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Auf Gorillasuche –Auszug aus einem Reisetagebuch

Nachdem wir ein Zimmer in der Auberge Central genommen haben, gehen wir zur Verwaltung des Dja-Reservates. Die Steingebäude des Ortes stammen noch aus der deutschen Kolonialzeit. Im Büro der Verwaltung sitzen gutgekleidete Sekretärinnen vor modernen Computern. Nachdem wir eine halbe Stunde gewartet haben, werden wir in einem Gartenpavillon empfangen.

Wir möchten möglichst viel über das Reservat wissen und ich will in Erfahrung bringen, wo ich einen Führer finden kann, der sich in dem Gebiet auskennt. Das Dja-Reservat ist mit etwa 5000 qkm das größte Schutzgebiet Kameruns. Es dient der Erhaltung des Regenwaldes und seiner Bewohner.

Da es von internationaler Bedeutung ist, wurde es in ein Programm der UNESCO aufgenommen. In sogenannten Biosphärenreservaten sollen alle wichtigen Lebensräume der Erde repräsentiert werden. Auch in Deutschland gibt es diese Schutzgebiete, die ich bereits vor Jahren kennenlernte, als ich meine Diplomarbeit über ein Naturschutzthema im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin schrieb. Im Gegensatz zu den Nationalparken, in denen der Einfluß des Menschen absolut minimiert werden soll, wird hier versucht Modelle für eine nachhaltige Nutzung durch die Bevölkerung zu entwickeln. Daher ist das Jagen für den eigenen Fleischbedarf erlaubt, und es soll versucht werden, Formen des „sanften Tourismus“ aufzubauen, von denen auch die örtliche Bevölkerung profitiert. Allerdings gibt es auch streng geschützte Kernzonen, in denen jeder Eingriff untersagt ist.

Die Leute, mit denen wir uns unterhalten, arbeiten für die IUCN, einer großen internationalen Naturschutzorganisation, im sogenannten „Projekt Dja“.

Wir erfahren, daß die Wilderei auf Elefanten und Gorillas zur Zeit das größte Problem darstellt. Ich hatte überall in den Medien gelesen, daß seit dem Elfenbeinhandelsverbot von 1989 in Afrika praktisch keine Elefanten mehr illegal getötet werden. Zumindest in Kamerun scheint das Gegenteil zu stimmen. Nach den Worten unserer Gesprächspartner hat sich der Elfenbeinpreis seit 1990 verdoppelt! Das bedeutet natürlich, daß sehr viel gewildert wird. Es gibt zwar einige Patrouillen im Reservat, aber bei der riesigen Fläche haben sie kaum eine Chance, das Wildern ernsthaft einzuschränken. Schließlich erfahren wir noch, wo ich einen Führer finden kann.

Nach der Unterhaltung mit den IUCN-Leuten gehen wir mit einem Förster, der bisher schweigend zugehört hat, zu einem anderen Büro, um die Formalitäten für den Besuch des Reservats zu erledigen. Wir werden zu einem jungen Mann geführt, der sich uns nicht vorstellt. Er trägt ein blütenweißes Hemd und hat ein sicheres Auftreten. Ich merke gleich woher der Wind weht: Er will möglichst viel Kapital aus uns schlagen. Zuerst probiert er es mit der mir schon bekannten Erlaubnis für die Fotojagd. Ich zeige ihm unsere kleine Kamera und mache ihm klar, daß man damit keine Tierbilder machen kann. Dann will er einen horrenden Preis für jeden Tag im Reservat kassieren. Als ich ihm sage, daß ich für diesen Preis auf den Besuch des Schutzgebietes lieber verzichte, lenkt er ein. Schließlich sagt er, daß wir nach unserer Rückkehr bezahlen können soviel wir wollen. Allerdings besteht er darauf, daß wir den Förster mitnehmen und ihm umgerechnet 15 DM am Tag zahlen. Auch wenn das, gemessen an dem, was wir den Trägern auf dem Pfad gezahlt haben, viel zu viel ist, willigen wir ein.

