) wieder auf den Jungen. Er steht immer noch da wie angewurzelt, schreit keinen Ton und rührt sich nicht von der Stelle. Das bringt meinen Plan ein klein wenig durcheinander, denn ich will ihm ja schließlich nicht wirklich etwas tun. Ein bißchen Fun, Abenteuer und menschlicher Angstschweiß sollten mir völlig ausreichen.

Ich starre ihn durchdringend an. Ein hübscher Bursche, das wäre mir als Menschenweibchen bei seinem Anblick sicherlich durch den Kopf gegangen. Ich schnuppere ein bißchen genauer hin. Neben dem scharfen Geruch seiner Panik, die seine Augen groß macht und seine Muskeln lähmt, stelle ich mit unauffälligem Schnuppern fest, daß er Nichtraucher ist, viel Zeit an der frischen Luft verbracht hat und, unmittelbar vor dem grenzenlosen Schrecken, den ich ihm verpaßte hatte, kurz davor gewesen war, das mittlerweile flüchtige Mädchen auf seine Paarungswilligkeit zu testen.

Was solls, denke ich, und bereite alles für ein vorsichtiges Anspringen vor. So wie er da steht, zitternd, aber nicht fähig, sich zu bewegen, den stummen Mund immer noch wie zum Hilfeschrei geöffnet, tut er mir schon fast wieder leid, und ich will ihn aus der ungesunden Starre aufwecken. Meine Pfoten landen genau auf seiner Brust, und er kippt ohne jeglichen Widerstand hinterrücks um. Dabei knallt er leider ziemlich hart mit dem Hinterkopf aufs kalte Pflaster und verliert das Bewußtsein. Ich mache mir allmählich Gedanken. Die Menschenmännchen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Die Gesichtszüge des Jungen haben sich entspannt, als wäre er mit dem Entzug seiner Wahrnehmungsfähigkeit absolut zufrieden.

Bevor ich noch länger Gelegenheit habe, über die Standhaftigkeit und den Mut von Menschenmännchen in Extremsituationen nachzudenken, höre ich erneut Schritte, diesmal aber schneller, lauter und auch drohender. Es sind auch viel mehr als vorhin, und ich bin fest davon überzeugt, daß die schreiende junge Dame eine Art Schlägertrupp organisiert hat. Schnell husche ich in die Dunkelheit davon, einem verborgenen Schleichweg folgend, den ich beim Verlassen der Stadt am liebsten benutze. Stockdunkel ist es hier, und außer ein paar Ratten begegnet mir hier niemand. Nach einiger Zeit erreiche ich den Rand der Stadt und bin nun auf dem Weg in die Wälder, die an die letzten Häuser direkt angrenzen. Es hat wenig Zweck, wenn die halbe Stadt schon auf den Beinen ist und nach einem ?tollwütigen Hund? sucht, noch einen ?Überfall? zu inszenieren, auch wenn ich noch so große Lust darauf gehabt hätte. Und dabei ist es doch noch früh, die Nacht noch jung! Ein wenig enttäuscht pirsche ich am Waldrand entlang, schnuppere hier und da, ohne etwas Interessantes zu entdecken. So eine wunderschöne Vollmondnacht, und nirgends ist etwas los! Keine Penner, die sich irgendwo draußen zum Schlafen niedergelegt hatten, nur mit einer Zeitung bedeckt. Keine Kinder, die unerlaubterweise noch in der Nacht draußen herumtobten, keine anderen Paare in Sicht, die nur Blicke für sich hatten und die Umwelt völlig vergaßen, bis das Schimmern meiner Zähne sie daran erinnerte, daß es Dinge zwischen Himmel und Erde gab, die man nicht erklären konnte.

Ich hatte immer schon gewußt, daß in meiner weit verstreut lebenden Verwandtschaft früher häufig ?merkwürdige? Dinge geschehen waren, und mehrere meiner Angehörigen und Vorfahren hatten einen Teil ihres Lebens in Pflegeheimen oder geschlossenen Abteilungen von Nervenheilanstalten verbracht. Über die Gründe wurde in meiner Familie nie viel gesprochen. Aber nachdem sich zum ersten Mal in einer ausgesprochen idyllischen Vollmondnacht mitten in meinem einundzwanzigsten Hochsommer meine Hände zu Pfoten, mein Gesicht zu einer hundeähnlichen Schnauze mit beeindruckenden Zähnen wurde und mein Körper sich zu dem sehnig-schlanken, grauen Leib eines Wolfs entwickelt hatte, glaubte ich zu wissen, warum man diese Verwandten weggesperrt hatte… kein Wunder! Und ab dann geschah genau das Gleiche an jedem dritten Vollmond im Jahr. Ich nahm es zunächst hin wie die lästige Monatsblutung, die mich in meinem Menschendasein regelmäßig heimsuchte. Ich blieb daheim, schlich unruhig durch meine Wohnung und betrachtete mich immer wieder neugierig im Spiegel, bleckte die Zähne, knurrte probehalber sehr gefährlich und legte die Ohren an, was mich köstlich amüsierte. Ich wollte auf gar keinen Fall auffallen und hielt mich jedesmal sehr bedeckt um diese Zeit, wobei ich vorgab, unter einer schweren, regelmäßigen Migräne zu leiden.

