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Krokodilstränen

In den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts – das klingt so schön nach längst vergangenen Zeiten, fällt zeitgeschichtlich betrachtet aber durchaus noch in die Gegenwart – in diesen Siebziger Jahren also roch es in der Pausenhalle der Hauptschule A. nicht sehr gut. Nun, in welcher Pausenhalle welcher Schule riecht es schon angenehm? In der Hauptschule A. stank es aber zuweilen beträchtlich und zwar nach verwesendem Fisch – und das ist doch irgendwie außergewöhnlich. Schule und Fisch werden selten assoziiert, ähnlich selten wie Schule und Krokodil. Womit ich nach umständlicher Einleitung beim Thema angelangt bin.

In der Pausenhalle dieser Schule tummelten sich nämlich – neben siebzig anderen Exoten – zwei gar nicht mehr so kleine Kaimane, das sind südamerikanische Krokodile, also Reptilien und keine Fische. Warum fischelte es dann zum Gotterbarmen? Unschwer erklärt. Krokodile fressen Fische, sind aber sehr heikel und lassen so manchen Bissen unbeachtet liegen. Diese Reste verwandeln sich in der Hitze und Feuchtigkeit eines Tropenterrariums alsbald in einen stinkenden Brei. Soviel zum Gestank, den ich eigentlich in dieser Geschichte nur zu einer Überleitung, einer Anknüpfung sozusagen, heranziehen wollte. Ich greife also wieder zurück, zurück zu den Krokodilen, die sich in der Pausenhalle, oder besser im Terrarium, tummelten. Für eine behäbige Panzerechse ist der Ausdruck „tummeln“ denkbar unzutreffend. Ich wollte ihn aber verwenden, um die Geschichte etwas lebendiger zu gestalten. In Wahrheit, das wird jetzt nicht mehr korrigiert, lagen die Tiere den ganzen lieben langen Tag unbeweglich im Wasser oder – genauso unbeweglich – einem leicht gekrümmten Ast sehr ähnlich, unter den wärmenden Strahlen einer Infrarotlampe.

So lagen sie auch da, als eine neu an die Schule entsandte Biologielehrerin, die Kollegin R.S. interessiert an das Terrarium trat. Sie fragte dies und das, brachte auch ihre Kenntnisse ein und meinte schließlich, dass sie nie und nimmer die Tiere bei offener Terrarientür betrachten würde. Schon während die junge Kollegin so dahin geplaudert hatte, regte sich in mir der Schalk. Ich spürte ihn förmlich im Nacken sitzen aber er war mir keineswegs unangenehm, der Schalk. Auf ihre Festlegung, die Krokos nur bei hermetischer Abriegelung zu beobachten, antwortete ich nur kurz aber vielsagend: „Das ist aber schon blöd“. Sie fragte erstaunt zurück, warum denn das so blöd sei. Da erklärte ich mit gebotenem Ernst und wohl auch einigen Sorgenfalten: „Weil die jeweils jüngste Biologielehrerin die Pflege der Tiere übernehmen muss, vor allem das Zähneputzen, das ist halt so eingeführt an unserer Schule“. Auffallend eilig entfernte sich die Kollegin in Richtung Konferenzzimmer. Ich aber ging, es war Freitag Mittag, nach Hause. Die Krokodile grinsten. Wegen des Scherzes? Ich weiß es nicht, weil Krokodile immer grinsen, auch wenn ihnen nicht danach ist. Überzeugen Sie sich bei einer Universum-Dokumentation davon!

Über das Wochenende hatte ich die Sache schon vergessen, der Montag brachte sie mir allerdings wieder in Erinnerung und zwar in außergewöhnlich peinlicher Weise. Gleich nach meinem Eintreffen in der Schule, den gedämpften montäglichen Arbeitseifer ins Gesicht geschrieben, wurde ich in die Kanzlei gerufen. Der Herr Direktor, Oberschulrat M.H. begrüßte mich ungewohnt ernst und setzte zu einer längeren Rede an: „ Was hast du denn mit der Kollegin S. angestellt? Sie kam am Freitag in Tränen aufgelöst zu mir, schluchzte so, dass ich kaum ein Wort verstand, außer dass sie irgend etwas auf keinen Umständen tun würde und dass sie sich von dir überhaupt nichts anschaffen lasse. Was, bitte, war denn da los?“ Ich musste Farbe bekennen, versicherte, dass ich die Geschichte wieder in Ordnung bringen würde und schloss die Tür von außen, mit dem unbestimmten Gefühl, ein breites Grinsen im Gesicht des Direktors bemerkt zu haben.

Ja, so kann man eine Begebenheit, die sich mühelos in drei, vier Sätzen erzählen ließe, zu einer veritablen Geschichte ausbauen. Allerdings, die Frage, was es mit den oft zitierten Krokodilstränen auf sich hat, dürfte nun erschöpfend beantwortet sein.

Foto: © Jürgen Hüsmert / http://www.pixelio.de

Autor: Ingo Baumgartner
rosmaringo@aon.at

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