Abends gehen wir zum Essen auf die Straße vor dem Hotel. Viele Leute sind unterwegs. Die meisten trinken Palmwein, der aus großen, bauchigen Glasgefäßen ausgeschenkt wird. Jean-Emile, der uns zur Fähre begleitet hat, ist auch wieder da. Er erzählt ein schönes Märchen: Wir hatten aus Versehen noch einen zweiten großen Sack Salz gekauft, ihn aber an der Fähre auf dem LKW gelassen. Jean-Emile sagt, er wollte ihn uns hinterherbringen. Daran wurde er aber von den anderen Passagieren gehindert. Heldenmütig versuchte er das Salz vor den Dieben zu verteidigen, wurde dabei geschlagen, und hat deswegen nun eine Narbe am Kopf! Er versucht natürlich mit dieser Räuberpistole eine Prämie für seine Dienste herauszuholen. Als ich das entschieden ablehne, ist er nicht eingeschnappt, sondern bleibt weiter bei uns. Ein Pygmäe, um die dreißig, aber mit uraltem Gesicht, ist auch da. Wir trinken mit Jean-Emile und ihm ein Bier. Er spricht gut Französisch und ist sehr sympathisch. Clemens, der wegen seinen verletzten Füßen erst mal in Lomié bleiben will, verabredet mit ihm, daß er in seinem Dorf die traditionellen Tänze und Gesänge der Baka gezeigt kriegt. Jean- Emile und andere Schwarze versuchen uns ebenfalls Angebote zu machen, worauf wir aber nicht eingehen.

Aus den beiden Diskotheken schallt wie immer laute, afrikanische Musik. Ein hübsches, junges Mädchen nähert sich mir und macht leise ein eindeutiges Angebot. Der Pygmäe, der das sieht, zieht mich am Ärmel und warnt vor der Kleinen. Seiner Meinung nach sind die meisten Bantu schlechte Menschen.

Davon, daß in der Nähe von Lomié Holz eingeschlagen wird, zeugt ein riesiger Schlepper auf der Straße. Die Firma verkauft ihre Fahrzeuge auch in Deutschland. Bei uns sind die Holztransportschlepper allerdings um etliche Nummern kleiner!

Wir ziehen uns schon früh in unser Zimmer zurück, aber noch bis drei Uhr morgens ertönt die Musik von der Straße.

Der Förster, mit dem ich verabredet bin, erscheint am nächsten Morgen nicht. Nachdem ich einige Zeit gewartet habe, gehe ich ohne ihn los.

Clemens begleitet mich noch ein Stück. Am Ortsausgang holt uns der Förster ein. Er habe noch zu tun, will mich aber mittags in dem Ort treffen, wo ich den Führer engagieren soll. Kurz hinter Lomié biegt eine Piste von der Straße nach Ngoila ab. Sie führt in die Richtung des Reservates. Die Leute schauen verwundert, daß ich meinen Rucksack selber trage. Einige Männer bieten sich als Träger an.

Nach einiger Zeit werden die Dörfer weniger. Die Gegend ist hügelig und mitunter eröffnen sich schöne Blicke auf die im Dunst liegende Waldlandschaft. Direkt an der Piste stehen noch einige schöne, große Bäume. Über eine längere Strecke werde ich von einigen Schulmädchen begleitet. Eine trägt ein Baby in einem Tuch auf der Hüfte. Nach zehn Kilometern erreiche ich das Dorf Djoameodjo. Dort lebt eine Mitarbeiterin des Dja-Projekts, die mir bei der Suche nach einem Führer helfen soll. Die IUCN-Leute von gestern haben mir einen Zettel für sie mitgegeben.

Die Bewohner des Ortes sitzen im Pavillon und lösen Erdnüsse aus ihrer Schale. Genevieve, die Mitarbeiterin des Projekts ist in einem anderen Dorf, erfahre ich. Daher verhandele ich mit Romeo, einem 28-jährigen, intelligent wirkendem Vater von zwei Kindern. Er ist einige Zentimeter kleiner als ich, aber ziemlich kräftig. Romeo hat einige Zeit für das Dja-Projekt gearbeitet und kennt daher viele Baumarten. Daß er selbstbewußt ist, merke ich gleich, als er mir die Regeln für Touristen klar macht. Ich wollte eigentlich nur einen Pygmäen einstellen. Das sei nicht möglich, erfahre ich von Romeo. Es müssen immer sowohl ein Baka, als auch ein Bantu angeheuert werden. Das der Förster ja auch ein Bantu ist, läßt er nicht gelten, da dieser nicht aus den Dörfern am Reservat kommt. Ferner muß jeder Tourist einen Betrag für die Dorfkasse spenden.