Aber eines Nachts überwältigte mich die unwiderstehliche Lust, hinaus zu schleichen in diese hellerleuchtete Nacht und mir „Opfer“ zu suchen. Ich wollte niemanden zerfleischen oder womöglich fressen, nein, es ging mir nur um den Spaß und den verlorengegangenen Glauben der Menschen an Sagen, Legenden oder überlieferten Geschichten. Niemand alpträumte heutezutage mehr von Werwölfen, jeder glaubte, für alles, was geschah, gäbe es eine logische Erklärung. Und dabei war ich doch der beste Beweis, ich war eine echte Werwölfin, jawohl, und ich fing an, immer mehr Gefallen an meiner temporären Gestalt zu finden. Die Lautlosigkeit, mit der ich mich anschleichen konnte, der lässige Lauf des Wolfes, der mir dann zu eigen war, die Lust an der Nacht, am Schein des Mondes, die Intensität, Düfte und Gerüche wahrzunehmen, all das liebte ich, und es war ja auch immer nur für eine Nacht. Ich sorgte dafür, daß man nicht vergaß, daß im Dunkeln auch etwas Unheimliches lauern konnte, etwas, das nicht zu erklären war, nicht zu deuten oder zu analysieren. Und so legte ich hier und da jemandem die Reißzähne die Kehle, knurrte böse oder heulte mich in die Erinnerung der Menschen, wenn die Nacht da war und der Mond rund. Im meinem Menschen-Leben arbeitete ich in einem Büro, sah völlig unauffällig aus bis auf meine recht hellen, grünlich schimmernden Augen (für die ich sogar manchmal Komplimente bekam), hatte wie ein gewöhnlicher Mensch ein paar Freunde und Bekannte, ging gelegentlich mal aus, tanzen, essen, das Übliche halt. Spektakulär wurde es immer erst, wenn alle anderen schliefen und nichts Böses ahnten. Hehe, Freunde, hütet euch, denn etwas geht um!

Am Waldrand bleibe ich stehen und sehe zu den Lichtern der Stadt herüber. Der Himmel ist so klar, daß der Mond die umliegenden Wiesen und die fernen Dächer der Stadt mit kühlem blauen Schimmer hell erleuchtet. Leichte Nebelschwaden bewegen sich über das Gras, und alles erscheint mir wie verzaubert und friedlich. Vor lauter Freude über diesen Anblick hebe ich meine feuchte Nase zum Mond empor und heule durchdringend und unheimlich. Aus der Wiese vor mir ertönt plötzlich hektisches Rascheln, irgendetwas flieht vor meiner Stimme zurück in den sicheren Bau.

Ich treibe mich im Wald herum, bis ich den ersten rötlichen Tagesschimmer im Osten erblicke und der Mond bis fast auf den Horizont gewandert ist. Die Nacht endet nun und damit auch mein Abenteuerspaziergang. Langsam mache ich mich über taufeuchte Wiesen auf den Weg Richtung Unterschlupf (beziehungsweise meiner Wohnung) zurück. Ich schlüpfe durch das gleiche Hinterhof-Fenster wieder in die Wohnung, durch das ich sie verlassen habe, Hochparterre, äußerst praktisch für meine Zwecke. Unhörbar schleiche ich die Treppe zum meinem Schlafzimmer hoch und stosse mit der Schnauze vorsichtig die nur angelehnte Tür auf.

Im Zimmer ist es schon leicht dämmrig, obwohl das Fenster nach Norden geht und die Fensterläden halb geschlossen sind, die Umrisse der wenigen Möbel kann ich bereits gut erkennen. Ich schaue zum Bett herüber. Unter dem Laken zeichnen sich Umrisse ab. Sein Körper, den ich so gut kenne… Sein unverwechselbarer wunderbarer Duft hatte mich bereits an der Tür empfangen. Ich atme tief ein und genieße diesen Augenblick eine Zeitlang.

Dann nähere ich mich leise dem Bett und hebe mit einer Pfote, die sich mit dem zunehmenden Tageslicht immer mehr in eine Hand verwandelt, die leichte Decke an. In diesem Augenblick springt er hoch, dreht sich gewandt im Sprung und kommt auf allen vieren auf der Matratze zu stehen, zieht gefährlich die Mundwinkel hoch und läßt die Zähne sehen. Dabei knurrt er, wie er wohl glaubt, sehr bedrohlich.

Als ich die angeklebten, grauen Wolfsohren sehe, mit denen er hingebungsvoll zu wackeln versucht, kann ich nicht mehr. Losprustend falle ich aufs Bett und bemerke dabei, daß ich wieder mein Menschengesicht habe, auf dem die Reste der grauen Wangenbehaarung soeben verschwinden. Auch meine Pfoten sind nun wieder richtige Hände mit menschlichen Fingern und, zugegeben, noch recht langen Nägeln, und ich kratze ihm mit der rechten Hand spielerisch über das Gesicht, ohne ihn zu verletzen.

Er grinst zurück und nimmt mich fest in seine Arme. ?Bist spät dran, Baby?, sagt er zärtlich und knabbert an meinem Ohrläppchen, wobei mich der graue Kunstpelz eines seiner abgeknickten Ohren am Hals kitzelt. „Es kommt noch mal so weit, daß ich dir eine Leine besorgen muß…“ Seine Lippen nähern sich den meinen, und

Weichheit und Wärme verschmilzt endlich miteinander in einen innigen, langen Kuß.

Oooouuuuh, ich liebe diese Vollmondnächte …

Foto: © Sternschnuppe1 (Rike) / http://www.pixelio.de

Autor: Trainspotterin

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1 Kommentar

  1. edithtg
    edithtg

    Die Geschichte kam mir grad recht zu Halloween.

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