Romeo selbst will mich begleiten und behauptet schon viele Touristen geführt zu haben. Ich bin nicht bereit, die von ihm geforderte Summe als Lohn zu zahlen, verspreche aber eine Prämie, wenn es uns gelingt Tiere wie Gorillas oder Elefanten zu beobachten. Hiermit ist er einverstanden.

Als ich in das Dorf gekommen bin, ist ein kleines Kind vor mir geflüchtet. Jetzt spielt Romeos sechs Monate altes Baby mit meinen Sandalen. Es ist nackt und spielt ständig in dem roten Staub.

Nachdem Romeo einige Sachen zusammen gepackt hat, marschieren wir zu einem drei Kilometer entfernten Dorf, um dort einen Pygmäen anzuwerben.

Schon hier an der Straße sehen wir einige der mächtigen Moabi-Bäume. Ihre rauhe Rinde ähnelt der unserer Eichen. Die Moabis werden bis zu 5 Meter dick und erreichen sechzig Meter Höhe. Ihre besondere Beliebtheit erlangen sie aber durch die wohlschmeckenden Früchte, aus denen auch Öl zum Kochen gewonnen wird. Natürlich sind sie eine Lieblingsspeise der Gorillas. Romeo sagt, daß es in Gebieten, wo die Holzfirmen den Wald ausbeuten, oft keine Moabis mehr gibt. Daher lehnt er den Holzeinschlag ab. Das Reservat hält er für gut, weil es Touristen anzieht und dabei hilft, daß seine Kinder auch noch Elefanten kennenlernen können. In einem kleinen Dorf treffen wir Geneviève, die mir empfohlene Mitarbeiterin des Projekts. Sie ist begeistert von der Idee meinen Führern eine Prämie für Wildbeobachtungen zu zahlen. Nach drei weiteren Kilometern erreichen wir das Pygmäendorf. Sofort treffen wir den etwa 22-jährigen Baka Jean Ekengue. Er hat schon häufig mit Romeo zusammen als Führer gearbeitet und will sich uns anschließen. Die Piste endet hier und wird von einem Fußpfad abgelöst, der nach Süden zum Dja führt. Bis 1982 konnten hier noch Autos fahren, aber im Zuge der Reservatsausweisung wurde die Piste aufgegeben. Der Pfad ähnelt dem Weg nach Ngoila. Zahlreiche Palmen weisen stets auf eine aufgegebene Siedlung hin, die jetzt vom Dschungel zurückerobert wird. Mitunter kommen wir an wahren Baumriesen vorbei. Manchmal sind es wertvolle Edelhölzer, wie der Sapelli, erfahre ich von Romeo. Die Sapellis haben eine glatte Rinde, ähnlich unseren Buchen.

In einem Dorf, in dem wir rasten, lebt nur noch ein Mann mit seiner Familie. Es ist wie am Pfad nach Ngoila: Die Straße macht das Leben leichter und verschafft Zugang zu Gütern, die sonst nur schwer erhältlich sind. Aus diesen Gründen verlassen die Menschen heute ein Gebiet, in dem es keine Straße gibt.

Der Mann erzählt uns, wie er im Wald von einer Elefantenmutter auf einen Baum gejagt wurde. Die wütende Elefantin beruhigte sich nicht, daher mußte er die ganze Nacht dort oben verbringen und konnte erst am nächsten Morgen zu seiner Familie zurückgehen. Er hält es für mutig, aber auch sehr leichtsinnig, daß wir ohne Waffe in den Wald gehen. Einige Franzosen, die gestern auf dem Pfad an seiner Hütte vorbeigekommmen sind, haben flüchtende Gorillas gehört.

In einer anderen Siedlung kaufe ich ein Blattpaket mit geräuchertem Fisch, da mich meine Begleiter darum bitten. Ein Mann hat soeben ein Schuppentier aus einer Falle geholt. Daß es auf Termiten spezialisiert ist, sieht man schon an seiner langen Zunge. Hinter dem Dorf zeigt mir Romeo eine Schlinge aus Pflanzenfasern, in der kleine Tiere gefangen werden.

Nach 17 Kilometern erreichen wir das Dorf Memparle. In seiner Umgebung soll es viel Wild geben, darunter auch Gorillas. Deswegen sind wir bis hierher gegangen. Die Menschen sind freundlich. Ich erhalte ein Zimmer mit einem Bett und es wird für uns gekocht. Wir essen Kochbananen, die mit ihrem mehligen Geschmack wenig mit den bei uns bekannten gelben Früchten gemeinsam haben, Tapiokaklösse aus Maniok, die Fische, die ich gekauft habe und dazu eine scharfe Soße, die mit Pili-Pili gewürzt ist.

Nach der Mahlzeit unterhalte ich mich noch lange mit den Dörflern in ihrem Versammlungspavillon.

Die Leute sind sehr an Deutschland interessiert und stellen zahlreiche Fragen über das Leben in Europa. Seit zwei Jahren kommen Touristen hierher. Den Anstoß dazu gab das Dja-Projekt. Die Dörfler sind erfreut über diese Entwicklung, da sich ihnen so eine neue Verdienstquelle aufschließt. Ich muß natürlich auch für Essen und Übernachtung bezahlen und einen Obolus in die Dorfkasse geben. Die Geldsumme wird fein säuberlich in einem Kassenbuch notiert. Die Leute überlegen, von dem Geld eine Hütte speziell für die Touristen zu bauen. Abgesehen von den bisher noch geringen Einnahmen durch den Tourismus, verdienen sie ihr Geld hauptsächlich durch Kakaoanbau. Sie kriegen pro Kilo umgerechnet etwa 1,80 DM. Der Preis schwankt aber stark.

Sie wünschen sich, daß die Piste wieder freigegeben wird. Dadurch kämen mehr Touristen zu ihnen und der Transport des Kakaos wäre einfacher. Zur Zeit müssen sie die schweren Säcke auf den Schultern transportieren. Für das Reservat wäre eine befahrbare Piste wahrscheinlich ziemlich schädlich. Viele Menschen würden sich ansiedeln und den Wald für Felder und Kakao roden. Auch die Wilderei würde sicher zunehmen. Es ist schließlich kein Zufall, daß es um Djoameodjo, bis wohin die Piste führt, kaum noch Tiere gibt, wie Romeo erzählt. Einer der Männer geht mit seiner Petroleumlampe zum Fischen. Er sagt, nachts wäre der Fischfang erfolgreicher.

Romeo schlägt am nächsten Morgen vor, einen weiteren Führer aus dem Ort mitzunehmen. Ich bin zunächst nicht begeistert, da hiervon vorher keine Rede war. Dann willige ich aber ein, weil es sinnvoll ist, jemanden dabeizuhaben, der die Umgebung gut kennt. Romeo und Jean sind schon zu weit von ihren Dörfern entfernt. Daher kennen sie hier nur die Hauptpfade, nicht jedoch das Innere des Waldes.

Zunächst gehen wir durch die Pflanzungen in Dorfnähe. Manche der direkt am Stamm wachsenden Kakaofrüchte sind von Insekten angefressen. Da und dort wurde ein dicker Baum stehengelassen. Michel, unser 21-jähriger Führer aus Memparle sagt, der Halbschatten wäre gut für das Gedeihen des Kakaos. Manche der Bäume gehören zur Baumart Ayou. Sie ist auch bei den Holzfirmen sehr gefragt.

Michel will mir Kochbananen von seiner Pflanzung als Proviant verkaufen. Man merkt gleich, daß er schon Erfahrung mit Touristen hat. Der Preis, den er verlangt, ist viel zu hoch. Nach etwas Handeln kosten die Bananen plötzlich weniger als die Hälfte. Bald tauchen wir auf einem schmalem Jagdpfad in den ursprünglichen Regenwald ein. Stellenweise gibt es kleine Seitenabzweigungen, die angelegt wurden um Schlingen zu stellen. Nach knapp zwei Stunden schlagen wir unser Lager etwas entfernt von einem kleinen Bach auf. Wir spannen das Tarp und legen die Feuerstelle an. Dicke Scheite trockenen Holzes, daß vorher sorgfältig ausgesucht wurde, werden sternförmig angeordnet. In die Mitte kommen Zunderspäne die mit der Machete aus dem Inneren trockener Stämme gelöst wurden. Ich warte gespannt, wie meine Helfer das Feuer entzünden wollen, erlebe aber keinen Waldläufertrick. Statt dessen bitten mich die Führer um Petroleum zum anzünden! Ich stifte eine Esbittablette, und bald brennt das Holz.

Gegen 9 Uhr brechen wir dann zu unserem ersten Beobachtungsgang in den Wald auf. Unser Ziel ist es hauptsächlich Tiere, wie Gorillas, Schimpansen oder Elefanten aufzuspüren. Zunächst folgen wir kleinen Jagdpfaden. Manchmal benutzen wir aber auch Elefantenwechsel. Schon nach einer halben Stunden hören wir laute Geräusche aus den Baumkronen. Für eine sich fortbewegende Affenhorde ist das Brechen der Äste zu laut. Die Führer vermuten, daß vor uns Schimpansen sind.

Jetzt wenden wir einen Trick an, den ich bereits aus dem ehemaligen Zaire kenne: Wir verstecken uns hinter den Stelzwurzeln eines Baumes. Dann schlägt Romeo mit der flachen Hand zweimal auf den Boden und erzeugt laute, quäkende Geräusche, in dem er sich die Nase zuhält. Diese klagenden Laute hörte ich ja zum ersten Mal in Zaire, als die Schwarzen eine noch lebende Duckerantilope aus der Schlinge zogen. Die Methode ist also auch in Kamerun bekannt. Ducker, die sich in der Nähe befinden, kommen auf die Geräusche hin angelaufen, weil sie sehen wollen, was ihrem Artgenossen passiert ist, so die Erklärung der Schwarzen. Es scheint sich offenbar nicht um einen Paarungsruf zu handeln, weil gleichermaßen Männchen und Weibchen davon angelockt werden. Ebenso ist die Wirkung des Rufes nicht auf eine bestimmte Art beschränkt, wie ich noch erleben sollte. Sogar Raubtiere bis hin zum Leoparden folgen den Geräuschen, sicher in der Hoffnung Beute machen zu können. Romeo setzt die Laute nun ein, um die Schimpansen herbeizulocken. Diese Menschenaffen sind nämlich keine reinen Vegetarier, sondern jagen zum Teil sogar aktiv. Die klagenden Laute sollen sie in den Glauben versetzen, daß hier eine leichte Beute auf sie wartet. Es scheint aber auch unterschiedliche Rufe zu geben, mit denen zum Beispiel die Männchen ihr Revier markieren oder die Weibchen ihre Kitze rufen. Nach einigen Versuchen geben wir das Locken auf und gehen weiter.

Plötzlich hören wir einen unheimlich lauten, wilden Schrei aus einer Baumkrone. Im gleichen Moment sehen wir, wie ein großer Gorilla mit weißem Rücken in atemberaubender Geschwindigkeit einen relativ dünnen Stamm hinabklettert. Er ist keine 30 Meter von uns entfernt. Am Erdboden angekommen, flüchtet er auf allen vieren weiter zu einem Sumpfgelände, wo wir ihn dann aus den Augen verlieren. Zunächst hat uns die unerwartete Begegnung einen Schreck versetzt. Die Führer sagen, daß dies ein von seiner Gruppe abgeschlagenes, einsames, altes Männchen war. Wir hatten Glück, es gehörte zu der Sorte die flüchten. Allerdings gibt es nach den Worten der Führer auch andere Gorillas, die bei einer Begegnung auf so kurze Distanz sofort angreifen. Wenn man still stehen bleibt und nicht flüchtet, stoppen die Kolosse meist kurz vor einem. Wer allerdings die Nerven verliert und wegläuft, riskiert ernsthaft angegriffen und gebissen zu werden.

Nachdem der Gorilla offensichtlich verschwunden ist, dominiert dann aber die Freude über diese außergewöhnliche Begegnung. Die Führer freuen sich natürlich vor allem über den Bonus, den ich ihnen für eine Gorillabeobachtung versprochen habe.

Dann gehen wir zu dem Baum auf dem der Gorilla saß. An seinem Fuß liegen zahlreiche, kleine, birnenähnliche Früchte, die zum Teil angefressen sind. Sie haben den Menschenaffen sicher auf den Baum gelockt. Die Früchte sind auch für Menschen eßbar und ich probiere eine, die allerdings ziemlich hart ist. Wir folgen der Fährte in den Sumpf. Die Gorillas fressen besonders gerne die Stengel der hier besonders üppig wachsenden Phryniumpflanzen mit ihren großen Blättern. Im Gegensatz zu ihren kleineren Verwandten, den Schimpansen, sind sie reine Vegetarier. Im schwarzen Schlamm des Sumpfes lassen sich die Spuren leicht verfolgen. Wir stellen fest, daß kurz vorher eine ganze Gorillahorde hier war. Die kleinen Fußabdrücke der Jungen stehen neben denen ihrer Mütter. Deren Füße sind nur etwa halb so groß wie die eines großen Männchens. Die Fährten führen aus dem Sumpf heraus, und Michel meint, die Aussicht die Gorillas jetzt noch einmal aufzuspüren sei ziemlich gering. Über Mittag ruhen sie meist in der Nähe eines Sumpfes und nehmen schon frühzeitig wahr, wenn Menschen sich nähern. Michel glaubt zu wissen, wohin sie gezogen sind. Wir beschließen dort nachmittags hinzugehen, weil die Horde auf der Futtersuche, wenn sie in Bewegung ist, leichter angeschlichen werden kann.

Überall im Sumpf sehen wir auch Elefantenspuren. Bald stoßen wir auf eine frische Fährte, was die Führer anhand der Feuchtigkeit des Lehms beurteilen. Dann hören wir das Brechen von Holz. Die Dickhäuter müssen ganz in der Nähe sein! So lautlos wie möglich, immer wieder stehen bleibend und in den Wald hinein horchend, folgen wir langsam den Fährten. Ich erinnere mich an die Zeit vor sieben Jahren, als ich Pygmäen bei ihrer Jagd auf die grauen Riesen begleitet habe. Obwohl wir jetzt die Dickhäuter nur beobachten wollen, verspüre ich wieder dieselbe Spannung wie damals. Nachdem wir einige Zeit vorwärts geschlichen sind, kommen die Führer aber schließlich zu der Erkenntnis, daß die Elefanten schon weiter entfernt sind und wir lediglich Affen durch die Baumkronen brechen hörten.

Mittags sind wir zurück im Lager. Nachdem wir bisher nur afrikanisches Essen gegessen haben, will ich meinen Leuten jetzt die gefriergetrocknete Nahrung vorführen, die wir aus Deutschland mitgebracht haben. Ich koche ein Gemüserisotto mit Reis. Mit skeptischen Mienen probieren meine Begleiter das für sie ungewohnte Essen. Die Schwarzen finden das Menü erstaunlich wohlschmeckend. Nur Jean, der Pygmäe sagt, wenn er weiter davon essen soll, müsse er sich übergeben!

Anschließend zeige ich den Männern mein Bestimmungsbuch für Säugetiere. Ich erfahre, daß das Tier, das wir nachts häufig laut schreien hören, ein Baumschliefer ist. Dessen Geräusch kenne ich ja schon aus Zaire. Damals dachte ich jedoch, daß die Pygmäen sich irrten, die auf das Bild eines Klippschliefers als Geräuschquelle zeigten. Dieses Tier kommt nämlich nicht im Regenwald vor. Jetzt merke ich, daß die Leute damals gar nicht mal so unrecht hatten, denn der Baumschliefer ist nahe mit dem Klippschliefer verwandt und hat dieselbe Größe.

Am frühen Nachmittag machen wir uns wieder auf den Weg. Wir kommen an Moabi- Bäumen mit bis zu drei Metern Durchmesser vorbei. Ich finde diese Riesen mit ihrer rauhen Borke sehr eindrucksvoll. Dann gelangen wir in die Nähe des Sumpfes, wo Michel die Gorillas vermutet. Leider sind sie schon weiter gezogen, wie ihre frischen Fährten in einem Bachbett verraten. Immer wieder versuchen wir mit den Duckerrufen Tiere anzulocken. Unsere Verstecke sind meist so gewählt, daß wir kaum erkannt werden können. Allerdings ist auch unsere Sichtweite auf knappe 10 Meter beschränkt. Trappelnde Schritte verraten ein sich näherndes Tier. Die anderen scheinen es gut ausmachen zu können, ich sehe dagegen in dem dichten Blättergewirr nur eine schemenhafte Bewegung. Offenbar ist ein Schwarzrückenducker angelockt worden. Ein weiterer Versuch verläuft dagegen erfolgreicher. Fast unmittelbar, nachdem Romeo mit der Klage begonnen hat, hören wir ein Geräusch und sehen bald darauf einen Schirrantilopenbock, der langsam, keine zehn Meter entfernt, an unserem Versteck vorbeimarschiert. Diese gedrungenen Antilopen mit rotem Fell, daß von weißen Streifen geziert wird, kenne ich ja schon von meiner ersten Afrikareise. Die Hörner des Bocks sind ziemlich kurz und schraubenähnlich gedreht. Außer im Regenwald, kommen sie auch in den Galeriewäldern entlang der Flüsse vor. Meinen Begleitern tut es leid, daß wir keine Waffe dabeihaben. Sie hätten diese leichte Beute zu gern erlegt.

Wir suchen dann weitere Sümpfe nach den Menschenaffen ab. Ständig müssen wir über Hindernisse klettern oder irgendwelchen Ranken ausweichen. Auf diese Weise durch den Wald zu gehen, ist extrem anstrengend. Abseits der Bachläufe ist es etwas einfacher vorwärts zu kommen. An sumpfigen Stellen gibt es immer wieder baumfreie, mit Gräsern und anderen Pflanzen dicht bewachsene Stellen. Sie ziehen neben den Gorillas auch die Elefanten an. Manchmal treffen wir auf Schlammlöcher, in denen die Dickhäuter ihr Moorbad nahmen. Ab und zu bemerken wir eine Affenhorde. Eine große, graue Diademmeerkatze können wir am Rande eines Sumpfes gut beobachten.

Am späten Nachmittag hat Michel die Orientierung verloren. Er weiß nicht mehr in welcher Himmelsrichtung sich unser Lager befindet. Wir ändern immer wieder den Kurs unseres Marsches, um irgendwo auf einen bekannten Pfad zu stoßen, allerdings erfolglos. Ich muß an meine Erlebnisse in Zaire denken. Trotzdem überfällt mich keine Angst. Obwohl sich die Führer langsam damit abzufinden beginnen, daß wir irgendwo mitten im Wald übernachten müssen, fühle ich mich in der Gegenwart der anderen sicher und denke, irgendwie werden wir es schon schaffen.

Jean, der Baka, der sich bisher immer im Hintergrund gehalten hat, übernimmt jetzt die Führung. Offenbar trauen ihm die Beiden Schwarzen einen besseren Orientierungssinn zu. Er sucht zwar auch noch einige Zeit nach dem richtigen Weg, schließlich stehen wir aber wieder auf einem schmalen Jagdpfad, der uns zurück zum Lager führt. Michel erzählt, daß er sich schon oft verlaufen hat und erst nach einer Übernachtung im Wald in sein Dorf zurückfand. Es ist eben selbst für jemanden der den Wald kennt, ziemlich schwierig immer die Orientierung zu behalten.

Zurück im Lager mache ich eine unliebsame Entdeckung: Meinen Rucksack hatte ich an die Brettwurzeln eines Baumes gelehnt. Auf diesem Weg ist es zahlreichen, kleinen, weißen Termiten gelungen an den Sack zu gelangen. Ich weiß, daß diese netten kleinen Tierchen fast jedes Material zerstören können. In Zaire hatten sie mir ja Löcher in meinen Zeltboden aus Kunststoff gefressen! Daher bemühe ich mich nach Kräften möglichst alle Termiten durch Schütteln und Absammeln zu entfernen.

Mittlerweile ist unser Lager von den Bienen entdeckt worden, so daß es ziemlich unangenehm ist, dort längere Zeit zu sitzen. Romeo soll morgen Clemens in Djoameodjo abholen, deshalb will er schon nach Memparle gehen. Wir haben verabredet, daß mein Partner nach zwei Erholungstagen in Lomié ebenfalls in das Reservat kommt. Auch Michel zieht es vor, in seinem Dorf zu schlafen. Er will früh am nächsten Morgen wieder kommen. So bleiben nur Jean und ich in unserem Urwaldlager zurück.

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Autor: Gerald Klamer
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